Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen seit 2025

Schlagwort: Rechtsruck

Leserbrief zum Kommentar „Was war das für ein Wochenende! Rest der Republik AfD-Jugend und linke Gewalt – und die anderen Parteien spielen den politischen Rändern in die Hände“ von Burkhard Ewert in der NOZ vom 04.12.2025, Seite 2

Kritischer Leserbrief zu Ewerts Kommentar in der NOZ: Polizeigewalt in Gießen, Fehldeutungen der Hufeisentheorie, wirtschaftspolitische Verzerrungen und Verharmlosung der AfD.

Hallo NOZ, hallo Herr Ewert,

Ihr Kommentar zum vergangenen Wochenende greift wichtige Punkte auf, zeichnet aber ein verzerrtes Bild der Ereignisse in Gießen und der politischen Lage insgesamt. Besonders problematisch finde ich, dass Sie linke Gegendemonstranten und die völkisch auftretende neue AfD-Jugendorganisation nahezu spiegelbildlich behandeln, als stünden sich hier zwei gleichartige Extreme gegenüber. Diese Gleichsetzung entspricht der sogenannten Hufeisentheorie, die in der Politikwissenschaft aus guten Gründen scharf kritisiert wird: Sie verwischt zentrale Unterschiede in Zielsetzung, Ideologie und Gefährdungslage und relativiert damit die reale Bedrohung, die von organisiertem Rechtsextremismus ausgeht.

Was in Ihrem Kommentar völlig fehlt, ist die Perspektive der überwältigenden Mehrheit der friedlichen Demonstrierenden in Gießen. Der Oberbürgermeister hat diesen demokratischen Protest ausdrücklich gelobt. Gleichzeitig dokumentieren zahlreiche Videos ein äußerst hartes, teils unverhältnismäßiges Vorgehen der Polizei gegenüber friedlichen Teilnehmenden. Diese Aspekte gehören zu einer vollständigen Einordnung zwingend dazu.

Zudem fällt auf, dass Sie Sozialpolitik, Steuerdebatten und wirtschaftspolitische Vorschläge pauschal als „populistisch“ einordnen, ohne ökonomische Daten oder die realen Verteilungsfragen in Deutschland überhaupt zu erwähnen. Damit entpolitisieren Sie ökonomische Interessenkonflikte und stellen Arbeitgeber als neutrale Opfer dar, ein Framing, das weder der gesellschaftlichen Realität noch der Komplexität der Debatte gerecht wird.

Wenn etablierte Parteien Kritik an Ungleichheit, Vermögen oder Unternehmenspolitik äußern, ist das keine populistische Geste, sondern legitime demokratische Auseinandersetzung. Durch die pauschale Abwertung solcher Positionen wirken diese Parteien in Ihrem Kommentar ähnlich „spaltend“ wie die AfD, eine Gleichsetzung, die inhaltlich nicht haltbar ist und die Gefährlichkeit der AfD letztlich relativiert.

Gerade in politisch aufgeladenen Zeiten sollten Kommentare Unterschiede klar benennen und einordnen statt sie einzuebnen.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zum Kommentar „Flirt“ der Familienunternehmer mit der AfD – Am Ende nur ein Gewinner“ von Leon Grupe, NOZ vom 03.12.2025, Seite 2

Wie die Familienunternehmer mit ihrem AfD-Flirt Vertrauen verspielen und warum Ostermann die Verantwortung übernehmen sollte.

Hallo NOZ, hallo Herr Grupe,

der Kommentar über den „Flirt“ der Familienunternehmer mit der AfD trifft den Kern des Problems: Jeder vermeintlich „neutrale“ Austausch mit dieser Partei trägt zur schleichenden Normalisierung einer politischen Kraft bei, die weit außerhalb demokratischer und wirtschaftlicher Vernunft agiert. Dass ein Verband mit der öffentlichen Wirkung der Familienunternehmer diese Bühne überhaupt eröffnet hat, war ein strategischer Fehler von erheblicher Tragweite.

