Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen seit 2025

Autor: Timm Reichl (Seite 41 von 59)

Leserbrief zur NOZ vom Samstag, 16.08.2025, Seite 5, AfD im Norden schwach v. Susanne Link

Guten Tag Frau Link, sehr geehrte Redaktion,

hier sende ich Ihnen meinen Leserbrief zur NOZ vom Samstag, 16.08.2025, Artikel auf Seite 5, AfD im Norden schwach von Susanne Link.

Ihr Artikel reiht sich leider in ein Muster ein, das in Ihrer Berichterstattung zur AfD immer wieder auffällt: Die Partei wird überwiegend wie eine „normale“ politische Kraft dargestellt, deren Erfolg oder Misserfolg vor allem von internen Querelen oder der jeweiligen politischen Kultur abhängt.

Was dabei regelmäßig zu kurz kommt, ist die inhaltliche Einordnung: Die AfD ist keine gewöhnliche Protestpartei, sondern wird vom Bundesamt für Verfassungsschutz als rechtsextremer Verdachtsfall eingestuft. Ihre Funktionäre relativieren den Nationalsozialismus, verbreiten rassistische und demokratiefeindliche Positionen. Genau das unterscheidet sie fundamental von anderen Parteien.

Untersuchungen zeigen inzwischen deutlich, dass eine zu neutrale, normalisierende Berichterstattung die AfD stärkt. Wenn Medien ihre Rhetorik oder ihre Personalquerelen lediglich beschreiben, ohne die ideologischen Gefahren konsequent einzuordnen, verschiebt sich der öffentliche Diskurs unmerklich nach rechts. Damit laufen Zeitungen Gefahr, ungewollt zu einem Resonanzraum für extremistische Narrative zu werden.

Eine Zeitung wie die NOZ trägt eine besondere Verantwortung für die demokratische Kultur in unserer Region. Ich wünsche mir daher eine kritischere Auseinandersetzung mit der AfD – nicht nur die Frage, warum sie in Schleswig-Holstein schwächer ist, sondern vor allem, warum ihre Inhalte für unsere Demokratie gefährlich sind.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zur NOZ vom Mittwoch, 13.08.2025, Gendern, Seite 26

Sehr geehrte Redaktion, sehr geehrter Herr Ebert,

hier sende ich Ihnen meinen Leserbrief zum Artikel über den Kulturdämpfer Weimer und das Gendern im Amtsdeutsch auf der Seite 26 der NOZ vom Mittwoch, 13.08.2025.

Philipp Ebert lobt Kulturstaatsminister Weimer für dessen Verzicht auf Genderzeichen und stilisiert dies als Verteidigung „effizienter Verständigung“. Tatsächlich handelt es sich nicht um eine neutrale Rechtschreibbefolgung, sondern um eine politisch motivierte Entscheidung, die bewusst ein kulturkonservatives Signal setzt.

Das Narrativ, Gendern sei eine moderne linke Erfindung, ist historisch falsch: Schon Goethe schrieb in einem Brief 1827 an „meine jungen Freunde und Freundinnen“, und amtliche Texte des 19. Jahrhunderts kannten Doppelformen. Sprache hat sich stets gewandelt, und inklusive Formen sind keine neuzeitliche Umerfindung.

Auch die Wissenschaft widerspricht der Unterstellung, Gendern störe grundsätzlich das Verstehen: Empirische Studien zeigen, dass Verständlichkeit kaum leidet, während die mentale Einbeziehung von Frauen und nichtbinären Menschen steigt.

Wer Gendern als ideologische Manipulation brandmarkt, muss ehrlich sagen: Auch das staatliche Festschreiben einer Nicht-Gender-Norm ist ein politischer Eingriff in Sprache, nur eben von konservativer Seite. Weimer ist damit kein Kulturkämpfer, sondern ein Kulturdämpfer.

Mit freundlichen Grüßen 

Ebert, Philipp <philipp.ebert@noz.de> schrieb am Mi., 13. Aug. 2025, 12:15:

Sehr geehrter Herr Reichl,

danke für Ihre Rückmeldung! Mit „Kulturdämpfer“ haben Sie ja ein schönes Bonmot geschaffen!

