Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen seit 2025

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ANK – Aktion NOZ-kritisch: Einladung zum zweiten Treffen

Die Initiative ANK – Aktion NOZ-kritisch lädt alle Interessierten zu ihrem zweiten öffentlichen Treffen ein. Im Fokus steht die kritische Begleitung der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ) mit dem Ziel, faktenbasierten Journalismus und eine faire Abbildung gesellschaftlicher Realitäten zu fördern.

Hintergrund

Die Initiative äußert sich besorgt über aktuelle Entwicklungen in der Berichterstattung der NOZ. Dazu zählen unter anderem das Schweigen des Herausgebers zu Vorwürfen des Rechtspopulismus sowie Kommentare, die eine „fragwürdige Begeisterung für Autokraten“ erkennen lassen.

Programm der Veranstaltung

Datum & Uhrzeit: Dienstag, 24. Februar 2026, 19:00 Uhr

Ort: Lagerhalle (Spitzboden), Osnabrück

Ablauf

Öffentlicher Teil: Resümee, Stellungnahmen und Erfahrungsberichte (mit Pressebeteiligung)

Interner Teil: Planung künftiger Projekte und Aktionen (ohne Presse)

Zielgruppe

Die Veranstaltung richtet sich an alle, die sich für Medienkritik interessieren oder sich aktiv einbringen möchten.

Weitere Informationen und Updates gibt es auf dem Bluesky/Mastodon-Account der Initiative:🔗 [@Aktion_NOZ_kritisch](https://osna.social/@Aktion_NOZ_kritisch)

Quelle: Pressemitteilung der ANK – Aktion NOZ-kritisch vom 26.01.2026

Leserbrief zu „Plötzlich AfD-Landratskandidat Jörg Dilge: Wenn in der AfD jemand ausländerfeindlich wäre, …“ von Jean-Charles Fays, NOZ vom 17.02.2026, Seite 28

Nur ein Unternehmer? Wie die NOZ den AfD-Landratskandidaten schönredet und damit der Partei hilft.

Hallo NOZ, hallo Herr Fays,

der aktuelle Artikel der NOZ über Jörg Dilge, den AfD-Landratskandidaten im Landkreis Osnabrück, ist ein Paradebeispiel dafür, wie Medien ungewollt(?) zur Normalisierung einer rechtsextremen Partei beitragen. Statt die AfD als das zu benennen, was sie ist, nämlich eine vom Verfassungsschutz als gesichert extremistisch eingestufte Organisation, wird Dilge als „sympathischer Unternehmer“ und „politischer Quereinsteiger“ präsentiert. Doch diese Inszenierung ist kein Zufall, sondern gezielte AfD-Strategie.

Dilge, der erst seit wenigen Monaten in der Partei ist, wird als „Beobachter“ und „Mann von außen“ dargestellt, dabei ist er ein klassisches Beispiel für die Taktik der AfD. Sie stellt bewusst Kandidaten ohne klassische Parteikarriere auf, um sich als „bürgernah“ und „unideologisch“ zu verkaufen. Dass Dilge die Verurteilung Björn Höckes als „ungerechtfertigt“ bezeichnet und das Verfassungsschutzgutachten als „aufgebauscht“ abtut, zeigt klar, dass er nicht außerhalb steht, sondern mittendrin in der AfD.

Stattdessen wird Dilges Karmann-Jacke als „Symbol seiner Industriebiografie“ romantisiert, während seine Partei bundesweit mit Rassismus, Hetze gegen Migrant:innen und Angriffen auf die Demokratie auffällt. Besonders fahrlässig ist diese Verharmlosung angesichts aktueller Enthüllungen zurb Vetternwirtschaft der Partei auf Kosten der Steuerzahlenden. Doch davon steht nichts im Artikel. Stattdessen wird Dilge als „pragmatischer Macher“ dargestellt , als wäre die AfD eine Partei wie jede andere.

Dabei ist sie das nicht. Die AfD hetzt gegen Minderheiten, diffamiert Medien als „“Lügenpresse“ und träumt laut Verfassungsschutz von einer „Gewaltherrschaft“. Wenn ein Medium wie die NOZ solche Kandidaten unkritisch porträtiert, hilft es der AfD, sich als „seriös“ darzustellen.

Das ist kein neutraler Journalismus, das ist ein Dienst an einer Partei, die unsere Demokratie bedroht.

