Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

Schlagwort: Die Linke

Über die Linke, nicht mit ihr. Interview, Agenturtext und Meinung in einer NOZ-Ausgabe.

Die NOZ vom 24.09.2026 widmet der Berliner Linken ein Interview, einen dpa/AFP-Text und eine Meinungsspalte. Die Linke selbst kommt darin kaum zu Wort.

Einen Tag nach den Beiträgen vom 23. September setzt die NOZ nach, ein großes Interview auf Seite 3, direkt daneben ein dpa/AFP-Text zur Regierungsbildung, auf Seite 7 eine Meinungsspalte. Alle drei drehen sich um die Berliner Linke nach ihrem Wahlsieg. Wie immer geht es nicht um Motive, sondern um das, was sich im Text nachweisen lässt.

Das Interview: Ein Kritiker, keine Nachfrage

Michael Clasen befragt Volker Beck, Grünen-Politiker und Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Der Vorspann spricht von hohen Wellen „in der jüdischen Gemeinschaft“. Befragt wird aber der Präsident einer Freundschaftsgesellschaft, kein Vertreter der jüdischen Gemeinden. Die Überschrift „Terrorfreunde im Kader“ ist als Beck-Zitat markiert. Gewählt wurde seine schärfste Formulierung gegen die Linke.Die Fragen setzen den Rahmen mit. Clasen will wissen, wie Beck damit klarkomme, dass die Grünen „ernsthaft darüber nachdenken“, der Linken „zur Macht zu verhelfen“. Die Prämisse steckt in der Frage. Auf Becks Kernbehauptung, in der Partei säßen Terroristenfreunde, folgt keine Nachfrage, worauf sie sich stützt. Fairerweise: Beck äußert sich auch deutlich zur AfD in Sachsen-Anhalt und warnt seine eigene Partei. Das Gewicht liegt dennoch klar auf der Linken.

Der Agenturtext: Vier Stimmen von außen

Der dpa/AFP-Text ist Agenturmaterial, aber die Redaktion entscheidet über Abdruck und Platzierung, hier direkt unter dem Interview. Zu Wort kommen die SPD-Spitze, die Grünen-Politikerin Mihalic, CDU-Innenpolitiker Throm und Zentralratspräsident Schuster. Von der Linken steht nur, dass Ferat Koçak seine Parlamentsfunktionen nach Angaben der Fraktionsspitze ruhen lässt. Spitzenkandidatin Eralp erscheint als Bildunterschrift. Die Unterzeile nimmt vorweg, die Koalition „dürfte schwierig werden“.

Dabei gab es Äußerungen der Linken: Laut ZDF distanzierten sich Eralp und Bundeschefin Schwerdtner mehrfach, Koçak nannte den Chatkontakt einen Fehler und bat um Entschuldigung. Die NOZ-Fassung sagt nur, er habe Kontakte eingeräumt.

Die Meinungsspalte: Eine Überschrift, die der Text nicht einlöst

Philipp Ebert überschreibt seinen Text mit „Warum der Plan selbst Linke schocken wird“. Im Text kommt niemand von der Linken vor, der geschockt wäre. Das „Schocken“ ist eine Prognose des Autors, ohne Beleg. Auch „Israelhass und Antisemitismus toleriert“ steht als Tatsache im Raum.

Ebert nennt den Volksentscheid von 2021, aber nicht sein Ergebnis: 59,1 Prozent der gültigen Stimmen, 57,6 Prozent aller Teilnehmenden, 42,3 Prozent der Stimmberechtigten. Er schreibt ihn der Linken zu, die Bürger hätten „angetrieben von der Linken“ abgestimmt. Trägerin des Volksbegehrens war aber eine Bürgerinitiative. Die Kostenzahl kommt ohne Spanne aus. Der Senat schätzte 2021 die Entschädigung auf 28,8 bis 36 Milliarden Euro, die Initiative auf 7,3 bis 13,7 Milliarden. Ihre aktuelle Schätzung liegt bei 8 bis 18 Milliarden, berechnet aber, was sich aus Mieten refinanzieren ließe, nicht die rechtlich nötige Entschädigung. Ebert nennt „mehr als 30 Milliarden“, also die obere amtliche Zahl. Dass neun Mitglieder der Expertenkommission eine Entschädigung unter Verkehrswert für zulässig hielten, fehlt. Auch der Bericht von 2023, der eine verfassungsgemäße Vergesellschaftung mehrheitlich für möglich hält, kommt nicht vor. „Es passierte nichts“ trifft so nicht: Die Kommission wurde 2022 eingesetzt, es fehlt das Gesetz. Sein Einwand, Enteignungsdrohungen könnten Investoren abschrecken, ist legitim. Er wird aber als Gewissheit präsentiert.

