Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen seit 2025

Autor: Timm Reichl (Seite 2 von 46)

Leserbrief zu „Merz täuscht das Volk nicht – Bestsellerautor und Theologe Manfred Lütz widerspricht Chefredakteur Burkhard Ewert“ in der NOZ vom 10.01.2025, Seite 2

Der Leserbrief kritisiert Manfred Lütz‘ Verteidigung von Friedrich Merz und enthüllt rhetorische Tricks, die echte politische Verantwortung in Frage stellen. Apologetik ersetzt keine Aufrichtigkeit und untergräbt das Vertrauen in die Demokratie.

Hallo NOZ, hallo Herr Lütz,

hier mein Leserbrief zu siehe Titel.

Apologetik ersetzt keine Aufrichtigkeit

Die Replik von Manfred Lütz auf den Kommentar des Chefredakteurs Burkhard Ewert ist weniger eine sachliche Erwiderung als eine politische Verteidigungsrede für Friedrich Merz. Was als Differenzierung verkauft wird, ist bei näherem Hinsehen eine systematische Entlastungsrhetorik.

Zentral ist dabei der rhetorische Taschenspielertrick, Wahlkampfaussagen nachträglich zu bloßen „Positionen“ umzudeuten, die angeblich nie verbindlich gemeint waren. Wer jedoch im Wahlkampf kategorisch an der Schuldenbremse festhält, darf sich nicht wundern, wenn Wählerinnen und Wähler darin mehr sehen als eine unverbindliche Diskussionsgrundlage. Demokratie lebt vom Vertrauen in politische Kommunikation, nicht von semantischen Rückzugsgefechten nach der Wahl.

Auch die Konstruktion einer angeblich völlig neuen „Zeitenwende“ im Februar 2025 überzeugt nicht. Die sicherheitspolitische Lage Europas, der Ukrainekrieg und die Unzuverlässigkeit der USA unter Trump waren lange vor der Bundestagswahl bekannt. Wer diese Realität im Wahlkampf ausblendet, trägt Verantwortung für enttäuschte Erwartungen. Das nachträglich mit „staatspolitischer Notwendigkeit“ zu übertünchen, ist bequem, aber nicht redlich.

Besonders irritierend ist der moralische Gestus des Beitrags. Kritiker werden als hämisch, lösungsunfähig oder moralbesessen abqualifiziert, während der Kanzler zum überkritischen Staatsmann stilisiert wird, der sich angeblich jeder normalen politischen Rechenschaft entzieht. Genau diese Immunisierung politischer Führung gegen berechtigte Kritik beschädigt das Vertrauen in die Demokratie, nicht deren Einforderung.

Man kann Friedrich Merz verteidigen. Man sollte dann aber Argumente prüfen, Widersprüche benennen und Verantwortung anerkennen. Lobhudelei ersetzt keine Aufrichtigkeit und schon gar keine politische Analyse.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Umgang mit der AfD – Abgrenzung bleibt weiter nötig“ von Leon Grupe, NOZ vom 03.01.2026, Seite 1

Kritischer Leserbrief zur AfD-Debatte: Warum CDU und Medien durch Grenzverschiebung und falsche Ausgewogenheit Rechtsextreme stärken.

Hallo NOZ, hallo Herr Grupe,

hier mein Leserbrief:

Brandmauer ist Pflicht und nicht verhandelbar

Die AfD ist nicht wegen der Brandmauer stark geworden, sondern weil sie politisch und medial immer wieder aufgeweicht wurde. Wer das Gegenteil behauptet, ignoriert Forschung und Erfahrung. Politikwissenschaftlich ist seit Jahren klar, dass die Übernahme rechter Narrative und das gemeinsame Abstimmen mit Rechtsaußen stärken nicht die Demokratie, sondern legitimieren Extremisten.

Besonders die CDU/CSU trägt hier Verantwortung. Unter Friedrich Merz wurden migrationspolitische Zuspitzungen, symbolische Härte und bewusste Grenzverschiebungen salonfähig gemacht, bis hin zu gemeinsamen Mehrheiten mit der AfD im Bundestag. Das ist kein „strategischer Fehler“, sondern ein Tabubruch. Wer AfD-Positionen kopiert oder ihre Stimmen billigend in Kauf nimmt, stärkt das Original.

Die Fakten sind eindeutig: Die AfD wird in mehreren Bundesländern als gesichert rechtsextrem eingestuft, bundesweit als Verdachtsfall. Führende Vertreter relativieren NS-Verbrechen, propagieren „Remigration“ und greifen die freiheitlich-demokratische Grundordnung offen an. Das ist keine normale Partei.

Auch Medien tragen Verantwortung. Wenn rechtsextreme Positionen als legitime „Alternative“ oder taktische Option diskutiert werden, verschiebt sich der Maßstab. Demokratie braucht Widerspruch, nicht falsche Ausgewogenheit.

Eine Brandmauer ersetzt keine gute Politik. Aber ohne eine glaubwürdige, konsequente Abgrenzung verlieren demokratische Parteien ihre rote Linie und machen Rechtsextreme anschlussfähig. Das darf nicht der Preis für kurzfristige Umfragegewinne sein.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Populisten bleiben Populisten“ von Jonas Koch, NOZ vom 02.01.2026, Seite 7

Kritik an der NOZ: Warum soziale Kritik kein Populismus ist und die Gleichsetzung von Linkspartei und AfD eine gefährliche falsche Symmetrie darstellt.

Hallo NOZ, hallo Herr Koch,

der Meinungsbeitrag „Populisten bleiben Populisten“ von Jonas Koch leidet an einem zentralen analytischen Fehler. Er setzt linke Sozialpolitik und rechten Demokratieabbau unter dem Schlagwort „Populismus“ faktisch gleich und erzeugt damit eine falsche Symmetrie.