Mit freundlichen Grüßen

UPDATE – Der Autor des NOZ-Artikels hat auf meinen Leserbrief geantwortet:

Sehr geehrter Herr Reichl,

vielen Dank für Ihren Leserbrief und die kritischen Hinweise.

Das Porträt über Jörg Dilge ist Teil einer Reihe, in der wir alle Bewerber für die Landratswahl im Landkreis Osnabrück vorstellen – mit Biografie, politischen Positionen und Einordnung. Ziel ist nicht, eine Kandidatur „sympathisch“ zu inszenieren, sondern Lesern eine Grundlage zu geben, sich ein eigenes Bild zu machen.

Gerade der von Ihnen angesprochene Punkt war uns bei dem Porträt wichtig: Die Darstellung von Jörg Dilge erfolgte nicht losgelöst vom politischen Kontext seiner Partei, sondern ausdrücklich im Kontrast zu Positionen führender AfD-Vertreter.

Im Artikel habe ich deutlich gemacht, dass Dilges Selbstdarstellung als Unternehmer und Quereinsteiger nicht isoliert betrachtet werden kann. Sie steht im Spannungsfeld einer Partei, deren Spitzenpersonal immer wieder durch radikale und fremdenfeindliche Aussagen auffällt – und die im Gutachten des Bundesamtes für Verfassungsschutz entsprechend dokumentiert sind.

So habe ich darauf hingewiesen, dass AfD-Bundessprecherin Alice Weidel Migration wiederholt als zivilisatorische Bedrohung darstellt und in Interviews von kulturell bedingter Gewalt spricht. Auch die von Ihnen zitierte Aussage zur Einbürgerung von Syrern, Türken und Irakern sowie ihre Zuschreibung von Gruppenvergewaltigungen zu „muslimischen Kulturen“ ist Teil dieser öffentlichen Debatte und unterstreicht die ideologische Ausrichtung maßgeblicher Parteivertreter.

Ebenso habe ich die Aussagen des Thüringer AfD-Landesvorsitzenden Björn Höcke eingeordnet, der von einer „kulturellen Kernschmelze“ sprach, Migranten nach ihrer „Qualität“ bewertet und wegen der Verwendung der verbotenen SA-Parole „Alles für Deutschland“ rechtskräftig verurteilt wurde. Diese Fakten gehören zur politischen Realität der AfD und werden von mir nicht relativiert.

Gerade durch diesen Kontrast wird deutlich: Ein Porträt eines einzelnen Kandidaten bedeutet keine Normalisierung seiner Partei. Im Gegenteil – es zeigt, in welchem politischen Umfeld er sich bewegt und welche Positionen er verteidigt oder relativiert. Wenn Herr Dilge die Verurteilung Höckes als „ungerechtfertigt“ bezeichnet oder das Verfassungsschutzgutachten als „aufgebauscht“ abtut, dokumentieren wir das bewusst, damit Leser selbst einordnen können, wo er politisch steht.

Unsere Aufgabe ist es, Fakten offenzulegen, Hintergründe einzuordnen und Entwicklungen nachvollziehbar zu machen – nicht sie zu beschönigen. Genau diesem Anspruch folgt das Porträt.

Viele Grüße aus der Redaktion!

Jean-Charles Fays

Hier meine Replik darauf:

Hallo Herr Fays,

vielen Dank für Ihre ausführliche Antwort.

Ich erkenne an, dass Sie im Artikel durchaus kritische Punkte, wie die Aussagen von Alice Weidel oder Björn Höcke, einordnen. Doch genau hier liegt das Problem. Indem Sie Dilge als „pragmatischen Unternehmer“ und „Quereinsteiger“ porträtieren, während Sie die radikalen Positionen seiner Partei nur als „Kontrast“ darstellen, schaffen Sie ungewollt den Eindruck, die AfD sei eine „normale“ Partei mit einigen Ausreißern. Das ist sie nicht. Die AfD ist keine Partei wie jede andere, und Dilge ist kein Zufallskandidat.

Sie schreiben, das Porträt solle Lesenden helfen, sich „ein eigenes Bild“ zu machen. Doch wenn ein Kandidat, der die Verurteilung Höckes als „ungerechtfertigt“ bezeichnet und das Verfassungsschutz-Gutachten als „aufgebauscht“ abtut, unironisch als „nachdenklich, aber nicht distanziert“ beschrieben wird, dann ist das keine neutrale Darstellung, sondern eine Verharmlosung. Die AfD ist vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft. Jeder Kandidat dieser Partei steht in diesem Kontext und verdient keine „sympathisierende“ Porträtierung, die den Eindruck erweckt, er sei „eigentlich ganz anders“.

