„Empörung wie auf Kommando“ Mit diesem Vorspann druckt die NOZ die These, die SPD-Betroffenheit sei inszeniert. Chefredakteur Burkhard Ewert nennt es ein „Drehbuch“, ohne einen einzigen Beleg.

Hallo NOZ, hallo Herr Ewert,

Ihre Kolumne „Bas, Berlin und die doppelte Niedertracht“ habe ich mit wachsendem Befremden gelesen, zunächst als Newsletter am 14. Oktober, tags darauf als gedruckte Fassung auf Seite 2 der NOZ. Ihre Argumentation halte ich in diesem Fall für problematisch.

Der Kern: eine Rollenumkehr.
Sie werfen Manuela Schwesig und Lars Klingbeil vor, einen Todesfall „abgeschmackt selbst zu missbrauchen“. Belegt wird dieser schwere Vorwurf ausschließlich mit Spekulation; einem „Drehbuch“, das einen „gesichtswahrenden Ausstieg“ vorbereitet haben soll. Ihr Fazit lautet „Da passt einfach zu viel zusammen.“ Und an anderer Stelle, zu den fehlenden Belegen schreiben Sie „Was fehlt, sind Beispiele.“. Ein Kalkül wird behauptet, nicht nachgewiesen. Wer den Missbrauchsvorwurf erhebt, während er selbst den Trauerfall zum Anlass einer Inszenierungsthese macht, wiederholt exakt die Figur, die er kritisiert. Das wäre in jedem Kommentar ein Mangel, in einer Kolumne des Chefredakteurs, die die redaktionelle Linie des Hauses setzt, ist es ein Problem der Pressearbeit im eigenen Fall.

Der Vorspann formuliert die Antwort vor. In der Print-Ausgabe ist der Kolumne vorangestellt „Empörung wie auf Kommando: Wie viel Kalkül steckt hinter den SPD-Vorwürfen?“ Das Fragezeichen kaschiert, dass die Antwort bereits feststeht. „Wie auf Kommando“ und „Kalkül“ setzen die Inszenierung als Fakt voraus. Empörung wird nicht gefragt, sondern als geplant behauptet. Ein solcher Vorspann ist keine Einzelmeinung, sondern redaktionelle Rahmung.

Die semantische Eskalation.
Das Wort „unmenschlich“ als Kategorie „kurz vor Massenmord“ einzuordnen, ist keine Auseinandersetzung mit dem Vorwurf, sondern dessen Skandalisierung. Was die Union konkret gesagt und getan hat, die „hämischen Reaktionen“, die selbst der NOZ-Kommentar auf der Titelseite vom 13. Oktober zitiert, bleibt in Ihrer Kolumne unerörtert. Wer die Wortwahl der SPD anhand einer Skala zwischen „Selbstverständlichkeit“ und „Massenmord“ misst, sollte dieselbe Sorgfalt auf die Wortwahl des Koalitionspartners anwenden.

Die Disclaimer-Struktur.
Dreimal versichern Sie, eine Bewertung „verbiete sich“, um sie jeweils im nächsten Absatz dennoch vorzunehmen. Der formale Respekt vor dem Trauerfall dient so als Freibrief für die nachgeschobene Politisierung. Diese Figur habe ich bereits am Kommentar Ihres Kollegen Tobias Schmidt kritisiert: Mitgefühl wird formuliert und im selben Atemzug für die Gegenthese verwendet.

Und wieder, Reform als Chiffre.
Auch in Ihrer Kolumne ist die Union die Partei, die auf „zugesagte Reformen“ wartet, die SPD die Partei des Widerstands. Nichts ist über den Inhalt dieser Reformen zu erfahren, dabei geht es, wie Ihr Haus selbst schreibt, um Vorhaben, die „zunehmend als ungerechte Kürzungen wahrgenommen“ werden. Genau diese Wahrnehmung gilt es ernst zu nehmen, statt sie als Kommunikationsproblem der SPD abzutun.

Die Chronologie als Befund.
Kommentar auf der Titelseite am 13. Oktober („vielleicht auch kleine Chance“), Newsletter am 14. Oktober („Ich denke: Nein. Das war geplant.“), Print-Kolumne am 15. Oktober („Empörung wie auf Kommando“). Drei Texte, drei Tage, ein sich steigerndes Urteil, ohne dass zwischen dem 13. und dem 15. Oktober neues Material öffentlich wurde. Das ist eine Berichterstattung, die sich ihr Urteil nicht erst bildet, sondern es sucht.

Ich verstehe „Rest der Republik“ als Angebot, Berliner Selbstbezug durch die Sicht des Landes zu ergänzen. In dieser Woche hat dies aber eine Koalitionsdebatte zum Anlass genommen, um eine Partei der Inszenierung zu überführen; mit Mitteln, die den journalistischen Anspruch des Formats selbst untergraben. Ich würde mir wünschen, dass die NOZ ihre eigene, im Redaktionskonzept „360 Grad“ formulierte Maßgabe ernst nimmt, nämlich dass es mehr als eine legitime Perspektive gibt. Auf die Perspektive jener, die „unmenschlich“ riefen, sind Sie in drei Texten nicht eingegangen.

Mit freundlichen Grüßen

NOZblog

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