Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen seit 2025

Schlagwort: Osnabrück

Gesinnungsprüfung statt Kunstfreiheit – mein Leserbrief an die NOZ zum Rückzug von Lies und der Stadt Osnabrück vom EMAF

Die NOZ berichtet; Ministerpräsident Lies widerruft die EMAF-Schirmherrschaft, weil eine Künstlerin eine umstrittene politische Haltung vertritt, obwohl ihre Posts legal sind und der Film selbst nicht beanstandet wird. Mein Leserbrief an die NOZ; das ist kein Eintreten gegen Antisemitismus, sondern vorauseilender Gehorsam auf Kosten der Kunstfreiheit.

Hallo NOZ, hallo Herr Döring,

Ihre beiden Artikel zur EMAF-Kontroverse in der NOZ vom 30.03.2026 beschreiben den Sachverhalt, ziehen aber eine entscheidende Schlussfolgerung nicht.

Was Ministerpräsident Lies und die Stadt Osnabrück hier praktizieren, ist kein Eintreten gegen Antisemitismus, sondern vorauseilender Gehorsam.

Beide haben es selbst eingeräumt, die Social-Media-Posts der Künstlerin sind durch Kunst- und Meinungsfreiheit gedeckt. Der Filmbeitrag selbst steht nicht in der Kritik. Was bleibt, ist eine politische Haltung, die legal ist, und eine Nähe zu einer Bewegung, deren Einstufung als antisemitisch durch den Bundestag keinerlei rechtliche Wirkung entfaltet. Wer auf dieser Grundlage die Schirmherrschaft widerruft und sich „von Teilen des Programms distanziert“, nimmt keine ethische Position ein, sondern betreibt Gesinnungsprüfung. Das Werk wird nicht bewertet, die Person wird geprüft.

Bezeichnend ist der Kontrast zur EMAF-Leitung selbst. Sie hat die Programmierung transparent begründet, zwischen Werk und Biografie unterschieden und eine begleitende Diskussionsrunde angekündigt. Das ist Verantwortung im Umgang mit strittigen Inhalten. Lies und die Stadt hingegen wählen den Rückzug aus der Reibung, und behaupten dabei, die gesellschaftliche Debatte schützen zu wollen. Wer Debatten verhindert, indem er die Schirmherrschaft niederlegt, bevor die Diskussion begonnen hat, befeuert genau jene Polarisierung, von der er sich distanzieren will.

Das verdient auch deshalb Erwähnung, weil die NOZ selbst in jüngster Vergangenheit den Begriff der Pressefreiheit bemüht hat, etwa wenn es um staatliche Medienkritik oder die Einschränkung von Kommentarspalten ging. Wer Kunstfreiheit ernst nimmt, muss sie auch dort verteidigen, wo die gezeigte Haltung politisch unbequem ist. Andernfalls bleibt „Kunstfreiheit“ eine Schutzformel für das Unverfängliche.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Plötzlich AfD-Landratskandidat Jörg Dilge: Wenn in der AfD jemand ausländerfeindlich wäre, …“ von Jean-Charles Fays, NOZ vom 17.02.2026, Seite 28

Nur ein Unternehmer? Wie die NOZ den AfD-Landratskandidaten schönredet und damit der Partei hilft.

Hallo NOZ, hallo Herr Fays,

der aktuelle Artikel der NOZ über Jörg Dilge, den AfD-Landratskandidaten im Landkreis Osnabrück, ist ein Paradebeispiel dafür, wie Medien ungewollt(?) zur Normalisierung einer rechtsextremen Partei beitragen. Statt die AfD als das zu benennen, was sie ist, nämlich eine vom Verfassungsschutz als gesichert extremistisch eingestufte Organisation, wird Dilge als „sympathischer Unternehmer“ und „politischer Quereinsteiger“ präsentiert. Doch diese Inszenierung ist kein Zufall, sondern gezielte AfD-Strategie.

Dilge, der erst seit wenigen Monaten in der Partei ist, wird als „Beobachter“ und „Mann von außen“ dargestellt, dabei ist er ein klassisches Beispiel für die Taktik der AfD. Sie stellt bewusst Kandidaten ohne klassische Parteikarriere auf, um sich als „bürgernah“ und „unideologisch“ zu verkaufen. Dass Dilge die Verurteilung Björn Höckes als „ungerechtfertigt“ bezeichnet und das Verfassungsschutzgutachten als „aufgebauscht“ abtut, zeigt klar, dass er nicht außerhalb steht, sondern mittendrin in der AfD.

