Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen seit 2025

Autor: Timm Reichl (Seite 15 von 53)

Leserbrief zur Meinung von Burkhard Ewert „Ein Lob für Lindner – Sein neuer Job als Autohändler brachte Häme mit sich, warum er dennoch ein Zeichen von Freiheit ist“ in der NOZ vom 27.11.2025, Seite 2

Kritischer Leserbrief zu Burkhard Ewerts Lindner-Kommentar: Eine faktenbasierte Einordnung der politischen Verantwortung und des Vertrauensverlusts des Ex-Finanzministers.

Hallo NOZ, hallo Herr Ewert,

hier mein Leserbrief zum Rest der Republik von Burkhard Ewert in der NOZ vom 27.11.2025.

Der Kommentar von Burkhard Ewert über Christian Lindners neuen Job wirkt wie eine bewusste Ausblendung der politischen Realität. Der Text verklärt den Rückzug des ehemaligen Finanzministers zur Freiheitstat, ohne auch nur ein Wort über die politischen Verantwortungslasten zu verlieren, die diesen Schritt erst notwendig gemacht haben.

Lindner verlässt die Bühne nicht als gelassener Liberaler, sondern nach einer Kette politischer Fehlentscheidungen: der Haushaltsblockade, der Eskalation der Schuldenbremsenkrise, dem mutwilligen Abwürgen dringend benötigter Investitionen und schließlich einem maßgeblich provozierten Bruch der Ampelkoalition. Dass ein Politiker nach einem solchen Bilanzschatten nicht mehr für hohe Ämter, Aufsichtsräte oder internationale Positionen infrage kommt, hat nichts mit Verachtung für normale Berufe zu tun, sondern mit verlorenem Vertrauen.

Ewert deutet Lindners berufliche Notlandung zur Tugend um und wirft Kritikern implizit Elitenverachtung vor. Diese rhetorische Drehung ersetzt Analyse durch Sympathiebekundung und unterschlägt vollständig, warum Lindner politisch keine Anschlussfähigkeit mehr hat. Wer sich öffentlich über die Lebenswirklichkeit von Millionen Menschen sorgen will, sollte zunächst die Lebenswirklichkeit des politischen Systems ernst nehmen: Glaubwürdigkeit ist dort ein Grundkapital. Lindner hat es verspielt.

Statt einer realistischen Einordnung präsentiert der Kommentar eine Glorifizierung, die den Ursachen seines politischen Scheiterns bewusst ausweicht. So entsteht kein Journalismus, der erklärt, sondern einer, der verklärt.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief/-frage zum Artikel „Wie politisch darf ein Bundespräsident sein?Nach Eklat um Steinmeiers Rede zum Gedenken am 9. November: AfD wirft ihm Amtsmissbrauch vor – zurecht?“ von Lucas Wiegelmann, NOZ vom 26.11.2025, Seite 3

Warum widersprechen sich Überschrift und Inhalt? Ein Leserbrief an NOZ-Autor Wiegelmann über irritierende Headlines und die Rolle journalistischer Klicklogik.

Sehr geehrter Herr Wiegelmann,sehr geehrte Redaktion,

mit großem Interesse habe ich Ihren Artikel gelesen, in dem Sie die Aussagen des Bundespräsidenten zur AfD differenziert einordnen und juristisch wie historisch einordnen. Der Text selbst wirkt ausgewogen, reflektiert und frei von Übertreibung.

Umso mehr irritiert mich jedoch die Überschrift. Sie stellt eine zugespitzte Frage in den Raum, die beim ersten Eindruck den Eindruck einer Kontroverse oder Grenzüberschreitung erzeugt, die Sie im Artikel selbst anschließend relativieren oder sogar verneinen. Die Headline und der Inhalt kommunizieren damit zwei unterschiedliche Botschaften.

Meine Frage an Sie lautet daher:Warum wählen Sie eine Überschrift, die eine völlig andere, und deutlich dramatischere, Intention suggeriert als Ihr eigentlicher Text?

Ist dies eine redaktionelle Entscheidung, die der Logik digitaler Aufmerksamkeit geschuldet ist? Oder möchten Sie bewusst Spannung erzeugen, die der Artikel anschließend auflöst? Für mich als Leser wirkt diese Diskrepanz irritierend und wirft die Frage auf, wie stark Headlines in der NOZ inzwischen der Klicklogik folgen.

Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie diese Praxis kurz einordnen könnten. Gerade in politisch aufgeheizten Zeiten halte ich es für wichtig, dass Überschriften nicht mehr Verwirrung stiften als notwendig.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zum Kommentar „Warum wir konstruktive Medienkritik brauchen – Skepsis und Austausch sind für guten Journalismus unverzichtbar“ im Bezug auf das Treffen der Aktion NOZkritisch von Louisa Riepe, NOZ vom 25.11.2025, Seite 2

Die NOZ-Kolumne verharmlost konkrete Kritik an rechtspopulistischen Kommentaren und einseitiger Berichterstattung, statt sich inhaltlich damit auseinanderzusetzen.

Hallo NOZ, hallo Frau Riepe,

hier meine Replik zum Kommentar in der NOZ vom 25.11.2025 zu und über das Treffen der Aktion NOZkritisch ANK.

Die Chefredakteurin beschreibt das Treffen als Austausch mit „besorgten Leserinnen und Lesern“. Das greift jedoch zu kurz. Die Kritik, die dort geäußert wurde, und die OS Rundschau ausführlich dokumentiert hat, richtet sich nicht gegen „die Medien“ im Allgemeinen oder gegen abstrakte Branchenskandale, sondern gegen sehr konkrete journalistische Fehlentwicklungen im überregionalen Mantel der NOZ.

Es geht um systematisch wiederkehrende Narrative einzelner Redakteure, die rechte Talking Points verstärken, um fehlende Einordnung extremistischer Positionen, um das Weglassen unbequemer Gegenperspektiven und um redaktionelle Entscheidungen, die bestimmte Stimmen leiser und andere lauter machen. Diese Punkte tauchen in der Kolumne leider gar nicht auf.

Konstruktive Medienkritik lebt aber davon, dass man genau diese konkreten Vorwürfe ernst nimmt, statt sie in allgemeinen Reflexionen über Vertrauen, Polarisierung und historische Medienskandale aufzulösen.

Wer Dialog ernst meint, sollte nicht nur zuhören, sondern auch öffentlich auf die inhaltlichen Kritikpunkte eingehen. Sonst bleibt der Eindruck, dass die Sorgen der Leser zwar als Anlass für eine Kolumne taugen, aber nicht für eine echte Auseinandersetzung mit den problematischen Mustern in der eigenen Berichterstattung.

Mit freundlichen Grüßen

Sehr geehrter Herr Reichl,

haben Sie vielen Dank für Ihre ausführliche Replik zu meiner Kolumne. Ich schätze es sehr, wenn Leserinnen und Leser ihre Kritik so konkret formulieren – gerade dann, wenn sie das Ziel haben, unsere journalistische Arbeit besser zu machen.

Sie schreiben, dass meine Darstellung aus Ihrer Sicht zu kurz greife und die geäußerte Kritik stärker auf konkrete Muster in unserer Berichterstattung ziele. Ich nehme diesen Hinweis ernst. Gleichzeitig möchte ich darauf hinweisen, dass uns fortlaufend Kritik aus sehr unterschiedlichen politischen Richtungen erreicht – und wir uns professionell und selbstkritisch damit auseinandersetzen.

Die von Ihnen angesprochenen Punkte diskutieren wir selbstverständlich intern: Fragen der Einordnung politischer Positionen, der Gewichtung von Stimmen sowie der Verantwortung im Umgang mit kontroversen Narrativen gehören zu unserem täglichen Qualitätsdiskurs. In einer Kolumne kann ich diese Themen jedoch nicht im Detail ausführen, weil sie einen anderen publizistischen Rahmen benötigen.

Gleichzeitig möchte ich klarstellen, dass pauschale Vorwürfe systematischer Fehlentwicklungen oder bewusst gestalteter Narrative aus meiner Sicht nicht den Kern redaktioneller Arbeit treffen. Unsere Journalistinnen und Journalisten arbeiten nach anerkannten professionellen Standards. Wenn uns Leserinnen und Leser konkrete Fehler oder Unausgewogenheiten rückmelden, gehen wir dem nach.

