Aus zwei benannten Fällen macht Michael Clasen eine ganze Szenerie, eine widerlegte Verkürzung zitiert er trotzdem, und belegt wird die Gefahr der Vergesellschaftung allein mit Verbandsaussagen, darunter ein Interview der NOZ selbst. Das ist nicht Medienkritik an der Linken. Das ist Kampagne.

Hallo NOZ, hallo Herr Clasen,

Ihr Kommentar vom 15.10.2026 auf der Titelseite trägt den Titel einer rhetorischen Frage, Wer bringt SPD und Grüne zur Vernunft? Die Antwort, die Sie geben, liest sich weniger wie Journalismus und mehr wie ein Wahlkampfdokument der Berliner CDU. Denn was Sie als Sorge um die Demokratie inszenieren, ist in Wahrheit eine Ansammlung von Behauptungen, die beim Blick in die Quellen nicht stehen bleiben.

Da sind zunächst die Fakten, die Sie selbst nennen. Dass ein bekannter Clan-Chef und ein PFLP-Unterstützer bei einer Feier des Neuköllner Kreisverbands der Linken auftauchten, ist inakzeptabel, und niemand in den Sondierungsgesprächen bestreitet das. Aber aus zwei Benannten machen Sie eine ganze Szenerie, Hamas-Sympathisanten im Plural, berüchtigte Clan-Chefs, die offensichtlich mitfeierten. Belegt ist der Auftritt von Issa Remmo und Ibrahim Ibrahim. Der Bericht über einen der Party verwiesenen Clan-Chef beruht allein auf Angaben der Linken selbst. Aus zwei Fällen wird bei Ihnen eine folgenreiche Behauptung, die so niemand überprüft hat. Das ist die Methode des Stammtischs, nicht der Titelseite.

Dann der Verfassungsschutz. Sie unterstellen der Linken die Forderung nach seiner Abschaffung. Das Wahlprogramm will den Dienst als Geheimdienst auflösen und durch eine Stelle für öffentliche Quellen ersetzen. CORRECTIV hat genau diese Verkürzung bereits als irreführend eingestuft. Sie zitieren sie trotzdem, als wäre sie nie widerlegt worden.

Und während Sie das Wahlprogramm der Linken gegen sie verwenden, verschweigen Sie völlig, was die drei Parteien tatsächlich verhandelt haben, nämlich ein Sondierungspapier mit acht Punkten zum Schutz jüdischen Lebens, mit Ausschluss bei Verstößen, mit Abgrenzung zur organisierten Kriminalität und mit einer ausdrücklichen Stärkung von Polizei und Verfassungsschutz. Der Vorwurf, den Sie erheben, wurde in den Verhandlungen längst adressiert. Sie schreiben, als wäre nichts davon geschehen.Ebenso die Vergesellschaftung. Von fatalen Folgen ist die Rede, belegt mit Aussagen von Verbänden, darunter ein Interview, das die NOZ selbst geführt hat. Eine unabhängige Zahl fehlt. Wer die Interessenvertreter der Wohnungswirtschaft als einzige Quelle zitiert und das als Bilanz verkauft, betreibt Wirtschaftsförderung im Kommentargewand.

Am Ende des Texts steht die eigentliche Empfehlung: eine Regierung mit der CDU, ohne Abstriche für Demokratie und Rechtsstaat, wie Sie schreiben. Dieselbe CDU, über die die NOZ eine Woche zuvor auf derselben Titelseite melden musste, dass in Sachsen-Anhalt mutmaßlich mit ihren Stimmen der erste AfD-Landtagspräsident eines Landes gewählt wurde. Sie empfehlen als Demokratie-Rettung exakt jene Partei, die gerade der AfD zu einem Ämtergewinn verholfen hat, und halten der Linke gleichzeitig vor, die Demokratie zu gefährden. Das ist keine Waage, das ist ein Werkzeug.Und der Stand von heute? Die am Dienstag unterbrochenen Sondierungen sind längst wieder aufgenommen. SPD-Landesvorsitzender Steffen Krach sagte in der RBB-Abendschau, die gemeinsame Erklärung der drei Parteien gegen Antisemitismus gilt nicht nur heute, sondern auch in Zukunft. Linksfraktionschefin Elif Eralp bestätigte, die Erklärung soll im Fall einer Regierungsbildung in den Koalitionsvertrag aufgenommen werden. Linke, Grüne und SPD sind einen Schritt Richtung Regierungsbildung vorangekommen, während Ihr Kommentar einen Streit nachzeichnet, der bereits beigelegt ist.

Kritik an der Linken bleibt berechtigt. Sie verliert aber jeden Anspruch auf Ernsthaftigkeit, wenn sie das Wahlprogramm zitiert statt des Verhandelten, Verbandsaussagen statt unabhängiger Zahlen und den Streit von gestern statt des Standes von heute. Herr Clasen, Sie haben auf der ersten Seite einer regionalen Tageszeitung eine Partei gemessen, die Sie nicht messen wollten. Das ist nicht Medienkritik an der Linken. Das ist Kampagne.

Mit freundlichen Grüßen