Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

Autor: Timm Reichl (Seite 6 von 79)

„Nazi“: Strenge Maßstäbe, aber nur für die einen

Der NOZ-Kommentar von Carlotta Vorbrüggen warnt vor Begriffsinflation beim Wort Nazi, verschweigt aber die eigene Zurückhaltung beim Wort Rechtsextremismus.

Carlotta Vorbrüggens Kommentar zur Debatte um Danger Dans neuen Song klingt zunächst vernünftig. Sprache verliere ihren Maßstab, schreibt sie, der Begriff „Nazi“ werde zu leichtfertig verteilt. Wer genauer hinschaut, merkt jedoch schnell, dass der Text ein Problem beschreibt, das er selbst erst herbeischreibt.

Der Popanz vom inflationären Nazi-Vorwurf

Vorbrüggen führt als Belege den AfD-Wähler an, der angeblich pauschal zum Nazi erklärt werde, den Polizisten, den Bundeswehrsoldaten, den Nachbarn mit dem dummen Witz. Wer in der aktuellen Debatte um Danger Dan tatsächlich diese Gruppen pauschal als Nazis bezeichnet, bleibt offen. Diese Beispiele sind Strohmänner. Sie erzeugen den Eindruck einer Gesellschaft, die wahllos etikettiert, ohne dass der Text dafür auch nur einen konkreten Fall liefert.

Strenge hier, Nachsicht dort

Interessant ist, mit welcher Sorgfalt Verbrüggen den Begriff „Nazi“ behandelt wissen will. Historische Genauigkeit, klare Abgrenzung, keine Inflation. Für ihre eigene zentrale Behauptung, die Gesellschaft würde immer leichtsinniger labeln, reicht ihr dagegen ein Bauchgefühl. Diese Asymmetrie ist kein Zufall, sondern ein Muster, das sich durch die NOZ-Berichterstattung zieht.

Genau dieses Muster zeigt sich, sobald es um die AfD geht. Der niedersächsische Verfassungsschutz ordnet die Partei explizit dem Rechtsextremismus zu. Diese Einordnung ist keine Meinung, sondern eine amtliche Feststellung. In der Berichterstattung der NOZ taucht der Begriff Rechtsextremismus in diesem Zusammenhang jedoch auffällig selten auf, wie mehrere Leserbriefe auf diesem Blog in den vergangenen Wochen dokumentiert haben.

Wo bleibt die Sorgfalt, wenn es amtlich ist

Wer beim Wort „Nazi“ auf Präzision besteht, sollte diese Präzision auch dort anwenden, wo eine Behörde längst eine klare Einordnung getroffen hat. Stattdessen wirkt der Kommentar wie ein Plädoyer für Zurückhaltung genau dann, wenn Zurückhaltung der eigenen politischen Bequemlichkeit dient, und für Dramatisierung dort, wo sie ein griffiges Meinungsstück ergibt.

Eine Debatte über die Bedeutung von Begriffen ist wichtig. Sie verdient aber Konsequenz. Wer Begriffsschärfe einfordert, darf sie nicht selektiv anwenden, je nachdem, welche Seite gerade betroffen ist.

Wenn die Reportage über Danger Dans Auftritt die Meinung von neulich fortsetzt

Ebert berichtet von Danger Dans Live-Premiere, mit feinen Spitzen gegen das Publikum und einer Stimme pro Künstler gegen zwei kritische Einordnungen, darunter der steile Vorwurf möglicher Volksverhetzung. Nach seinem eigenen Verriss fünf Tage zuvor wenig überraschend.

Fünf Tage nach seinem Verriss von „Keine Angst“ berichtet Philipp Ebert von der ersten Live-Aufführung des Liedes in Berlin. Als Reportage getarnt, trägt der Text jedoch deutliche Spuren der bereits bezogenen Position.

Kleine Seitenhiebe wie der Hinweis auf das benutzte Deo im Publikum oder die Bemerkung zur geringen Zahl an „Person of Colour“ im Saal tragen nichts zum Verständnis des Abends bei. Sie funktionieren als leise Häme, ohne dass eine offene Bewertung nötig wäre.

Bei den eingeholten Einordnungen am Textende fällt zudem die Gewichtung auf. Eine Stimme stützt die Position von Danger Dan, zwei Stimmen stützen die ZDF-Entscheidung oder gehen sogar weiter. Besonders bemerkenswert ist der Hinweis auf eine mögliche Volksverhetzung durch Hass gegen Menschen mit rechtsextremer Ideologie, eine steile Einordnung, die im Text unkommentiert bleibt.