Wer spricht worüber?

Über die Linke wird in dieser Ausgabe viel gesprochen, mit ihr kaum. Das Interview befragt einen Kritiker, der Agenturtext zitiert vier Stimmen von außen, die Meinungsspalte ist die Sicht eines Autors. Die Distanzierungen und Koçaks Entschuldigung kommen nicht vor.

Bei der AfD kennt man es anders. Bspw. im Porträt des Landratskandidaten Jörg Dilge bekam der Kandidat Raum für seine Industriebiografie, und die Verfassungsschutz-Einstufung wurde in drei Artikeln zur „extremistischen Partei“ abgeschwächt. Bei der AfD steht die eigene Erzählung im Vordergrund, bei der Linken die der Kritiker.Das gilt für diese Ausgabe, nicht für jeden Tag. Am 21.09. porträtierte die NOZ Eralp, am 23.09. kam Wolter zu Wort, und im Fall Dilge ordnete die Redaktion Zitate von Weidel und Höcke ein. Auch vergleiche ich ein Porträt mit Vorwurfs-Berichterstattung. Ein Fall mit Vorwurf gegen die AfD und ihrer Stellungnahme wäre der genauere Vergleich.

Das Muster

Am 23.09. fehlte der Kontext. Am 24.09. ist er teils da, aber abgewertet oder ohne die Betroffenen. Das Interview lässt eine Behauptung ungeprüft, der Agenturtext lässt die Angegriffenen schweigen, die Meinungsspalte macht aus einem Volksentscheid ein Parteimanöver. Einzeln lässt sich jedes Stück verteidigen. Zusammen, an einem Tag und auf zwei Seiten, ergibt sich ein Rahmen, der sich aus den Texten selbst belegen lässt.

Ewerts Maßstäbe: 88 und 1312, wenn der Vergleich die Argumentation verrät

Burkhard Ewert vergleicht „1312″ mit NS-Symbolik, und räumt im selben Text ein, dass der Spruch „All Cops are Bastards“ durch die Meinungsfreiheit gedeckt ist. Was das über seine Argumentation sagt.

Burkhard Ewert hat ein Fenster entdeckt. Im Osnabrücker Büro der Linken klebt ein Schild mit „1312″, dem Zahlencode für „All Cops are Bastards“. Das reicht ihm für eine komplette Kolumne. Der Befund an sich ist nicht uninteressant. Die Argumentation aber lohnt einen zweiten Blick.

Der Vergleich, der nicht trägt

Ewert schreibt, „1312″ funktioniere „im selben Stil, wie Neonazis es gerne mit dem Gruß ‚Heil Hitler‘ machen und irgendwo in die Parkbank ‚88′ ritzen“. Das ist ein starker Satz. Zu stark.

88 ist ein etabliertes Erkennungszeichen militanter Neonazis mit jahrzehntelanger Tradition. Es codiert einen Gruß, der im Kern eliminatorisch gemeint ist, als Bekenntnis zu einer Ideologie, die Millionen Menschen ermordete. 1312 dagegen ist eine pauschale, provozierende Institutionskritik, die Ewert selbst im selben Text als juristisch durch die Meinungsfreiheit gedeckt einräumt.

Wenn ich im selben Absatz erkläre, etwas sei rechtlich zulässig, und es gleichzeitig mit neonazistischer Symbolik gleichsetze, dann habe ich ein Argumentationsproblem. Ewert hat es nicht bemerkt, oder er hat es in Kauf genommen.

„Entmenschlichung“, ein Begriff mit Geschichte

Ewert bezeichnet ACAB als Parole, die „der Entmenschlichung eines politischen Gegners“ diene. Das ist ein Begriff, der Gewicht hat. Entmenschlichung ist das rhetorische Werkzeug von Völkermorden. Er wird in der Forschung für Sprache verwendet, die einer Gruppe das Menschsein abspricht, um Gewalt gegen sie denkbar zu machen.