„Kontrast“ reicht nicht aus, die AfD braucht klare Einordnung, keine Relativierung.
Ja, Sie zitieren Weidel und Höcke. Aber indem Sie Dilge als „Mann von außen“ inszenieren, der sich „nur“ nicht von der Partei distanziert, normalisieren Sie die AfD als „akzeptable Option“. Das ist gefährlich. Studien zeigen, dass genau solche vermeintlich neutralen Porträts rechtsextreme Parteien salonfähig machen, weil sie den Eindruck erwecken, es handle sich um eine „ganz normale“ politische Kraft mit „unterschiedlichen Flügeln“. Doch die AfD hat keine gemäßigten und radikalen Flügel, sie ist eine durch und durch extremistische Partei mit systematischer Hetze gegen Minderheiten, Medien und die Demokratie.

Medien haben eine Verantwortung, nämlich Extremismus zu benennen, nicht zu relativieren. Sie schreiben, Ihre Aufgabe sei es, „Fakten offenzulegen“. Doch Fakten allein reichen nicht, sie müssen eingeordnet und bewertet werden. Wenn ein Kandidat einer rechtsextremen Partei als „pragmatisch“ dargestellt wird, ohne dass jeder Absatz seines Porträts im Lichte der AfD-Ideologie gedeutet wird, dann ist das kein Service an die Lesenden, sondern ein Service an die AfD.

Mit freundlichen Grüßen

…weiter geht es:

Sehr geehrter Herr Reichl,

vielen Dank für Ihre erneute Rückmeldung.Ich teile Ihre Einschätzung, dass die AfD klar eingeordnet werden muss. Genau das habe ich getan: Die Einstufung durch den Verfassungsschutz, die Aussagen von Weidel und Höcke sowie Dilges fehlende Distanzierung davon sind ausdrücklich benannt worden.

Ein Porträt bedeutet jedoch nicht Zustimmung, sondern vollständige Darstellung – Biografie, Auftreten, Positionen und politischer Kontext. Differenzierte Berichterstattung ist keine Normalisierung, sondern Voraussetzung dafür, dass Leserinnen und Leser sich fundiert ein Urteil bilden können.

Ich danke Ihnen für die engagierte Auseinandersetzung mit meiner Berichterstattung und nehme Ihre Rückmeldung sehr ernst.

Viele GrüßeJean-Charles Fays

Hallo Herr Fays,

danke für Ihre erneute Rückmeldung, auf die ich gerne noch einmal ebenso engagiert antworten möchte.

Heute hat der Verfassungsschutz die AfD Niedersachsen als gesichert rechtsextremistisch eingestuft, wegen „Remigrations“-Plänen, rassistischer Ideologie und der Gefahr von Angriffen auf den Rechtsstaat. Ihr Porträt über Jörg Dilge, am selben Tag veröffentlicht, wirkt da ehrlich gesagt wie ein Fremdkörper.

Während die Behörde die Partei als Bedrohung für die Demokratie brandmarkt, beschreibt die NOZ ihren Kandidaten als „pragmatischen Unternehmer“ und relativiert damit genau das, was der Verfassungsschutz jetzt amtlich feststellt.

Das ist kein „differenziertes Porträt“, sondern ein Widerspruch. Wenn Sie Dilges Aussagen zum Verfassungsschutz zwar zitieren, ihn aber trotzdem als „nachdenklich, aber nicht distanziert“ darstellen, helfen Sie der AfD, ihr wahres Gesicht zu verbergen, ausgerechnet an dem Tag, an dem es offiziell aufgedeckt wird.

Journalismus sollte Extremismus benennen, nicht verwässern.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zum Thema Leserbriefe, Artikel „In eigener Sache“ von der Chefredaktion, NOZ vom 13.02.2026, Seite 2

Widerspruch nur noch nach Plan. Wie die NOZ Leserbriefe verknappt und das als Fortschritt verkauft.

Hallo NOZ, hallo Chefredaktion,

die angekündigte Neuregelung zum Abdruck von Leserbriefen wird als Aufwertung verkauft, bedeutet in der Praxis jedoch eine deutliche Einschränkung ihrer Wirkung.

