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Schlagwort: Musk

Doppel-Wumms mit doppeltem Boden: Was Ebert in der NOZ über den ÖRR erzählt, und was er weglässt

Ebert feiert in der NOZ die Doppel-Schlappe des ZDF (Musk-Korrektur und Böhmermann-Urteil) als Beweis für ÖRR-Unglaubwürdigkeit. Fakten stimmen, aber Musk kommt komplett ungeschoren weg, Böhmermanns investigative Bilanz wird ausgeblendet. Kein Zufall, schon Reichelt und Weimer hat er so verteidigt.

Philipp Ebert hat in der NOZ einen Meinungsbeitrag veröffentlicht, der zwei aktuelle ZDF-Fälle (die Unterlassungserklärung gegenüber Elon Musk und das OLG-Urteil im Streit um Böhmermann/Schönbohm) zu einem „Doppel-Wumms gegen die öffentlich-rechtlichen Journalisten“ bündelt. Die Fakten dahinter stimmen. Die Rahmung ist das eigentliche Problem.

Was stimmt

ZDFheute live hatte Musk unterstellt, zur „Jagd auf Migranten“ in Nordirland aufgerufen zu haben. Tatsächlich hatte Musk „nur“ einen Post des Rechtsextremen Tommy Robinson geteilt und kommentiert, nur durch „wiederholte und laute Proteste“ werde sich etwas ändern. Das ZDF hat die Passage entfernt und eine Unterlassungserklärung abgegeben.

Auch beim zweiten Fall hat Ebert faktisch recht. Das OLG München hat am 16. Juni das Urteil des Landgerichts bestätigt. Vier von fünf beanstandeten Aussagen* aus dem „ZDF Magazin Royale“ über den damaligen BSI-Chef Arne Schönbohm bleiben verboten, Revision wurde nicht zugelassen. Die Behauptung, Schönbohm habe „bewusste Kontakte zu russischen Nachrichtendiensten“ gehabt, ist gerichtlich als unwahre Tatsachenbehauptung eingestuft, nicht als überzogene Satire, die durchgehen müsste.

Beide Fakten sind also korrekt referiert. Aber Fakten korrekt zu referieren ist die niedrigste Stufe journalistischer Sorgfalt, nicht die höchste. Interessant wird es bei der Frage, was Ebert aus diesen Fakten macht.

Der Bündelungstrick

Zwei sachlich unabhängige Vorgänge (ein redaktioneller Fehler in einer Nachrichtenanmoderation, ein zivilrechtliches Urteil zu einer Satiresendung) werden zu einem einzigen Erzählbogen verschweißt. Dem ÖRR insgesamt fehle es an Wahrheitstreue. Aus zwei Einzelfällen wird ein Strukturproblem konstruiert, ohne dass die Bündelung selbst begründet würde. Das ist keine Falschbehauptung, aber eine rhetorische Setzung, die suggeriert, hier zeige sich ein System, wo tatsächlich zwei unterschiedliche Redaktionen, zwei unterschiedliche Formate und zwei unterschiedliche Fehlerarten vorliegen.

Die Schieflage bei Musk

Ebert „verteidigt“ Musk nicht explizit, das wäre auch schwer zu schreiben gewesen. Er nutzt den ZDF-Fehler aber, um Musk implizit zu entlasten, ohne dessen Rolle in der Eskalation der Proteste auch nur zu erwähnen. Musk teilte den Aufruf eines verurteilten Rechtsextremisten zu Demonstrationen in einer Stadt, in der kurz darauf 42 Polizisten verletzt und Wohnhäuser angezündet wurden, mit einem Kommentar, der zu „wiederholtem und lautem“ Protest aufruft. Dass das ZDF die Formulierung „Jagd auf Migranten“ nicht hätte verwenden dürfen, ok. Dass Musks Rolle damit komplett aus dem Bild fällt, ist eine Auslassung, die Ebert nicht auffällt, oder nicht auffallen soll.

Zu Böhmermann; Fehler ja, Pauschalurteil nein

Dass die konkrete Schönbohm-Aussage falsch war, ist nach zwei Instanzen Fakt, daran führt kein Weg vorbei. Wer das bestreitet, macht sich denselben methodischen Fehler zum Vorwurf, der hier eigentlich Ebert gilt. Was bei Ebert aber fehlt, ist jede Einordnung in die Gesamtbilanz der Sendung: Das „ZDF Magazin Royale“ hat in den vergangenen Jahren wiederholt investigative Recherchen veröffentlicht, die handfeste Skandale aufgedeckt haben. Nicht zufällig ist Böhmermann in bestimmten Kreisen unbeliebt, weil er eben nicht nur Pointen liefert, sondern auch recherchiert. Ein einzelner, gerichtlich bestätigter Fehler in einem Beitrag ist real und relevant. Er ist aber kein Beleg dafür, dass die investigative Arbeit der Sendung insgesamt wertlos sei. Und genau diese Gleichsetzung legt Eberts Text nahe, ohne sie auszusprechen.

