Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

Kategorie: Zeitgeschehen (Seite 2 von 22)

Politische Einordnungen und Medienkritik jenseits einzelner Autorenmuster: Diese Kategorie versammelt Beiträge zu übergreifenden Themen wie AfD-Normalisierung, Pressefreiheit, Debattenkultur und dem Verhältnis der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ) zu gesellschaftlichen Entwicklungen. Hier wird sichtbar, was die NOZ schreibt, was sie weglässt und warum beides zählt.

Grönemeyer, Ewert und die NOZ. Wenn Technik Debatten beendet, und wer wirklich spaltet.

Ein Erfahrungsbericht über das neue Debattenformat „360°“ über Grönemeyer der Neuen Osnabrücker Zeitung, und warum meine Antwort an Burkhard Ewert „aus technischen Gründen“ verschwand.

Die Ausgangslage: Kunst, Moral und ein Forum der NOZ

Am 19.02.2026 veröffentlichte die Neue Osnabrücker Zeitung (NOZ) einen Artikel von Burkhard Ewert über Herbert Grönemeyers politische Haltung – und eröffnete dazu am 17.03.2026 ihr neues Debattenformat „360° – Das Forum“. Die Idee dahinter ist, dass Leser:innen unterschiedliche Perspektiven einbringen sollten. Ich beteiligte mich mit einem Kommentar, der Ewerts Vorwurf der „Moralkeule“ infrage stellte, und argumentierte, dass Grönemeyers klare Haltung gegen Rechtsextremismus keine Spaltung, sondern eine notwendige Abgrenzung ist.

Mein Kommentar…

NOZblog

…endete mit der Frage:
„Kann Kunst Extremismus benennen, ohne als ‚spaltend‘ zu gelten – oder ist das Problem vielmehr, dass manche Haltung nur dann akzeptieren, wenn sie nicht wehtut?“

Ewerts Antwort: „Rechte Ratten“ als Beleg für Spaltung?

Burkhard Ewert reagierte prompt, und zitierte Grönemeyers harte Worte gegen Rechtsextreme („rechte Ratten“, „Klappe halten“) als Beleg dafür, dass dieser doch spalte. Seine Argumentation:
„Finde ich jetzt nicht so verbindend.“

NOZblog

Doch hier liegt der Denkfehler. Grönemeyers Aussagen richten sich nicht gegen „Andersdenkende““ sondern gegen offen rassistische, demokratiefeindliche Positionen. Wer „rechte Ratten“ sagt, meint keine politischen Gegner, sondern jene, die Menschlichkeit und Verfassungswerte aktiv ablehnen. Das ist keine „Spaltung“, sondern eine notwendige Haltung gegen Hass. Und die ist in der Kunst nicht nur legitim, sondern überfällig.

Das Problem: Die NOZ beendet die Debatte, technisch

Ich wollte auf Ewerts Kommentar erwidern. Doch stattdessen erhielt ich diese Meldung:

NOZblog

Die Ironie der Geschichte, das Forum sollte „360°“-Perspektiven ermöglichen, pünktlich nach zwei Stunden wurde es geschlossen. Andere Kommentator:innen konnten mehrfach antworten, ich nicht. Ewerts letzte Replik blieb damit unwidersprochen, nicht wegen inhaltlicher Schwäche, sondern wegen eines technischen Fehlers (?).

Meine Mail an die NOZ, und die offene Frage

Da eine Antwort im Forum unmöglich war, schrieb ich anden angebotenen (autoreplyer) feedback@noz.de, und setzte Burkhard Ewert in Kopie. Meine zentrale These lautet:
Vielleicht ist das Problem nicht Grönemeyers „Moralkeule“, sondern dass Sie Haltung nur dann akzeptieren, wenn sie nicht wehtut.

NOZblog

Bisher gab es keine Antwort. Doch die eigentliche Frage bleibt, wer entscheidet, was in einer Debatte gesagt werden darf, und wer wird unsichtbar gemacht?

Fazit: Spaltet Grönemeyer – oder spaltet die NOZ?

