Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

Autor: Timm Reichl (Seite 66 von 86)

Leserbrief zu „Zehn Gedanken zur Ukraine“ von Burkhard Ewert (NOZ vom 21. August, Seite 2)

Sehr geehrte Redaktion,

beigefügt mein Leserbrief zu „Zehn Gedanken zur Ukraine“ von Burkhard Ewert (NOZ vom 21. August, Seite 2).

Burkhard Ewert bittet ausdrücklich um Widerspruch zu seinen Zehn Gedanken zur Ukraine, dem komme ich gerne nach. Seine Argumentation übernimmt in weiten Teilen bekannte Narrative aus Moskau, die einer sachlichen Einordnung bedürfen.

Ewert schreibt, der Krieg hätte früher enden können, wenn der Westen nicht eigene Interessen verfolgt hätte. Fakt ist: Russland selbst brach 2022 die Verhandlungen ab und führte den Angriffskrieg fort. Die Behauptung, Deutschland oder die EU hätten den Krieg „verlängert“, ist unbelegt und verdreht die Verantwortlichkeiten.

Auch die Darstellung, der Krieg sei eine Folge repressiver Kiewer Politik, des „Sturzes“ Janukowitschs oder der NATO-Erweiterung, greift klassische Kreml-Argumente auf. Tatsächlich wurde Janukowitsch nach Gewalt gegen Demonstranten durch das Parlament abgesetzt, NATO-Beitritte erfolgten stets auf Antrag souveräner Staaten, und die Minsker Abkommen wurden in erster Linie von Russland unterlaufen. Diese historischen Zusammenhänge lassen sich nicht mit einem lapidaren „der Krieg hätte nicht entstehen müssen“ verwischen.

Zudem relativiert Ewert, indem er die demokratischen Defizite der Ukraine betont, ohne die vollständige Unterdrückung von Opposition und Medien in Russland zu erwähnen. Natürlich ist die Ukraine kein lupenreiner Rechtsstaat, aber sie verteidigt ihre Existenz und die Möglichkeit freier Wahlen überhaupt, etwas, was in Russland längst unmöglich ist.

Auch die Forderung, China oder Indien als „neutrale“ Friedensvermittler einzusetzen, verkennt, dass beide Staaten eher enge Partner Moskaus sind und kein echtes Gegengewicht darstellen.

Schließlich ist die wiederkehrende Klage über eine angebliche „Militarisierung“ oder „Doppelmoral“ der EU ein rhetorisches Muster, das vom eigentlichen Kern ablenkt: Russland hat einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg begonnen, und Europa reagiert darauf. Die EU verteidigt mit ihrer Unterstützung für die Ukraine nicht „eigene Machtspiele“, sondern das Völkerrecht und das Selbstbestimmungsrecht souveräner Staaten.

Wenn man all dies berücksichtigt, zeigt sich: Ewerts Gedanken sind weniger eine offene Analyse als vielmehr eine Verharmlosung russischer Verantwortung, verbunden mit Misstrauen gegenüber der Demokratie im Westen. Ein solches Framing sollte nicht unwidersprochen bleiben.

Mit freundlichen Grüßen 

Leserbrief zur NOZ vom Mittwoch, 20.08.2025, Kommentar zu Klöckner von Rena Lehmann, Seite 2

Sehr geehrte Redaktion, sehr geehrte Frau Lehmann,

hiermit sende ich Ihnen meinen Leserbrief zur NOZ vom Mittwoch, 20.08.2025, Kommentar zu Klöckner von Rena Lehmann auf der Seite 2.

Rena Lehmann verharmlost in ihrem Kommentar den jüngsten Fehltritt von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner. Doch das Maß ist längst voll.

Klöckner hat nicht nur das rechtspopulistische Empörungsportal NIUS mit der taz verglichen und damit seriösen Journalismus relativiert. Schon früher zeigte sie ein fragwürdiges Amtsverständnis. Als Landwirtschaftsministerin wurde sie zur „Lobbykönigin“: 25 Mal traf sie sich zu Einzelgesprächen mit Nestlé, Mars und anderen Konzernen, aber nur fünf Mal mit Vertreter:innen ökologischer Landwirtschaft. Ihr PR-Video mit dem Nestlé-Chef brachte ihr einen Karnevalswagen „Julias Liebesnestle“ ein. Eine Ministerin, die freiwillige Selbstverpflichtungen der Industrie über den Verbraucherschutz stellt, verrät die Unabhängigkeit ihres Amtes.

Als CDU-Schatzmeisterin trug Klöckner die Verantwortung für Parteifinanzen, während sie nun als Bundestagspräsidentin über Parteienfinanzierung wacht. Lobbycontrol warnte völlig zu Recht vor einem gravierenden Interessenkonflikt, zumal die CDU am meisten von Großspenden profitiert. Auch ihr Wahlkampf-Post „Für das, was ihr wollt, müsst ihr nicht AfD wählen, dafür gibt es die CDU“ zeigt, wie bereitwillig sie Grenzen nach rechts verwischt.

Zusammen mit dem Repost „Merz macht Hayali fertig“ gegen eine Journalistin und der Distanz zum CSD ergibt sich ein Muster: Klöckner beschädigt immer wieder die Würde und Neutralität des zweithöchsten Staatsamtes.

Heidi Reichinnek hat Recht: Dieses Verhalten ist nicht nur hochproblematisch, sondern unerträglich. Julia Klöckner sollte zurücktreten.

