Zwei Seiten weiter listet die eigene Redaktion fünf Vergeltungsmaßnahmen auf. Und der Aufruf zu Kompromissen mit dem benannten Täter ist bei Clasen kein neuer Ton, sondern eine Linie, die sich bis Februar 2025 zurückverfolgen lässt.
Hallo NOZ, hallo Herr Clasen,
Ihr Kommentar „Deutschland hat nichts in der Hinterhand“ widerspricht sich selbst, und zwar innerhalb derselben Ausgabe. Zwei Seiten weiter listet Ihre eigene Redaktion fünf konkrete Vergeltungsmaßnahmen der Bundesregierung auf, die Schließung des russischen Generalkonsulats in Bonn, die Kündigung des Vertrags über das Russische Haus, neue EU-Sanktionslistungen, verschärfte Einreisekontrollen sowie erhöhten Druck auf die russische Schattenflotte, dazu nachrichtendienstliche Maßnahmen. Wer behauptet, man habe „nichts in der Hinterhand“, ignoriert die eigene Berichterstattung.
Noch auffälliger ist die argumentative Bewegung direkt danach. Sie ordnen den Drohnenanschlag klar Russland zu, das folgt der Linie der Bundesregierung. Im nächsten Atemzug fordern Sie dann Kompromiss- und Gesprächsbereitschaft gegenüber genau diesem Akteur. Erst die Schuld benennen, dann relativieren.
Das ist kein neuer Ton bei Ihnen. Bereits im Februar 2025 warfen Leser Ihnen vor, Trumps Aussagen zu spiegeln und die Schuld am fehlenden Frieden dem überfallenen Land zuzuschieben. Im Juni 2025 schrieben Sie, Europa könne Putin nicht besiegen, und warfen der Ukraine vor, mit der Forderung nach ihrer territorialen Integrität „Not und Elend zu verlängern“. Im August 2025 forderten Sie explizit, die Ukraine solle russische „Sicherheitsbelange“ berücksichtigen und auf Krim und besetzte Gebiete verzichten. Das ist über anderthalb Jahre dieselbe Linie, nur die Anlässe wechseln.
Auch die Prognose, die Ukraine werde diesen Krieg „mit großer Wahrscheinlichkeit“ nicht gewinnen, wird ohne Beleg oder Gegenstimme als Tatsache präsentiert, obwohl es sich um eine politische Einschätzung handelt.
Dass Donald Trump als jemand dargestellt wird, der „erinnern muss, wie sinnlos dieser Krieg im Donbass ist“, passt ebenfalls ins Bild. Schon beim Attentat auf Charlie Kirk bezeichneten Sie Trump und Kirk als „ultra-konservative Aktivisten“ statt sie einzuordnen, und rahmten beide vor allem als Opfer.
Auch im Format „Clasen Talk“ wiederholt sich das Muster. Sowohl der frühere Nato-General Harald Kujat als auch der BSW-Politiker Michael von der Schulenburg durften dort mit teils widerlegbaren, russlandnahen Thesen unwidersprochen zu Wort kommen, von der Täter-Opfer-Umkehr bei der Kriegsursache bis zu falschen Bevölkerungszahlen der Ukraine.
Ein einzelner Kommentar mag eine Meinung sein. Sieben Belege über anderthalb Jahre, in eigener Stimme und in ausgewählten Interviewgästen, sind ein Muster.
Mit freundlichen Grüßen