Wenn die Linke steigende Mieten, hohe Lebensmittelpreise und stagnierende Einkommen benennt, ist das kein Populismus, sondern die Beschreibung realer, statistisch belegbarer Probleme. Populismus beginnt nicht bei klarer Sprache, sondern dort, wo komplexe Ursachen bewusst verfälscht, Minderheiten zu Sündenböcken erklärt und demokratische Institutionen delegitimiert werden. Genau das unterscheidet linke Parteien fundamental von rechten Populisten.

Die Gleichsetzung „beide Ränder kochen nach dem gleichen Rezept“ mag rhetorisch gefällig sein, ist politisch aber irreführend. Die AfD bekämpft den pluralistischen Verfassungsstaat, die Linke streitet (ob man ihre Positionen teilt oder nicht) innerhalb dieses Rahmens für Umverteilung und soziale Sicherung. Wer diesen Unterschied verwischt, banalisiert die tatsächliche Gefahr für die Demokratie.Problematisch ist zudem der inflationäre Gebrauch des Populismusbegriffs. Wenn bereits verständliche Sprache, Social-Media-Präsenz und der Verzicht auf technokratische Worthülsen als Populismus gelten, bleibt von seriöser politischer Kommunikation kaum noch etwas übrig. Dann ist nicht Populismus das Problem, sondern eine politische Mitte, die sich zu lange hinter Verwaltungssprache versteckt hat.

Dass demokratische Parteien Wähler zurückgewinnen können, ist richtig. Dafür braucht es aber keine pauschale Populismusdiagnose, sondern die ehrliche Auseinandersetzung mit sozialen Realitäten, und die klare Unterscheidung zwischen demokratischer Interessenpolitik und autoritärer Stimmungsmache.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Entscheidung gegen den Hass – Erika Kirk will Versöhnung im gespaltenen Land“ von Burkhard Ewert, NOZ vom 31.12.2025, Seite 34

Wenn Moral Analyse ersetzt: Ein Leserbrief über die journalistische Doppelmoral der NOZ im Umgang mit dem Kommentar zu Erika Kirk.

Hallo NOZ, hallo Herr Ewert,

der Kommentar von Burkhard Ewert zur Witwe von Charlie Kirk ist weniger Meinungsbeitrag als moralische Verklärung. Eine persönliche Geste der Vergebung wird zur politischen Großtat überhöht, während der politische Kontext systematisch ausgeblendet wird. Charlie Kirk war kein neutraler Versöhner, sondern ein zentraler Akteur der US-amerikanischen Rechtsradikalisierung. Diese Tatsache verschwindet im Text nahezu vollständig.

Auffällig ist dabei die journalistische Doppelmoral. Wo bei linken oder progressiven Akteuren jedes Wort, jede Nähe, jede Wirkungskette kritisch seziert wird, ersetzt hier religiöses Pathos die notwendige Einordnung. Kritik wird nicht argumentativ aufgegriffen, sondern pauschal als „Empörung ohne Maß“ delegitimiert. Das ist keine Auseinandersetzung, sondern eine moralische Abschottung.

Selbstverständlich ist es respektabel, wenn eine Witwe nicht zu Hass und Vergeltung aufruft. Daraus jedoch eine nationale Beruhigungserzählung zu konstruieren, ist journalistisch dünn und politisch bequem. Vergebung ist eine persönliche Haltung, sie enthebt weder Personen noch Bewegungen ihrer Verantwortung für das Klima, das sie mit geschaffen haben.

Meinungsstarke Kommentare sind legitim. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass sie mit gleichen Maßstäben messen. Genau daran mangelt es diesem Text.

Dem Team der NOZ wünsche ich einen gesunden Start in 2026, bleiben Sie mir gewogen.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Sinkendes Vertrauen in das Bundesverfassungsgericht – Fähigkeit zum Konsens nimmt ab“ von Philipp Ebert, NOZ vom 30.12.2025, Seite 2

Warum der Ruf nach Vertrauen ins Bundesverfassungsgericht beschwichtigt statt erklärt, und weshalb Kritik demokratisch notwendig ist.

Hallo NOZ, hallo Herr Ebert,

der Meinungsartikel zum angeblich sinkenden Vertrauen in das Bundesverfassungsgericht bleibt bemerkenswert folgenlos. Zwar wird ein Vertrauensrückgang konstatiert, zugleich aber eingeräumt, dass sich die meisten Befragten kaum mit Entscheidungen aus Karlsruhe beschäftigen. Diese Spannung wird nicht aufgeklärt, sondern umgedeutet: Nicht das Gericht, sondern „die Gesellschaft“ soll das Problem sein.

Konkrete Gründe für Skepsis werden auffällig vermieden. Politisch hoch umstrittene Urteile, etwa zu Corona-Maßnahmen, Klimaschutz, Wahlrecht oder Asyl, tauchen nicht auf. Stattdessen wird der Vertrauensverlust pauschal Individualisierung und Digitalisierung zugeschrieben. Das entpolitisiert einen zutiefst politischen Vorgang.

Besonders irritierend ist der normative Unterton: Misstrauen erscheint als Gefahr, Vertrauen als Pflicht. Dabei ist das Bundesverfassungsgericht kein Konsensstifter, sondern ein Machtfaktor, dessen Entscheidungen kritisiert werden müssen dürfen. Demokratie lebt nicht vom Nimbus unangreifbarer Institutionen, sondern von nachvollziehbaren Entscheidungen und öffentlicher Kritik.

Wer Vertrauen einfordert, sollte zuerst erklären, nicht beschwichtigen.

Mit freundlichen Grüßen

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