Leserbriefe erfüllen vor allem eine Funktion, die zeitnahe, öffentliche Reaktion auf konkrete Berichterstattung. Genau diese Funktion geht verloren, wenn Zuschriften künftig nur noch „in loser Folge“, gebündelt und losgelöst vom Anlass erscheinen. Sichtbarkeit entsteht nicht durch Sammelseiten, sondern durch den direkten Bezug zum Artikel, der kritisiert oder ergänzt wird.

Was als mehr Raum beschrieben wird, ist faktisch weniger Verlässlichkeit. Leser können nicht mehr nachvollziehen, ob, wann und in welchem Kontext ihre Kritik erscheint. Der tägliche, manchmal unbequeme Dialog wird ersetzt durch redaktionell gesteuerte Auswahl und Terminierung.

Besonders irritierend ist die Begründung mit „Debattenkultur“ und „360-Grad-Perspektive“. Debatten entstehen nicht durch Bündelung, sondern durch Nähe zum Anlass. Wer Perspektiven zeigen will, muss sie dort sichtbar machen, wo sie entstehen, nicht zeitversetzt und gefiltert.

Leserbriefe sind kein schmückendes Meinungsformat, sondern ein Korrektiv. Wird dieses entkoppelt und verknappt, verliert nicht nur der Leserbrief an Bedeutung, sondern auch die Öffentlichkeit an Transparenz.

Mit freundlichen Grüßen

Update 16.02.2026, folgende Antwort aus dem Büro der Chefredaktion erreichte mich:

Sehr geehrter Herr Reichl,

vielen Dank für Ihre differenzierte Rückmeldung zu unserer Neuregelung beim Abdruck von Leserbriefen.

Uns ist bewusst, dass Leserbriefe für viele eine wichtige Funktion als unmittelbare Reaktion auf Berichterstattung haben. Mit der geplanten Bündelung verfolgen wir jedoch das Ziel, Zuschriften künftig sichtbarer zu machen und unterschiedlichen Perspektiven mehr Raum nebeneinander zu geben, als es im bisherigen, oft stark gekürzten Abdruck möglich war.

Die Veröffentlichung erfolgt weiterhin nach journalistischen Kriterien und in engem Bezug zu aktuellen Themen. Gleichzeitig bleibt uns wichtig zu betonen, dass Leserbriefe für uns ein zentraler Bestandteil des Dialogs mit unseren Leserinnen und Lesern bleiben.

Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, uns Ihre Einschätzung zu schildern.

Mit freundlichen Grüßen

Meine Replik darauf:

Hallo NOZ, hallo Chefredaktion,

vielen Dank für Ihre Rückmeldung, aber der entscheidende Punkt bleibt unbeantwortet. Leserbriefe wirken durch Unmittelbarkeit, nicht durch Bündelung.

Eine Veröffentlichung „in loser Folge“ entkoppelt Reaktionen vom Anlass und schwächt damit ihren öffentlichen Effekt. Mehr Sichtbarkeit entsteht nicht durch spätere Sammelseiten, sondern durch zeitnahe, kontextnahe Platzierung.

Was Sie als Aufwertung beschreiben, ist faktisch eine stärkere Steuerung von Zeitpunkt und Wirkung. Das verändert den Leserbrief vom direkten Feedback zum kuratierten Rückblick und damit seinen Charakter.

Mit freundlichen Grüßen

Update 16.02.2026, eine weitere Antwort aus dem Büro der Chefredaktion erreichte mich:

Sehr geehrter Herr Reichl,

vielen Dank für Ihre erneute Nachricht und die weitere Erläuterung Ihrer Sichtweise.

Wir nehmen Ihren Hinweis zur Bedeutung der zeitnahen Veröffentlichung sehr ernst. Mit der neuen Struktur ist nicht beabsichtigt, Reaktionen vom Anlass zu entkoppeln oder deren Wirkung zu schwächen. Unser Ziel bleibt, Leserbriefen mehr Raum zu geben, als es im bisherigen, häufig sehr knappen Abdruck möglich war.

Gleichzeitig verstehen wir, dass Veränderungen etablierter Formate Fragen aufwerfen. Wir werden die Erfahrungen mit der neuen Umsetzung sorgfältig auswerten und Ihr Feedback dabei berücksichtigen.Vielen Dank, dass Sie sich erneut die Zeit für eine Rückmeldung genommen haben.

Mit freundlichen Grüßen


Weniger Widerspruch, mehr Kontrolle. Warum die NOZ ihre Kommentarspalten schließt.