Stattdessen wird Dilges Karmann-Jacke als „Symbol seiner Industriebiografie“ romantisiert, während seine Partei bundesweit mit Rassismus, Hetze gegen Migrant:innen und Angriffen auf die Demokratie auffällt. Besonders fahrlässig ist diese Verharmlosung angesichts aktueller Enthüllungen zurb Vetternwirtschaft der Partei auf Kosten der Steuerzahlenden. Doch davon steht nichts im Artikel. Stattdessen wird Dilge als „pragmatischer Macher“ dargestellt , als wäre die AfD eine Partei wie jede andere.

Dabei ist sie das nicht. Die AfD hetzt gegen Minderheiten, diffamiert Medien als „“Lügenpresse“ und träumt laut Verfassungsschutz von einer „Gewaltherrschaft“. Wenn ein Medium wie die NOZ solche Kandidaten unkritisch porträtiert, hilft es der AfD, sich als „seriös“ darzustellen.

Das ist kein neutraler Journalismus, das ist ein Dienst an einer Partei, die unsere Demokratie bedroht.

Mit freundlichen Grüßen

UPDATE – Der Autor des NOZ-Artikels hat auf meinen Leserbrief geantwortet:

Sehr geehrter Herr Reichl,

vielen Dank für Ihren Leserbrief und die kritischen Hinweise.

Das Porträt über Jörg Dilge ist Teil einer Reihe, in der wir alle Bewerber für die Landratswahl im Landkreis Osnabrück vorstellen – mit Biografie, politischen Positionen und Einordnung. Ziel ist nicht, eine Kandidatur „sympathisch“ zu inszenieren, sondern Lesern eine Grundlage zu geben, sich ein eigenes Bild zu machen.

Gerade der von Ihnen angesprochene Punkt war uns bei dem Porträt wichtig: Die Darstellung von Jörg Dilge erfolgte nicht losgelöst vom politischen Kontext seiner Partei, sondern ausdrücklich im Kontrast zu Positionen führender AfD-Vertreter.

Im Artikel habe ich deutlich gemacht, dass Dilges Selbstdarstellung als Unternehmer und Quereinsteiger nicht isoliert betrachtet werden kann. Sie steht im Spannungsfeld einer Partei, deren Spitzenpersonal immer wieder durch radikale und fremdenfeindliche Aussagen auffällt – und die im Gutachten des Bundesamtes für Verfassungsschutz entsprechend dokumentiert sind.

So habe ich darauf hingewiesen, dass AfD-Bundessprecherin Alice Weidel Migration wiederholt als zivilisatorische Bedrohung darstellt und in Interviews von kulturell bedingter Gewalt spricht. Auch die von Ihnen zitierte Aussage zur Einbürgerung von Syrern, Türken und Irakern sowie ihre Zuschreibung von Gruppenvergewaltigungen zu „muslimischen Kulturen“ ist Teil dieser öffentlichen Debatte und unterstreicht die ideologische Ausrichtung maßgeblicher Parteivertreter.

Ebenso habe ich die Aussagen des Thüringer AfD-Landesvorsitzenden Björn Höcke eingeordnet, der von einer „kulturellen Kernschmelze“ sprach, Migranten nach ihrer „Qualität“ bewertet und wegen der Verwendung der verbotenen SA-Parole „Alles für Deutschland“ rechtskräftig verurteilt wurde. Diese Fakten gehören zur politischen Realität der AfD und werden von mir nicht relativiert.

Gerade durch diesen Kontrast wird deutlich: Ein Porträt eines einzelnen Kandidaten bedeutet keine Normalisierung seiner Partei. Im Gegenteil – es zeigt, in welchem politischen Umfeld er sich bewegt und welche Positionen er verteidigt oder relativiert. Wenn Herr Dilge die Verurteilung Höckes als „ungerechtfertigt“ bezeichnet oder das Verfassungsschutzgutachten als „aufgebauscht“ abtut, dokumentieren wir das bewusst, damit Leser selbst einordnen können, wo er politisch steht.

Unsere Aufgabe ist es, Fakten offenzulegen, Hintergründe einzuordnen und Entwicklungen nachvollziehbar zu machen – nicht sie zu beschönigen. Genau diesem Anspruch folgt das Porträt.

Viele Grüße aus der Redaktion!

Jean-Charles Fays

Hier meine Replik darauf:

Hallo Herr Fays,

vielen Dank für Ihre ausführliche Antwort.

Ich erkenne an, dass Sie im Artikel durchaus kritische Punkte, wie die Aussagen von Alice Weidel oder Björn Höcke, einordnen. Doch genau hier liegt das Problem. Indem Sie Dilge als „pragmatischen Unternehmer“ und „Quereinsteiger“ porträtieren, während Sie die radikalen Positionen seiner Partei nur als „Kontrast“ darstellen, schaffen Sie ungewollt den Eindruck, die AfD sei eine „normale“ Partei mit einigen Ausreißern. Das ist sie nicht. Die AfD ist keine Partei wie jede andere, und Dilge ist kein Zufallskandidat.

