Nicht die AfD-Jugend ist das Problem, sondern wer ihre Symbolstrategie benennt? Philipp Ebert liefert in der NOZ klassische Entlastungsrhetorik – und bedient damit genau das Framing, das rechtsextreme Normalisierung braucht.
Hallo NOZ, hallo Herr Ebert,
der Kommentar zur Eichenlaub-Symbolik der AfD-Jugend ist ein Musterbeispiel für eine Argumentationsfigur, die in der NOZ regelmäßig auftaucht. Die eigentliche Kritik wird nicht widerlegt, sondern als Ursache des Problems umgedeutet.
Der entscheidende Satz steht am Ende. Wer Symbole wie „Heimat“ oder eben das Eichenlaub unter „Ideologieverdacht“ stelle, treibe die Menschen in die Arme der Ideologen. Die Logik dahinter; nicht die AfD-Jugend ist das Problem, sondern wer ihre Symbolwahl problematisiert.
Das ist rhetorisch geschickt, analytisch aber falsch. Die Jugendorganisation einer Partei, die der Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem einstuft, nutzt kulturelle Symbole nicht zufällig. Die gezielte Besetzung von Begriffen wie „Heimat“, „Volk“ oder eben nationaler Natursymbolik ist eine dokumentierte Strategie der extremen Rechten, um Anschlussfähigkeit herzustellen und die eigene Ideologie in der politischen Mitte zu verankern. Das benennen Medien- und Extremismusforscher seit Jahren.
Wer diese Symbolaneignung analysiert und benennt, betreibt keine Hysterie und treibt niemanden zur AfD. Wer sie hingegen als kulturelles Allgemeingut neutralisiert und Kritiker daran als eigentliche Treiber der Radikalisierung darstellt, betreibt genau das Framing, das die AfD-Strategie zum Erfolg braucht.
Die Eiche gehört nicht der AfD. Aber sie gehört auch nicht zur Entlastungsrhetorik.
Mit freundlichen Grüßen
Weitaus schlimmer als die Kommentare, die ja Meinungsäußerungen einzelner Autoren sind, finde ich die Tatsache, dass diesem Thema überhaupt so viel Aufmerksamkeit gewidmet wird, sowie die tendenziösen Artikel / Überschriften nicht nur zu diesem Thema, von denen man eigentlich Sachlichkeit erwarten sollte.
Die AfD-Jugend wird durch eine besondere Nähe zur Identitären Bewegung und Neo-Nazis geprägt – wer einen solchen Vorstand wählt, hat offensichtlich ein „gutes“ Verhältnis zum Faschismus – nicht durch das „Eichenblatt“, obwohl auch dieses natürlich vom Nationalsozialismus gekapert wurde. Wo bitte, ist die kritische Auseinandersetzung mit dem, wofür die AfD-Jugend steht? Dass Faschist:innen sich keinen Regenbogen als Symbol aussuchen, ist doch klar.
Aber indem man solche Themen für die Berichterstattung wählt, lenkt man vom Wesentlichen ab: Die AfD-Jugend ist gefährlich, selbst wenn sie einen süßen Siebenschläfer als Logo gewählt hätte.
Gerade in den letzten Tagen sind mir angeblich „neutrale“ Artikel , bzw. Überschriften aufgefallen, die ich für kritisch halte:
Zum Beispiel: „Warum Homosexualität in anderen Ländern strafbar ist“ („Homosexualität“ und „Strafbarkeit“ in einer Überschrift – ganz klar Framing). Warum ist das überhaupt ein Thema? Die Strafbarkeit wurde bei uns – wenn auch spät – abgeschafft – zu Recht. Warum listet man absurde Argumente auf, die Regierungen anführen, um Homosexualität unter Strafe zu stellen?
Oder der Artikel über einen CDU-Mann in GM-Hütte, der die Umbenennung eines umstrittenen Straßennamens („Hindenburg“) verhindern will. Der ist absolut tendenziös; er übernimmt Wertungen und Beschreibungen des Wesens dieses Mannes nicht als Zitat / eigene Aussagen, sondern als Tatsache.
Der Bericht, bzw. die Überschrift zu einem Bericht über die Gegendemonstrant:innen der AfD-Veranstaltung in Melle. Obwohl im Bericht selbst ganz klar zum Ausdruck kommt, dass es friedlich zuging und nur wenige Menschen vermummt waren, suggeriert die Überschrift generell „Gewalt und Vermummung“. Wenn der Autor des Artikels sich nicht grundlegend geändert hat, ist die Überschrift nicht auf seinem Mist gewachsen.
Und heute der Artikel – übernommen aus der NZZ – der quasi Merz die Schuld am schlechten Verhältnis zu den USA gibt. Auch wenn ich die Merz-Regierung für schlecht halte: Trump ist in diesem Fall ganz objektiv der „Tullius Destructivus“.
Alle Beispiele sind Meinungsmache unter dem Deckmantel „objektiver Berichterstattung“.
Und das finde ich viel schlimmer als krude Kommentare von ohnehin fragwürdigen Journalist:innen – obwohl diese in der Menge natürlich auch eine Wirkung haben.
(Hinweis: Ich beziehe mich auf die Online-Ausgabe der NOZ)
Liebe Frau Driehaus,
Sie treffen den wichtigeren Punkt. Die gefährlichere Wirkung entfaltet nicht der offensichtliche Kommentar, sondern die scheinbar neutrale Berichterstattung, die Framing als Faktenvermittlung tarnt.
Dass das System ist und kein Versehen, zeigt sich exemplarisch am Becker-Artikel vom 24. März. Die ursprüngliche Überschrift lautete „7250 Euro vom Sozialamt: Warum das gar nicht so viel ist“, und wurde nachweislich nachträglich geändert. Für mehr Klicks. Das ist keine handwerkliche Nachlässigkeit, sondern dokumentierte redaktionelle Entscheidung.
Herzlichen Dank.
Ich glaube allerdings mittlerweile, dass es sich nicht nur um ein allgemeines „Clickbaiting“ handelt, sondern eine ganz klare politische Agenda dahinter steckt. Und das wäre dann kein Journalismus mehr, sondern – zumindest der Anfang von – Propaganda.