Ansonsten stimme ich Ihnen dahingehend zu, dass die Nennung von Frauen und Männern eine Normalform in der gesprochenen Rede ist oder sein sollte. Ich subsumiere das aber nicht unter den Eingriffen durch Unterstriche, Sternchen und Glottisschlag. Die Nennung von Frauen und Männern würde ja gerade von Verfechtern der Gender-Sprache als reaktionär gekennzeichnet werden.

Ansonsten ist es ja nicht so, dass es eine staatliche Festschreibung gibt. Es ist ja vielmehr so, dass Weimer seine Behörde angewiesen hat, sich an die Regeln der Rechtschreibung zu halten. Mehr nicht. Vgl. auch hier: 

https://www.noz.de/deutschland-welt/politik/artikel/weimer-gegen-gendersprache-was-wenn-man-sich-nicht-daran-haelt-49131114

Insofern ist er eben auch kein besonders rigoroser Kulturkämpfer.

Freundliche Grüße

Philipp Ebert

Sehr geehrter Herr Ebert,

vielen Dank für Ihre Rückmeldung. Dass wir uns bei der Nennung von Frauen und Männern in der gesprochenen Sprache einig sind, freut mich, gerade weil diese Doppelformen historisch, von Goethe bis in amtliche Texte des 19. Jahrhunderts, als Mittel zur Sichtbarmachung beider Geschlechter genutzt wurden. Sie sind damit keine Alternative zum Gendern, sondern eine frühe Form gendergerechter Sprache.

Ihre Darstellung, Weimer halte sich lediglich an die Rechtschreibregeln, greift zu kurz. Der von Ihnen verlinkte NOZ-Artikel zeigt, dass er weit darüber hinausgeht: Er empfiehlt öffentlich allen Museen, Stiftungen und Rundfunkhäusern, auf Genderzeichen zu verzichten, und bezeichnet gendergerechte Formen pauschal als „ideologische Kunstsprache“. Das ist nicht neutral, sondern eine wertende und politisierende Zuschreibung.

Auch die oft genannte Zahl, „60 bis 80 %“ seien gegen Gendern, ist nur bei einzelnen Formen wie Sternchen oder Glottisschlag zutreffend. Doppelformen oder neutrale Varianten genießen in der Bevölkerung weit höhere Akzeptanz. Wer diese Differenzierung auslässt, stützt ein pauschalisierendes Framing.

Schließlich ist auch eine „Empfehlung“ nicht unpolitisch, wenn sie mit Aussagen wie „entfremden sich von ihrem Publikum“ verbunden wird. Solche Formulierungen üben öffentlichen Druck aus, grenzen Gruppen gegeneinander ab und setzen klare kulturelle Marker. Genau das sind Kernelemente dessen, was man gemeinhin als Kulturkampf bezeichnet.

Mit freundlichen Grüßen

Timm Reichl

Leserbrief zur NOZ vom Dienstag, 12.08.2025, Artikel Förderung PV-Anlagen vor dem aus, Seite 7 

Hallo NOZ Team,

hier sende ich Ihnen meinen Leserbrief zur NOZ vom Dienstag, 12.08.2025, Artikel Förderung PV-Anlagen vor dem aus, auf der Seite 7.

Die Aussagen von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche, die Förderung für private Photovoltaikanlagen sei nicht mehr nötig, klingen zunächst nach einem Erfolg der Energiewende. Doch in Wahrheit droht hier ein gefährlicher Rückschritt, und ein Geschenk an Reiches Freunde der fossilen Energiewirtschaft.

Ja, Solarmodule sind günstiger geworden. Aber Förderung ist nicht nur ein Preisstützungsinstrument, sondern vor allem Planungssicherheit für Investoren und Anreiz für breite Beteiligung. Ohne diese Sicherheit wird der Ausbau kleiner, privater Anlagen abgebremst, ausgerechnet in einer Zeit, in der wir jede Kilowattstunde klimaneutralen Stroms dringend brauchen.

Die Klimaziele sind nur mit massivem, beschleunigtem Zubau zu erreichen. Wer jetzt auf den Markt allein setzt, nimmt billigend in Kauf, dass weiter Kohle- und Gaskraftwerke die Lücken füllen. Davon profitieren vor allem große Energie- und Fossilkonzerne, die seit Jahren eine schnelle Dezentralisierung bremsen.