Sie schreiben, das Porträt solle Lesenden helfen, sich „ein eigenes Bild“ zu machen. Doch wenn ein Kandidat, der die Verurteilung Höckes als „ungerechtfertigt“ bezeichnet und das Verfassungsschutz-Gutachten als „aufgebauscht“ abtut, unironisch als „nachdenklich, aber nicht distanziert“ beschrieben wird, dann ist das keine neutrale Darstellung, sondern eine Verharmlosung. Die AfD ist vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft. Jeder Kandidat dieser Partei steht in diesem Kontext und verdient keine „sympathisierende“ Porträtierung, die den Eindruck erweckt, er sei „eigentlich ganz anders“.

„Kontrast“ reicht nicht aus, die AfD braucht klare Einordnung, keine Relativierung.
Ja, Sie zitieren Weidel und Höcke. Aber indem Sie Dilge als „Mann von außen“ inszenieren, der sich „nur“ nicht von der Partei distanziert, normalisieren Sie die AfD als „akzeptable Option“. Das ist gefährlich. Studien zeigen, dass genau solche vermeintlich neutralen Porträts rechtsextreme Parteien salonfähig machen, weil sie den Eindruck erwecken, es handle sich um eine „ganz normale“ politische Kraft mit „unterschiedlichen Flügeln“. Doch die AfD hat keine gemäßigten und radikalen Flügel, sie ist eine durch und durch extremistische Partei mit systematischer Hetze gegen Minderheiten, Medien und die Demokratie.

Medien haben eine Verantwortung, nämlich Extremismus zu benennen, nicht zu relativieren. Sie schreiben, Ihre Aufgabe sei es, „Fakten offenzulegen“. Doch Fakten allein reichen nicht, sie müssen eingeordnet und bewertet werden. Wenn ein Kandidat einer rechtsextremen Partei als „pragmatisch“ dargestellt wird, ohne dass jeder Absatz seines Porträts im Lichte der AfD-Ideologie gedeutet wird, dann ist das kein Service an die Lesenden, sondern ein Service an die AfD.

Mit freundlichen Grüßen

…weiter geht es:

Sehr geehrter Herr Reichl,

vielen Dank für Ihre erneute Rückmeldung.Ich teile Ihre Einschätzung, dass die AfD klar eingeordnet werden muss. Genau das habe ich getan: Die Einstufung durch den Verfassungsschutz, die Aussagen von Weidel und Höcke sowie Dilges fehlende Distanzierung davon sind ausdrücklich benannt worden.

Ein Porträt bedeutet jedoch nicht Zustimmung, sondern vollständige Darstellung – Biografie, Auftreten, Positionen und politischer Kontext. Differenzierte Berichterstattung ist keine Normalisierung, sondern Voraussetzung dafür, dass Leserinnen und Leser sich fundiert ein Urteil bilden können.

Ich danke Ihnen für die engagierte Auseinandersetzung mit meiner Berichterstattung und nehme Ihre Rückmeldung sehr ernst.

Viele GrüßeJean-Charles Fays

Hallo Herr Fays,

danke für Ihre erneute Rückmeldung, auf die ich gerne noch einmal ebenso engagiert antworten möchte.

Heute hat der Verfassungsschutz die AfD Niedersachsen als gesichert rechtsextremistisch eingestuft, wegen „Remigrations“-Plänen, rassistischer Ideologie und der Gefahr von Angriffen auf den Rechtsstaat. Ihr Porträt über Jörg Dilge, am selben Tag veröffentlicht, wirkt da ehrlich gesagt wie ein Fremdkörper.

Während die Behörde die Partei als Bedrohung für die Demokratie brandmarkt, beschreibt die NOZ ihren Kandidaten als „pragmatischen Unternehmer“ und relativiert damit genau das, was der Verfassungsschutz jetzt amtlich feststellt.

Das ist kein „differenziertes Porträt“, sondern ein Widerspruch. Wenn Sie Dilges Aussagen zum Verfassungsschutz zwar zitieren, ihn aber trotzdem als „nachdenklich, aber nicht distanziert“ darstellen, helfen Sie der AfD, ihr wahres Gesicht zu verbergen, ausgerechnet an dem Tag, an dem es offiziell aufgedeckt wird.

Journalismus sollte Extremismus benennen, nicht verwässern.

Mit freundlichen Grüßen