Grönemeyers Haltung ist keine „Spaltung“, sondern eine klare Positionierung gegen Extremismus. Ewerts Kritik verkennt, dass Kunst nicht „neutral“ sein muss, sondern gerade durch Haltung wirkt. Die NOZ hat mit ihrem technischen Fehler aktiv eine Debatte beendet, und damit genau das getan, was Ewert Grönemeyer vorwirft: bestimmte Stimmen ausschließen.

Am Ende zeigt dieser Vorfall, das Debattenkultur nicht an „moralisierenden Künstlern“, scheitert sondern an Strukturen, die Teilnahme verhindern. Zensur beginnt oft nicht mit Absicht, sondern mit technischen Hürden, die nur bestimmte Stimmen treffen.

PS:
Falls die NOZ doch noch reagiert, werde ich diesen Beitrag aktualisieren. Bis dahin gilt wohl, dass wer die Debatten kontrolliert, die Wahrheit kontrolliert. Und manchmal reicht schon ein „technischer Fehler“.

Update 19.03.2026,die NOZ hat eine Antwort zu meinem direkten Leserbrief gesendet

Hallo Herr Reichl,
Ihre Antwort an Herrn Ewert ist angekommen. Die hatten Sie am Dienstag ja auch noch per Mail an uns verschickt.

Zum technischen Fehler:
Wir können nicht nachvollziehen, wo genau das technische Problem lag. Wir können nur so viel sagen: Ihr zweiter Kommentar (also Ihre Antwort auf den Kommentar von Herrn Ewert) ist nie bei uns im System angekommen.
Ihrem Vorwurf, dass „technische Hürden gezielt kritische Stimmen ausschließen“ möchten wir daher entschieden widersprechen. Dem ist nicht so!
Im Nachgang des Debattenformats haben wir keinerlei weitere Rückmeldungen zu etwaigen „technischen Problemen“ erhalten.

Wir würden uns freuen, wenn Sie bei der nächsten Debatte wieder dabei sind.

VG vom Community-Team

Und meine Antwort darauf:

Hallo Community-Team,

vielen Dank für Ihre Antwort. Dass mein Kommentar nie im System angekommen ist, bestätigt leider genau das Problem. Wenn kritische Stimmen „verschwinden“, ohne dass es bei Ihnen eine Fehlermeldung oder eine Benachrichtigung gibt, wirkt das nicht wie ein technischer Fehler, sondern wie ein Feature.

Dass „keinerlei weitere Rückmeldungen“ zu technischen Problemen eingingen, nun ja. Wer blockiert wird, weiß vielleicht gar nicht, dass er blockiert wurde, oder gibt irgendwann auf.

Dass Sie meinen Vorwurf der „gezielten Ausschließung“ zurückweisen, ist verständlich. Doch wenn ein System kritische Antworten (wie meine) nicht ankommen lässt, während unkritische Beiträge problemlos durchgehen, stellt sich die Frage, wer eigentlich prüft, ob das System fair funktioniert?

Ihr Angebot, bei der nächsten Debatte wieder dabei zu sein, nehme ich zur Kenntnis. Vielleicht dann mit  transparenten Regeln…
Wie kann sichergestellt werden, dass Kommentare nicht einfach verschwinden?
Warum gibt es keine Benachrichtigung, wenn ein Beitrag nicht ankommt?
Wer überprüft, ob das System alle Stimmen gleich behandelt?

Eine „gesittete Debatte“ lebt davon, dass alle gehört werden, nicht nur die, deren Kommentare ankommen. Ich bleibe gespannt, ob die nächste Runde diese Standards erfüllt.

Mit freundlichen Grüßen

ANK – Aktion NOZ-kritisch: Einladung zum zweiten Treffen

Die Initiative ANK – Aktion NOZ-kritisch lädt alle Interessierten zu ihrem zweiten öffentlichen Treffen ein. Im Fokus steht die kritische Begleitung der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ) mit dem Ziel, faktenbasierten Journalismus und eine faire Abbildung gesellschaftlicher Realitäten zu fördern.

Hintergrund

Die Initiative äußert sich besorgt über aktuelle Entwicklungen in der Berichterstattung der NOZ. Dazu zählen unter anderem das Schweigen des Herausgebers zu Vorwürfen des Rechtspopulismus sowie Kommentare, die eine „fragwürdige Begeisterung für Autokraten“ erkennen lassen.

