Seit über einem Jahr veröffentlicht die NOZ keinen Leserbrief von mir. Erwähnt werde ich nur noch in den Live-Formaten, und auch dort nur, wie es in die Zusammenfassung passt. Zwei Fälle im Vergleich.
Die NOZ hat die Debatte „Sollte die Linke Berlin regieren?“ am 07.11.2026 auf Seite 2 nachbereitet. Ich werde namentlich zitiert, mit vollem Namen, mein Kernargument im Wortlaut, „Das ist keine Erpressbarkeit, sondern eine befolgte Sicherheitsempfehlung.“ Das ist zunächst (fast) die beste Behandlung, die mir die NOZ je hat zukommen lassen. Ein Blick auf den Kontext trübt das Bild aber erheblich.
Die Chronologie
05.11.2025: Mein letzter veröffentlichter Leserbrief. Seitdem habe ich regelmäßig geschrieben, kein einziger wurde gedruckt.
22.05.2026: Erwähnung in der Zusammenfassung von „360° | Das Forum“, nur paraphrasiert, ohne mein eigentliches Argument, das hier und hier dokumentiert ist.

07.11.2026: Erwähnung in der Zusammenfassung von „360° | Die Debatte“, diesmal wörtlich zitiert.

Die einzige Möglichkeit, in der NOZ noch sichtbar zu werden, ist also die Teilnahme an Live-Formaten, deren Dramaturgie eine gewisse Repräsentation von Gegenstimmen vorsieht. Das kuratierte Leserbrief-Format, in dem die Redaktion frei entscheidet, bleibt für mich seit einem Jahr geschlossen.
Was die Zusammenfassungen jeweils daraus machen
Der Vergleich der beiden Nachbereitungen ist aufschlussreich. Im Mai wurde meine Kritik am Framing als inhaltliche Leerstelle verbucht („es fehle an inhaltlichen Gegenargumenten“), eine rhetorische Verschiebung, die ich damals bereits beschrieben habe. Im November wird zitiert, aber leicht verschoben. Ich habe argumentiert, Eralps Verhalten sei eine befolgte Sicherheitsempfehlung und keine Erpressbarkeit. Die Zusammenfassung macht daraus, ich hätte „verteidigt, dass Eralp damit nicht absichtlich an die Öffentlichkeit ging“. Das Büroversehen war Kontext der Veröffentlichung, nicht mein Argument. Die Verschiebung ist klein, aber sie verlagert die Debatte von der Sache (gilt die LKA-Empfehlung als Erpressbarkeit?) auf den Meta-Punkt (wie kamen die Notizen an die Öffentlichkeit?), auf den Ebert mit „öffentlichem Interesse“ bequem antworten kann.
In beiden Fällen gilt dasselbe Strukturprinzip. Eberts These bildet den Rahmen, der Kritiker liefert den kurzen „Gegenwind“, den der Redakteur mit einem Satz abschließt. Die Überschriften der Nachbereitungen („Fehlender Kompass und viel Frust“, „Hoffnung und Skepsis“) sind bereits das Schema; zwei Seiten, Kontroverse simuliert, die Position des Hauses steht am Ende.
Kein Einzelbefund
Ich weiß, was ich hier nicht behaupten kann. Ob die Nichtveröffentlichung meiner Leserbriefe eine bewusste Entscheidung ist oder redaktioneller Zufall, kann ich nicht belegen. Was sich belegen lässt ist, dass in zwölf Monaten keine einzige meiner Einsendungen ins Blatt gekommen ist, während beide Live-Format-Erwähnungen gerade so gerahmt wurden, dass die Kernthese des jeweiligen Redakteurs unangetastet bleibt. Bei Ewert habe ich das Framing ausführlich beschrieben. Bei Ebert zeigt sich dieselbe Mechanik. Seine Wiederholung des Kernsatzes im Print-Artikel beantwortet keines der Gegenargumente, weder die Gefährdungslage, deretwegen Eralp inzwischen Polizeischutz erhält, noch die Frage, welche Distanzierung überhaupt genügen würde.
Vielleicht ist das die eigentliche Funktion der Formate, sie erlauben den Dialog, den die Leserbriefseite verweigert, aber sie behalten die Regie.