Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen seit 2025

Autor: Timm Reichl (Seite 7 von 53)

Leserbrief zu „Förderprogramm für maximal 800.000 Fahrzeuge – Prämie für E-Autos ein sinnvoller Impuls“ von Tobias Schmidt, NOZ vom 20.01.2026, Seite 1

Eigene Erfahrung ersetzt keine Zahlen. Ein Leserbrief zerlegt den Mythos vom teuren Stromfahren und benennt die wahren Hürden der E-Mobilität.

Hallo NOZ, hallo Herr Schmidt,

Tobias Schmidt schreibt in seinem Kommentar, „solange das Tanken von Strom auf den Kilometer gerechnet teurer ist als Sprit“, werde es Skepsis gegenüber der Elektromobilität geben. Das Problem: Diese Aussage ist schlicht falsch.

Ein durchschnittliches E-Auto verbraucht 15 bis 20 Kilowattstunden pro 100 Kilometer. Selbst bei heute üblichen Strompreisen ergeben sich Kosten von etwa 5 bis 8 Euro, beim Laden zu Hause oft deutlich weniger. Ein Benziner mit realistischem Verbrauch liegt dagegen bei 10 bis 13 Euro pro 100 Kilometer. Strom ist also nicht teurer, sondern in der Regel günstiger.

Wer ausschließlich das teuerste Schnellladen mit idealisierten Spritverbräuchen vergleicht, konstruiert ein Zerrbild, aber keine Realität. Genau solche verkürzten Darstellungen tragen dazu bei, Mythen über E-Autos zu verfestigen, statt die Debatte zu versachlichen.

Ähnlich pauschal ist die Behauptung, E-Autos seien „nach wie vor deutlich teurer“. Listenpreise allein sagen wenig aus. Rabatte, Leasingangebote, geringere Wartungskosten und Steuerbefreiung führen längst dazu, dass viele E-Autos über die Nutzungsdauer günstiger sind als vergleichbare Verbrenner.

Man kann über Kaufprämien, Industriepolitik und Förderlogik trefflich streiten. Aber eine Debatte auf Basis objektiv falscher Kostenvergleiche hilft weder der Verkehrswende noch der Glaubwürdigkeit des Journalismus.

Mit freundlichen Grüßen

Zur Wahl von NOZ-Chefredakteur Burkhard Ewert ins Kuratorium des „Freundeskreises Yad Vashem“

Zwischen Erinnerung, Autorität und publizistischer Macht

Anlass und Fragestellung

Die Neue Osnabrücker Zeitung (NOZ) meldet die Wahl ihres Chefredakteurs Burkhard Ewert in das Kuratorium des „Freundeskreises Yad Vashem“. Die Nachricht ist auf den ersten Blick eine klassische Personal- und Ehrenmeldung. Ein Historiker, Journalist und langjähriger Beobachter Israels übernimmt eine Funktion in einer zentralen Institution der Holocaust-Erinnerung.

Diese Analyse fragt jedoch bewusst nicht nur ob diese Wahl nachvollziehbar ist, sondern wie sie im Kontext der bisherigen publizistischen Praxis Ewerts und der redaktionellen Linie der NOZ zu bewerten ist. Denn journalistische Macht, erinnerungspolitische Autorität und Deutungshoheit über gegenwärtige Konflikte sind hier eng miteinander verschränkt.

Biografische Plausibilität – kein Zweifel an der formalen Eignung

Zunächst ist festzuhalten, dass die Wahl Ewerts biografisch plausibel ist. Seine akademische Beschäftigung mit jüdischer Geschichte und der Staatsgründung Israels, seine wiederholten Aufenthalte in Israel und den palästinensischen Gebieten (einschließlich des Gazastreifens), die Begleitung offizieller Gedenkdelegationen wie des Auschwitz-Gedenkens mit dem Bundespräsidenten sowie das von ihm initiierte und ausgezeichnete Dokumentationsprojekt zur Reichspogromnacht ergeben in ihrer Gesamtheit ein stimmiges Bild.