Kommentarspalten weg, kuratierte Debatte her. Die NOZ zieht sich aus offener Auseinandersetzung zurück und ersetzt Öffentlichkeit durch Kontrolle.

Die Entscheidung der Neue Osnabrücker Zeitung, ihre Kommentarspalten zu schließen, ist ein Rückzug aus öffentlicher Auseinandersetzung. Und der Versuch, Debatte zu kontrollieren, statt sie auszuhalten.

Kommentarspalten waren unbequem, genau deshalb waren sie relevant. Sie machten sichtbar, wo Leser widersprechen, wo Argumente nicht tragen, wo Meinungsstücke auf Widerstand stoßen. Diese Öffentlichkeit war kein Störfaktor, sondern ein Korrektiv. Mit ihrem Wegfall verschwindet nicht der Tonfall, sondern der Widerspruch selbst aus dem sichtbaren Raum.

Das angekündigte Debattenformat ersetzt offene Diskussion nicht, es kanalisiert sie. Thema, Zeitpunkt, Teilnehmer und Zusammenfassung liegen vollständig in redaktioneller Hand. Kritik wird eingeladen, nicht zugelassen. Sie darf stattfinden, aber nur dort, wo sie passt, und so, wie sie moderiert wird.

Der Verweis auf Qualität wirkt dabei vorgeschoben. Qualität entsteht nicht durch Auswahl, sondern durch Reibung. Wer Meinungsjournalismus betreibt, muss Gegenmeinungen aushalten, öffentlich, unmittelbar und ohne kuratorische Filter.

Was die NOZ hier aufgibt, ist nicht ein technisches Feature, sondern ein Stück demokratischer Öffentlichkeit. Übrig bleibt ein Dialog nach Bedingungen der Redaktion. Das ist bequemer. Aber es ist kein Fortschritt.

Zur Wahl von NOZ-Chefredakteur Burkhard Ewert ins Kuratorium des „Freundeskreises Yad Vashem“

Zwischen Erinnerung, Autorität und publizistischer Macht

Anlass und Fragestellung

Die Neue Osnabrücker Zeitung (NOZ) meldet die Wahl ihres Chefredakteurs Burkhard Ewert in das Kuratorium des „Freundeskreises Yad Vashem“. Die Nachricht ist auf den ersten Blick eine klassische Personal- und Ehrenmeldung. Ein Historiker, Journalist und langjähriger Beobachter Israels übernimmt eine Funktion in einer zentralen Institution der Holocaust-Erinnerung.

Diese Analyse fragt jedoch bewusst nicht nur ob diese Wahl nachvollziehbar ist, sondern wie sie im Kontext der bisherigen publizistischen Praxis Ewerts und der redaktionellen Linie der NOZ zu bewerten ist. Denn journalistische Macht, erinnerungspolitische Autorität und Deutungshoheit über gegenwärtige Konflikte sind hier eng miteinander verschränkt.

Biografische Plausibilität – kein Zweifel an der formalen Eignung

Zunächst ist festzuhalten, dass die Wahl Ewerts biografisch plausibel ist. Seine akademische Beschäftigung mit jüdischer Geschichte und der Staatsgründung Israels, seine wiederholten Aufenthalte in Israel und den palästinensischen Gebieten (einschließlich des Gazastreifens), die Begleitung offizieller Gedenkdelegationen wie des Auschwitz-Gedenkens mit dem Bundespräsidenten sowie das von ihm initiierte und ausgezeichnete Dokumentationsprojekt zur Reichspogromnacht ergeben in ihrer Gesamtheit ein stimmiges Bild.

Auf dieser Ebene gibt es keinen sachlichen Grund, Ewerts Eignung für ein solches Kuratorium in Zweifel zu ziehen. Gerade deshalb beginnt die eigentliche Bewertung erst jenseits der biografischen Oberfläche.

Erinnerung als moralischer Rahmen ist ein bekanntes Muster

Zentral ist ein Satz aus der Meldung:

Die gegenwärtige politische Situation in Israel ist mir bewusst. Sie ändert nichts an der deutschen Verantwortung für die Geschichte.

Dieser Satz ist mehr als eine persönliche Haltung. Er beschreibt ein Argumentationsmuster, das sich seit Jahren auch in der publizistischen Linie der NOZ (und in Texten unter Ewerts Verantwortung) wiederfindet:

  • Die deutsche Verantwortung aus dem Holocaust wird als übergeordnete moralische Kategorie gesetzt.
  • Aktuelle politische Fragen werden diesem Rahmen untergeordnet.
  • Kritik an israelischer Regierungspolitik wird dadurch nicht unmöglich, aber normativ begrenzt.