Programm der Veranstaltung

Datum & Uhrzeit: Dienstag, 24. Februar 2026, 19:00 Uhr

Ort: Lagerhalle (Spitzboden), Osnabrück

Ablauf

Öffentlicher Teil: Resümee, Stellungnahmen und Erfahrungsberichte (mit Pressebeteiligung)

Interner Teil: Planung künftiger Projekte und Aktionen (ohne Presse)

Zielgruppe

Die Veranstaltung richtet sich an alle, die sich für Medienkritik interessieren oder sich aktiv einbringen möchten.

Weitere Informationen und Updates gibt es auf dem Bluesky/Mastodon-Account der Initiative:🔗 [@Aktion_NOZ_kritisch](https://osna.social/@Aktion_NOZ_kritisch)

Quelle: Pressemitteilung der ANK – Aktion NOZ-kritisch vom 26.01.2026

Leserbrief zu „Plötzlich AfD-Landratskandidat Jörg Dilge: Wenn in der AfD jemand ausländerfeindlich wäre, …“ von Jean-Charles Fays, NOZ vom 17.02.2026, Seite 28

Nur ein Unternehmer? Wie die NOZ den AfD-Landratskandidaten schönredet und damit der Partei hilft.

Hallo NOZ, hallo Herr Fays,

der aktuelle Artikel der NOZ über Jörg Dilge, den AfD-Landratskandidaten im Landkreis Osnabrück, ist ein Paradebeispiel dafür, wie Medien ungewollt(?) zur Normalisierung einer rechtsextremen Partei beitragen. Statt die AfD als das zu benennen, was sie ist, nämlich eine vom Verfassungsschutz als gesichert extremistisch eingestufte Organisation, wird Dilge als „sympathischer Unternehmer“ und „politischer Quereinsteiger“ präsentiert. Doch diese Inszenierung ist kein Zufall, sondern gezielte AfD-Strategie.

Dilge, der erst seit wenigen Monaten in der Partei ist, wird als „Beobachter“ und „Mann von außen“ dargestellt, dabei ist er ein klassisches Beispiel für die Taktik der AfD. Sie stellt bewusst Kandidaten ohne klassische Parteikarriere auf, um sich als „bürgernah“ und „unideologisch“ zu verkaufen. Dass Dilge die Verurteilung Björn Höckes als „ungerechtfertigt“ bezeichnet und das Verfassungsschutzgutachten als „aufgebauscht“ abtut, zeigt klar, dass er nicht außerhalb steht, sondern mittendrin in der AfD.

Stattdessen wird Dilges Karmann-Jacke als „Symbol seiner Industriebiografie“ romantisiert, während seine Partei bundesweit mit Rassismus, Hetze gegen Migrant:innen und Angriffen auf die Demokratie auffällt. Besonders fahrlässig ist diese Verharmlosung angesichts aktueller Enthüllungen zurb Vetternwirtschaft der Partei auf Kosten der Steuerzahlenden. Doch davon steht nichts im Artikel. Stattdessen wird Dilge als „pragmatischer Macher“ dargestellt , als wäre die AfD eine Partei wie jede andere.

Dabei ist sie das nicht. Die AfD hetzt gegen Minderheiten, diffamiert Medien als „“Lügenpresse“ und träumt laut Verfassungsschutz von einer „Gewaltherrschaft“. Wenn ein Medium wie die NOZ solche Kandidaten unkritisch porträtiert, hilft es der AfD, sich als „seriös“ darzustellen.

Das ist kein neutraler Journalismus, das ist ein Dienst an einer Partei, die unsere Demokratie bedroht.

Mit freundlichen Grüßen

UPDATE – Der Autor des NOZ-Artikels hat auf meinen Leserbrief geantwortet:

Sehr geehrter Herr Reichl,

vielen Dank für Ihren Leserbrief und die kritischen Hinweise.

Das Porträt über Jörg Dilge ist Teil einer Reihe, in der wir alle Bewerber für die Landratswahl im Landkreis Osnabrück vorstellen – mit Biografie, politischen Positionen und Einordnung. Ziel ist nicht, eine Kandidatur „sympathisch“ zu inszenieren, sondern Lesern eine Grundlage zu geben, sich ein eigenes Bild zu machen.

