Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen seit 2025

Autor: Timm Reichl (Seite 47 von 59)

Leserbrief zum Artikel „Wie links dürfen Verfassungsrichter sein?“ (NOZ vom Montag, 07.07.2025, Seite 4, übernommen aus der NZZ)

Sehr geehrte Redaktion,

hier sende ich Ihnen meinen Leserbrief zum Artikel „Wie links dürfen Verfassungsrichter sein?“ (NOZ vom Montag, 07.07.2025, Seite 4, übernommen aus der NZZ).

Mit Erstaunen und wachsender Irritation habe ich den Artikel zur Kandidatur der Staatsrechtlerin Frauke Brosius-Gersdorf für das Bundesverfassungsgericht gelesen, und noch mehr darüber, dass er ausgerechnet aus der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) stammt. Die NZZ mag einmal als liberale Qualitätszeitung gegolten haben, doch in den letzten Jahren hat sie sich, vor allem im Deutschland-Teil, deutlich nach rechts verschoben. Dass die NOZ nun beginnt, Artikel aus dieser publizistischen Richtung ungefiltert zu übernehmen, ist bedenklich und leider symptomatisch für eine Entwicklung, die ich zunehmend auch in der NOZ selbst beobachte.

Der Artikel selbst insinuiert, Brosius-Gersdorf sei als Verfassungsrichterin fragwürdig, nicht etwa wegen fehlender juristischer Qualifikation (die ausdrücklich bestätigt wird), sondern weil sie als „zu links“ erscheint. Dabei werden zentrale Grundhaltungen wie die Verteidigung der Demokratie gegen verfassungsfeindliche Parteien oder eine differenzierte Position zum Thema Impfpflicht als „ultralinks“ oder „unangemessen“ diffamiert. Das ist nicht nur sachlich verkürzt, sondern spielt ganz offensichtlich einer konservativen Empörungskultur in die Hände, die sich zunehmend auch auf verfassungsrechtlich legitime Meinungen einschießt, solange sie nicht ins eigene Weltbild passen.

Viel bedenklicher aber finde ich, dass sich die NOZ nicht mehr die Mühe macht, solche Texte redaktionell einzuordnen oder ihnen zumindest eine eigene Stimme entgegenzustellen. Stattdessen übernimmt man sie eins zu eins. Was kommt als Nächstes? Gastbeiträge aus der Jungen Freiheit oder Compact?

Die NOZ sollte sich ernsthaft fragen, welchen publizistischen Weg sie einschlagen will, und wie viel Ausgewogenheit sie ihrer Leserschaft noch zutraut. Ein Rechtsruck im redaktionellen Teil ist jedenfalls unübersehbar. Wer sich hier noch kritisch mit der AfD oder autoritären Tendenzen auseinandersetzen will, findet dafür immer weniger Raum, und dafür umso mehr freundliche Übernahmen aus dem konservativ-reaktionären Meinungsspektrum. Das ist beunruhigend.

Mit freundlichen Grüßen 

Leserbrief zur NOZ vom Montag, 07.07.2025, Seite 3, Artikel „Alles nur Strategie?“

Sehr geehrte Redaktion, sehr geehrter Herr Grupe, sehr geehrter Herr Fays,

hier sende ich Ihnen meinen Leserbrief zur NOZ vom Montag, 07.07.2025, Seite 3, Artikel „Alles nur Strategie?“.Wieder ein Artikel, wieder ein PR-Geschenk für die AfD. Unter dem Titel „Alles nur Strategie?“ schildert die NOZ die Aktivitäten der AfD im Bundestag,als wäre sie eine normale Partei mit etwas unorthodoxem Stil. Kein kritisches Wort zu rassistischer Rhetorik, zur Verachtung demokratischer Institutionen oder zur gezielten Störung parlamentarischer Prozesse. Stattdessen lesen wir über Anfragen, Lacher und Ordnungsrufe, garniert mit der fast schon staunenden Feststellung, dass die AfD „die lachfreudigste Fraktion“ sei. Was soll das sein? Eine Imagepflege für Rechtsextreme?