Ich möchte den Kommentar um einen weiteren Aspekt erweitern: Die Verantwortung für dieses Debakel trägt in erster Linie Verbandspräsidentin Marie-Christine Ostermann. Sie hat nicht nur das Kontaktverbot zur AfD aufgeweicht, sondern sitzt gleichzeitig im Beirat des rechtskonservativen Thinktanks Republik21, der seit Jahren versucht, eine gemeinsame ideologische Schnittmenge zwischen CDU und AfD zu etablieren. Wer solche politischen Netzwerke pflegt, kann kaum glaubhaft vermitteln, es ginge ihm um eine kritische Auseinandersetzung oder gar um eine „Entzauberung“ der AfD.

Gerade deshalb ist die nachträgliche Rückkehr zur Distanz wenig überzeugend. Der Schaden ist bereits entstanden: Die AfD wurde aufgewertet, der Verband politisch instrumentalisiert, und viele der eigenen Mitgliedsunternehmen distanzierten sich entsetzt. Konsequenz wäre jetzt nicht bloß ein verbales Abrücken, sondern ein klarer personeller Neuanfang. Ein Rücktritt Ostermanns wäre das einzig glaubwürdige Signal, dass der Verband aus diesem Fehler tatsächlich Konsequenzen zieht.

Es geht hier nicht um Symbolpolitik, sondern um die Grundfrage, ob demokratische Institutionen bereit sind, einer rechtsextrem gefährlichen Partei Einhalt zu gebieten, oder ob sie, bewusst oder unbewusst, zu deren Normalisierung beitragen. Der Kommentar benennt diese Gefahr treffend. Jetzt braucht es auch klare Entscheidungen.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zum Kommentar „Warum wir konstruktive Medienkritik brauchen – Skepsis und Austausch sind für guten Journalismus unverzichtbar“ im Bezug auf das Treffen der Aktion NOZkritisch von Louisa Riepe, NOZ vom 25.11.2025, Seite 2

Die NOZ-Kolumne verharmlost konkrete Kritik an rechtspopulistischen Kommentaren und einseitiger Berichterstattung, statt sich inhaltlich damit auseinanderzusetzen.

Hallo NOZ, hallo Frau Riepe,

hier meine Replik zum Kommentar in der NOZ vom 25.11.2025 zu und über das Treffen der Aktion NOZkritisch ANK.

Die Chefredakteurin beschreibt das Treffen als Austausch mit „besorgten Leserinnen und Lesern“. Das greift jedoch zu kurz. Die Kritik, die dort geäußert wurde, und die OS Rundschau ausführlich dokumentiert hat, richtet sich nicht gegen „die Medien“ im Allgemeinen oder gegen abstrakte Branchenskandale, sondern gegen sehr konkrete journalistische Fehlentwicklungen im überregionalen Mantel der NOZ.

Es geht um systematisch wiederkehrende Narrative einzelner Redakteure, die rechte Talking Points verstärken, um fehlende Einordnung extremistischer Positionen, um das Weglassen unbequemer Gegenperspektiven und um redaktionelle Entscheidungen, die bestimmte Stimmen leiser und andere lauter machen. Diese Punkte tauchen in der Kolumne leider gar nicht auf.

Konstruktive Medienkritik lebt aber davon, dass man genau diese konkreten Vorwürfe ernst nimmt, statt sie in allgemeinen Reflexionen über Vertrauen, Polarisierung und historische Medienskandale aufzulösen.

Wer Dialog ernst meint, sollte nicht nur zuhören, sondern auch öffentlich auf die inhaltlichen Kritikpunkte eingehen. Sonst bleibt der Eindruck, dass die Sorgen der Leser zwar als Anlass für eine Kolumne taugen, aber nicht für eine echte Auseinandersetzung mit den problematischen Mustern in der eigenen Berichterstattung.

Mit freundlichen Grüßen

Sehr geehrter Herr Reichl,

haben Sie vielen Dank für Ihre ausführliche Replik zu meiner Kolumne. Ich schätze es sehr, wenn Leserinnen und Leser ihre Kritik so konkret formulieren – gerade dann, wenn sie das Ziel haben, unsere journalistische Arbeit besser zu machen.

