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Imagepflege statt Einordnung: Wie die NOZ einen verurteilten Neonazi porträtiert

Robert Koop betreibt Roberts Blog aus Lingen, einen der wenigen unabhängigen Beobachterposten für die NOZ-Berichterstattung im Emsland. Koop analysiert ein NOZ-Porträt über einen Haselünner Unternehmer, das mit keinem Wort erwähnt, dass der Porträtierte über Jahre NPD-Funktionär war, wegen Volksverhetzung verurteilt wurde und Neonazi-Konzerte organisiert hat. Lokaljournalismus als Imagepflege.

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Da sitzt er nun geschniegelt zwischen alten Simson-Mopeds, Motorsägen aus den 1930ern und Youtube-Kameras: Tobias Richter aus Haselünne. In den NOZ-Lokalausgaben wird er ausgerechnet am Geburtstag des Grundgesetzes als leidenschaftlicher Schrauber, erfolgreicher Unternehmer und bodenständiger Technikliebhaber porträtiert. Ein Mann mit „Leidenschaft“, „Fachwissen“ und „vollen Auftragsbüchern“und „300 Sägen in einem Sägenmuseum“, heißt es. Fast schon eine emsländische Erfolgsgeschichte.

Was der Artikel von NOZ-Redakteur Daniel Gonzalez-Tepper allerdings mit bemerkenswerter Konsequenz ausspart ist die Biografie des porträtierten Mannes. Denn dieser Tobias Richter ist nicht irgendein Herr Richter. Tobias Richter aus Haselünne war über Jahre als Funktionär der rechtsextremen NPD aktiv, von sogar 2016-2021 Stadtrat in Haselünne und auch Direktkandidat der verfassungswidrigen Partei zur Bundestagswahl.

Und genau das macht diesen weichgespülten Wohlfühl-Artikel so bemerkenswert:

Denn selbstverständlich kann ein Mensch Motorsägen reparieren. Selbstverständlich kann jemand geschäftlich erfolgreich sein. Aber wenn über einen langjährigen NPD-Funktionär berichtet wird, dann ist die politische Biografie keine nebensächliche Fußnote wie etwa ein früherer Kegelverein oder die Ehrung als Schützenfestkönig. Sie gehört zur öffentlichen Einordnung. Gerade in der Lokalpresse. Punkt.

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Der so einfühlsam in den Emslandausgaben der NOZ dargestellte Haselünner Tobias Richter war nachweislich Vorsitzender des damaligen NPD-Unterbezirks Emsland/Grafschaft Bentheim.

2014 bestätigte das Landgericht Osnabrück eine erstinstanzliche Verurteilung des Mannes wegen Volksverhetzung, Gewaltdarstellung und Verstoßes gegen das Jugendschutzgesetz. Hintergrund war die Verlinkung eines Neonazi-Videos, in dem die Ermordung eines Juden als „gute Tat“ dargestellt wurde. Auch das ist keine Kleinigkeit aus einer „Jugendsünde“. Es handelt sich um eine strafrechtlich relevante politische Positionierung im Umfeld organisierter Neonazi-Strukturen.Richter organisierte zudem Veranstaltungen mit einschlägig bekannten Rechtsrock-Akteuren wie „Lunikoff“, dem ehemaligen Sänger der verbotenen Neonazi-Band „Landser“. Hinzu kommen Berichte über Kontakte in die militante Rechtsrock-Szene und Aktivitäten im NPD-Umfeld des Emslands. Selbst in einer Schülerzeitung des Gymnasiums Haselünne wurde Richters Rolle als NPD-Ratsherr thematisiert.

Und nun? Nun liest sich der aktuelle Artikel der NOZ wie ein PR-Text aus der Regionalmarketing-Abteilung: sympathischer Handwerker, Tüftler, Familienbetrieb, Youtube-Erfolg: Expansion an der Bahnhofstraße.

Kein Wort über die braune politische Vergangenheit des Herrn Richter. Kein Wort über die NPD. Kein Wort über Volksverhetzung. Kein Wort darüber, dass dieser Mann über Jahre als Neonazi-Kader in Erscheinung trat.

Hinzu kommt etwas besonders Perfides:

Um die Kult-Mopeds der Firma Simson aus dem thüringischen Suhl, die Herr Richter so erfolgreich repariert, ist besonders in den ostdeutschen Ländern längst ein Hype entstanden. Denn es gibt neuerlich Versuche der AfD, die Marke Simson politisch zu vereinnahmen.
Die Nachfahren der jüdischstämmigen Gründerfamilie der Marke Simson leben heute in den USA. Sie kritisieren diese politische Vereinnahmung scharf. Von ihnen hieß es in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa: „Wir empfinden jegliche Verbindung mit der AfD als abstoßend und als eine Beleidigung unseres Namens.“ Der Name Simson dürfe unter keinen Umständen zum Symbol der AfD werden.

Die Frage ist klar: Wie kann das sein, liebe Lokalpresse?

Gerade Lokaljournalismus lebt doch vorgeblich von Einordnung und Nähe. Doch hier entsteht der Eindruck, als solle eine extreme, verfassungsfeindliche und strafbare politische Vergangenheit nachträglich entpolitisiert werden. Der frühere NPD-Funktionär erscheint plötzlich nur noch als freundlicher Technikliebhaber mit Faible für DDR-Mopeds und historische Motorsägen.

Dabei war gerade die Verbindung notwendig: Warum faszinieren Teile der extrem rechten Szene seit Jahren ostdeutsche Nostalgieprodukte, Rechtsrock-Kultur und bestimmte Männlichkeitsmilieus rund um Technik, Schrauben und „Tradition“? Welche sozialen Netzwerke existieren dort? Welche Rolle spielten solche Treffpunkte im Emsland über Jahre?

