Ewert lamentiert über linke Entmenschlichungsrhetorik, zwei Seiten weiter: Anklage gegen einen Rechtsextremen mit Todeslisten und Sprengsatz-Anleitungen gegen Politiker. Gleiche Ausgabe, gleiche Zeitung, völlig andere Gewichtung. Ein Muster, das man kennt.
Hallo NOZ, hallo Herr Ewert,
der Kommentar „Kein Mitleid mit Jan Fleischhauer“ trägt auf den ersten Blick das Gewand der Ausgewogenheit. Entmenschlichende Sprache sei immer falsch, gleich von welcher Seite, so lautet die Botschaft. Wer genauer liest, erkennt jedoch, worauf der Text eigentlich zielt. Auf Grönemeyers „Ratten“-Begriff, auf die inflationäre Verwendung von „Nazi“, auf linke Rhetorik. Fleischhauers tatsächliche Nutzung einer verbotenen NS-Parole ist da schnell abgehakt.
Zwei Seiten weiter, auf Seite 4 derselben Ausgabe, findet sich eine dpa-Meldung. Die Bundesanwaltschaft hat Anklage gegen einen Mann erhoben, der im Darknet zu Anschlägen auf Politiker aufrief, Todeslisten mit über zwanzig Namen veröffentlichte, darunter Olaf Scholz und Angela Merkel, und Anleitungen zum Bau von Sprengsätzen bereitstellte. Dass die Ermittler den Mann dem rechtsextremen Reichsbürger-Milieu zurechnen, erfährt man im letzten Satz.
Man muss diesen Kontrast festhalten, Grönemeyers Wortwahl erhält einen ausführlichen Kommentar mit Yad-Vashem-Zitat und grundsätzlichen Überlegungen zur Entmenschlichung. Realer rechtsextremer Terror gegen Politiker landet klein und hinten, die Täterideologie als Nachsatz einer Agenturmeldung.
Das ist keine Frage des Formats. Es ist eine Frage der redaktionellen Gewichtung. Welche Bedrohung bekommt Raum, welche wird verwaltet? Ewerts Kommentar suggeriert eine symmetrische Gefahr von links und rechts. Die eigene Zeitung widerlegt diese Symmetrie auf der nächsten Seite, ohne es zu merken.
Entmenschlichende Sprache ist tatsächlich immer problematisch. Aber wer darüber schreibt, während zwei Seiten weiter ein Mann angeklagt wird, der reale Todeslisten und Sprengstoffanleitungen ins Darknet stellte, sollte die Verhältnismäßigkeit im Blick behalten. Die ist hier nicht gewahrt.
NOZ-Forum ‚360°‘: Wenn gesittete Debatten unliebsame Kommentare einfach blockieren, und warum meine Antwort an Burkhard Ewert zu Grönemeyers „rechten Ratten“ technisch unterdrückt wurde.
Als ich mich mit einem Kommentar an der Debatte beteiligte (eine inhaltliche, sachliche Erwiderung auf Ewerts Kritik an Grönemeyers politischer Haltung), erhielt ich nach seiner Replik plötzlich die Meldung: „Kommentar kann aus technischen Gründen nicht abgeschickt werden.“ Während andere Teilnehmer:innen mehrfach posten konnten, blieb meine Stimme unsichtbar. Keine Begründung, keine Korrekturmöglichkeit, einfach ein „Fehler“, der meine Antwort verschluckte.
Das Problem daran, Ihr Format wirbt mit „reflektiertem Diskurs“ und „besten Argumenten“. Doch wenn technische Hürden gezielt kritische Stimmen ausschließen, entsteht der Eindruck, dass hier nicht die Leser:innen debattieren, sondern die Redaktion entscheidet, welche Perspektiven gehört werden. Das ist kein „sportlicher Meinungsaustausch“, sondern eine strukturelle Verzerrung, und die ist weit weniger „gesittet“ als eine klare Haltung wie Grönemeyers „rechte Ratten“.
Ihre Community-Richtlinien betonen, dass „ausschließlich auf Sinnhaftigkeit und Etikette“ geprüft wird. Doch wenn ein Kommentar, der weder unhöflich noch sinnfrei war, einfach nicht ankommt, stellt sich die Frage: Wer wird hier eigentlich zensiert, und warum?
