Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen seit 2025

Autor: Timm Reichl (Seite 44 von 59)

Leserbrief zur NOZ von Montag, 21.07.2025: Unkritische Nebeneinanderstellung normalisiert verfassungsfeindliche Positionen

Sehr geehrte Redaktion, sehr geehrter Herr Grupe,

in Ihrer Ausgabe vom 21. Juli erscheinen zwei Artikel, die im Zusammenspiel Fragen nach der journalistischen Verantwortung aufwerfen: Auf der Titelseite berichten Sie über das Ergebnis einer Allensbach-Umfrage, laut der 52 % der Bürgerinnen und Bürger gegen ein Verbot der AfD seien. Im Innenteil analysieren Sie die Äußerungen des AfD-Politikers Maximilian Krah zu einem möglichen Verbot der Identitären Bewegung und zur strategischen Umdeutung des Begriffs Remigration.

Beide Texte stehen kommentarlos nebeneinander und vermitteln dadurch den Eindruck, es handele sich bei der AfD und ihrem ideologischen Umfeld lediglich um politische Positionen am Rand des demokratischen Spektrums, über die man kontrovers diskutieren könne. Tatsächlich aber geht es um tiefgreifende verfassungsfeindliche Bestrebungen.

Der Begriff Remigration, den Krah „strategisch“ umdeuten möchte, ist kein harmloser Diskussionsbeitrag. Er meint in der von Martin Sellner propagierten Form, auf die sich Krah ausdrücklich bezieht, die massenhafte Deportation auch von deutschen Staatsbürgern mit Migrationshintergrund. Das Bundesverwaltungsgericht hat dieses Konzept jüngst als klar verfassungswidrig eingestuft. Und trotzdem wird es in Ihrem Artikel nahezu unkommentiert referiert, als ginge es um eine legitime migrationspolitische Option. Auch Krahs Forderung nach ethnischer Segregation („außereuropäisches Berlin-Neukölln“) bleibt im Text unwidersprochen. Damit läuft Ihre Berichterstattung Gefahr, die radikale Rhetorik zu normalisieren, statt sie als das zu benennen, was sie ist: ein Angriff auf das Grundgesetz und die Menschenwürde.

Vor diesem Hintergrund wirkt der Hinweis auf eine (methodisch fragwürdig dargestellte) Umfrage zur Ablehnung eines AfD-Verbots auf der Titelseite besonders bedenklich. Die Allensbach-Zahlen stehen unkommentiert für sich, ohne Hinweis auf die jüngsten gegenteiligen Umfrageergebnisse (z. B. von Insa oder Ipsos), ohne Reflexion über die soziale Dynamik dahinter und ohne jegliche journalistische Einordnung.

Demokratie ist kein rein arithmetischer Prozess, in dem Umfragen über die Gültigkeit des Grundgesetzes entscheiden. Wenn eine Partei in Teilen offen verfassungsfeindliche Positionen vertritt und deren Protagonisten wie Maximilian Krah nicht einmal mehr zurücktreten müssen, sondern strategisch über Begriffsverschiebungen nachdenken, dann braucht es mehr als neutrale Berichterstattung. Dann braucht es Haltung. Und die vermisse ich in Ihrer Ausgabe.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zum Kommentar „Migrationswende ist ein schmaler Grat“ von Rena Lehmann (NOZ, 20.07.2025)

Sehr geehrte Redaktion, sehr geehrte Frau Lehmann,

hier sende ich Ihnen meinen Leserbrief zum Kommentar „Migrationswende ist ein schmaler Grat“ von Rena Lehmann (NOZ, 20.07.2025).

Rena Lehmann spricht von einem Zeitfenster, in dem gemäßigte Kräfte Europas Regierungen führen. Doch wer etwa Giorgia Meloni in Italien oder Alexander Dobrindt in Deutschland für gemäßigt hält, verkennt, wie stark sich Europas Migrationspolitik bereits nach rechts verschoben hat.

Dobrindt lässt Geflüchtete an den Grenzen zurückweisen, trotz eines klaren Gerichtsurteils, das diese Praxis als rechtswidrig bewertet. Dass er trotzdem daran festhält, ist kein „schmaler Grat“, sondern ein offener Rechtsbruch. Auch seine pauschale Diffamierung von NGOs und Anwälten als „Abschiebe-Saboteure“ gehört nicht zur Sprache gemäßigter Politik, sondern zur Rhetorik des Rechtsautoritarismus.

