Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen seit 2025

Autor: Timm Reichl (Seite 3 von 46)

Leserbrief zu „Sinkendes Vertrauen in das Bundesverfassungsgericht – Fähigkeit zum Konsens nimmt ab“ von Philipp Ebert, NOZ vom 30.12.2025, Seite 2

Warum der Ruf nach Vertrauen ins Bundesverfassungsgericht beschwichtigt statt erklärt, und weshalb Kritik demokratisch notwendig ist.

Hallo NOZ, hallo Herr Ebert,

der Meinungsartikel zum angeblich sinkenden Vertrauen in das Bundesverfassungsgericht bleibt bemerkenswert folgenlos. Zwar wird ein Vertrauensrückgang konstatiert, zugleich aber eingeräumt, dass sich die meisten Befragten kaum mit Entscheidungen aus Karlsruhe beschäftigen. Diese Spannung wird nicht aufgeklärt, sondern umgedeutet: Nicht das Gericht, sondern „die Gesellschaft“ soll das Problem sein.

Konkrete Gründe für Skepsis werden auffällig vermieden. Politisch hoch umstrittene Urteile, etwa zu Corona-Maßnahmen, Klimaschutz, Wahlrecht oder Asyl, tauchen nicht auf. Stattdessen wird der Vertrauensverlust pauschal Individualisierung und Digitalisierung zugeschrieben. Das entpolitisiert einen zutiefst politischen Vorgang.

Besonders irritierend ist der normative Unterton: Misstrauen erscheint als Gefahr, Vertrauen als Pflicht. Dabei ist das Bundesverfassungsgericht kein Konsensstifter, sondern ein Machtfaktor, dessen Entscheidungen kritisiert werden müssen dürfen. Demokratie lebt nicht vom Nimbus unangreifbarer Institutionen, sondern von nachvollziehbaren Entscheidungen und öffentlicher Kritik.

Wer Vertrauen einfordert, sollte zuerst erklären, nicht beschwichtigen.

Mit freundlichen Grüßen

Replik zum Leserbrief „Aktueller Plan stellt Ukraine schlechter“ von Thomas Polewsky, NOZ vom 29.12.2025, Seite 2

Faktencheck zum Leserbrief über den Ukraine-Krieg 2022: Gab es einen Friedensplan ohne Gebietsverluste, und wie beeinflussten westliche Staaten die Verhandlungen?

Hallo NOZ,

der Leserbrief von Herrn Polewsky suggeriert, Ende März 2022 sei ein Friedensplan für die Ukraine ohne Gebietsverluste bereits „auf dem Tisch“ gelegen, der vom Westen aktiv verhindert worden sei. Diese Darstellung ist jedoch historisch nicht belegbar.

Zwar fanden Ende März 2022 in Istanbul erste direkte Gespräche zwischen russischen und ukrainischen Delegationen statt, in denen Sicherheitsgarantien, Neutralität und Autonomiefragen diskutiert wurden. Ein abgeschlossener Friedensvertrag mit den im Leserbrief beschriebenen Bedingungen existierte jedoch nicht.

Vielmehr blieben zentrale Punkte, insbesondere die Krim, die Kontrolle über den Donbass und Sicherheitsgarantien, ungelöst. Zahlreiche Analysen weisen darauf hin, dass das Scheitern der Verhandlungen vor allem auf nicht erfüllbare Forderungen Russlands zurückzuführen war.

Die These, dass der Westen oder Boris Johnson einen Frieden absichtlich verhindert hätten, ist nicht durch seriöse Quellen gedeckt. Auch die ukrainische Regierung widersprach mehrfach solchen Darstellungen. Historische Quellen und Berichte von unabhängigen Medien zeigen, dass politische Entscheidungen in Kiew komplexen militärischen und diplomatischen Realitäten geschuldet waren und nicht der Einfluss einzelner westlicher Politiker.

Frieden und diplomatische Lösungen bleiben wünschenswert, doch sollten sie auf überprüfbaren Fakten basieren. Spekulationen über „verhinderte Friedenspläne“ verkennen die Realität der Verhandlungen und tragen nicht zu einer sachlichen Debatte bei.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Deutsche schauen positiv in die Zukunft – Politiker sollten das beherzigen – Ein Wunsch: Rückkehr zur Tagesordnung“ von Karsten Krogmann, NOZ vom 29.12.2025, Seite 1

Warum die Sehnsucht nach „Normalität“ politisch trügt: Ein Leserbrief über Reformstau, Machtfragen und verkürzte Sachlichkeitsrhetorik.

Hallo NOZ, hallo Herr Krogmann,

der Meinungsbeitrag „Ein Wunsch: Rückkehr zur Tagesordnung“ kritisiert zu Recht den politischen Stillstand bei Mieten, Lebenshaltungskosten, Bildung und Infrastruktur. Problematisch ist jedoch die zugrunde liegende Diagnose.

Die Auseinandersetzung um die Besetzung des Bundesverfassungsgerichts als bloßes „Randthema“ abzutun, verkennt deren demokratische Bedeutung. Wer in Karlsruhe Recht spricht, entscheidet über Grundrechte, soziale Sicherung, Wahlrecht und staatliche Eingriffe, das ist kein politisches Nebengeräusch, sondern ein Machtzentrum. Institutionenpolitik gegen Sachpolitik auszuspielen, greift zu kurz.

