Wenn Selbstkritik zur Selbstentlastung wird; ein Leserbrief zu Ewerts Corona-Rückblick und den unbequemen Fragen, die erst der taz-Artikel stellt.

Hallo NOZ, hallo Herr Ewert,

der Beitrag von Burkhard Ewert zur Corona-Berichterstattung der NOZ gibt sich selbstkritisch und reflektiert. Gerade deshalb bleibt bei der Lektüre ein erhebliches Unbehagen zurück.

Die benannten Kritikpunkte, wie Tonalität, Wortwahl, Tempo der Berichterstattung, betreffen vor allem Stilfragen. Die tieferliegenden Fragen journalistischer Verantwortung während der Pandemie werden hingegen nur gestreift oder vollständig ausgeblendet. Dabei ging es in der öffentlichen Kritik nie primär um einzelne Begriffe wie „Covidiot“, sondern um strukturelle Einseitigkeiten, Verhältnis zu staatlichen Verlautbarungen und die Auswahl sowie Einordnung von Experten und Positionen.

Besonders auffällig ist, dass zentrale Kontroversen der eigenen jüngeren Geschichte unerwähnt bleiben. Bswp. beschreibt der taz-Artikel „Chefredakteur auf Abwegen“ detailliert die Zusammenarbeit der NOZ mit dem Magazin Multipolar im Zusammenhang mit einer Forsa-Umfrage zu Impfnebenwirkungen, inklusive der späteren öffentlichen Distanzierung von Forsa selbst. Diese Episode war keine Frage von Ton oder Überlastung, sondern eine bewusste publizistische Entscheidung mit erheblichen Folgen für die Glaubwürdigkeit der Zeitung.

Gerade vor diesem Hintergrund wirkt die im NOZ-Beitrag formulierte Selbstkritik unvollständig. Wer Aufarbeitung ernst meint, muss auch die Frage beantworten, wo Meinungsvielfalt endet und wo problematische Narrative durch journalistische Aufwertung erst entstehen. Ebenso wäre eine ehrliche Auseinandersetzung damit nötig gewesen, ob interne Kritik tatsächlich gehört wurde oder ob sie, wie aus anderen Berichten hervorgeht, folgenlos blieb.

Die Pandemie war zweifellos eine Ausnahmesituation. Doch Ausnahmesituationen sind der Moment, in dem journalistische Grundsätze nicht relativiert, sondern besonders konsequent angewendet werden müssen. Selbstkritik, die sich vor allem auf Umstände beruft, läuft Gefahr, eher zu entlasten als aufzuklären.

Wenn die NOZ aus der Corona-Zeit lernen will, dann reicht es nicht, höflicher zu schreiben oder langsamer zu publizieren. Notwendig ist eine offene Debatte über publizistische Leitplanken, Verantwortung bei Kooperationen und den Umgang mit Macht, Unsicherheit und Minderheitenpositionen. Diese Debatte steht (trotz des vorliegenden Beitrags) weiterhin aus.

Mit freundlichen Grüßen