Soziologische Entwarnung mit blinden Flecken – Mein Widerspruch zu Detlef Pollacks „Mär von der rechtsextremen Mitte“.
Hallo NOZ, hallo Herr Pollack,
Detlef Pollacks (Ihre) Kolumne in der NOZ vom 24.01.2026 gibt sich als soziologisch nüchterne Korrektur eines hysterischen Diskurses. Tatsächlich demonstriert sie vor allem, wie man mit wissenschaftlicher Autorität eine politisch folgenreiche Verkürzung legitimiert.
Pollack erklärt die Diagnose einer nach rechts driftenden Mitte zur „Mär“, indem er sich auf den geringen Anteil „geschlossener rechtsextremer Weltbilder“ (3–4 Prozent) beruft. Als Soziologe weiß er jedoch genau, dass die empirische Extremismusforschung nicht nur geschlossene Weltbilder, sondern auch autoritäre, menschenfeindliche und demokratieambivalente Einstellungselemente misst. Und diese reichen seit Jahren deutlich in die gesellschaftliche Mitte hinein. Dass Pollack diese Differenzierung unterschlägt, ist kein Versehen, sondern eine argumentative Entscheidung.
Noch problematischer ist seine diskursive Strategie. Anstatt sich mit den inhaltlichen Befunden auseinanderzusetzen, pathologisiert er die Warnungen vor rechten Verschiebungen als moralische Selbstaufwertung der „Deutungseliten“. Damit ersetzt er Analyse durch Psychologisierung. Ein bemerkenswerter Schritt für jemanden, der vorgibt, den Diskurs zu versachlichen. Wer vor Rassismus, Antisemitismus und Autoritarismus warnt, betreibt keine „Ungleichwertigkeitsideologie“, sondern verteidigt demokratische Normen. Diese Gleichsetzung ist nicht nur analytisch falsch, sie relativiert Kritik, indem sie sie moralisch delegitimiert.
Besonders irritierend ist, dass Pollack nahezu vollständig ausblendet, was jenseits von Einstellungsitems längst Realität ist, so wie die Normalisierung rechter Sprache, das Wahlverhalten, die institutionelle Präsenz autoritärer Akteure, die Zunahme politisch motivierter Gewalt. Gesellschaftliche Verschiebungen lassen sich nicht wegsoziologisieren, indem man sich auf die engste verfügbare Messkategorie zurückzieht.
Am Ende produziert die Kolumne genau das, was sie anderen vorwirft, nämlich eine Selbstinszenierung als Stimme der Vernunft, diesmal jedoch mit entdramatisierender Wirkung. Auch Entwarnung ist politisch. Wer sie mit wissenschaftlichem Gestus vorträgt, sollte sorgfältiger trennen zwischen empirischer Präzision und publizistischer Zuspitzung.
Mit freundlichen Grüßen
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