Der Artikel reiht sich ein in eine lange Kette von NOZ-Beiträgen, die der AfD eine Bühne bieten, ohne sie ernsthaft zu hinterfragen. Dieser Kuschelkurs gegenüber einer vom Verfassungsschutz beobachteten Partei ist mit demokratischer Verantwortung unvereinbar. Jetzt folgt der nächste Beitrag, erneut ohne Einordnung, ohne klare Haltung, ohne journalistische Schärfe.

Dass die AfD mit gezielter Provokation, Desinformation und massenhafter Überlastung parlamentarischer Prozesse arbeitet, ist kein Geheimnis, es ist belegt. Dass sie demokratische Institutionen schwächen will, ist erklärtes Ziel ihrer Wortführer. All das wird im Artikel entweder verharmlost oder ignoriert. Man hat fast den Eindruck, die NOZ wolle bewusst ein unpolitisches Bild der Partei zeichnen, als wären Reden mit SA-Vergleichen, Klimawandelleugnung oder Abschottungsfantasien einfach nur etwas „kontrovers“.

Wer so berichtet, normalisiert nicht nur die AfD, er verharmlost den Angriff auf unsere Demokratie. Und das ist nicht mehr bloß journalistisches Versagen. Das ist gefährlich.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zum Artikel Schutz Kongress AfD, NOZ vom Samstag, 05.07.2025, Seite 5…Wie oft will sich die NOZ noch vor den AfD-Karren spannen lassen?

Sehr geehrte Redaktion, sehr geehrter Herr Koch, sehr geehrte Frau Lehmann,

hier sende ich Ihnen meinen Leserbrief zum Artikel Schutz Kongress AfD, NOZ vom Samstag, 05.07.2025, Seite 5, verbunden mit der Frage, wie oft sich die NOZ noch vor den AfD-Karren spannen lassen will?

Erneut präsentiert die NOZ die AfD in wohlwollendem Licht, diesmal im Artikel zum sogenannten „Kinderschutzkongress“ in Hannover. Anstatt klar zu benennen, dass hier Rechtsextreme mit dem Vorwand des Kinderschutzes gegen Aufklärung und Vielfalt hetzen, übernimmt der Bericht brav AfD-Zitate, ohne Einordnung, ohne Widerspruch. Kein Wort zur Instrumentalisierung des Kinderschutzes, keine kritischen Stimmen von Fachverbänden, kein Hinweis auf die menschenfeindliche Rhetorik, die hinter dem Begriff der „Frühsexualisierung“ steckt.

Besonders irritierend: Das ist kein Ausrutscher, sondern reiht sich ein in eine wachsende Serie von Beiträgen, in denen die NOZ der AfD bereitwillig Raum bietet. Erst kürzlich wurde der Partei nahezu eine ganze Seite eingeräumt, komplett unkritisch, als würde es sich um eine normale demokratische Kraft handeln.

Die NOZ muss sich fragen lassen, welchen Beitrag sie zum öffentlichen Diskurs leisten will: Aufklärung oder Anbiederung? Gerade in Zeiten, in denen der Verfassungsschutz vor rechtsextremen Bestrebungen innerhalb der AfD warnt, ist journalistische Neutralität keine Ausrede mehr für politische Harmlosigkeit. Wer rechtsextreme Narrative abdruckt, ohne sie zu hinterfragen, macht sich mitschuldig an ihrer Normalisierung.

Es braucht keine weitere Bühne für die AfD. Es braucht eine kritische Presse, die Haltung zeigt. Die NOZ ist derzeit weit davon entfernt.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu den Artikeln „Prien für Obergrenze für Schüler mit Migrationshintergrund“ und „Warum nicht mal groß denken?“ von Rena Lehmann (NOZ vom 05.07.2025)

Sehr geehrte Redaktion, sehr geehrte Frau Lehmann,

hier sende ich Ihnen meinen Leserbrief zu den Artikeln „Prien für Obergrenze für Schüler mit Migrationshintergrund“ und „Warum nicht mal groß denken?“ von Rena Lehmann (NOZ vom 05.07.2025).

„Warum nicht mal groß denken?“ fragt Rena Lehmann in ihrem Kommentar zur Idee einer Obergrenze für Kinder mit Migrationshintergrund in Klassenzimmern. Die eigentliche Frage müsste jedoch lauten: Warum schon wieder klein denken, und zwar so klein, dass komplexe Probleme auf einen einzigen Sündenbock reduziert werden?

