Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen seit 2025

Autor: Timm Reichl (Seite 6 von 59)

Leserbrief zu „Landtagswahl in Baden-Württemberg Kämpferischer Özdemir“ von Michael Clasen, NOZ vom 09.03.2026

Clasens Wahlanalyse in der NOZ: Warum seine AfD-Verharmlosung und Hagel-Kritik an der Realität vorbeigehen; eine notwendige Korrektur.

Hallo NOZ, hallo Herr Clasen,

Clasens Analyse zur Landtagswahl in Baden-Württemberg verkennt die Realität gleich mehrfach. Nicht eine angebliche „Schmutzkampagne“ der Grünen, sondern Manuel Hagels eigene Auftritte (zuletzt peinlich unangemessen an einer Schule) haben seinen Wahlkampf untergraben. Wer mit solch unwürdigem Verhalten um Wähler wirbt, muss sich nicht über das Ergebnis wundern.

Noch problematischer ist Clasens Umgang mit der AfD. Dass die Partei trotz monatelanger Umfragewerte von bis zu 20 % am Ende klar darunter blieb, ist kein „Wahlsieg“, sondern ein klares Zeichen für begrenzte Mobilisierungskraft. Die AfD blieb damit sogar hinter den letzten Prognosen zurück, ein eher mageres Ergebnis, das Clasen geflissentlich ignoriert. Wer solche Relativierungen betreibt und die AfD als „stärkste Oppositionsfraktion“ feiert, obwohl sie gegenüber den eigenen Hochrechnungen verloren hat, wirkt wie ein heimlicher Fan, nicht wie ein kritischer Beobachter.

Dass die demokratischen Parteien stattdessen die gestiegene Wahlbeteiligung als Auftrag verstehen sollten, klare Kante gegen Extremismus zu zeigen, bleibt die eigentliche Lehre dieser Wahl. Statt sich in falscher Dramaturgie oder Spekulationen über Koalitionen zu verlieren, wäre es an der Zeit, die AfD als das zu benennen, was sie ist. Eine Partei, die nicht an die eigenen Versprechungen heranreicht.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu einseitiger Berichterstattung zu politisch motivierter Gewalt, NOZ vom 07.03.2026

NOZ wieder auf Kurs: Reißerische Überschrift zu Linksextremismus, während rechtsextreme Gewalt unter den Tisch fällt.

Hallo NOZ, hallo Herr Hinrichs,

der Artikel „Keine einzige Tat aufgeklärt – Linksextreme Gewalt nimmt zu“ von Jürgen Hinrichs (übernommen aus dem Weser-Kurier) in der NOZ vom 07.03.2026, Seite 5 ist ein weiteres Beispiel für die selektive Wahrnehmung Ihrer Redaktion. Die Überschrift suggeriert, linksextreme Gewalt sei das zentrale Problem, doch die Zahlen widerlegen das: 398 rechtsextreme Delikte stehen 192 linksextremen gegenüber. Warum wird dieser Kontext nicht genannt?

Noch problematischer ist die pauschale Behauptung, „keine einzige Tat“ sei aufgeklärt. Das gilt offenbar für beide politische Lager. Statt jedoch die strukturellen Defizite der Strafverfolgung zu hinterfragen, wird der Fokus einseitig auf Linksextremismus gelegt. Auch die Einstellung von Verfahren wegen Geringfügigkeit betrifft alle Formen politisch motivierter Kriminalität, kein Alleinstellungsmerkmal linker Täter.

Eine seriöse Analyse hätte zudem die Motive linker Gewalt (z. B. gegen Rüstungsfirmen oder Wohnungsinvestoren) einordnen müssen. Stattdessen wird mit reißerischen Formulierungen Stimmung gegen „den Staat und das Kapital“ gemacht, während rechtsextreme Gewalt systematisch verharmlost wird.