Ich würde mich über eine Erklärung freuen, wie es zu diesem technischen Fehler kam, und ob meine Antwort an Burkhard Ewert vielleicht doch noch nachgereicht werden kann. Schließlich geht es in einer echten Debatte nicht um Wer hat recht?“, sondern um „Wer darf überhaupt antworten?“
Mit freundlichen Grüßen
Update 19.03.2026, die NOZ schickt eine Antwort:
Hallo Herr Reichl,
Ihre Antwort an Herrn Ewert ist angekommen. Die hatten Sie am Dienstag ja auch noch per Mail an uns verschickt.
Zum technischen Fehler:
Wir können nicht nachvollziehen, wo genau das technische Problem lag. Wir können nur so viel sagen: Ihr zweiter Kommentar (also Ihre Antwort auf den Kommentar von Herrn Ewert) ist nie bei uns im System angekommen.
Ihrem Vorwurf, dass „technische Hürden gezielt kritische Stimmen ausschließen“ möchten wir daher entschieden widersprechen. Dem ist nicht so!
Im Nachgang des Debattenformats haben wir keinerlei weitere Rückmeldungen zu etwaigen „technischen Problemen“ erhalten.
Wir würden uns freuen, wenn Sie bei der nächsten Debatte wieder dabei sind.
VG vom Community-Team
Und meine Antwort darauf:
Hallo Community-Team,
vielen Dank für Ihre Antwort. Dass mein Kommentar nie im System angekommen ist, bestätigt leider genau das Problem. Wenn kritische Stimmen „verschwinden“, ohne dass es bei Ihnen eine Fehlermeldung oder eine Benachrichtigung gibt, wirkt das nicht wie ein technischer Fehler, sondern wie ein Feature.
Dass „keinerlei weitere Rückmeldungen“ zu technischen Problemen eingingen, nun ja. Wer blockiert wird, weiß vielleicht gar nicht, dass er blockiert wurde, oder gibt irgendwann auf.
Dass Sie meinen Vorwurf der „gezielten Ausschließung“ zurückweisen, ist verständlich. Doch wenn ein System kritische Antworten (wie meine) nicht ankommen lässt, während unkritische Beiträge problemlos durchgehen, stellt sich die Frage, wer eigentlich prüft, ob das System fair funktioniert?
Ihr Angebot, bei der nächsten Debatte wieder dabei zu sein, nehme ich zur Kenntnis. Vielleicht dann mit transparenten Regeln…
Wie kann sichergestellt werden, dass Kommentare nicht einfach verschwinden?Warum gibt es keine Benachrichtigung, wenn ein Beitrag nicht ankommt? Wer überprüft, ob das System alle Stimmen gleich behandelt?
Eine „gesittete Debatte“ lebt davon, dass alle gehört werden, nicht nur die, deren Kommentare ankommen. Ich bleibe gespannt, ob die nächste Runde diese Standards erfüllt.
Ein Erfahrungsbericht über das neue Debattenformat „360°“ über Grönemeyer der Neuen Osnabrücker Zeitung, und warum meine Antwort an Burkhard Ewert „aus technischen Gründen“ verschwand.
Die Ausgangslage: Kunst, Moral und ein Forum der NOZ
Am 19.02.2026 veröffentlichte die Neue Osnabrücker Zeitung (NOZ) einen Artikel von Burkhard Ewert über Herbert Grönemeyers politische Haltung – und eröffnete dazu am 17.03.2026 ihr neues Debattenformat „360° – Das Forum“. Die Idee dahinter ist, dass Leser:innen unterschiedliche Perspektiven einbringen sollten. Ich beteiligte mich mit einem Kommentar, der Ewerts Vorwurf der „Moralkeule“ infrage stellte, und argumentierte, dass Grönemeyers klare Haltung gegen Rechtsextremismus keine Spaltung, sondern eine notwendige Abgrenzung ist.