Sie schreiben, dass meine Darstellung aus Ihrer Sicht zu kurz greife und die geäußerte Kritik stärker auf konkrete Muster in unserer Berichterstattung ziele. Ich nehme diesen Hinweis ernst. Gleichzeitig möchte ich darauf hinweisen, dass uns fortlaufend Kritik aus sehr unterschiedlichen politischen Richtungen erreicht – und wir uns professionell und selbstkritisch damit auseinandersetzen.

Die von Ihnen angesprochenen Punkte diskutieren wir selbstverständlich intern: Fragen der Einordnung politischer Positionen, der Gewichtung von Stimmen sowie der Verantwortung im Umgang mit kontroversen Narrativen gehören zu unserem täglichen Qualitätsdiskurs. In einer Kolumne kann ich diese Themen jedoch nicht im Detail ausführen, weil sie einen anderen publizistischen Rahmen benötigen.

Gleichzeitig möchte ich klarstellen, dass pauschale Vorwürfe systematischer Fehlentwicklungen oder bewusst gestalteter Narrative aus meiner Sicht nicht den Kern redaktioneller Arbeit treffen. Unsere Journalistinnen und Journalisten arbeiten nach anerkannten professionellen Standards. Wenn uns Leserinnen und Leser konkrete Fehler oder Unausgewogenheiten rückmelden, gehen wir dem nach.

Ihr Anliegen, dass Dialog nicht beim Zuhören enden darf, sondern auch eine öffentliche Auseinandersetzung mit Kritik braucht, teile ich ausdrücklich. Deshalb habe ich die Gruppe zu einem weiteren Austausch in unsere Redaktion eingeladen. Ich würde mich sehr freuen, wenn dieses Gespräch zustande kommt.

Mit freundlichen Grüßen

Louisa Riepe

Sehr geehrte Frau Riepe,

vielen Dank für Ihre Rückmeldung und dafür, dass Sie sich mit meiner
Kritik auseinandersetzen.

Ich möchte noch einmal präzisieren, worauf meine Kritik abzielt. Sie
schreiben, dass pauschale Vorwürfe systematischer Fehlentwicklungen
nicht den Kern redaktioneller Arbeit treffen. Genau solche pauschalen
Vorwürfe habe ich jedoch nicht erhoben. Meine Kritik bezieht sich auf
konkrete, wiederkehrende Muster in der Berichterstattung, die sich
anhand klar benennbarer Beispiele nachvollziehen lassen.

Dazu zählen unter anderem:
– Kommentare, die zentrale AfD-Rahmungen übernehmen,
– wiederholte unkritische Weitergabe der Erzählungen von Friedrich
Merz in Kommentaren von Rena Lehmann,
– Interviews, in denen politisch stark aufgeladene oder nachweislich
falsche Aussagen unwidersprochen bleiben (z. B. Christian Dürr),
– eine ganzseitige, unkommentierte Darstellung der AfD wenige Monate zuvor.

Diese Fälle (meine Leserbriefe u.a. dazu liegen Ihrem Hause vor) sind
einzeln betrachtet vielleicht erklärbar, in ihrer Summe zeichnen sie
jedoch ein Muster, das nicht deckungsgleich ist mit dem Hinweis, dass
Kritik „aus allen Richtungen“ komme. Mein Anliegen ist daher kein
Generalverdacht, sondern die Bitte, diese inhaltlichen Beispiele als
Ausgangspunkt einer konkret geführten Qualitätsdiskussion zu nehmen.

Ich stimme Ihnen absolut zu, dass Dialog und Transparenz wichtig sind.
Genau deshalb halte ich es für notwendig, die angesprochenen Beispiele
inhaltlich zu diskutieren, nicht nur abstrakt über Standards oder
unterschiedliche politische Blickwinkel. Denn meine Kritik zielt nicht
darauf, dass die NOZ Fehler macht (das passiert überall), sondern
darauf, dass bestimmte politische Narrative häufiger unkritisch
transportiert werden als andere.

