Viel Meinung, wenig Fakten. Warum der „grantige Chor der Wirtschaft“ eher Lobbyklang als Lageanalyse ist.
Hallo NOZ, hallo Herr Ewert,
Burkhard Ewert beschreibt in seinem Text „Der grantige Chor der Wirtschaft“ ein angeblich neues journalistisches Genre; klagende Unternehmer als mutige Wahrheitsverkünder. Tatsächlich handelt es sich um ein altbekanntes Muster, wirtschaftsliberale Stimmungsmache, aufgeladen mit Untergangsrhetorik, aber weitgehend ohne Faktencheck.
Wenn Carsten Maschmeyer behauptet, Deutschland liege „in nahezu allen Rankings auf dem letzten Platz“, ist das schlicht falsch. Deutschland gehört laut OECD weiterhin zu den führenden Industrienationen bei Exportvolumen, industrieller Wertschöpfung und Beschäftigung. Auch bei Produktivität pro Arbeitsstunde liegt Deutschland im oberen Drittel der EU, nicht am Ende.
Ebenso irreführend ist das Mantra von den „kürzesten Arbeitszeiten bei höchsten Löhnen“. Tatsächlich arbeiten Deutsche im europäischen Vergleich nicht außergewöhnlich wenig, sondern haben vor allem eine hohe Teilzeitquote, bei gleichzeitig sehr hoher Produktivität. Die Lohnstückkosten liegen im EU-Mittelfeld, nicht an der Spitze. Hohe Löhne sind zudem kein Standortnachteil, sondern Ergebnis und Voraussetzung von Wertschöpfung.
Die Klage über „zu viele Regeln“ und „ausufernde Bürokratie“ bleibt ebenfalls vage. Konkrete Belege fehlen. Gleichzeitig zeigen Studien des ifo-Instituts, dass Investitionszurückhaltung derzeit stärker mit globaler Unsicherheit, schwacher Nachfrage und hohen Energiepreisen zusammenhängt als mit Gleichstellungsbeauftragten oder Feiertagsregelungen.
Besonders problematisch wird der Text dort, wo unbelegte Behauptungen zur Migration oder zur angeblichen „Softie-Gesellschaft“ unwidersprochen stehen bleiben. Hier wird politisches Framing reproduziert, nicht analysiert. Dass milliardenschwere Unternehmer aus ihrer privilegierten Position heraus Sozialstaat, Arbeitsrechte oder staatliche Kontrolle ablehnen, ist weder überraschend noch automatisch besonders erkenntnisreich.
Ewert suggeriert, diese Stimmen seien deshalb so wertvoll, weil sie „nichts mehr zu verlieren“ hätten. Tatsächlich haben sie sehr viel zu gewinnen, nämlich niedrigere Steuern, weniger Regulierung, schwächere Arbeitnehmerrechte. Genau deshalb wäre kritische Distanz nötig gewesen und nicht wohlwollendes Weiterreichen von Klagen.
Journalismus beginnt dort, wo man Behauptungen überprüft, Interessen offenlegt und Meinung nicht mit Diagnose verwechselt. Genau das bleibt dieser Text schuldig.
Mit freundlichen Grüßen