Mein Kommentar…
…endete mit der Frage: „Kann Kunst Extremismus benennen, ohne als ‚spaltend‘ zu gelten – oder ist das Problem vielmehr, dass manche Haltung nur dann akzeptieren, wenn sie nicht wehtut?“
Ewerts Antwort: „Rechte Ratten“ als Beleg für Spaltung?
Burkhard Ewert reagierte prompt, und zitierte Grönemeyers harte Worte gegen Rechtsextreme („rechte Ratten“, „Klappe halten“) als Beleg dafür, dass dieser doch spalte. Seine Argumentation: „Finde ich jetzt nicht so verbindend.“
Doch hier liegt der Denkfehler. Grönemeyers Aussagen richten sich nicht gegen „Andersdenkende““ sondern gegen offen rassistische, demokratiefeindliche Positionen. Wer „rechte Ratten“ sagt, meint keine politischen Gegner, sondern jene, die Menschlichkeit und Verfassungswerte aktiv ablehnen. Das ist keine „Spaltung“, sondern eine notwendige Haltung gegen Hass. Und die ist in der Kunst nicht nur legitim, sondern überfällig.
Das Problem: Die NOZ beendet die Debatte, technisch
Ich wollte auf Ewerts Kommentar erwidern. Doch stattdessen erhielt ich diese Meldung:
Die Ironie der Geschichte, das Forum sollte „360°“-Perspektiven ermöglichen, pünktlich nach zwei Stunden wurde es geschlossen. Andere Kommentator:innen konnten mehrfach antworten, ich nicht. Ewerts letzte Replik blieb damit unwidersprochen, nicht wegen inhaltlicher Schwäche, sondern wegen eines technischen Fehlers (?).
Meine Mail an die NOZ, und die offene Frage
Da eine Antwort im Forum unmöglich war, schrieb ich anden angebotenen (autoreplyer) feedback@noz.de, und setzte Burkhard Ewert in Kopie. Meine zentrale These lautet: Vielleicht ist das Problem nicht Grönemeyers „Moralkeule“, sondern dass Sie Haltung nur dann akzeptieren, wenn sie nicht wehtut.
Bisher gab es keine Antwort. Doch die eigentliche Frage bleibt, wer entscheidet, was in einer Debatte gesagt werden darf, und wer wird unsichtbar gemacht?
Fazit: Spaltet Grönemeyer – oder spaltet die NOZ?
Grönemeyers Haltung ist keine „Spaltung“, sondern eine klare Positionierung gegen Extremismus. Ewerts Kritik verkennt, dass Kunst nicht „neutral“ sein muss, sondern gerade durch Haltung wirkt. Die NOZ hat mit ihrem technischen Fehler aktiv eine Debatte beendet, und damit genau das getan, was Ewert Grönemeyer vorwirft: bestimmte Stimmen ausschließen.
Am Ende zeigt dieser Vorfall, das Debattenkultur nicht an „moralisierenden Künstlern“, scheitert sondern an Strukturen, die Teilnahme verhindern. Zensur beginnt oft nicht mit Absicht, sondern mit technischen Hürden, die nur bestimmte Stimmen treffen.
PS: Falls die NOZ doch noch reagiert, werde ich diesen Beitrag aktualisieren. Bis dahin gilt wohl, dass wer die Debatten kontrolliert, die Wahrheit kontrolliert. Und manchmal reicht schon ein „technischer Fehler“.
Hallo Herr Reichl, Ihre Antwort an Herrn Ewert ist angekommen. Die hatten Sie am Dienstag ja auch noch per Mail an uns verschickt.
Zum technischen Fehler: Wir können nicht nachvollziehen, wo genau das technische Problem lag. Wir können nur so viel sagen: Ihr zweiter Kommentar (also Ihre Antwort auf den Kommentar von Herrn Ewert) ist nie bei uns im System angekommen. Ihrem Vorwurf, dass „technische Hürden gezielt kritische Stimmen ausschließen“ möchten wir daher entschieden widersprechen. Dem ist nicht so! Im Nachgang des Debattenformats haben wir keinerlei weitere Rückmeldungen zu etwaigen „technischen Problemen“ erhalten.
Wir würden uns freuen, wenn Sie bei der nächsten Debatte wieder dabei sind.