Auf dieser Ebene gibt es keinen sachlichen Grund, Ewerts Eignung für ein solches Kuratorium in Zweifel zu ziehen. Gerade deshalb beginnt die eigentliche Bewertung erst jenseits der biografischen Oberfläche.

Erinnerung als moralischer Rahmen ist ein bekanntes Muster

Zentral ist ein Satz aus der Meldung:

Die gegenwärtige politische Situation in Israel ist mir bewusst. Sie ändert nichts an der deutschen Verantwortung für die Geschichte.

Dieser Satz ist mehr als eine persönliche Haltung. Er beschreibt ein Argumentationsmuster, das sich seit Jahren auch in der publizistischen Linie der NOZ (und in Texten unter Ewerts Verantwortung) wiederfindet:

  • Die deutsche Verantwortung aus dem Holocaust wird als übergeordnete moralische Kategorie gesetzt.
  • Aktuelle politische Fragen werden diesem Rahmen untergeordnet.
  • Kritik an israelischer Regierungspolitik wird dadurch nicht unmöglich, aber normativ begrenzt.

Diese Struktur ist nicht illegitim. Sie wird jedoch problematisch, wenn sie systematisch zur Einhegung bestimmter Debatten führt.

Die NOZ und die Asymmetrie der Kritik

In der Berichterstattung und Kommentierung der NOZ zu Israel, Gaza und Antisemitismus lässt sich über längere Zeit eine deutliche Asymmetrie erkennen. Die Sensibilität gegenüber antisemitischen Tendenzen ist hoch und grundsätzlich berechtigt. Gleichzeitig fällt jedoch eine auffällige Zurückhaltung bei der kritischen Auseinandersetzung mit völkerrechtlichen Fragen israelischer Militärpolitik, mit der strukturellen Gewalt im Gazastreifen sowie mit internationaler Kritik an der jeweiligen israelischen Regierung auf.

Kritische Positionen werden in diesem Kontext häufig nicht primär inhaltlich verhandelt, sondern moralisch gerahmt. Sie erscheinen dann als emotionalisiert, verkürzt oder ethisch problematisch. Auf diese Weise verschiebt sich der Fokus der Debatte. Nicht mehr die Substanz der Kritik steht im Zentrum, sondern die Frage, ob diese Kritik überhaupt zulässig ist.

„Unpolitisch“ als Entlastungsformel

Der Artikel betont mehrfach, Yad Vashem verstehe sich als „unpolitische Organisation“. Historisch ist das korrekt, rhetorisch jedoch hoch wirksam.

Gerade in einer Zeit, in der:

  • der Krieg in Gaza international als humanitäre Katastrophe diskutiert wird
  • Vorwürfe von Kriegsverbrechen im Raum stehen
  • die deutsche Öffentlichkeit tief gespalten ist

wirkt der Verweis auf das unpolitische wie eine Schutzformel:

  • Erinnerung ohne aktuelle Verantwortung
  • moralische Autorität ohne politische Rechenschaft
  • Mahnung ohne Machtkritik

Dass Ewert diese Trennung explizit betont, ist kein Zufall, sondern fügt sich nahtlos in seine bekannte Argumentationslinie.

Medienethische Dimension: Nähe, Rolle, Macht

Der entscheidende Punkt liegt daher weniger in Ewerts persönlichem Engagement als in der strukturellen Doppelrolle, die hier sichtbar wird. Als Chefredakteur einer regional dominanten Tageszeitung prägt er die publizistische Linie zu Themen wie Israel, Antisemitismus und Erinnerungspolitik maßgeblich. Zugleich übernimmt er eine Funktion in einer zentralen erinnerungspolitischen Institution mit erheblicher moralischer Autorität.

Diese Konstellation erzeugt zumindest ein Risiko von Interessenkonflikten, das journalistisch reflektiert werden müsste. Genau das geschieht jedoch nicht. Die NOZ-Meldung bleibt affirmativ und ehrerbietig; Distanz, Selbstreflexion oder ein Hinweis auf mögliche Spannungen zwischen journalistischer Rolle und erinnerungspolitischer Funktion fehlen vollständig. Das ist weniger ein persönlicher Vorwurf als ein strukturelles Defizit redaktioneller Selbstbeobachtung.

