Tobias Schmidt lässt Bauindustrie-Chef Olaf Demuth die Pläne der Linken kritisieren, ohne eine einzige Gegenfrage. Dabei zeigen die Zahlen, dass die großen Konzerne kaum bauen.

Hallo NOZ, hallo Herr Schmidt,

Ihr Interview mit Olaf Demuth, dem Chef des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie, lässt zentrale Behauptungen unwidersprochen stehen. Das ist problematisch, denn Demuth spricht für eine Branche, die selbst Interessen hat. Schon die Unterzeile setzt mit den „Enteignungsplänen der Linken“ einen Rahmen, den das Gespräch nie hinterfragt.

Demuth sagt, die Vergesellschaftung lasse die Privatwirtschaft aus dem Baugeschäft aussteigen. Der Ökonom Maurice Höfgen hat dazu die Zahlen zusammengetragen. Betroffen wären demnach nicht Genossenschaften, mittelständische Firmen oder private Bauherren, sondern große Immobilienkonzerne mit mehr als 3.000 Wohnungen in Berlin. Und die bauen kaum. Vonovia hat seit 2015 rund 19.900 Wohnungen gebaut, aber fast 444.000 gekauft. Das sind etwa 22 gekaufte Wohnungen pro gebauter, und gerade einmal 0,74 Prozent aller neu gebauten Wohnungen gehen auf Vonovia zurück. Die sechs landeseigenen Berliner Unternehmen haben im selben Zeitraum allein in Berlin mehr als doppelt so viele Wohnungen errichtet wie Vonovia in ganz Deutschland.

Die Frage „Wer soll dann noch bauen?“ geht also an der Sache vorbei. Das Geschäftsmodell der Konzerne beruht auf Kaufen, Bewirtschaften und Aufwerten. Knappheit nützt ihnen, mehr Neubau würde die Preise eher dämpfen. Das steht sinngemäß sogar in Risikoberichten der Unternehmen selbst.

Auch Demuths Gegenvorschlag hätte eine Nachfrage verdient. Er fordert 50 bis 60 Milliarden Euro an staatlich abgesicherten Krediten für den Wohnungsbau, also Hilfe für genau seine Branche. Dass der Staat dafür bürgen soll, während Vergesellschaftung als Gefahr gilt, hätte ich mir kritischer hinterfragt gewünscht.Ein Interview muss nicht widersprechen. Aber wer einem Branchenvertreter so viel Raum gibt, schuldet den Leserinnen und Lesern die Einordnung, die hier fehlt.

Mit freundlichen Grüßen