Der Verweis auf die USA dient da eher als Nebelkerze: Ja, dort sind Lager Realität. Doch auch in Europa untergraben Innenminister längst stillschweigend die rechtsstaatlichen Grundlagen, mit Zurückweisungen, Entrechtung und Abschreckung. Das ist kein gemäßigter Kurs, sondern eine Politik der Entgrenzung staatlicher Macht auf dem Rücken Schutzsuchender.

Wer das als Mitte verkauft, verschleiert eine besorgniserregende Entwicklung.

Mit freundlichen Grüßen 

Leserbrief zum Kommentar „Migrationswende ist ein schmaler Grat“ von Rena Lehmann (NOZ, 20.07.2025)

Sehr geehrte Redaktion, sehr geehrte Frau Lehmann,

hier sende ich Ihnen meinen Leserbrief zum Kommentar „Migrationswende ist ein schmaler Grat“ von Rena Lehmann (NOZ, 20.07.2025).

Rena Lehmann spricht von einem Zeitfenster, in dem gemäßigte Kräfte Europas Regierungen führen. Doch wer etwa Giorgia Meloni in Italien oder Alexander Dobrindt in Deutschland für gemäßigt hält, verkennt, wie stark sich Europas Migrationspolitik bereits nach rechts verschoben hat.

Dobrindt lässt Geflüchtete an den Grenzen zurückweisen, trotz eines klaren Gerichtsurteils, das diese Praxis als rechtswidrig bewertet. Dass er trotzdem daran festhält, ist kein „schmaler Grat“, sondern ein offener Rechtsbruch. Auch seine pauschale Diffamierung von NGOs und Anwälten als „Abschiebe-Saboteure“ gehört nicht zur Sprache gemäßigter Politik, sondern zur Rhetorik des Rechtsautoritarismus.

Der Verweis auf die USA dient da eher als Nebelkerze: Ja, dort sind Lager Realität. Doch auch in Europa untergraben Innenminister längst stillschweigend die rechtsstaatlichen Grundlagen, mit Zurückweisungen, Entrechtung und Abschreckung. Das ist kein gemäßigter Kurs, sondern eine Politik der Entgrenzung staatlicher Macht auf dem Rücken Schutzsuchender.

Wer das als Mitte verkauft, verschleiert eine besorgniserregende Entwicklung.

Mit freundlichen Grüßen 

Leserbrief zum Artikel „Kosten müssen insgesamt runter“ (dpa) und Kommentar von Tobias Schmidt, NOZ v. 18.07.2025, Seite 1

Sehr geehrte Redaktion, sehr geehrter Herr Schmidt,

hier sende ich Ihnen meinen Leserbrief zum Artikel „Kosten müssen insgesamt runter“ (dpa) und zum damit verbundenen Kommentar von Tobias Schmidt, NOZ vom 18.07.2025,  auf Seite 1.

Mit Erstaunen habe ich den Artikel über die geplanten Korrekturen von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche zur Energiewende gelesen, und den begleitenden Kommentar von Tobias Schmidt. Was hier als Realitätscheck verkauft wird, ist in Wahrheit ein Rückschritt auf Raten, der die Transformation zur klimaneutralen Energieversorgung unnötig verlangsamt und verteuert.

Frau Reiche beklagt die Kosten der Energiewende und fordert mehr Steuerbarkeit im Stromsystem. Doch statt konsequent auf Speicher, Flexibilität und Sektorkopplung zu setzen, deutet sie implizit eine Rückkehr zur fossilen Reservekapazität an, sprich: neue Gaskraftwerke. Wenn Reiche also die Volatilität von Wind und Sonne kritisiert, aber gleichzeitig den weiteren Ausbau bremst und die Betreiber erneuerbarer Energien zusätzlich zur Kasse bitten will, schwächt sie genau die Strukturen, die sie angeblich stärken möchte.

Besonders befremdlich ist die Forderung, Betreiber von Solar- und Windanlagen müssten sich nun am Netzausbau beteiligen. Diese Anlagen senken durch den Merit-Order-Effekt heute schon den Großhandelsstrompreis und entlasten uns alle langfristig von fossilen Importkosten. Zusätzliche Abgaben würden Bürgerenergie, Genossenschaften und kleine Akteure treffen. Also genau die, die wir für eine dezentrale Energiewende dringend brauchen. Das gefährdet nicht nur Investitionen, sondern auch Vertrauen.

Auch die Behauptung, die bisherigen Verbrauchsprognosen seien übertrieben, entbehrt jeder sachlichen Grundlage. Studien von Agora Energiewende, der Bundesnetzagentur oder dem Fraunhofer ISE rechnen mit 750 bis über 1000 TWh Stromverbrauch bis 2035, getrieben durch Wärmepumpen, E-Mobilität und grünen Wasserstoff. Reiches Skepsis ignoriert diese breite wissenschaftliche Übereinstimmung.