Fazit: Konsistent, ehrenvoll, aber nicht folgenlos

Die Wahl Burkhard Ewerts ins Kuratorium des Freundeskreises Yad Vashem ist biografisch nachvollziehbar, symbolisch bedeutsam und moralisch ehrenvoll. Im Kontext seiner publizistischen Praxis ist sie jedoch nicht folgenlos. Sie festigt erinnerungspolitische Deutungshoheit, verschiebt die Grenzen dessen, was als legitime Kritik an israelischer Politik gilt, und verdeutlicht die enge Verbindung von Journalismus, moralischer Autorität und Macht.

Gerade deshalb wäre eine offene und transparente Debatte notwendig gewesen. Dass sie ausbleibt, sagt weniger über Burkhard Ewert aus als über den Zustand medienethischer Selbstreflexion in der NOZ.

Dieser Text versteht sich nicht als Angriff, sondern als Beitrag zu einer notwendigen Diskussion über Verantwortung, Erinnerung und journalistische Macht.

Leserbrief zu „Nach dem Anschlag ist vor dem Achselzucken – Wo bleibt nach der linksextremen Sabotage in Berlin die öffentliche Empörung?“ von Burkhard Ewert, NOZ vom 15.01.2026, Seite 2

Viel Empörung, wenig Maßstab: Warum der Kommentar von Burkhard Ewert mehr Agenda als Analyse ist.

Hallo NOZ, hallo Herr Ewert,

der Kommentar von Burkhard Ewert zum Anschlag auf die Berliner Stromversorgung spricht ein reales Problem an, arbeitet aber mit fragwürdigen Zuspitzungen und Maßstäben.

Sabotage an kritischer Infrastruktur ist ohne Zweifel ernst zu nehmen. Problematisch wird es jedoch dort, wo die Bedeutung eines terroristischen Akts nahezu ausschließlich aus der vermuteten Höhe des Sachschadens abgeleitet wird. Terror entfaltet seine Wirkung nicht primär über Kostenrechnungen, sondern über Angst, Verunsicherung, politische Instrumentalisierung, und über die Frage, wie Staat und Öffentlichkeit reagieren.

Gerade deshalb erscheint der Eindruck einer angeblich beispiellos „milden“ Reaktion wenig überzeugend. Der Anschlag wurde breit medial begleitet, die Bundesanwaltschaft ermittelt, Sicherheitsbehörden sprechen offen von Terrorverdacht. Das ist keine Bagatellisierung, sondern ein funktionierender rechtsstaatlicher Umgang.

Wenn man historische Maßstäbe anlegt, zeigt sich zudem, dass Terror in Deutschland sehr unterschiedliche Formen angenommen hat. Der NSU etwa wirkte über Jahre hinweg, mit tödlichen Folgen und gravierenden Ermittlungsfehlern. Seine zerstörerische Kraft lag weniger im materiellen Schaden als in der Dauer, den Opfern und dem institutionellen Versagen. Daran gemessen greift eine Bewertung zu kurz, die aktuelle Ereignisse vor allem anhand ökonomischer Schadenssummen dramatisiert.

Schließlich irritiert die wiederholte Andeutung, politische und mediale Reaktionen würden je nach ideologischem Hintergrund der Täter grundsätzlich unterschiedlich ausfallen. Solche Pauschalurteile tragen eher zur Polarisierung bei, als dass sie zur nüchternen Analyse politischer Gewalt beitragen.

Wer demokratische Resilienz stärken will, sollte genau darin bestehen, auf Präzision, Maßstäbe und Zurückhaltung, auch im Kommentar.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Zensur-Debatte nach Auftritt bei Markus Lanz“ von Maximilian Schwoch, NOZ vom 15.01.2026, Seite 5

Pressefreiheit oder Empörungsroutine? Kurzer Leserbrief zur Günther-Debatte, DJV-Reaktion und dem fragwürdigen Zensur-Framing.