Mit freundlichen Grüßen

Update vom 16.03.2026, Herr Hinrichs hat geantwortet:

Hallo Herr Reichl,

wir haben uns bewusst für eine kleine Serie allein den Linksextremismus in Bremen vorgenommen. Dass die Taten von Rechtsextremisten rein quantitativ das größere Problem sind, ergibt sich schon aus den von Ihnen zitierten Zahlen in meinem Artikel. Nur dass es in der Serie eben um einen anderen Fokus ging – das hat mit Verharmlosung oder Relativierung rechtsextremer Gewalt rein gar nichts zu tun. Diese Fälle werden in der kontinuierlichen Berichterstattung selbstverständlich berücksichtigt und, wo das gelingt, auch eingeordnet.

Das Phänomen, dass in Bremen keine einzige Gewalttat Linksextremer aufgeklärt werden konnte, ist einzigartig. Vom LKA wird das eingeräumt und mit den semi-professionellen Strukturen der Szene erklärt. Einzigartig ist auch die Qualität der Taten.

Mit freundlichen Grüßen Jürgen Hinrichs

Update 16.03.2026, meine Antwort an Hinrichs:

Hallo Herr Hinrichs,

Ihre Antwort offenbart das eigentliche Problem. Wenn 398 rechtsextreme Delikte 192 linken gegenüberstehen, ist es keine „Fokussierung“, sondern eine Verzerrung, dies nicht bereits in der Überschrift klarzustellen. Dass Sie rechtsextreme Gewalt in einer „kontinuierlichen Berichterstattung“ behandeln, ist ein leeres Versprechen, solange Sie keine konkreten Beispiele nennen. Wo sind die investigativen Artikel zu den unaufgeklärten Brandanschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte? Warum keine Serie zu den „semi-professionellen Strukturen“ der rechten Szene?Ihre Behauptung, unaufgeklärte linke Gewalt sei einzigartig, ist schlicht falsch. Einzigartig ist allein, dass Sie rechte Gewalt, trotz höherer Fallzahlen, nicht als systemisches Versagen der Ermittler thematisieren. Das LKA als Quelle anzuführen, während Sie dessen Blindflecke bei Rechts ignorieren, wirkt wie selektive Empörung.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Diese Stadt ist eine AfD-Hochburg – aber warum?“ von Leon Grupe, NOZ vom 06.03.2026

AfD in Rastatt. Warum die NOZ die rechtsextreme Partei verharmlost.

Hallo NOZ, hallo Herr Grupe,

Ihr Artikel über Rastatt als „AfD-Hochburg“ ist ein trauriges Beispiel dafür, wie Medien unfreiwillig zur Normalisierung einer rechtsextremen Partei beitragen. Statt die AfD als das zu benennen, was sie ist, nämlich eine vom Verfassungsschutz als „gesichert extremistisch“ eingestufte Organisation, wird sie als bloßer „Protestkanal“ für frustrierte Bürger:innen dargestellt.

Das ist gefährlich. Kein Wort zur Verfassungsschutz-Einstufung der AfD, weder bundesweit noch in Baden-Württemberg. Keine klare Benennung ihrer rassistischen Kernforderungen wie „Remigration“ oder Angriffe auf die Demokratie. Keine Einordnung, dass die AfD gezielt Desinformation streut, obwohl die Polizei Rastatt als so sicher wie seit Jahren nicht beschreibt.

Stattdessen wird die Kneipe „Goldener Hirsch“ mit völkischen Sprüchen wie „Deutsches Schutzgebiet“ als „authentischer Ort“ beschrieben, ohne zu erklären, dass solche Symbole rechtsextreme Codes sind.

Besonders problematisch ist, dass der AfD-Landtagskandidat Philipp Helber als „sachlicher Politiker“ porträtiert wird, der sich um „was die Menschen wirklich interessiert“ kümmert. Dass die AfD keine Lösungen hat (außer Hetze gegen Migrant:innen und Klimapolitik), bleibt unerwähnt. Stattdessen wird ihre gezielte Täuschung als „bürgerlicher Protest“ verklärt.

Journalismus darf Extremismus nicht schönreden. Die AfD ist keine „Alternative“, sondern eine Gefahr für die Demokratie. Wenn die NOZ sie als „Stimme des Volkes“ darstellt, ohne ihre rassistische, verfassungsfeindliche Ideologie zu benennen, dann ist das keine Neutralität, das ist Komplizenschaft.