Wer fünf Tage zuvor bereits eine klare Meinung veröffentlicht hat, sollte bei der folgenden Berichterstattung besonders auf Ausgewogenheit achten. Genau das gelingt hier nicht.

Sánchez liefert, die NOZ misstraut trotzdem

Spanien wächst schneller als jede andere große Eurozonen-Volkswirtschaft, hat Rekordbeschäftigung und sinkende Arbeitslosigkeit. Der NOZ-Kommentar von Katrin Pribyl macht daraus trotzdem eine Geschichte über taktisches Kalkül.

Hallo NOZ, hallo Frau Pribyl,

der Kommentar „Alles nur Theater?“ konstruiert aus Spaniens Nato-Kurs ein Bild politischer Berechnung, das der eigenen Faktenlage im Text widerspricht.

Der Artikel selbst räumt ein, dass Spanien laut mehreren Nato-Diplomaten deutlich mehr in Verteidigung investiert, als es offiziell meldet, und dass Generalsekretär Rutte das Land ausdrücklich für sein Engagement an der Ostflanke lobt. Trotzdem wird daraus ein „bemerkenswertes Schauspiel“ gemacht, bei dem Sánchez unterstellt wird, er nutze den Konflikt mit Trump vor allem taktisch. Diese Lesart übergeht, was an Substanz dahintersteht.Spanien ist derzeit die am schnellsten wachsende große Volkswirtschaft der Eurozone. Über 22 Millionen Menschen sind erwerbstätig, ein historischer Höchststand. Die Arbeitslosigkeit ist auf den niedrigsten Wert seit 17 Jahren gesunken. Der Mindestlohn wurde seit 2018 um 61 Prozent angehoben. Nach eigenen Angaben der Regierung entfielen zeitweise rund 40 Prozent des gesamten Wachstums der Eurozone auf Spanien allein. Das sind keine Stimmungswerte, sondern Zahlen, die auch internationale Wirtschaftsmedien bestätigen.

Vor diesem Hintergrund wirkt die Deutung des Artikels schief. Eine Regierung, die ihre Bündnisverpflichtungen nachweislich erfüllt und gleichzeitig wirtschaftlich zu den Vorzeigeländern Europas zählt, wird nicht an diesen Ergebnissen gemessen, sondern auf verborgene Motive hin abgeklopft. Bei anderen Regierungschefs, deren Wirtschaftsbilanz deutlich durchwachsener ausfällt, findet sich diese misstrauische Grundhaltung in Ihrem Blatt auffällig seltener.

Kritik an Sánchez ist möglich und teilweise berechtigt, etwa was die Transparenz der Verteidigungsausgaben betrifft. Aber dann sollte sie an der Sache ansetzen, nicht an einer unterstellten Inszenierung, die die eigenen Fakten im Text nicht hergeben.

Mit freundlichen Grüßen

Update 22.07.2026, Antwort von Katrin Pribyl

Guten Tag Herr Reichl,

Vielen Dank für Ihre E-Mail und Ihre Anmerkungen.

Sie haben Recht: Spanien hat seine Verteidigungsausgaben in den vergangenen Jahren deutlich erhöht und übernimmt innerhalb der Nato wichtige Aufgaben. Genau deshalb habe ich in meinem Artikel auf den Einsatz Spaniens an der Ostflanke, die Investitionen in Streitkräfte sowie das ausdrückliche Lob von Nato-Generalsekretär Mark Rutte hingewiesen.

Der Gegenstand meines Kommentars war allerdings nicht die (sehr erfolgreiche) wirtschaftliche Entwicklung Spaniens oder die grundsätzliche Leistungsfähigkeit der Regierung Sánchez. Vielmehr ging es um die politische Kommunikation rund um die Verteidigungsausgaben. Nach übereinstimmenden Aussagen mehrerer Nato-Diplomaten investiert Spanien erheblich mehr in Verteidigung, als die offizielle Darstellung vermuten lässt. Die Frage, warum die Regierung dies öffentlich nicht stärker herausstellt, sondern den Konflikt mit Washington in Kauf nimmt, ist aus meiner Sicht journalistisch legitim.

Dass innenpolitische Erwägungen dabei eine Rolle spielen, ist keine reine Spekulation, sondern entspricht den Einschätzungen mehrerer Gesprächspartner innerhalb der Nato. Daraus ist die Bewertung abgeleitet, dass der öffentliche Konflikt beiden Seiten politisch nutzt – Trump ebenso wie Sánchez, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Meiner Ansicht nach widerspricht sich die Faktenlage in meinem Text deshalb nicht.

Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag und sende freundliche Grüße aus Brüssel,Katrin Pribyl

Meine Replik darauf:

Guten Tag Frau Pribyl,

danke für Ihre ausführliche Antwort, die ich gerne aufgreife.

Dass die Frage nach der politischen Kommunikationsstrategie rund um die Verteidigungsausgaben legitim ist, bestreite ich nicht. Diplomaten, die auf innenpolitische Erwägungen verweisen, sind eine seriöse Quelle, und dass Sie das aufgreifen, ist journalistisch nachvollziehbar.

Mein Einwand richtet sich weniger gegen die Fragestellung als gegen die Rahmung. Titel und Duktus des Artikels („Alles nur Theater?“, „bemerkenswertes Schauspiel“) erzeugen eine Symmetrie zwischen Trump und Sánchez, die der eigenen Faktenlage im Text nicht entspricht. Trump droht mit Handelsabbruch und öffentlicher Demütigung eines Bündnispartners, das ist Druckausübung. Sánchez verzichtet aus innenpolitischen Gründen darauf, öffentlich mit seinen tatsächlichen Verteidigungsausgaben zu punkten, das ist strategische Zurückhaltung. Beides als gleichwertiges „Geschäftsmodell“ zu beschreiben, nivelliert einen Unterschied, der für die Einordnung wichtig wäre.

Auch die von Ihnen genannten Gründe, fragile Minderheitskoalition, historisches Misstrauen gegenüber dem Militär seit der Franco-Zeit, mehrheitliche Ablehnung der Angriffe auf den Iran in der Bevölkerung, werden im Artikel eher als Beleg für taktisches Kalkül gelesen, könnten aber ebenso gut als genuine politische Zwänge verstanden werden. Diese Lesart kommt im Text nicht vor.

Ich schätze es, dass Sie sich die Zeit für eine so ausführliche Antwort genommen haben, und verstehe Ihre journalistische Absicht besser. An der grundsätzlichen Kritik an der Rahmung halte ich dennoch fest.

Mit freundlichen Grüßen

Reiches Kompromiss und die Frage, die die NOZ nicht stellt

Warum die aus der Gaswirtschaft kommende Wirtschaftsministerin Katherina Reiche zuerst einen radikalen Kürzungsplan für Solar und Wind vorlegte, bevor sie zurückruderte, und was Tobias Schmidt in der NOZ dabei übersieht.

Hallo NOZ, hallo Herr Schmidt,

Ihr Kommentar zu Katherina Reiches Energiewende-Kompromiss lobt eine Ministerin für Nachgeben, ohne zu fragen, warum sie überhaupt so weit vorgeprescht war, dass jetzt zurückgerudert werden musste. Das ist keine Analyse, sondern Applaus für eine Verhandlungstaktik, deren Ausgangspunkt selbst das eigentliche Problem war.

Was in Ihrem Text komplett fehlt, ist Reiches berufliche Herkunft. Bis zu ihrem Amtsantritt 2025 war sie Vorstandsvorsitzende der Westenergie AG, einer E.ON-Tochter und einem der größten Gasnetzbetreiber Deutschlands. Sie kommt nicht zufällig aus der Gaswirtschaft in dieses Ministerium, sie hat dort ihre gesamte jüngere Karriere verbracht. Wer aus einem solchen Umfeld heraus als erstes einen kompletten Förderstopp für private Solaranlagen und eine Kompensationskürzung für Windkraft vorschlägt, verdient bei diesem Vorschlag mindestens die Nachfrage, wessen Interessen da eigentlich bedient werden sollten. Genau diese Nachfrage stellen Sie nicht.

Stattdessen wird der Rückzug vom Maximalvorschlag als Zeichen von Kompromissfähigkeit gefeiert. Dabei war der ursprüngliche Plan kein Verhandlungsangebot, das man abschleift, sondern ein Vorstoß, der erst durch öffentlichen Widerstand, unter anderem sogar von Markus Söder, zurückgestutzt wurde. Wer hier „okay“ sagt, lobt eine Ministerin dafür, dass sie ihre eigene Bremse nur teilweise gezogen hat.

