Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

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Natascha Wodin – Rest der Republik ohne Rest der Geschichte

Warum Ewerts Wiedergabe von Wodins Brief zur FAZ-Frage an Selenskyj den entscheidenden Kontext auslässt und damit dasselbe Muster bedient wie Clasen einen Tag zuvor.

Hallo NOZ, hallo Herr Ewert,

einen Tag nachdem Michael Clasen in seinem Kommentar zum Drohnenvorfall in Leipzig erst Russland die Schuld zuweist und im nächsten Satz zu Kompromissen mit genau diesem Akteur aufruft, vollführen Sie in Ihrer Kolumne eine ähnliche Bewegung, nur über einen fremden Text. Sie geben Natascha Wodins offenen Brief fast vollständig wieder und kommentieren ihn davor und danach nur wohlwollend. Eine Einordnung fehlt.

Der Anlass des Briefs ist die Frage des FAZ-Korrespondenten Michael Martens an Selenskyj, was Europa tun könne, um der Ukraine zu helfen, mehr russische Soldaten zu töten. Wodin gibt diese Frage nahezu wörtlich wieder, das ist an dieser Stelle korrekt. Was fehlt, sowohl bei ihr als auch bei Ihnen, ist der Rest der Geschichte. Die FAZ hat sich noch am selben Wochenende von der Formulierung distanziert und erklärt, es sei um Debatten zur personellen Schwächung der russischen Armee gegangen, mit dem Ziel, Moskau zu Verhandlungen zu bewegen, nicht um eine pauschale Tötungsaufforderung. Das russische Außenministerium wiederum nutzte die Frage, um Martens wegen der NSDAP-Vergangenheit seines Großvaters als „erblichen Nazi“ zu diffamieren. Wer eine einzelne, missverständlich formulierte Journalistenfrage zum Beleg für nie vergangenen deutschen Russenhass erklärt, ohne diesen Kontext zu erwähnen, übernimmt eine Erzählung, die selbst ihr Anlass nicht trägt und die von Moskau propagandistisch verwertet wurde.

Ebenso unwidersprochen bleibt die Behauptung, Putin habe der EU und der Nato einen Nichtangriffspakt angeboten, den der Westen ausgeschlagen habe. Wer die Vorgeschichte der Nato-Russland-Beziehungen und Putins wiederholt widerlegte Zusicherungen vor 2022 kennt, kann diese Darstellung nicht kommentarlos stehen lassen.

Sie betonen in dieser Kolumne regelmäßig, wie wichtig Ihnen unbequeme Perspektiven sind. Das ist ein legitimer Anspruch. Perspektive ersetzt aber keine Einordnung, besonders wenn ein Text derart selektiv mit Fakten umgeht. Diese fehlende Distanz zu russlandnahen Narrativen begleitet auch Ihren Kollegen Clasen seit Jahren, mal in eigener Stimme, mal über unwidersprochen bleibende Interviewgäste. Dass beide Muster an aufeinanderfolgenden Tagen in derselben Zeitung erscheinen, ist eine redaktionelle Schwachstelle und kein Zufall.

Mit freundlichen Grüßen

Wie der Clasen Talk der NOZ unwidersprochene Kremlnarrative verbreitet

Im „Clasen Talk“ darf ein BSW-Politiker unwidersprochen erzählen, die Ukraine habe 22 statt der tatsächlich rund 36-43 Mio Einwohner und den Krieg schon verloren. Weder Fakten noch Gegenstimme. Klassisches unkritisches Interviewformat.

Hallo NOZ, hallo Frau Kanke, hallo Herr Clasen,

der Talk von Michael Clasen mit dem BSW-Politiker Michael von der Schulenburg ist ein Lehrstück dafür, wie unkritisches Interviewformat einer politischen Agenda zur Bühne wird. Wer als Gast eingeladen wird und welche Thesen dabei unwidersprochen stehen bleiben, ist eine redaktionelle Entscheidung, für die auch der Moderator Verantwortung trägt.

Von der Schulenburgs zentrale Behauptung, die Ukraine sei von 52 auf 22 Millionen Einwohner geschrumpft, hält einer Prüfung nicht stand. Aktuelle Schätzungen der Vereinten Nationen und anderer Statistikquellen gehen für 2026 von rund 36 bis 43 Millionen Menschen aus. Das ist ein dramatischer Rückgang gegenüber der Vorkriegszeit, aber eben nicht die apokalyptische Zahl, die hier unwidersprochen im Raum stehen bleibt.

Ähnlich verhält es sich mit den angeblichen 200.000 bis 400.000 Deserteuren. Diese Zahl kursiert in erster Linie in russischen und russlandnahen Quellen, eine unabhängige Bestätigung fehlt. Sie wird im Artikel als Faktum präsentiert, ohne dass die Herkunft eingeordnet wird.

Auch die These, Russland führe den Krieg nicht aus territorialen Ansprüchen, sondern aus Furcht vor einem feindlichen Militärbündnis, blendet die einseitige Annexion von vier ukrainischen Gebieten im Jahr 2022 komplett aus. Wer diese Deutung unkommentiert stehen lässt, übernimmt de facto die russische Version des Kriegsgrunds.

Am schwersten wiegt der Satz, die Ukraine habe den Krieg bereits verloren. Das ist eine politische Prognose, keine Tatsache, und sie wird hier als Feststellung präsentiert, ohne dass eine einzige Gegenstimme, etwa aus Militärexpertise oder von ukrainischer Seite, zu Wort kommt.