Mit freundlichen Grüßen
Timm Reichl

Leserbrief zur NOZ vom Mittwoch, 19.11.2025, Meinung Ebert „Sind Sie auch plötzlich rechts?“ zur Mitte Studie der Friedrich Ebert Stiftung

Mit der Mitte Studie der Friedrich Ebert Stiftung wird deutlich, dass der Begriff rechts in der politischen Diskussion oft missverstanden wird. Es ist essenziell, die Differenzierung der Autoren zu berücksichtigen und die Ergebnisse der Studie sachlich zu analysieren, um die demokratischen Werte zu verteidigen.

Hallo NOZ, hallo Herr Ebert,

hier sende ich Ihnen meinen Leserbrief zur NOZ vom Mittwoch, 19.11.2025, Meinung Ebert „Sind Sie auch plötzlich rechts?“ zur Mitte Studie der Friedrich Ebert Stiftung.

Philipp Ebert kritisiert die neue Mitte-Studie, doch sein Text erzeugt den Eindruck, als solle Forschung delegitimiert werden, indem einzelne Fragebeispiele aus dem Kontext herausgelöst werden. Dabei ist die Studie ungewöhnlich transparent: Methodik und vollständiger Fragebogen sind öffentlich einsehbar. Wer ihre Seriosität infrage stellt, muss diese Dokumente auch einbeziehen.

Eberts wichtige Frage nach der politischen Aufladung des Begriffs Mitte verkennt zudem, dass die Autoren differenzieren: Sie unterscheiden klar zwischen extremen Einstellungen und einem Graubereich. Die Studie behauptet gerade nicht, die Bevölkerung sei „plötzlich rechts“. Sie zeigt vielmehr: Die Mehrheit bleibt demokratisch, gleichzeitig normalisieren sich einzelne antidemokratische und menschenfeindliche Aussagen.

Wer diese Befunde für übertrieben hält, sollte wissenschaftlich widersprechen, mit Daten, nicht mit ausgesuchten Beispielen. Denn die Demokratie schützt man nicht, indem man Forschung diskreditiert, sondern indem man ihre Ergebnisse nüchtern prüft.

Leserbrief zur NOZ vom Freitag, 18.09.2025, Seite 3, Meinung Ebert zur Absetzung von Julia Ruhs

Leserbrief zur NOZ: Die Absetzung von Julia Ruhs beim NDR ist mehr als eine Frage der Meinungsvielfalt. Es geht um journalistische Standards wie Ausgewogenheit und Differenzierung. Qualität sollte immer Vorrang vor ideologischer Haltung haben.

Sehr geehrte Redaktion, sehr geehrter Herr Ebert,

hier mein Leserbrief zur NOZ vom Freitag, 18.09.2025, Seite 3, Meinung Ebert zum Fall Ruhs.

Philipp Ebert deutet die Absetzung von Julia Ruhs beim NDR als Beleg für Engstirnigkeit und mangelnde Meinungsvielfalt. Doch diese Darstellung greift zu kurz.

Rund 250 NDR-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter haben in einem offenen Brief kritisiert, dass das Format „Klar“ journalistische Standards verletzt habe: mangelnde Ausgewogenheit, Emotionalisierung, fehlende Differenzierung. Das ist mehr als ideologische Ablehnung, es geht um handwerkliche Qualität. Wer diese Vorwürfe ignoriert, unterschlägt einen wesentlichen Teil der Debatte.

Natürlich ist Meinungsvielfalt im öffentlich-rechtlichen Rundfunk unverzichtbar. Aber Vielfalt heißt nicht, dass jede Stimme automatisch einen Sendeplatz verdient, sie muss auch professionellen Standards genügen. Die Entscheidung gegen Ruhs kann man kritisieren, aber sie pauschal als Unterdrückung konservativer Sichtweisen zu deuten, ist klar zu einfach.

Mit freundlichen Grüßen