Im „Clasen Talk“ darf ein BSW-Politiker unwidersprochen erzählen, die Ukraine habe 22 statt der tatsächlich rund 36-43 Mio Einwohner und den Krieg schon verloren. Weder Fakten noch Gegenstimme. Klassisches unkritisches Interviewformat.

Hallo NOZ, hallo Frau Kanke, hallo Herr Clasen,

der Talk von Michael Clasen mit dem BSW-Politiker Michael von der Schulenburg ist ein Lehrstück dafür, wie unkritisches Interviewformat einer politischen Agenda zur Bühne wird. Wer als Gast eingeladen wird und welche Thesen dabei unwidersprochen stehen bleiben, ist eine redaktionelle Entscheidung, für die auch der Moderator Verantwortung trägt.

Von der Schulenburgs zentrale Behauptung, die Ukraine sei von 52 auf 22 Millionen Einwohner geschrumpft, hält einer Prüfung nicht stand. Aktuelle Schätzungen der Vereinten Nationen und anderer Statistikquellen gehen für 2026 von rund 36 bis 43 Millionen Menschen aus. Das ist ein dramatischer Rückgang gegenüber der Vorkriegszeit, aber eben nicht die apokalyptische Zahl, die hier unwidersprochen im Raum stehen bleibt.

Ähnlich verhält es sich mit den angeblichen 200.000 bis 400.000 Deserteuren. Diese Zahl kursiert in erster Linie in russischen und russlandnahen Quellen, eine unabhängige Bestätigung fehlt. Sie wird im Artikel als Faktum präsentiert, ohne dass die Herkunft eingeordnet wird.

Auch die These, Russland führe den Krieg nicht aus territorialen Ansprüchen, sondern aus Furcht vor einem feindlichen Militärbündnis, blendet die einseitige Annexion von vier ukrainischen Gebieten im Jahr 2022 komplett aus. Wer diese Deutung unkommentiert stehen lässt, übernimmt de facto die russische Version des Kriegsgrunds.

Am schwersten wiegt der Satz, die Ukraine habe den Krieg bereits verloren. Das ist eine politische Prognose, keine Tatsache, und sie wird hier als Feststellung präsentiert, ohne dass eine einzige Gegenstimme, etwa aus Militärexpertise oder von ukrainischer Seite, zu Wort kommt.

Ein Talkformat lebt von Zuspitzung, das ist legitim. Doch wenn steile, teils widerlegbare Thesen ohne Einordnung stehen bleiben, wird aus Journalismus eine Plattform für einseitige Kriegspropaganda. Das gilt unabhängig davon, wer den Text am Ende geschrieben hat, denn die Auswahl des Gesprächspartners liegt in der Verantwortung der Redaktion.

Mit freundlichen Grüßen