Kein Einzelfall

Es ist nicht das erste Mal, dass Ebert diese Rolle einnimmt. Er hat Julian Reichelts BVG-Plakat-Aktion als Beitrag zur Meinungsfreiheit verteidigt und dabei ausgeblendet, dass Reichelt ein Motiv ohne Freigabe unter fremdem Markennamen verbreitete. Er hat Kulturstaatsminister Weimers Streichung von Buchhandlungen vom Buchpreis verteidigt. Jetzt, ZDF-Kritik, die Musk entlastet und Böhmermanns Gesamtwerk auf einen Fehler reduziert. Ein Beleg ist das noch nicht, aber drei sind ein Muster.

Passt ins Bild

Das fügt sich nahtlos in das ideologische Profil, das sich bei der NOZ-Chefredaktion unter Ewert seit Monaten dokumentieren lässt. Skepsis gegenüber etablierten Faktencheckern, Nähe zu russischen Positionen in der Außenpolitik, wohlwollende Lesarten rechter Reizfiguren. Ebert fügt dem keine neue Note hinzu, er bestätigt sie.

*Ergänzung: Nur zwei der vier monierten Aussagen sind aus dem ZDF Magazin Royale. Die anderen zwei beziehen sich auf die ZDF-Seite. Hier nachzulesen: https://www.lto.de/recht/nachrichten/n/lg-muenchen-i-26o1261223-arne-schoenbohm-zdf-jan-boehmermann

Warum der Rückzug aus X kein „Schmollwinkel“ ist – sondern eine Notwendigkeit

X ist kein Diskursraum mehr, sondern ein von Bots und Rechtsextremen dominierter Höllenpfuhl. Warum der Rückzug von SPD, Grünen und Linken kein Schmollwinkel, sondern ein Akt der Verantwortung ist – mein Leserbrief an die NOZ.

Hallo NOZ, hallo Herr Ludwig,

Ihr Kommentar „Warum der X-Exit von SPD, Grünen und Linken unklug ist“ (NOZ, 6. Mai 2026) wirft die Frage auf, ob Präsenz auf X noch sinnvoll ist. Doch sie übergeht, dass X unter Elon Musk kein reformierbarer Diskursraum mehr ist. Die Plattform wird von Bot-Armeen und rechtsextremen Akteuren dominiert, die sachliche Debatten systematisch ersticken. Musks eigene Posts (etwa die Zustimmung zu antisemitischen Verschwörungserzählungen) sowie die Wiederherstellung gesperrter Accounts wie der AfD oder Andrew Tate zeigen, X ist kein neutraler Marktplatz der Ideen, sondern ein Ökosystem, das Extremismus belohnt.

Die Algorithmen pushen kontroverse Inhalte, nicht Sachlichkeit. Selbst wenn Parteien oder Medien versuchen, sachlich zu bleiben, werden sie von der Plattform unsichtbar gemacht oder von Bot-Armeen überrollt. Wer dort bleibt, legitimiert ein System, das Demokratie und Faktendiskurs untergräbt.

Der Rückzug der Parteien ist kein Schmollwinkel, sondern ein Akt der Verantwortung, die Weigerung, sich an einem System zu beteiligen, das sie selbst diskreditiert.

Mit freundlichen Grüßen

Update vom 06.05.2026 – Antwort vom Autor

Guten Morgen Herr Reichl,

ich danke Ihnen für die Zuschrift und den klaren Standpunkt. Ich teile die Sorge, dass sich X in eine problematische Richtung entwickelt hat – mit mehr Desinformation, aggressiver Polarisierung und Akteuren, die Debatten gezielt vergiften. Auch die Logik der Plattform, Aufmerksamkeit über Zuspitzung zu belohnen, ist real. Tatsächlich sind meine Post dort auch deutlich weniger geworden in den vergangenen zwei Jahren…Gleichwohl: Mein Einwand zielt weniger darauf, X zu „verharmlosen“, sondern auf die Abwägung: Wenn demokratische Parteien und Medien den Raum komplett räumen, überlassen sie ihn erst recht jenen, die Sie ja eigentlich politisch bekämpfen wollen – und verlieren zudem einen Kanal, über den doch noch immer viele Menschen erreicht werden. Und was ist mit dem Abschied von X gewonnen? Rechtspopulisten wie Julian Reichelt/Nius haben ihn sogar zum Anlass genommen, ein Konto auf Bluesky zu eröffnen….Ich freue mich, wenn Sie uns gewogen bleiben, auch wenn die Ansichten mal auseinandergehen. Viele Grüße & und einen schönen Tag

Thomas Ludwig

Update vom 06.05.2026 – meine Replik dazu

Hallo Herr Ludwig,

vielen Dank für Ihre Antwort. Ich möchte noch einen Punkt anbringen.Gerade das Beispiel Nius/Reichelt zeigt doch, die rechten Krawallmacher folgen den Demokraten, nicht umgekehrt. Auf X brauchen sie die demokratischen Akteure als Feindbild und Klickgarantie. Ohne sie verliert ihr Geschäftsmodell an Zugkraft.

Mit freundlichen Grüßen