Ob „alle Cops sind Bastarde“ dasselbe leistet wie „Juden sind Untermenschen“, das ist keine Frage, die sich durch Behaupten beantworten lässt. Ewert beantwortet sie nicht. Er setzt es einfach gleich und geht weiter.

Die Asymmetrie, die auffällt

Was den Text wirklich kenntlich macht, ist nicht das Thema, sondern der Anlass. Eine Partei hängt ein Schild ins Fenster, und das löst eine Kolumne aus, die den Begriff „Entmenschlichung“ bemüht und Vergleiche zur NS-Symbolik zieht.

Die Frage, die sich stellt, wann hat Ewert vergleichbare analytische Energie für rechte Symbolik in vergleichbaren Kontexten aufgewandt? Wann wurde in der NOZ eine Kolumne mit dem Wort „Entmenschlichung“ überschrieben, wenn es um Rhetorik gegen Migranten, Geflüchtete oder politische Gegner von rechts ging?

Das ist keine rhetorische Fangfrage. Es ist die Messlatte, die Ewert selbst anlegt, und an der sich sein Werk messen lassen muss.

Was bleibt

ACAB als Parole an einem Parteibüro ist diskutierbar. Die Frage, ob eine Partei, die Regierungsverantwortung trägt, sich solche Symbolik leisten sollte, ist legitim. Ewert stellt sie auch, das ist der vernünftige Kern seiner Kolumne.

Aber wer einen Zahlencode mit NS-Symbolik vergleicht, den Begriff „Entmenschlichung“ für Institutionskritik verwendet und das alles mit demonstrativer Empörung auflädt, der betreibt keine Einordnung. Der betreibt Aufladung. Und die Richtung dieser Aufladung ist, wie so oft bei Ewert, keine zufällige. Was ist da passiert, Herr Ewert?

Leserbrief zu „Populisten bleiben Populisten“ von Jonas Koch, NOZ vom 02.01.2026, Seite 7

Kritik an der NOZ: Warum soziale Kritik kein Populismus ist und die Gleichsetzung von Linkspartei und AfD eine gefährliche falsche Symmetrie darstellt.

Hallo NOZ, hallo Herr Koch,

der Meinungsbeitrag „Populisten bleiben Populisten“ von Jonas Koch leidet an einem zentralen analytischen Fehler. Er setzt linke Sozialpolitik und rechten Demokratieabbau unter dem Schlagwort „Populismus“ faktisch gleich und erzeugt damit eine falsche Symmetrie.

Wenn die Linke steigende Mieten, hohe Lebensmittelpreise und stagnierende Einkommen benennt, ist das kein Populismus, sondern die Beschreibung realer, statistisch belegbarer Probleme. Populismus beginnt nicht bei klarer Sprache, sondern dort, wo komplexe Ursachen bewusst verfälscht, Minderheiten zu Sündenböcken erklärt und demokratische Institutionen delegitimiert werden. Genau das unterscheidet linke Parteien fundamental von rechten Populisten.

Die Gleichsetzung „beide Ränder kochen nach dem gleichen Rezept“ mag rhetorisch gefällig sein, ist politisch aber irreführend. Die AfD bekämpft den pluralistischen Verfassungsstaat, die Linke streitet (ob man ihre Positionen teilt oder nicht) innerhalb dieses Rahmens für Umverteilung und soziale Sicherung. Wer diesen Unterschied verwischt, banalisiert die tatsächliche Gefahr für die Demokratie.Problematisch ist zudem der inflationäre Gebrauch des Populismusbegriffs. Wenn bereits verständliche Sprache, Social-Media-Präsenz und der Verzicht auf technokratische Worthülsen als Populismus gelten, bleibt von seriöser politischer Kommunikation kaum noch etwas übrig. Dann ist nicht Populismus das Problem, sondern eine politische Mitte, die sich zu lange hinter Verwaltungssprache versteckt hat.

Dass demokratische Parteien Wähler zurückgewinnen können, ist richtig. Dafür braucht es aber keine pauschale Populismusdiagnose, sondern die ehrliche Auseinandersetzung mit sozialen Realitäten, und die klare Unterscheidung zwischen demokratischer Interessenpolitik und autoritärer Stimmungsmache.

Mit freundlichen Grüßen