Ein Homestory-Format macht aus Provokation Stil, und aus einem Wutbürger einen sympathischen Paradiesvogel. Warum das journalistisch ein Problem ist.

Hallo NOZ, hallo Herr Benedict,

Ihr Porträt über Ulf Poschardt liest sich streckenweise wie eine Modestrecke mit journalistischem Anstrich. Sneaker-Marken, Sonnenbrillen-Segmente, der Verschleiß der Ferrari-Kupplung. All das erfährt der Leser in großer Ausführlichkeit. Was in dieser Detailfülle untergeht, ist eine ernsthafte Einordnung dessen, wofür Poschardt öffentlich steht.

Wenn ein Zitat wie „Entschleunigungsspasti“ kommentarlos im Fließtext steht, ist das keine neutrale Wiedergabe. Es ist eine stillschweigende Normalisierung. Genau hier hätte der Text ansetzen müssen, denn abwertende Sprache gegenüber Menschen mit Behinderung verdient eine Einordnung, keine Zierde im Porträt eines „Wutbürgers“.

Auch die Bezugnahme auf Javier Milei wird nur als originelle Zuspitzung präsentiert. Dass sich ein deutscher Journalist rhetorisch bei einem Staatschef bedient, der politische Gegner pauschal als „voller Scheiße“ bezeichnet, ist mehr als ein Stilmittel. Es zeigt eine Angleichung an autoritäre Diskursformen, die eine Zeitung benennen sollte, statt sie unwidersprochen zu zitieren.

Am deutlichsten wird das Problem im letzten Absatz. Die entscheidende Frage, ob Poschardt Radikalisierung befeuert oder nur kanalisiert, wird gestellt, aber nicht beantwortet. Stattdessen überlässt der Text die Antwort Poschardt selbst, der sich mit dem Verweis auf das Grundgesetz freispricht. Das ist keine journalistische Einordnung, das ist eine Bühne.

Ein Hausbesuch darf unterhaltsam sein. Er darf aber nicht zur Ästhetisierung eines Mannes werden, dessen Kernbotschaft in Verächtlichmachung besteht.

Mit freundlichen Grüßen