Was Frau Lehmann und auch Bundesbildungsministerin Prien hier betreiben, ist keine mutige Bildungsoffensive, sondern Symbolpolitik mit ideologischer Schlagseite. Statt das Bildungssystem ernsthaft zu reformieren, etwa durch kleinere Klassen, mehr Lehrer, soziale Durchmischung und bessere Ausstattung, wird suggeriert, eine „Migrantenquote“ könne die Bildungsmisere lindern. Als wäre die Herkunft das Problem, nicht die Chancenungleichheit.

Die Realität sieht anders aus: Kinder scheitern nicht, weil sie „Ali“ heißen, sondern weil sie in Armut aufwachsen, weil Schulen unterbesetzt sind und weil Bildungschancen immer noch vom Elternhaus abhängen, ganz gleich, ob mit oder ohne deutschen Pass.

Besonders perfide wird es, wenn Frau Lehmann auf den vermeintlichen Ausspruch „Der Islam ist hier der Chef“ verweist, ohne Kontext, Quelle oder kritische Distanz. Solche Zitate bedienen Ressentiments und laden rechtes Gedankengut salonfähig auf – auch wenn sie sich den Anschein nüchterner Sorge geben. Wer Bildungsgerechtigkeit ernst meint, sollte Brücken bauen, nicht Grenzen ziehen.

Eine echte „große Idee“ wäre es, allen Kindern, unabhängig von Herkunft, Name oder Religion, die gleiche Chance auf Bildung zu geben. Eine Obergrenze für Migrantenkinder dagegen klingt verdächtig nach Obergrenze für Mitmenschlichkeit.

Mit freundlichen Grüßen 

Leserbrief zur NOZ-Ausgabe vom 4. Juli 2025: „Es ist noch nicht so weit – Alexander Gauland und die AfD“, Seite 3

Guten Tag, sehr geehrte Redaktion, sehr geehrte Frau Lehmann,

hier sende ich Ihnen meinen Leserbrief zur NOZ-Ausgabe vom 4. Juli 2025: „Es ist noch nicht so weit – Alexander Gauland und die AfD“, Seite 3.

Mit großem Befremden habe ich in der Freitagausgabe der NOZ die ganzseitige Interviewstrecke mit Alexander Gauland gelesen. Es irritiert mich zutiefst, dass einem führenden Vertreter einer vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuften Partei eine derart breite und unkommentierte Bühne geboten wird.

Die AfD steht für rassistische, demokratiefeindliche und revisionistische Positionen. Dass Alexander Gauland den Holocaust als „Vogelschiss in der deutschen Geschichte“ bezeichnete, dass Höcke von einer erinnerungspolitischen „180-Grad-Wende“ spricht und sich Parteivertreter wie Helferich selbst als das „freundliche Gesicht des NS“ bezeichnen, sind keine Ausrutscher, sondern Ausdruck einer ideologischen Linie. Diese Partei will nicht gestalten, sie will spalten, sie schürt Ängste, untergräbt den gesellschaftlichen Zusammenhalt und verachtet die freiheitlich-demokratische Grundordnung.

Umso erschreckender ist es, dass die NOZ, ein Medium mit journalistischer Verantwortung, diesem ideologischen Projekt eine Plattform bietet, ohne kritisch zu hinterfragen oder wenigstens einordnende Kommentare beizustellen. Es genügt nicht, einen Funktionär wie Gauland einfach reden zu lassen. Es ist die Pflicht eines unabhängigen Journalismus, antidemokratische Aussagen zu hinterfragen, zu kontextualisieren und den Leserinnen und Lesern eine fundierte Einordnung zu ermöglichen.

Ein Interview mit einem Rechtsextremen, das ohne kritische Distanz daherkommt, wird nicht zur Aufklärung, sondern zur Normalisierung seiner Positionen beitragen. Es wird Leserinnen und Leser möglicherweise in der Wahrnehmung bestätigen, dass man mit solchen Ansichten offenbar ganz legitim in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, und das ist gefährlich.

Gerade in Zeiten, in denen unsere Demokratie unter Druck steht, braucht es Haltung, nicht Zurückhaltung. Die AfD ist keine normale Partei. Und Medien wie die NOZ sollten sie auch nicht so behandeln.

Mit freundlichen Grüßen 

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