Unklar bleibt zudem, was mit „Rückkehr zur Normalität“ gemeint ist. Viele der heute beklagten Probleme sind gerade das Ergebnis dieser früheren Normalität: jahrelange Unterinvestitionen, eine marktgetriebene Wohnungspolitik und Reformvermeidung. Eine Rückkehr dorthin würde die Ursachen nicht beheben, sondern verstetigen.

Auch der Verweis auf eine optimistischere Grundstimmung in der Bevölkerung ersetzt keine inhaltliche Auseinandersetzung mit Zielkonflikten. Reformen sind notwendig, aber sie sind politisch umstritten. Wer den „großen Wurf“ fordert, sollte benennen, wer die Lasten trägt. Dass ausgerechnet der Arbeitgeberpräsident hier unkommentiert als Kronzeuge dient, verstärkt den Eindruck einer einseitigen Perspektive.

Mehr Sachpolitik ist nötig. Aber sie beginnt nicht mit der Abwertung demokratischer Debatten, sondern mit klaren Prioritäten, ehrlichen Konfliktlinien und der Anerkennung, dass Personal- und Institutionenfragen Teil der Sache sind.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Chefinnen von Hateaid sind keine Heldinnen“ von Gabriel Kords, NOZ vom 29.12.2025, Seite 4

Hateaid kritisieren ist legitim – Fakten zu verdrehen nicht. Warum der Kommentar über „Trusted Flagger“ mehr Framing als Aufklärung betreibt.

Hallo NOZ, Hallo Herr Kords,

der Kommentar „Chefinnen von Hateaid sind keine Heldinnen“ stellt berechtigte Fragen, gibt darauf jedoch problematisch verkürzte Antworten. Ja, die US-Sanktionen gegen die Hateaid-Leiterinnen sind politisch motiviert und falsch. Und ja, man kann und muss über den Digital Services Act, über „Trusted Flagger“ und über das Spannungsverhältnis zwischen Meinungsfreiheit und Hassbekämpfung kritisch diskutieren.

Was der Artikel jedoch tut, ist etwas anderes: Er suggeriert, Organisationen wie Hateaid könnten „unter Umgehung der Justiz“ missliebige Meinungen löschen lassen. Das ist schlicht irreführend. Trusted Flagger ordnen keine Löschungen an, sie melden Inhalte priorisiert. Entscheidungen treffen weiterhin Plattformen, und diese unterliegen dem DSA sowie rechtlicher Kontrolle. Wer hier von rechtsstaatlicher Umgehung spricht, überzeichnet bewusst.

Besonders schwach ist die unbelegte Behauptung, Hateaid lenke den öffentlichen Diskurs in eine „politisch gewollte Richtung“ oder stehe „unzweifelhaft“ dem rot-grünen Lager nahe. Für derart schwere Vorwürfe liefert der Kommentar keinerlei Belege. Verdacht ersetzt Argument.

So wird aus notwendiger Systemkritik ein politisches Framing: Zivilgesellschaftliche Akteure werden pauschal delegitimiert, ohne konkretes Fehlverhalten nachzuweisen. Das hilft weder der Meinungsfreiheit noch einer seriösen Debatte über digitale Regulierung.Wer Grundrechte verteidigen will, sollte präzise argumentieren, nicht mit Zuspitzungen arbeiten, die mehr Zweifel säen als aufklären.

Mit freundlichen Grüßen

Zur unkommentierten Übernahme des NZZ-Artikels „Die verlorenen Töchter“ zum Thema Trans in Tag 7 der NOZ, 28.12.2025, Seite 8

Warum die NOZ mit der unkommentierten Übernahme eines NZZ-Artikels zum Thema Trans ihre journalistische Verantwortung verfehlt.

Hallo NOZ,

mit Interesse, aber auch mit wachsendem Unbehagen habe ich auf Seite 8 den Artikel „Die verlorenen Töchter“ von Birgit Schmid gelesen, der aus der Neuen Zürcher Zeitung übernommen wurde.

Unabhängig davon, wie man persönlich zum Thema Transidentität steht, handelt es sich hierbei um einen stark perspektivischen, normativ geframten Text. Der Beitrag stellt nahezu ausschließlich die Sicht transkritischer Eltern dar, greift umstrittene Thesen wie „Rapid Onset Gender Dysphoria“ auf und arbeitet intensiv mit emotionalisierenden Einzelfällen, ohne diese wissenschaftlich sauber einzuordnen oder relevante Gegenpositionen abzubilden.

Die NZZ ist bekannt für ihre konservativ-rechtsliberale Positionierung, insbesondere bei gesellschafts- und kulturpolitischen Themen. Das ist ihr gutes Recht. Problematisch wird es jedoch, wenn ein solcher Text von der NOZ unkommentiert übernommen wird (und immer wieder werden). Dadurch entsteht der Eindruck, es handle sich um eine ausgewogene journalistische Analyse, nicht um eine klar positionierte Perspektive.

Gerade bei einem sensiblen Thema, das Minderjährige, medizinische Behandlungen und gesellschaftliche Minderheiten betrifft, halte ich eine redaktionelle Einordnung, ein Gegengewicht oder zumindest eine transparente Kennzeichnung für journalistisch geboten. Ohne diese Kontextualisierung wird Framing faktisch delegiert, und das kann zur weiteren Polarisierung beitragen, statt zur Aufklärung.

Ich würde mir wünschen, dass die NOZ bei der Übernahme externer Inhalte stärker ihrer eigenen publizistischen Verantwortung gerecht wird.

Mit freundlichen Grüßen

« Ältere Beiträge Neuere Beiträge »