Am 6. Juli widmet die NOZ der eigenen Chefredaktion eine ganze Seite. Thema ist die Lesereise „Rest der Republik on Tour“, die Burkhard Ewert und seine Referentin Zwenja Lohe in den vergangenen Wochen durch sechs Orte in Norddeutschland geführt hat. Norden, Neumünster, Sylt, Flensburg, Lingen, Bissendorf. Der Text liest sich streckenweise wie ein Reisemagazin, mit Fotos, Zitaten und kleinen Tipps zu Hotels und Restaurants an jeder Station.

Das ist zunächst einmal legitim. Eine Zeitung darf über ihren eigenen Chefredakteur berichten. Nur wirft dieser Text ein paar Fragen auf, die über bloße Eigenwerbung hinausgehen.

Auffällig ist schon die Form. Der Artikel ist in „Reise-Notizen“ gegliedert, mit Hinweisen zur Fußgängerzone in Norden, zum Outletcenter in Neumünster, zum Blick aufs Wattenmeer auf Sylt. Das mag unterhaltsam gemeint sein. Es verschiebt aber den Fokus weg von den Inhalten der Gespräche, hin zur Kulisse und zur Atmosphäre. Aus einer Lesertour wird so am Ende auch ein kleines Stück Standortmarketing für die eigene Marke.

Inhaltlich fällt auf, wie durchgehend wohlwollend der Text bleibt. Kontroverse Aussagen werden referiert, aber nicht eingeordnet. Wenn Ewert in Lingen sagt, die AfD müsse man nicht verbieten, weil sie schließlich Punkte anspreche, um die man sich kümmern müsse, steht das einfach so im Raum. Dass die Partei in mehreren Bundesländern vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft wird, fehlt auch in dieser Zusammenfassung komplett. Genauso wird seine Aussage zu „5,5 Millionen Toten im Namen des Guten“ und der Doppelmoral des Westens unkommentiert wiedergegeben, obwohl sie einen Angriffskrieg und westliche Interventionen faktisch nebeneinanderstellt, als wären sie vergleichbare Größen.

Auch die Aussage zur eigenen politischen Verortung, „beides, links und rechts, je nach Tag„, wird hier erneut zitiert, diesmal ganz ohne kritische Nachfrage. Was auf der Schelenburg noch wie eine spontane Antwort im Gespräch wirkte, wird in der Rückschau zur Art Markenkern stilisiert. Der Chefredakteur, der sich keiner Seite zuordnen lässt und genau deshalb von beiden Seiten kritisiert wird. Diese Erzählung wiederholt sich über die gesamte Tour hinweg fast wortgleich, in Norden, auf Sylt, in Bissendorf.

Was in diesem Nachbericht komplett fehlt, ist Distanz. Keine Stimme aus der Redaktion, die fragt, ob eine Selbstverortung wie „mal so, mal so“ eigentlich eine journalistische Haltung ersetzen kann. Keine Einordnung der AfD-Aussage. Keine Rückfrage zur Kriegsvergleich-Rhetorik. Stattdessen sechsmal derselbe Ablauf, Ankunft, Location, Diskussion, versöhnlicher Abschluss, Reisetipp.

Das ist an sich schon aufschlussreich. Eine Zeitung, die gerade erst ihre Kommentarspalten geschlossen und ein kuratiertes Debattenformat eingeführt hat, in dem kritische Beiträge auf mysteriöse Weise verschwinden, feiert nun die persönliche Nähe ihres Chefredakteurs zu seinen Lesern, und lässt dabei jede kritische Distanz zu genau diesem Chefredakteur vermissen. Wer eine Lesereise so nacherzählt, betreibt keinen Journalismus über den eigenen Betrieb, sondern schreibt an der eigenen Legende weiter.