Burkhard Ewert und der Künstler, den er sich wünscht. Warum seine Grönemeyer-Kritik mehr über ihn selbst verrät.
Hallo NOZ, hallo Herr Ewert,
Burkhard Ewerts Attacke auf Herbert Grönemeyer („Aus dem Humanisten ist ein Misanthrop geworden“) offenbart weniger über den Sänger als über den Kritiker selbst. Ewert wirft Grönemeyer vor, mit „dogmatischen Phrasen“ zu predigen, doch sein eigener Text ist ein Meisterwerk der selektiven Empörung. Während er Grönemeyers politische Äußerungen als „Anweisungen“ geißelt, ignoriert er geflissentlich, was dessen aktuelle Tour tatsächlich ausmacht, nämlich Kunst, die Brücken baut.
Die Augsburger Allgemeine bspw. beschrieb am 15.02.2026, wie Grönemeyer in München mit „Streichern und Chor“ überzeugt, nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern mit der Kraft seiner Musik. Die Zuschauer erleben seine politischen Bezüge als Teil eines Ganzen, nicht als Belehrung. Doch Burkhard Ewert scheint nur zu hören, was er hören will; den „Moralapostel“, der ihm den Spiegel vorhält. Denn was stört ihn wirklich? Dass Grönemeyer erfolgreich ist mit einer Haltung, die andere vielleicht selbst nicht so elegant vermitteln könnten?
Sein Artikel ist kein Plädoyer für künstlerische Freiheit, sondern wirkt wie ein Rachefeldzug der Enttäuschten. Ewert trauert dem „alten“ Grönemeyer nach, dem sensiblen Dichter, der keine Forderungen stellte.
Doch Kunst lebt vom Wandel, und Grönemeyers Stärke war immer, poetisch UND politisch zu sein. Dass dies für Burkhard Ewert scheinbar schwer zu ertragen ist, sagt mehr über seinen eigenen Unwillen aus, Widersprüche zuzulassen, als über Grönemeyers Werk.
Mit freundlichen Grüßen
Das trifft es auf den Punkt. Vielen Dank.
Danke für den Kommentar.
Hallo, Herr Reichl –
Zunächst einmal ein Dankeschön für Ihren mir bislang unbekannten Blog und Ihre Beiträge, auf die ich erst durch die Initiative ANK aufmerksam geworden bin.
Über die bisherige „Zensurpraxis“ im alten online-Format kann ich ein Lied singen (eher ein Gesangbuch füllen) und teile Ihre Erfahrungen dahingehend. Weitaus größere Sorgen bereitet mir aber nun das mit großen Worten dekorierte „neue“ Format auf NOZ-online. Als „Kuratiert“ wird es angepriesen- in meinen Augen jedoch ist es nichts weiter als ein seichtes Geplänkel ( ato ernsthafte inhaltliche Auseinandersetzung) über marginale Themen, für das die Eintrittskarte ehrerbietende Zustimmung statt kritischer Beteiligung ist. Dass sich die Beteiligung an diesen „Debatten“ drastisch reduziert hat (im Vergleich zu „früher“, teilweise 90 Kommentare pro Beitrag) überrascht daher kaum. In einem Brief an die Chefredaktion habe ich die neue Kommentarpraxis zynisch als „Betreutes Diskutieren“ bezeichnet- und dieser Eindruck wurde absolut bestätigt: kritische Distanz ist nunmehr noch störender als vorher. Auch deshalb: klasse, Ihre Beiträge hier zu lesen.
Grüße- Bettina Niehoff
Hallo Frau Niehoff,
vielen Dank für Ihren differenzierten und aufschlussreichen Kommentar. Es freut mich besonders, dass der Blog durch die Initiative ANK auf Interesse stößt und Ihre eigenen Erfahrungen mit den restriktiven Debattenformaten der NOZ widergespiegelt werden.
Ihre Beobachtung, dass das als „kuratiert“ beworbene neue Format der NOZ in Wahrheit eine seichte Oberflächlichkeit fördert, während kritische Stimmen systematisch marginalisiert werden, trifft den Kern der Problematik. Die Reduktion der Kommentarbeteiligung ist kein Zufall, sondern logische Konsequenz eines Systems, das ehrerbietende Zustimmung über inhaltliche Auseinandersetzung stellt. Die von Ihnen gewählte Bezeichnung „Betreutes Diskutieren“ beschreibt diese Entwicklung treffend – und unterstreicht, wie notwendig unabhängige Plattformen sind, die Raum für unbequeme Perspektiven bieten.
Dass Sie diese Dynamik nicht nur erkennen, sondern auch aktiv thematisieren, bestätigt den Wert einer informierten und engagierten Leserschaft. In diesem Sinne danke ich Ihnen für die solidarische Unterstützung und lade Sie ein, den Blog weiterhin als Forum für evidenzbasierte Kritik zu nutzen.
Mit freundlichen Grüßen