VG vom Community-Team
Und meine Antwort darauf:
Hallo Community-Team,
vielen Dank für Ihre Antwort. Dass mein Kommentar nie im System angekommen ist, bestätigt leider genau das Problem. Wenn kritische Stimmen „verschwinden“, ohne dass es bei Ihnen eine Fehlermeldung oder eine Benachrichtigung gibt, wirkt das nicht wie ein technischer Fehler, sondern wie ein Feature.
Dass „keinerlei weitere Rückmeldungen“ zu technischen Problemen eingingen, nun ja. Wer blockiert wird, weiß vielleicht gar nicht, dass er blockiert wurde, oder gibt irgendwann auf.
Dass Sie meinen Vorwurf der „gezielten Ausschließung“ zurückweisen, ist verständlich. Doch wenn ein System kritische Antworten (wie meine) nicht ankommen lässt, während unkritische Beiträge problemlos durchgehen, stellt sich die Frage, wer eigentlich prüft, ob das System fair funktioniert?
Ihr Angebot, bei der nächsten Debatte wieder dabei zu sein, nehme ich zur Kenntnis. Vielleicht dann mit transparenten Regeln… Wie kann sichergestellt werden, dass Kommentare nicht einfach verschwinden? Warum gibt es keine Benachrichtigung, wenn ein Beitrag nicht ankommt? Wer überprüft, ob das System alle Stimmen gleich behandelt?
Eine „gesittete Debatte“ lebt davon, dass alle gehört werden, nicht nur die, deren Kommentare ankommen. Ich bleibe gespannt, ob die nächste Runde diese Standards erfüllt.
Burkhard Ewert und der Künstler, den er sich wünscht. Warum seine Grönemeyer-Kritik mehr über ihn selbst verrät.
Hallo NOZ, hallo Herr Ewert,
Burkhard Ewerts Attacke auf Herbert Grönemeyer („Aus dem Humanisten ist ein Misanthrop geworden“) offenbart weniger über den Sänger als über den Kritiker selbst. Ewert wirft Grönemeyer vor, mit „dogmatischen Phrasen“ zu predigen, doch sein eigener Text ist ein Meisterwerk der selektiven Empörung. Während er Grönemeyers politische Äußerungen als „Anweisungen“ geißelt, ignoriert er geflissentlich, was dessen aktuelle Tour tatsächlich ausmacht, nämlich Kunst, die Brücken baut.
Die Augsburger Allgemeine bspw. beschrieb am 15.02.2026, wie Grönemeyer in München mit „Streichern und Chor“ überzeugt, nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern mit der Kraft seiner Musik. Die Zuschauer erleben seine politischen Bezüge als Teil eines Ganzen, nicht als Belehrung. Doch Burkhard Ewert scheint nur zu hören, was er hören will; den „Moralapostel“, der ihm den Spiegel vorhält. Denn was stört ihn wirklich? Dass Grönemeyer erfolgreich ist mit einer Haltung, die andere vielleicht selbst nicht so elegant vermitteln könnten?
Sein Artikel ist kein Plädoyer für künstlerische Freiheit, sondern wirkt wie ein Rachefeldzug der Enttäuschten. Ewert trauert dem „alten“ Grönemeyer nach, dem sensiblen Dichter, der keine Forderungen stellte.
Doch Kunst lebt vom Wandel, und Grönemeyers Stärke war immer, poetisch UND politisch zu sein. Dass dies für Burkhard Ewert scheinbar schwer zu ertragen ist, sagt mehr über seinen eigenen Unwillen aus, Widersprüche zuzulassen, als über Grönemeyers Werk.
Mit freundlichen Grüßen
Willkommen beim NOZblog
Auf diesem Blog dokumentiere ich meine seit Februar 2025 verfassten Leserbriefe an die Neue Osnabrücker Zeitung (NOZ).
Du findest hier:
Analysen & Medienkritik: Hintergründe zu NOZ-Artikeln, Machtstrukturen, Medienethik
Politische Einordnungen: Meine Kommentare zu lokalen und bundespolitischen Themen
Ziel dieses Blogs ist es, politischen Diskurs transparent zu machen und eine kritische Stimme zur lokalen Presselandschaft beizutragen.