Der Text erwähnt sogar selbst, dass die Netze unter Solarboom-Stress stehen, zieht daraus aber nicht die naheliegende Konsequenz. Wenn Strom nicht ankommt, weil Leitungen fehlen, ist die Antwort Netzausbau, nicht Bremsung der Erzeugung. Diese Verschiebung von einem Infrastrukturversäumnis auf die erneuerbaren Energien selbst ist ein bekanntes Muster politischer Verzögerung, keine neutrale Beobachtung.

Der Vorwurf „Gaslobbyistin“ wird in Ihrem Kommentar zwar erwähnt, aber mit einem Nebensatz abgetan, ohne ihn an den konkreten politischen Entscheidungen zu prüfen. Genau das wäre journalistisch die Aufgabe gewesen.

Mit freundlichen Grüßen

Schenna zum zehnten Mal, und was der Übermedien-Text über die NOZ verrät, das ich schon lange kenne

Stefan Niggemeier deckt unmarkierte Reise-PR in der NOZ auf. Die Reaktion des Verlags folgt einem Muster, das ich aus eigener Erfahrung mit ganz anderen Themen bereits kenne.

Stefan Niggemeier hat bei Übermedien nachgezeichnet, wie die NOZ ihren Reiseteil offenbar über Jahre von einer Tochterfirma der Neuen Westfälischen füllen ließ, ohne die Texte zu prüfen. PR-Agenturen schrieben Werbetexte für Hotels und Reiseziele, teils unter eigenem Namen, ohne dass jemand in der Redaktion einen Blick auf den Inhalt geworfen hat. Geprüft wurde laut Verlag nur die Optik, nicht der Inhalt.

Für mich als jemand, der die NOZ systematisch begleitet, klingt das erstaunlich vertraut. Nur eben in einem anderen Ressort.

Fremde Texte, keine Einordnung

Wenn die NOZ NZZ-Artikel übernimmt, etwa den Text über „Omas gegen rechts“ oder den Beitrag zu ostdeutschen Wirtschaftsverbänden und der AfD, passiert im Kern dasselbe wie bei den Reiseartikeln. Ein fremder Text landet unkommentiert in der Zeitung, ohne redaktionelle Einordnung, ohne Hinweis auf die politische Schlagseite der Quelle, ohne dass jemand offenbar die Frage stellt, ob das so stehen bleiben kann. Bei den PR-Texten ging es um Hotelwerbung, bei den NZZ-Übernahmen um politische Deutungsmacht. Das Prinzip ist aber austauschbar. Fremde Interessen fließen ungefiltert in die Zeitung, weil offenbar niemand mehr genau hinschaut, wer den Text eigentlich geschrieben hat und warum.

Fehler eingeräumt, Substanz bleibt aus

Auch die Reaktion des Verlags kommt mir bekannt vor. Die NOZ räumt gegenüber Übermedien Versäumnisse ein, kündigt Kennzeichnung an, verspricht Besserung. Und selbst im ersten korrigierten Artikel, den Niggemeier vorab zu sehen bekam, bleibt der redaktionelle Text weiterhin auffallend werblich. Das Gewinnspiel ist markiert, der Rest liest sich wie vorher.

Genau dieses Muster kenne ich aus meiner eigenen Korrespondenz mit der Redaktion. Auf meine Kritik an der Schließung der Kommentarspalten kam eine freundliche, ausführliche Antwort, die im Kern nichts verändert hat. Auf meine Nachfrage, warum bei der AfD-Berichterstattung wiederholt der Begriff Rechtsextremismus fehlt, kam keine wirkliche Erklärung. Man bekommt den Eindruck, dass Kritik gehört, aber selten in redaktionelle Konsequenzen übersetzt wird.

Ein Muster, kein Einzelfall

Was Niggemeier bei der Reise-PR beschreibt und was ich bei politischer Berichterstattung seit Monaten dokumentiere, läuft am Ende auf dieselbe Frage hinaus. Wie viel Kontrolle hat die Redaktion eigentlich noch über das, was unter ihrem Namen erscheint? Ob es um ein Hotel in Südtirol geht oder um die Einordnung einer vom Verfassungsschutz beobachteten Partei, in beiden Fällen zeigt sich dieselbe Lücke zwischen Anspruch und Praxis.

Vielleicht ist das der eigentliche Wert von Niggemeiers Recherche für Leute wie mich, die die NOZ aus einer ganz anderen Richtung kritisch begleiten. Sie bestätigt, dass es sich nicht um Einzelfälle handelt, sondern um ein strukturelles Problem der redaktionellen Kontrolle, das sich durch verschiedenste Ressorts zieht

« Ältere Beiträge Neuere Beiträge »