Ihr Anliegen, dass Dialog nicht beim Zuhören enden darf, sondern auch eine öffentliche Auseinandersetzung mit Kritik braucht, teile ich ausdrücklich. Deshalb habe ich die Gruppe zu einem weiteren Austausch in unsere Redaktion eingeladen. Ich würde mich sehr freuen, wenn dieses Gespräch zustande kommt.

Mit freundlichen Grüßen

Louisa Riepe

Sehr geehrte Frau Riepe,

vielen Dank für Ihre Rückmeldung und dafür, dass Sie sich mit meiner
Kritik auseinandersetzen.

Ich möchte noch einmal präzisieren, worauf meine Kritik abzielt. Sie
schreiben, dass pauschale Vorwürfe systematischer Fehlentwicklungen
nicht den Kern redaktioneller Arbeit treffen. Genau solche pauschalen
Vorwürfe habe ich jedoch nicht erhoben. Meine Kritik bezieht sich auf
konkrete, wiederkehrende Muster in der Berichterstattung, die sich
anhand klar benennbarer Beispiele nachvollziehen lassen.

Dazu zählen unter anderem:
– Kommentare, die zentrale AfD-Rahmungen übernehmen,
– wiederholte unkritische Weitergabe der Erzählungen von Friedrich
Merz in Kommentaren von Rena Lehmann,
– Interviews, in denen politisch stark aufgeladene oder nachweislich
falsche Aussagen unwidersprochen bleiben (z. B. Christian Dürr),
– eine ganzseitige, unkommentierte Darstellung der AfD wenige Monate zuvor.

Diese Fälle (meine Leserbriefe u.a. dazu liegen Ihrem Hause vor) sind
einzeln betrachtet vielleicht erklärbar, in ihrer Summe zeichnen sie
jedoch ein Muster, das nicht deckungsgleich ist mit dem Hinweis, dass
Kritik „aus allen Richtungen“ komme. Mein Anliegen ist daher kein
Generalverdacht, sondern die Bitte, diese inhaltlichen Beispiele als
Ausgangspunkt einer konkret geführten Qualitätsdiskussion zu nehmen.

Ich stimme Ihnen absolut zu, dass Dialog und Transparenz wichtig sind.
Genau deshalb halte ich es für notwendig, die angesprochenen Beispiele
inhaltlich zu diskutieren, nicht nur abstrakt über Standards oder
unterschiedliche politische Blickwinkel. Denn meine Kritik zielt nicht
darauf, dass die NOZ Fehler macht (das passiert überall), sondern
darauf, dass bestimmte politische Narrative häufiger unkritisch
transportiert werden als andere.

Mit freundlichen Grüßen
Timm Reichl

Gegenmeinung zum Leserbrief von Gerhard Küppers „Putin ist nicht allein verantwortlich“, NOZ vom 24.11.2025, Seite 2

Warum der Leserbrief von G. Küppers zentrale Propagandamythen wiederholt und wie eine faktenbasierte Analyse die Schuldumkehr im Ukraine-Krieg entlarvt.

Hallo NOZ,

zum Leserbrief von Gerhard Küppers („Putin ist nicht allein verantwortlich“) möchte ich einige notwendige Klarstellungen beitragen.

Herr Küppers präsentiert eine Darstellung, die zentrale Fakten ausblendet und bekannte Narrative der russischen Staatspropaganda nahezu unverändert übernimmt. Die Verantwortung für Putins Angriffskrieg auf die Ukraine dem Westen zuzuschieben, ist geschichtlich wie politisch nicht haltbar.

Die Behauptung, Putin habe sich lange „um Einbindung in ein europäisches Sicherheitssystem bemüht“, widerspricht seiner eigenen Politik. Schon Jahre vor den Ereignissen von 2014 erklärte Putin in Reden in München, Moskau und Sotschi offen, dass er westliche Sicherheitsstrukturen grundsätzlich ablehnt. Russland war Mitglied im NATO-Russland-Rat, Partner der EU und Teil der G8, es war nicht Ausgeschlossenwerden, sondern Putin selbst, der auf Konfrontation setzte.