Hallo NOZ,

die aktuelle „Zensur-Debatte“ rund um Daniel Günther wirkt zunehmend wie eine künstlich aufgeheizte Empörungswelle. Politische Kritik an bestimmten Medien wird reflexhaft als Angriff auf die Pressefreiheit gewertet, obwohl genau diese Kritik selbst von der Meinungsfreiheit gedeckt ist.

Der Deutsche Journalisten-Verband zeigt sich „schockiert“, vergisst dabei aber eine einfache Wahrheit. Pressefreiheit schützt Medien vor staatlichen Verboten, nicht vor öffentlicher oder politischer Bewertung. Wer das vermischt, senkt bewusst die Schwelle zur Skandalisierung.

Bemerkenswert ist auch das schnelle Zurückrudern Günthers, und ebenso bemerkenswert, wie dankbar diese Klarstellung aufgenommen wird. Offenbar reicht inzwischen ein Facebook-Post, um aus einer angeblichen Grundgesetzkrise wieder normale Politik zu machen. Das wirft die Frage auf, wie belastbar die vorherige Empörung eigentlich war.

Auffällig bleibt zudem die einseitige Perspektive. Medien und Verbände treten geschlossen als Opfer auf, ohne sich selbstkritisch zu fragen, warum Vertrauen verloren geht. Zuspitzung, moralische Überhöhung und politische Schlagseite sind reale Probleme, darüber schweigt man lieber.

Wenn selbst scharfe Medienkritik sofort als „Zensur“ etikettiert wird, ist nicht die Pressefreiheit in Gefahr, sondern die offene Debatte. Demokratie hält Kritik aus, auch an Journalisten.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Vorschläge der SPD zu einer Reform der Erbschaftsteuer Eine Gefahr für die Familienunternehmer“ von Michael Clasen, NOZ vom 14.01.2026, Seite 1

Alarmismus statt Analyse: Der Leserbrief zeigt mit Zahlen, warum die Erbschaftsteuer-Panik unbegründet ist und große Vermögen privilegiert bleiben.

Hallo NOZ, hallo Herr Clasen,

der Kommentar von Herrn Clasen zur Erbschaftsteuer ist weniger Analyse als politische Panikmache. Wer die SPD-Vorschläge als „Gefahr für Familienunternehmer“ bezeichnet, verschweigt zentrale Fakten und verzerrt die Debatte bewusst.

Jährlich werden in Deutschland bis zu 400 Milliarden Euro vererbt oder verschenkt, versteuert werden davon jedoch nur rund neun Milliarden Euro. Das ist kein Zeichen eines „ausreichenden Einnahmesystems“, sondern Ausdruck einer Erbschaftsteuer, die vor allem große Vermögen schont, insbesondere Betriebsvermögen. Dass „wer viel erbt, oft kaum zahlt“, ist kein populistischer Mythos, sondern vielfach belegt und sogar vom Bundesverfassungsgericht kritisiert worden.

Der Alarmismus gegenüber Familienunternehmen überzeugt ebenfalls nicht. Die SPD schlägt einen Unternehmensfreibetrag von fünf Millionen Euro sowie eine Streckung der Steuerzahlung über 20 Jahre vor. Das bedeutet, die allermeisten kleinen und mittleren Betriebe wären gar nicht betroffen. Wer dennoch vom „Niedergang“ spricht, verwechselt bewusst Großvermögen mit dem Mittelstand.

Besonders schief ist das Argument, man könne nur „verteilen, was zuvor erwirtschaftet wurde“. Erbschaften sind keine eigene Leistung, sondern leistungslose Vermögensüberträge. Gerade sie gelten in der Finanzwissenschaft als besonders legitim zu besteuern, zumal Arbeitseinkommen in Deutschland bereits überdurchschnittlich hoch belastet sind.

Der Kommentar blendet diese Zusammenhänge aus und ersetzt sie durch Schlagworte wie „Sozialismus“ und „Standortgefährdung“. Das mag politisch mobilisieren, trägt aber nicht zu einer sachlichen Debatte bei. Wer echte Leistungsgesellschaft will, sollte leistungsloses Vermögen nicht länger privilegieren.

Mit freundlichen Grüßen

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