PS: Übrigens, Frau @r.lehmann@noz.de  als Journalistin kennen Sie sicherlich das Statement des DJV zu Frau Klöckner: https://www.djv.de/news/pressemitteilungen/press-detail/verhaeltnis-zu-sponsoren-klaeren/

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zum Kommentar auf Seite 1 „Was wollen Merz und Selenskyj?“, Michael Clasen, NOZ vom 20.08.2025

Sehr geehrte Redaktion,

hier sende ich Ihnen einigermaßen fassungslos meinen Leserbrief zum Kommentar auf Seite 1 „Was wollen Merz und Selenskyj?“ von Michael Clasen in der NOZ vom 20.08.2025.

Der schwer zu ertragende Kommentar von Michael Clasen zeichnet ein gefährlich einseitiges Bild des Ukraine-Krieges. Die Behauptung, Russland werde „über kurz oder lang“ ohnehin gewinnen, entspricht exakt der Propagandalinie des Kremls. Fakt ist: Die Ukraine leistet trotz massiver Zerstörung weiter Widerstand, und kein unabhängiger Lagebericht spricht von einem „unvermeidlichen Zusammenbruch“.

Besonders befremdlich ist die Forderung, die Ukraine solle russische „Sicherheitsbelange“ berücksichtigen und auf die Krim und besetzte Gebiete verzichten. Damit würde ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg nachträglich legitimiert, ein fatales Signal an alle autoritären Regime weltweit. Die UN-Vollversammlung hat die Annexionen Russlands eindeutig als illegal verurteilt.

Auch die Darstellung von Donald Trump als Friedensstifter ist realitätsfern. Trump zeigt kein konsistentes Konzept, sondern schwankt täglich in seinen Aussagen. Mal kündigt er Sicherheitsgarantien für die Ukraine an, mal übernimmt er fast wortgleich Putins Forderungen nach Gebietsabtretungen. Wer so wankelmütig agiert, ist kein Vermittler, sondern spielt Putin in die Hände.

Putin verfolgt sein Ziel unnachgiebig: die Zerstörung der ukrainischen Staatlichkeit. Trump dagegen sucht vor allem den großen Auftritt für sich selbst. Das Ergebnis: Putin lacht sich ins Fäustchen, und die Opfer in der Ukraine zahlen den Preis.

Europa und Deutschland dürfen sich nicht in diese falsche Logik ziehen lassen. Unsere Aufgabe ist es, die Ukraine in ihrer Souveränität zu unterstützen, nicht, ihre Zerschlagung durch diplomatische Worthülsen zu bemänteln.

Mit freundlichen Grüßen 

Leserbrief zur NOZ vom Dienstag, 19.08.2025, „Nur fünf Prozent verzichten auf Fleisch“, Seite 7, von Sophie Wehmeyer

Sehr geehrte Redaktion, sehr geehrte Frau Wehmeyer,

hier sende ich Ihnen meinen Leserbrief zur NOZ vom Dienstag, 19.08.2025, zum Artikel Nur fünf Prozent verzichten auf Fleisch, Seite 7, von Sophie Wehmeyer.

Die Überschrift „Nur fünf Prozent verzichten in Deutschland auf Fleisch – Die Macht einer Minderheit“ vermittelt einen verzerrten Eindruck. Denn aktuelle Daten des Bundesernährungsministeriums zeigen: Rund acht Prozent der Deutschen leben vegetarisch, zwei Prozent vegan, also doppelt so viele, wie im Artikel genannt. Noch wichtiger: 41 Prozent bezeichnen sich als „flexitarisch“, essen also bewusst weniger Fleisch. Damit ist die Zahl derjenigen, die ihren Konsum reduzieren, weit größer als die Schlagzeile suggeriert.

Auch beim Fleischverbrauch zeigt sich ein langfristiger Trend: Seit Jahren geht der Pro-Kopf-Verzehr zurück, 2023 auf ein Rekordtief. Dass 2024 ein leichter Anstieg gemessen wurde, ändert nichts daran, dass die Entwicklung klar nach unten weist.

Die Formulierung „Macht einer Minderheit“ greift zu kurz. Handel und Gastronomie reagieren nicht auf ideologische Vorgaben, sondern auf Nachfrage. Dass heute Supermärkte pflanzliche Alternativen anbieten und Konzerne in neue Produkte investieren, ist Ausdruck eines breiten gesellschaftlichen Wandels. Eine differenzierte Darstellung wäre daher sachgerechter als eine zugespitzte Schlagzeile.

Mit freundlichen Grüßen 

Leserbrief zur NOZ vom Montag, 18.08.2025, Seite 6, Ferienjob statt Freibad

Sehr geehrte Redaktion,

beigefügt erhalten Sie meinen Leserbrief zur NOZ vom Montag, 18.08.2025, Seite 6, Ferienjob statt Freibad.

Der Artikel zeigt sehr deutlich, was die Union unter „Bürokratieabbau“ versteht: die Absenkung von Schutzstandards und die Schlechterstellung junger Menschen. Wenn Schüler in Gastronomie, Handel oder Produktion genauso arbeiten wie Erwachsene, dann haben sie auch Anspruch auf eine faire Bezahlung, sprich: den Mindestlohn.

Wer Jugendlichen diesen Anspruch verweigert, fördert nicht „Beschäftigung“, sondern billige Arbeitskraft für Unternehmen. Dass die Union das als angeblichen Standortvorteil verkauft, ist entlarvend. Bürokratieabbau darf nicht zum Deckmantel für Ausbeutung werden.

Mit freundlichen Grüßen 

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