Anstatt Förderungen zu streichen, sollte die Politik Hürden abbauen, Genehmigungen beschleunigen und den Ausbau von Speicher- und Netzinfrastruktur forcieren. Alles andere ist eine Einladung an die Fossilwirtschaft, noch ein Jahrzehnt weiterzumachen wie bisher, mit fatalen Folgen fürs Klima.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zur NOZ vom Dienstag, 12.08.2025, Seite 4, Artikel Bürgergeld 

Sehr geehrte Redaktion,

hier sende ich Ihnen meinen Leserbrief zur NOZ vom Dienstag, 12.08.2025, Seite 4, Artikel Bürgergeld für Ukrainer:innen.

Die Überschrift „Verhätschelt das Bürgergeld die Ukrainer?“ ist nicht nur polemisch, sondern vermittelt bereits im ersten Satz eine Vorverurteilung, ohne dass der Artikel diese Behauptung belegt. Bürgergeld deckt das gesetzlich definierte Existenzminimum, nicht mehr. Von „Verhätscheln“ kann keine Rede sein.

Im Text werden höhere Beschäftigungsquoten in Polen oder Tschechien pauschal mit geringeren Sozialleistungen verknüpft. Dass dort Sprachbarrieren geringer sind, große ukrainische Communities schon vor Kriegsbeginn existierten oder Arbeitsmärkte einfacher zugänglich sind, wird nur am Rande erwähnt. Ebenso fehlen Vergleiche mit Staaten, die ähnlich oder großzügiger unterstützen als Deutschland, diese passen offenbar nicht ins gewünschte Bild.

Wenn CDU/CSU-Politiker behaupten, Deutschland zahle „Leistungen wie kein anderes Land der Erde“, wäre es Aufgabe der Redaktion, dies zu hinterfragen. Fakt ist: Auch andere Länder (Skandinavische Länder und einige westliche EU-Staaten haben teils höhere Sozialleistungen für Geflüchtete) leisten deutlich mehr als das polnische oder rumänische Modell, und erfolgreiche Integration hängt von weit mehr Faktoren ab als der Höhe der Unterstützung.

Eine faire Debatte braucht weniger Schlagzeilenrhetorik und mehr differenzierte Analyse.

Mit freundlichen Grüßen

Zum Leserbrief von Prof. em. Dr. Karl-Heinz Kuhlmann (Toleranter Streit Teil der Demokratie, NOZ vom 7. August)

Guten Tag, sehr geehrte Redaktion,

hier sende ich Ihnen meine Replik zum Leserbrief von Prof. em. Dr. Karl-Heinz Kuhlmann (Toleranter Streit Teil der Demokratie, NOZ vom 7. August).Herr Kuhlmann beruft sich auf Klaus von Dohnanyi, um Proteste gegen die AfD als undemokratisch erscheinen zu lassen. Dabei greift er das Zitat aus dem Kontext und verdreht den Sinn: Dohnanyi plädierte für Meinungsvielfalt im Rahmen der demokratischen Grundordnung, nicht für Toleranz gegenüber rechtsextremen Bestrebungen, wie sie in der AfD längst dokumentiert sind. Wer Menschenrechte infrage stellt und die Demokratie aushöhlen will, darf mit Widerspruch rechnen, genau das ist demokratische Selbstbehauptung.

Der Verweis auf Meinungsfreiheit ist hier fehl am Platz: Diese schützt vor staatlicher Zensur, nicht vor gesellschaftlichem Protest. Wenn Bürgerinnen und Bürger lautstark gegen antidemokratische Tendenzen demonstrieren, verteidigen sie die offene Gesellschaft, sie beschädigen sie nicht.

Man kann über Stil und Form solcher Proteste streiten. Aber die pauschale Gleichsetzung von demokratischem Diskurs mit der Duldung demokratiefeindlicher Positionen verkennt, was wehrhafte Demokratie bedeutet. Nicht jede Meinung verdient Applaus, manche verdient entschiedenen Widerspruch.

Mit freundlichen Grüßen 

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