Doch all diesen Fragen wird nicht nachgegangen. Sie werden nicht einmal erwähnt. Natürlich gilt: Menschen können sich ändern. Politische Biografien sind nicht für alle Ewigkeit festgeschrieben. Aber genau dann müsste man darüber sprechen. Distanzierungen benennen. Entwicklungen einordnen. Transparenz herstellen.

Stattdessen wird Verschwiegen. Und dieses Verschweigen ist der eigentliche Skandal des Artikels. Denn wer, wie unsere Lokalzeitungen im Emsland, einen ehemaligen, weiterhin politisch einschlägig bekannten Ex-NPD-Funktionär und verurteilten Straftäter porträtiert, ohne dessen politische Rolle auch nur mit einem Nebensatz zu erwähnen, betreibt keine vollständige Berichterstattung mehr. Er betreibt Imagepflege politischer Extremisten. Was für eine ekelhafte, braune Sache.Auf diese Weise verliert der emsländische Lokaljournalismus weiter an Glaubwürdigkeit, weil er politische Realitäten dreist unter den Teppich kehrt.

Update 25.05.2026

Die NOZ hat den oben genannten Artikel zwischenzeitlich aus ihren Medien kommentarlos entfernt.

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Im Suchmaschinenindex sehen wir aber noch die Headline.

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Und da das Internet nichts vergisst, findet man den vollständigen Artikel als PDF im Archiv von Roberts Blog, siehe Update unten: https://robertkoop.wordpress.com/2026/05/24/noz-3-der-freundliche-herr-richter/

Rückzug vom Leser: Die NOZ schließt ihre letzte Anlaufstelle im Emsland

Robert Koop betreibt Roberts Blog aus Lingen, einen der wenigen unabhängigen Beobachterposten für die NOZ-Berichterstattung im Emsland. Koop beschreibt, wie die Lingener Tagespost ihre letzte Geschäftsstelle im Emsland schließt und damit rund 6.000 Printabonnentinnen und Abonnenten ihren letzten persönlichen Anlaufpunkt verlieren.

https://robertkoop.wordpress.com/2026/05/23/noz-1-6-000/
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Haben Sie das auch gelesen? Nein, nicht wo es zu Pfingsten frische Brötchen gibt, sondern: „Geschäftsstelle der Lingener Tagespost schließt Ende Mai“.

Das klingt zunächst nach einer kleinen organisatorischen Meldung – zeitlich taktisch klug so gesetzt, dass sie im Tohuwabohu von gutem Wetter und (Jubel-)Schützenfesten untergeht. Oder meinen Sie, werte Mitlesende etwa, dass die Schließung erst am 22. Mai feststand?

Tatsächlich beschreibt diese kleine Meldung einen weiteren Rückzug regionaler Öffentlichkeit aus dem direkten Kontakt mit den Menschen vor Ort. Jahrzehntelang war die Geschäftsstelle – erst an der Schlachterstraße, jetzt an der Bernd-Rosemeyer-Straße – ein Ort, an dem Leserinnen und Leser persönlich vorsprechen konnten: wegen Zustellproblemen, Anzeigen oder schlicht einer Nachfrage. Künftig soll das „telefonisch oder digital“ erledigt werden. Aha.

Übrigens: Mit der Schließung fällt auch eine Vorverkaufsstelle für regionale Veranstaltungen etwa in der EmslandArena, im Theater oder im Alten Schlachthof weg. Bei der Lingener Tagespost gab es Reservix- und Eventim-Tickets ausgedruckt direkt zum Mitnehmen nach Hause.

Und natürlich wird das betriebswirtschaftlich begründet: ein verändertes Nutzerverhalten, mehr Onlinekontakte, weniger Laufkundschaft – wen wundert das nach dem Umzug aus der Fußgängerzone und der Abschaffung des Zeitungsaushangs? Handfeste Zahlen liefert die NOZ dazu indes nicht.

Erneut verschwindet also ein Stück sichtbarer lokaler Präsenz – und zwar gerade für jene älteren Leserinnen und Leser, die nicht alles per Mail oder Hotline regeln wollen oder können. Das dürfte, so mein persönlicher Eindruck, der Großteil der noch immer rund 6.000 reinen „Print“-Abonnentinnen und -Abonnenten in Lingen sein. Mit Lingen schließt auch die letzte Servicestelle der NOZ im Emsland. Die Dependancen in Meppen und Papenburg haben bereits zum 1. April 2023 geschlossen.

Ob die Menschen im Emsland es honorieren werden, so den Rücken zugekehrt zu bekommen?

Besonders aufschlussreich ist die „neue“ Nutzung der Räume. Dort sollen künftig „Eventquartiere“ erweitert werden – also Veranstaltungs- und Tagungsflächen. Anders gesagt: Für persönliche Ansprechpartner istoffenbar weniger Platz als für Events und Vermietungen. Warum bei der Vorstellung des Gebäudes zwar großspurig von Veranstaltungsräumen die Rede war, deren Nutzung aber offenbar erst mit der Schließung der Geschäftsstelle möglich sein soll, lässt die NOZ offen.

Ja, Redaktion und Werbevermarktung bleiben in Lingen. Aber die Botschaft dieser Entscheidung ist trotzdem eindeutig: Der direkte Draht zur Leserschaft wird weiter reduziert. Und das ist für eine Lokalzeitung weit mehr als nur eine organisatorische Randnotiz.

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Apropos Botschaft: Den Verantwortlichen der NOZ ist natürlich bewusst, dass die Begründungen für die Schließung hinfällig sind und ihre Entscheidung nicht gut ankommen wird. Vorsorglich wurde deshalb auf Facebook der Kommentarbereich schon geschlossen, pardon, „eingeschränkt”. Direkter Draht und so…