Tobias Schmidt trifft im Kommentar zwar einen richtigen Punkt: Der Ausbau von Netzen, Speichern und Erneuerbaren muss koordiniert werden. Doch seine pauschale Warnung vor einem „Wildwuchs bei der Solarenergie“ ist weder sachlich noch zielführend. Wenn Überschüsse auftreten, liegt das nicht an zu viel Solarstrom, sondern an einem Strommarkt, der noch immer nicht auf Flexibilität, Speicher und sektorübergreifende Nutzung ausgerichtet ist. Statt die Symptome zu beklagen, sollte man endlich die Strukturen anpassen.

Die Klimaziele für 2045 sind nicht „sehr ambitioniert“, sie sind das absolute Minimum, um unseren Beitrag zur Eindämmung der Klimakrise zu leisten. Wer jetzt anfängt, an ihrer Realisierbarkeit zu zweifeln, leistet jenen Vorschub, die von Anfang an gegen die Energiewende gearbeitet haben.

Wir brauchen keine Verzögerungstaktik in neuem Gewand. Wir brauchen Verlässlichkeit, Planungssicherheit und Mut. Wer die Energiewende realistisch“

 gestalten will, muss sie vor allem mit aller Kraft umsetzen.

Mit freundlichen Grüßen 

Leserbrief zum Umgang mit der Kandidatur von Frauke Brosius-Gersdorf, Kommentare von Rena Lehmann (Die SPD hätte sie besser nicht vorgeschlagen, 10.07.2025) und Burkhard Ewert (Kabinett statt Karlsruhe, 17.07.2025)

Sehr geehrte Redaktion, sehr geehrte Frau Lehmann, sehr geehrter Herr Ewert,

mit Interesse habe ich die Kommentare von Rena Lehmann (Die SPD hätte sie besser nicht vorgeschlagen, 10.07.2025) und Burkhard Ewert (Kabinett statt Karlsruhe, 17.07.2025) zur Kandidatur von Frauke Brosius-Gersdorf für das Bundesverfassungsgericht gelesen. Beide Beiträge werfen weniger ein Licht auf die Juristin als auf den Zustand des politischen und publizistischen Diskurses.

Frau Lehmann hat in ihrem Beitrag zentrale Deutungsmuster der AfD und rechtskonservativer Kreise übernommen: Sie wiederholt ungeprüft die Darstellung, Brosius-Gersdorf vertrete eine drastische und nicht mehrheitsfähige Position, stellt ihr Auftreten als Zeichen politischer Voreingenommenheit dar und stilisiert sie zur „Linken im Bundesverfassungsgericht“. Das sind nicht nur inhaltlich verkürzende Schlagworte, sie stammen aus genau jener Ecke, die das Verfassungsgericht systematisch als „linke Gesinnungsjustiz“ delegitimieren will. Dass ausgerechnet eine Kommentatorin einer demokratischen Zeitung solch ein Framing unkritisch übernimmt, ist mehr als bedenklich. Es trägt zur Normalisierung rechter Kampfbegriffe bei, und das zu einem Zeitpunkt, als diese durch gezielte Empörungskampagnen aufgebauscht wurden.

Herr Ewert wiederum bemüht sich zwar um Differenzierung und würdigt Brosius-Gersdorfs juristische Kompetenz und Diskursstärke. Doch auch er verweigert ihr am Ende das Vertrauen als Verfassungsrichterin, nicht, weil sie unqualifiziert wäre, sondern weil sie offenbar „zu greifbar“, „zu mutig“, zu sehr im „Auge des Sturms“ stand. So elegant diese Argumentation auch formuliert ist: Sie legitimiert im Kern den Rückzug vor öffentlicher Hetze. Anstatt eine kluge Juristin gegen eine orchestrierte Kampagne zu verteidigen, schiebt man sie aus der richterlichen Verantwortung, und lobt sie auf das politische Abstellgleis.

Beide Kommentare offenbaren damit auf unterschiedliche Weise ein bedenkliches Muster: Wenn öffentliche Figuren von rechts attackiert werden, übernimmt der demokratische Mainstream nicht selten Teile dieser Kritik, sei es aus Angst vor Polarisierung oder im Namen einer falsch verstandenen Ausgewogenheit. Genau diese mediale Doppelmoral untergräbt das Vertrauen in unabhängigen Journalismus ebenso wie in die Verteidiger demokratischer Institutionen.

Mit freundlichen Grüßen

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