Mit kritischen Grüßen

Leserbrief zu „Iran-Krieg und die Folgen Merz überlässt Trump die Show“ von Thomas Ludwig, NOZ vom 05.03.2026

Diplomatie ohne Haltung? Warum Merz Auftritt bei Trump kein ‚prinzipienfester Realismus war.

Hallo NOZ, hallo Herr Ludwig,

Thomas Ludwigs Einschätzung, Friedrich Merz agiere als „pragmatischer Brückenbauer“ zwischen Europa und den USA, verkennt die prekären Folgen eines solchen „Pragmatismus“. Merz Auftritt im Oval Office war kein Zeichen diplomatischer Stärke, sondern ein symptomatisches Versagen, europäische Werte und Verbündete zu verteidigen.

Merz ließ zu, dass Donald Trump Spanien und Großbritannien öffentlich demütigte, ohne dies zu konterkarieren. Statt die europäische Solidarität zu betonen, pflichtete er Trump bei, Spanien müsse „endlich“ die NATO-Ziele erfüllen. Dass er diese Aussage erst nach dem Treffen relativierte, unterstreicht, dass sein Schweigen taktisch war. Ein „Brückenbauer“ darf Brücken nicht selbst sprengen.

Während Trump die Militärschläge gegen den Iran als „Erfolg“ feierte, vermied Merz jede öffentliche Einordnung, obwohl selbst US-Experten die fehlende Strategie für den „Tag danach“ anprangern. Ein Kanzler, der Völkerrecht nur hinter verschlossenen Türen thematisiert, handelt nicht als Vermittler, sondern als Komplize.

Ludwig lobt Merz „Draht zu Trump“, doch was nützt ein persönliches Verhältnis, wenn es keine substanzielle Ergebnisse bringt? Die Zollkonflikte bleiben ungelöst, die Iran-Strategie der USA ist planlos, und Europa wirkt gespalten. Merz symbolische Geschenke ersetzen keine klare Linie. Diplomatie, die auf Unterordnung statt auf Gleichberechtigung setzt, ist keine Diplomatie, sie ist Dienstbarkeit.

Ludwigs These ignoriert, dass Kooperation nicht einseitig sein darf. Ein Kanzler, der europäische Partner nicht verteidigt, verliert Glaubwürdigkeit; bei den Verbündeten und bei den Bürgern. Merz Auftritt war kein „prinzipienfester Realismus“, sondern ein Realitätsverlust. Er opferte europäische Interessen für den Schein der Harmonie. Das ist nicht Pragmatismus, das ist Preisgabe.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Trumps Militärschlag gegen den Iran – Fehler früherer Interventionen vermeiden“, von Michael Clasen, NOZ vom 01.03.2026

Iran-Angriff der USA; zwischen Völkerrecht und Ölpolitik. Warum der Militärschlag gegen den Iran mehr Fragen aufwirft als Antworten gibt – eine kurze Analyse.

Hallo NOZ, hallo Herr Clasen,

Michael Clasens Kommentar zum US-Militärschlag gegen den Iran ignoriert die zentrale Frage: Geht es um Freiheit oder um Öl?

Dass Clasen den völkerrechtswidrigen Angriff als „Akt der Nothilfe“ framt, ist nicht nur naiv (viele tausend Iraner:innen wurden bereits im Rahmen ihrer mutigen Proteste ermordet), sondern auch gefährlich. Die UN-Charta verbietet solche Akte, und die Geschichte lehrt, dass „Regime Change“ von außen selten Demokratie, sondern Chaos bringt.

Doch liegt das eigentliche Motiv eventuell woanders? Die Straße von Hormus, durch die 20 % des globalen Öls fließen, ist nun de facto unter US-Kontrolle. Schon in Venezuela sicherten sich die USA im Januar 2026 „30 bis 50 Millionen Barrel“ staatlichen Öls, ein Muster, das sich jetzt wiederholt. Der Iran besitzt die zweitgrößten Gas- und viertgrößten Ölreserven der Welt. Ein Sturz des Regimes würde die USA zum unangefochtenen Herrn über den Energiemarkt machen.

Ist dieser Krieg also ein humanitärer Einsatz, oder schlicht die Fortsetzung von Wirtschaftspolitik mit anderen Mitteln?

Mit freundlichen Grüßen

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