Diese Struktur ist nicht illegitim. Sie wird jedoch problematisch, wenn sie systematisch zur Einhegung bestimmter Debatten führt.

Die NOZ und die Asymmetrie der Kritik

In der Berichterstattung und Kommentierung der NOZ zu Israel, Gaza und Antisemitismus lässt sich über längere Zeit eine deutliche Asymmetrie erkennen. Die Sensibilität gegenüber antisemitischen Tendenzen ist hoch und grundsätzlich berechtigt. Gleichzeitig fällt jedoch eine auffällige Zurückhaltung bei der kritischen Auseinandersetzung mit völkerrechtlichen Fragen israelischer Militärpolitik, mit der strukturellen Gewalt im Gazastreifen sowie mit internationaler Kritik an der jeweiligen israelischen Regierung auf.

Kritische Positionen werden in diesem Kontext häufig nicht primär inhaltlich verhandelt, sondern moralisch gerahmt. Sie erscheinen dann als emotionalisiert, verkürzt oder ethisch problematisch. Auf diese Weise verschiebt sich der Fokus der Debatte. Nicht mehr die Substanz der Kritik steht im Zentrum, sondern die Frage, ob diese Kritik überhaupt zulässig ist.

„Unpolitisch“ als Entlastungsformel

Der Artikel betont mehrfach, Yad Vashem verstehe sich als „unpolitische Organisation“. Historisch ist das korrekt, rhetorisch jedoch hoch wirksam.

Gerade in einer Zeit, in der:

  • der Krieg in Gaza international als humanitäre Katastrophe diskutiert wird
  • Vorwürfe von Kriegsverbrechen im Raum stehen
  • die deutsche Öffentlichkeit tief gespalten ist

wirkt der Verweis auf das unpolitische wie eine Schutzformel:

  • Erinnerung ohne aktuelle Verantwortung
  • moralische Autorität ohne politische Rechenschaft
  • Mahnung ohne Machtkritik

Dass Ewert diese Trennung explizit betont, ist kein Zufall, sondern fügt sich nahtlos in seine bekannte Argumentationslinie.

Medienethische Dimension: Nähe, Rolle, Macht

Der entscheidende Punkt liegt daher weniger in Ewerts persönlichem Engagement als in der strukturellen Doppelrolle, die hier sichtbar wird. Als Chefredakteur einer regional dominanten Tageszeitung prägt er die publizistische Linie zu Themen wie Israel, Antisemitismus und Erinnerungspolitik maßgeblich. Zugleich übernimmt er eine Funktion in einer zentralen erinnerungspolitischen Institution mit erheblicher moralischer Autorität.

Diese Konstellation erzeugt zumindest ein Risiko von Interessenkonflikten, das journalistisch reflektiert werden müsste. Genau das geschieht jedoch nicht. Die NOZ-Meldung bleibt affirmativ und ehrerbietig; Distanz, Selbstreflexion oder ein Hinweis auf mögliche Spannungen zwischen journalistischer Rolle und erinnerungspolitischer Funktion fehlen vollständig. Das ist weniger ein persönlicher Vorwurf als ein strukturelles Defizit redaktioneller Selbstbeobachtung.

Fazit: Konsistent, ehrenvoll, aber nicht folgenlos

Die Wahl Burkhard Ewerts ins Kuratorium des Freundeskreises Yad Vashem ist biografisch nachvollziehbar, symbolisch bedeutsam und moralisch ehrenvoll. Im Kontext seiner publizistischen Praxis ist sie jedoch nicht folgenlos. Sie festigt erinnerungspolitische Deutungshoheit, verschiebt die Grenzen dessen, was als legitime Kritik an israelischer Politik gilt, und verdeutlicht die enge Verbindung von Journalismus, moralischer Autorität und Macht.

Gerade deshalb wäre eine offene und transparente Debatte notwendig gewesen. Dass sie ausbleibt, sagt weniger über Burkhard Ewert aus als über den Zustand medienethischer Selbstreflexion in der NOZ.

Dieser Text versteht sich nicht als Angriff, sondern als Beitrag zu einer notwendigen Diskussion über Verantwortung, Erinnerung und journalistische Macht.

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