Die Annexion der Krim und der Überfall auf die Ukraine sind keine „Folge enttäuschter Hoffnungen“, sondern bewusste Machtpolitik. Die Ukraine war 2014 neutral und die NATO hatte seit 1997 massiv abrüstet. Trotzdem hat Russland internationales Recht gebrochen und ein Nachbarland überfallen. Das als „nachvollziehbare Reaktion“ darzustellen, bedeutet eine gefährliche Täter-Opfer-Umkehr.

Die NATO-Erweiterung fand nicht gegen Russland statt, sondern auf ausdrücklichen Wunsch osteuropäischer Staaten, die aus ihrer historischen Erfahrung heraus Schutz vor imperialen Ambitionen Moskaus suchten. Das Selbstbestimmungsrecht dieser Länder zu ignorieren, heißt, ihnen genau diese Souveränität abzusprechen, die Russland der Ukraine heute mit Gewalt nimmt.

Der sogenannte „Friedensplan“ von Präsident Trump fordert von der Ukraine die dauerhafte Abtretung ihrer eigenen Gebiete, die Entwaffnung und politische Neutralisierung. Das wäre kein Frieden, sondern ein Diktat zulasten eines überfallenen Landes. Dass europäische Verbündete dies nicht unterstützen, ist kein Zeichen von „Uneinsichtigkeit“, sondern von Verantwortung.

Die Unterstützung der Ukraine ist keine „Zermürbung“ Russlands, wie Herr Küppers schreibt, sondern die notwendige Hilfe an ein Land, das sein Existenzrecht verteidigt. Der einzige Grund, warum die Ukraine Waffen benötigt, ist, dass Russland sie angreift.

Europa steht nicht vor der Frage, ob es Russland „in die Knie zwingen“ will, sondern ob es die Prinzipien verteidigt, auf denen unser Frieden beruht: territoriale Integrität und das Recht souveräner Staaten, ihre Zukunft selbst zu bestimmen.

Wer diese Grundsätze relativiert, stärkt nicht den Frieden, sondern die Logik des Stärkeren.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zur Meinung von Lucas Wiegelmann „Ukraine-Gespräche in Genf – Der Friedensplan ist eine gute Nachricht“, NOZ vom 24.11.2025, Seite 1

Warum der angebliche Friedensplan zur Ukraine kein Hoffnungssignal, sondern ein von Russland dominierter Diktatfrieden ist, und weshalb der dazugehörige Kommentar die Lage politisch gefährlich verharmlost.

Hallo NOZ, hallo Herr Wiegelmann,

hier mein Leserbrief zur Meinung von Lucas Wiegelmann „Ukraine-Gespräche in Genf – Der Friedensplan ist eine gute Nachricht“, NOZ vom 24.11.2025, Seite 1.

Der Kommentar „Der Friedensplan ist eine gute Nachricht“ verkennt die Realität in einer Weise, die gefährlich naiv ist. Nicht die Existenz eines „Plans“ ist die gute Nachricht, entscheidend ist, wer ihn schreibt und wem er nützt. Mittlerweile ist klar: Der 28-Punkte-Plan trägt weitgehend die Handschrift des Kreml. Wenn ein Angreifer seine Maximalforderungen in ein Dokument diktiert, wird daraus kein Friedensplan, sondern ein Diktatfrieden.

Erschwerend kommt hinzu, dass selbst die USA widersprüchliche Signale senden: Erst wurde der Entwurf als offizieller amerikanischer Vorstoß präsentiert, dann wieder dementiert. Ein diplomatisches Chaos, das alles ist, nur kein Ausdruck amerikanischer Stärke. Ein solches Durcheinander schafft keinen Rahmen für ernsthafte Verhandlungen und schon gar keine verlässlichen Sicherheitsgarantien für die Ukraine.

Der Kommentar reduziert all das auf die scheinbar tröstliche Botschaft, dass „überhaupt etwas auf dem Tisch liegt“. Doch ein schlechter Plan ist nicht besser als keiner, er verschiebt die Gewichte zugunsten des Aggressors und gefährdet die Souveränität eines Landes, das bereits um sein Überleben kämpft. Wer hier von einer „guten Nachricht“ spricht, verkennt die Dimension des Konflikts und verharmlost die politische Realität.

Mit freundlichen Grüßen

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