Gerade der von Ihnen angesprochene Punkt war uns bei dem Porträt wichtig: Die Darstellung von Jörg Dilge erfolgte nicht losgelöst vom politischen Kontext seiner Partei, sondern ausdrücklich im Kontrast zu Positionen führender AfD-Vertreter.

Im Artikel habe ich deutlich gemacht, dass Dilges Selbstdarstellung als Unternehmer und Quereinsteiger nicht isoliert betrachtet werden kann. Sie steht im Spannungsfeld einer Partei, deren Spitzenpersonal immer wieder durch radikale und fremdenfeindliche Aussagen auffällt – und die im Gutachten des Bundesamtes für Verfassungsschutz entsprechend dokumentiert sind.

So habe ich darauf hingewiesen, dass AfD-Bundessprecherin Alice Weidel Migration wiederholt als zivilisatorische Bedrohung darstellt und in Interviews von kulturell bedingter Gewalt spricht. Auch die von Ihnen zitierte Aussage zur Einbürgerung von Syrern, Türken und Irakern sowie ihre Zuschreibung von Gruppenvergewaltigungen zu „muslimischen Kulturen“ ist Teil dieser öffentlichen Debatte und unterstreicht die ideologische Ausrichtung maßgeblicher Parteivertreter.

Ebenso habe ich die Aussagen des Thüringer AfD-Landesvorsitzenden Björn Höcke eingeordnet, der von einer „kulturellen Kernschmelze“ sprach, Migranten nach ihrer „Qualität“ bewertet und wegen der Verwendung der verbotenen SA-Parole „Alles für Deutschland“ rechtskräftig verurteilt wurde. Diese Fakten gehören zur politischen Realität der AfD und werden von mir nicht relativiert.

Gerade durch diesen Kontrast wird deutlich: Ein Porträt eines einzelnen Kandidaten bedeutet keine Normalisierung seiner Partei. Im Gegenteil – es zeigt, in welchem politischen Umfeld er sich bewegt und welche Positionen er verteidigt oder relativiert. Wenn Herr Dilge die Verurteilung Höckes als „ungerechtfertigt“ bezeichnet oder das Verfassungsschutzgutachten als „aufgebauscht“ abtut, dokumentieren wir das bewusst, damit Leser selbst einordnen können, wo er politisch steht.

Unsere Aufgabe ist es, Fakten offenzulegen, Hintergründe einzuordnen und Entwicklungen nachvollziehbar zu machen – nicht sie zu beschönigen. Genau diesem Anspruch folgt das Porträt.

Viele Grüße aus der Redaktion!

Jean-Charles Fays

Hier meine Replik darauf:

Hallo Herr Fays,

vielen Dank für Ihre ausführliche Antwort.

Ich erkenne an, dass Sie im Artikel durchaus kritische Punkte, wie die Aussagen von Alice Weidel oder Björn Höcke, einordnen. Doch genau hier liegt das Problem. Indem Sie Dilge als „pragmatischen Unternehmer“ und „Quereinsteiger“ porträtieren, während Sie die radikalen Positionen seiner Partei nur als „Kontrast“ darstellen, schaffen Sie ungewollt den Eindruck, die AfD sei eine „normale“ Partei mit einigen Ausreißern. Das ist sie nicht. Die AfD ist keine Partei wie jede andere, und Dilge ist kein Zufallskandidat.

Sie schreiben, das Porträt solle Lesenden helfen, sich „ein eigenes Bild“ zu machen. Doch wenn ein Kandidat, der die Verurteilung Höckes als „ungerechtfertigt“ bezeichnet und das Verfassungsschutz-Gutachten als „aufgebauscht“ abtut, unironisch als „nachdenklich, aber nicht distanziert“ beschrieben wird, dann ist das keine neutrale Darstellung, sondern eine Verharmlosung. Die AfD ist vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft. Jeder Kandidat dieser Partei steht in diesem Kontext und verdient keine „sympathisierende“ Porträtierung, die den Eindruck erweckt, er sei „eigentlich ganz anders“.

