Die NOZ und Tobias Schmidt irren, denn Migration ist keine Krise, sondern dringend notwendig. Warum Abschottung scheitert, Integration gelingt, und wer wirklich für „Überlastung“ verantwortlich ist.

Hallo NOZ, hallo Herr Schmidt,

Tobias Schmidts Kommentar liest sich wie ein Aufatmen über eine vermeintlich gelöste Krise. Doch seine Analyse greift zu kurz. Sinkende Zahlen entlasten Kommunen, aber sie lösen keine strukturellen Probleme. Und nein, Migration ist kein Problem, das man „begrenzen“ muss, bis es „gelingt“. Sie ist eine Notwendigkeit und eine Chance, die wir aktiv gestalten müssen.

Migration ist kein „Problem“, sondern eine Antwort auf den demografischen Wandel, Deutschland altert, und schrumpft. Schon heute fehlen hunderttausende Fachkräfte in Pflege, Handwerk und Technik. Ohne Zuwanderung bricht unser Sozialsystem zusammen, weil immer weniger Beitragszahler:innen für immer mehr Rentner:innen aufkommen. Die Bundesregierung prognostiziert bis 2035 einen Fachkräftemangel von fünf Millionen Menschen. Wer jetzt über „strikte Begrenzung“ redet, ignoriert diese Realität.

Doch Schmidt argumentiert, als ginge es nur um „Flüchtlinge“, nicht um die vielfältigen Formen von Migration, die wir brauchen, von hochqualifizierten IT-Spezialist:innen bis zu Pflegekräften aus dem Ausland. Statt Abschottung brauchen wir klare Regeln für gezielte Zuwanderung, wie sie etwa Kanada seit Jahrzehnten erfolgreich praktiziert.

Schmidt feiert die „härtere Migrationspolitik“ als Grund für sinkende Zahlen. Er verschweigt allerdings, dass Pushbacks und Grenzabweisungen gegen Menschenrechte verstoßen und unserem internationalen Ansehen schaden. Ausreisepflichtige, die nicht abgeschoben werden können (weil Herkunftsländer wie Syrien oder Afghanistan unsicher sind), bleiben in der Schwebe, oft ohne Arbeit, ohne Perspektive. Das kostet den Staat Millionen (z. B. für Unterbringung), statt Integration zu fördern. Brennpunktschulen sind kein Argument für weniger Migration, sondern für mehr Investitionen in Bildung. In Ländern wie Finnland oder Kanada zeigen mehrsprachige Klassen, dass Integration gelingt, wenn man sie will.

Schmidts These, weniger Geflüchtete würden der AfD die Grundlage entziehen, ist naiv. Studien belegen, dass sich rechtsextreme Einstellungen aus sozioökonomischer Unsicherheit und kultureller Verunsicherung speisen, und nicht aus tatsächlichen Migrationszahlen. Die AfD nutzt Migration als Projektionsfläche für andere Krisen wie Wohnungsnot, prekäre Arbeitsverhältnisse, verlorene Zukunftsperspektiven.

Statt also zu fragen, wie Migration begrenzt wird, müssten wir fragen, wie wir bezahlbaren Wohnraum für alle schaffen? Und wie stärken wir den sozialen Zusammenhalt in Städten und Dörfern, wie machen wir Integration zur gemeinsamen Aufgabe, von Schulen über Arbeitgeber bis zu Nachbarschaften?

Migration ist kein „Kostenfaktor“, sondern ein Gewinn. Schmidt erwähnt nur die „Belastungen“, doch Migration bringt wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung. Fachkräfte sichern unsere Renten und steuern in die Sozialkassen ein. Jede vierte Firma in Deutschland wird von Migrant:innen gegründet. Vielfalt fördert Kreativität, von der Gastronomie bis zur Wissenschaft.

Migration stellt uns vor Herausforderungen. Aber sie ist kein Schicksalsschlag, sondern eine Gestaltungsaufgabe. Statt uns in „mehr oder weniger Begrenzung“ zu verlieren, sollten wir endlich fragen, wie wir faire, legale Wege für diejenigen organisieren, die wir brauchen? Wie investieren wir in Sprache, Bildung und Arbeit, damit Integration gelingt? Wie nutzen wir die Chancen, die Vielfalt bietet, statt sie als Bedrohung zu framen?

Deutschland hat Migration immer wieder gemeistert, von den „Gastarbeitern“ der 1960er bis zu den Spätaussiedlern aus der Sowjetunion. Heute geht es darum, diese Tradition zukunftsfähig zu machen. Dafür brauchen wir keine Abschottung, sondern kluge Lösungen.

Mit freundlichen Grüßen