„Kontrast“ reicht nicht aus, die AfD braucht klare Einordnung, keine Relativierung.
Ja, Sie zitieren Weidel und Höcke. Aber indem Sie Dilge als „Mann von außen“ inszenieren, der sich „nur“ nicht von der Partei distanziert, normalisieren Sie die AfD als „akzeptable Option“. Das ist gefährlich. Studien zeigen, dass genau solche vermeintlich neutralen Porträts rechtsextreme Parteien salonfähig machen, weil sie den Eindruck erwecken, es handle sich um eine „ganz normale“ politische Kraft mit „unterschiedlichen Flügeln“. Doch die AfD hat keine gemäßigten und radikalen Flügel, sie ist eine durch und durch extremistische Partei mit systematischer Hetze gegen Minderheiten, Medien und die Demokratie.

Medien haben eine Verantwortung, nämlich Extremismus zu benennen, nicht zu relativieren. Sie schreiben, Ihre Aufgabe sei es, „Fakten offenzulegen“. Doch Fakten allein reichen nicht, sie müssen eingeordnet und bewertet werden. Wenn ein Kandidat einer rechtsextremen Partei als „pragmatisch“ dargestellt wird, ohne dass jeder Absatz seines Porträts im Lichte der AfD-Ideologie gedeutet wird, dann ist das kein Service an die Lesenden, sondern ein Service an die AfD.

Mit freundlichen Grüßen

…weiter geht es:

Sehr geehrter Herr Reichl,

vielen Dank für Ihre erneute Rückmeldung.Ich teile Ihre Einschätzung, dass die AfD klar eingeordnet werden muss. Genau das habe ich getan: Die Einstufung durch den Verfassungsschutz, die Aussagen von Weidel und Höcke sowie Dilges fehlende Distanzierung davon sind ausdrücklich benannt worden.

Ein Porträt bedeutet jedoch nicht Zustimmung, sondern vollständige Darstellung – Biografie, Auftreten, Positionen und politischer Kontext. Differenzierte Berichterstattung ist keine Normalisierung, sondern Voraussetzung dafür, dass Leserinnen und Leser sich fundiert ein Urteil bilden können.

Ich danke Ihnen für die engagierte Auseinandersetzung mit meiner Berichterstattung und nehme Ihre Rückmeldung sehr ernst.

Viele GrüßeJean-Charles Fays

Hallo Herr Fays,

danke für Ihre erneute Rückmeldung, auf die ich gerne noch einmal ebenso engagiert antworten möchte.

Heute hat der Verfassungsschutz die AfD Niedersachsen als gesichert rechtsextremistisch eingestuft, wegen „Remigrations“-Plänen, rassistischer Ideologie und der Gefahr von Angriffen auf den Rechtsstaat. Ihr Porträt über Jörg Dilge, am selben Tag veröffentlicht, wirkt da ehrlich gesagt wie ein Fremdkörper.

Während die Behörde die Partei als Bedrohung für die Demokratie brandmarkt, beschreibt die NOZ ihren Kandidaten als „pragmatischen Unternehmer“ und relativiert damit genau das, was der Verfassungsschutz jetzt amtlich feststellt.

Das ist kein „differenziertes Porträt“, sondern ein Widerspruch. Wenn Sie Dilges Aussagen zum Verfassungsschutz zwar zitieren, ihn aber trotzdem als „nachdenklich, aber nicht distanziert“ darstellen, helfen Sie der AfD, ihr wahres Gesicht zu verbergen, ausgerechnet an dem Tag, an dem es offiziell aufgedeckt wird.

Journalismus sollte Extremismus benennen, nicht verwässern.

Mit freundlichen Grüßen

Weniger Widerspruch, mehr Kontrolle. Warum die NOZ ihre Kommentarspalten schließt.

Kommentarspalten weg, kuratierte Debatte her. Die NOZ zieht sich aus offener Auseinandersetzung zurück und ersetzt Öffentlichkeit durch Kontrolle.

Die Entscheidung der Neue Osnabrücker Zeitung, ihre Kommentarspalten zu schließen, ist ein Rückzug aus öffentlicher Auseinandersetzung. Und der Versuch, Debatte zu kontrollieren, statt sie auszuhalten.

Kommentarspalten waren unbequem, genau deshalb waren sie relevant. Sie machten sichtbar, wo Leser widersprechen, wo Argumente nicht tragen, wo Meinungsstücke auf Widerstand stoßen. Diese Öffentlichkeit war kein Störfaktor, sondern ein Korrektiv. Mit ihrem Wegfall verschwindet nicht der Tonfall, sondern der Widerspruch selbst aus dem sichtbaren Raum.

Das angekündigte Debattenformat ersetzt offene Diskussion nicht, es kanalisiert sie. Thema, Zeitpunkt, Teilnehmer und Zusammenfassung liegen vollständig in redaktioneller Hand. Kritik wird eingeladen, nicht zugelassen. Sie darf stattfinden, aber nur dort, wo sie passt, und so, wie sie moderiert wird.

Der Verweis auf Qualität wirkt dabei vorgeschoben. Qualität entsteht nicht durch Auswahl, sondern durch Reibung. Wer Meinungsjournalismus betreibt, muss Gegenmeinungen aushalten, öffentlich, unmittelbar und ohne kuratorische Filter.

Was die NOZ hier aufgibt, ist nicht ein technisches Feature, sondern ein Stück demokratischer Öffentlichkeit. Übrig bleibt ein Dialog nach Bedingungen der Redaktion. Das ist bequemer. Aber es ist kein Fortschritt.

Leserbrief zu „Die Mär von der rechtsextremen Mitte“ von Detlef Pollack, NOZ vom 24.01.2026, Seite 2

Soziologische Entwarnung mit blinden Flecken – Mein Widerspruch zu Detlef Pollacks „Mär von der rechtsextremen Mitte“.

Hallo NOZ, hallo Herr Pollack,

Detlef Pollacks (Ihre) Kolumne in der NOZ vom 24.01.2026 gibt sich als soziologisch nüchterne Korrektur eines hysterischen Diskurses. Tatsächlich demonstriert sie vor allem, wie man mit wissenschaftlicher Autorität eine politisch folgenreiche Verkürzung legitimiert.

Pollack erklärt die Diagnose einer nach rechts driftenden Mitte zur „Mär“, indem er sich auf den geringen Anteil „geschlossener rechtsextremer Weltbilder“ (3–4 Prozent) beruft. Als Soziologe weiß er jedoch genau, dass die empirische Extremismusforschung nicht nur geschlossene Weltbilder, sondern auch autoritäre, menschenfeindliche und demokratieambivalente Einstellungselemente misst. Und diese reichen seit Jahren deutlich in die gesellschaftliche Mitte hinein. Dass Pollack diese Differenzierung unterschlägt, ist kein Versehen, sondern eine argumentative Entscheidung.

Noch problematischer ist seine diskursive Strategie. Anstatt sich mit den inhaltlichen Befunden auseinanderzusetzen, pathologisiert er die Warnungen vor rechten Verschiebungen als moralische Selbstaufwertung der „Deutungseliten“. Damit ersetzt er Analyse durch Psychologisierung. Ein bemerkenswerter Schritt für jemanden, der vorgibt, den Diskurs zu versachlichen. Wer vor Rassismus, Antisemitismus und Autoritarismus warnt, betreibt keine „Ungleichwertigkeitsideologie“, sondern verteidigt demokratische Normen. Diese Gleichsetzung ist nicht nur analytisch falsch, sie relativiert Kritik, indem sie sie moralisch delegitimiert.

Besonders irritierend ist, dass Pollack nahezu vollständig ausblendet, was jenseits von Einstellungsitems längst Realität ist, so wie die Normalisierung rechter Sprache, das Wahlverhalten, die institutionelle Präsenz autoritärer Akteure, die Zunahme politisch motivierter Gewalt. Gesellschaftliche Verschiebungen lassen sich nicht wegsoziologisieren, indem man sich auf die engste verfügbare Messkategorie zurückzieht.

Am Ende produziert die Kolumne genau das, was sie anderen vorwirft, nämlich eine Selbstinszenierung als Stimme der Vernunft, diesmal jedoch mit entdramatisierender Wirkung. Auch Entwarnung ist politisch. Wer sie mit wissenschaftlichem Gestus vorträgt, sollte sorgfältiger trennen zwischen empirischer Präzision und publizistischer Zuspitzung.

Mit freundlichen Grüßen

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