Ein Talkformat lebt von Zuspitzung, das ist legitim. Doch wenn steile, teils widerlegbare Thesen ohne Einordnung stehen bleiben, wird aus Journalismus eine Plattform für einseitige Kriegspropaganda. Das gilt unabhängig davon, wer den Text am Ende geschrieben hat, denn die Auswahl des Gesprächspartners liegt in der Verantwortung der Redaktion.

Mit freundlichen Grüßen

Der NOZ-Clasen Talk und Harald Kujat: Kreml-Narrative in Expertenkleidung

Der NOZ-Clasen-Talk lädt Harald Kujat ein, bekannt für russlandnahe Narrative seit 2022, und präsentiert ihn unkommentiert als Experten. Selenskyj als NATO-Provokateur, Ukraine als Stellvertreter der USA, das ist keine Analyse, das ist Propaganda mit Schulterklappen.

Hallo NOZ, hallo Herr Clasen,

der Clasen Talk hat sich einen Gast eingeladen, den man mit wenigen Worten präzise beschreiben kann. Harald Kujat ist keine neutrale sicherheitspolitische Stimme, sondern eine der bekanntesten Figuren im deutschsprachigen Raum, die seit 2022 russische Kriegsnarrative in westliche Medien trägt. Dass die NOZ ihn ohne jede redaktionelle Einordnung als „Ex-Nato-General“ präsentiert, ist journalistisches Versagen.

Kujats Kernthesen im Clasen Talk sind keine sicherheitspolitische Analyse, sondern Kreml-Narrative in Expertenkleidung. Die Behauptung, die Ukraine habe die NATO aktiv in den Krieg hineinziehen wollen, kehrt die Logik des Angriffskriegs um. Nicht Russland überfiel die Ukraine, sondern das Opfer wird zum Provokateur erklärt. Das ist eine rhetorische Figur, die seit 2022 systematisch aus Moskauer Propagandakanälen in westliche Debatten eingespeist wird.

Besonders problematisch ist die Anekdote über den Raketeneinschlag auf polnischem Boden 2022. Kujat behauptet, Selenskyj habe darauf gedrängt, diesen als russischen Angriff zu deklarieren, gestützt auf eine Aussage des polnischen Präsidenten Duda. Tatsächlich war diese Behauptung bereits 2022 umstritten und wurde von keiner unabhängigen Quelle bestätigt. Der Clasen Talk präsentiert sie als Tatsache, ohne jeden Hinweis auf ihre fragliche Belastbarkeit.

Das Narrativ vom „Stellvertreterkrieg zwischen USA und Russland“ ist das wirkmächtigste Instrument zur Delegitimierung der ukrainischen Souveränität. Es degradiert die Ukraine zum Objekt fremder Mächte und blendet aus, dass ein souveräner Staat sein Recht auf Selbstverteidigung wahrnimmt. Dass der Clasen Talk diese These unwidersprochen stehen lässt, ist keine Ausgewogenheit. Es ist Mitverantwortung am Framing.

Meinungsjournalismus darf Kontroversen suchen. Er sollte dabei jedoch nicht zum Resonanzboden für Positionen werden, die in sicherheitspolitischen Fachkreisen längst als russlandnah klassifiziert sind, und das ohne jeden kontextualisierenden Hinweis an die Lesenden.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Eine Hierarchie der Tränen „Rest der Republik“ Der Westen sieht sich gerne als moralischer Akteur – doch dessen Kriege verursachten Millionen Opfer“ von Burkhard Ewert, NOZ vom 26.03.2026

Ewert beklagt eine „Hierarchie der Tränen“, und schreibt Russlands Krieg in die Vergangenheitsform, während 1000 Drohnen auf die Ukraine fallen. Selektive Moral ist keine Aufklärung.

Hallo NOZ, hallo Herr Ewert,

der Kommentar „Hierarchie der Tränen“ benennt etwas Richtiges. Der Westen praktiziert ungleiches Mitgefühl, und die Brown-University-Studie zu den Todesopfern westlicher Nachkriegseinsätze verdient Aufmerksamkeit. Soweit trägt der Text.

Doch er endet genau dort, wo Analyse beginnen müsste. Ewert erklärt westliche Kriege pauschal für Wahnsinn, der „keine Unterstützung verdient gehabt hätte“, ohne zu fragen, was ohne sie gewesen wäre, und ohne die Gegenseite auch nur zu benennen. Das iranische Regime, seine Unterdrückung der eigenen Bevölkerung, seine Terrorfinanzierung, seine jahrzehntelange Bedrohung der Nachbarstaaten, all das kommt im Text nicht vor. Die Opfer des Regimes sind ebenso unsichtbar wie die, um die Ewert zu Recht trauert.

Das ist keine antiimperialistische Analyse, sondern selektive Moral. Wer westliche Doppelmoral kritisiert, während er die Verbrechen des Gegenübers ausblendet, betreibt keine Aufklärung, sondern eine andere Form der Hierarchisierung, nur mit umgekehrten Vorzeichen.

Besonders auffällig ist der Umgang mit der Ukraine. Der Krieg wird am Anfang kurz erwähnt, dann nie wieder aufgegriffen. Der Satz, westliche Kriege hätten keine Unterstützung verdient gehabt, steht unverbunden daneben. Die Frage, ob dieser Schluss auch dort gilt, bleibt bewusst offen. Das ist keine Differenzierung, sondern Suggestion durch Auslassung.

Besonders der Einstieg verdient Aufmerksamkeit. Ewert schreibt, Russland „war“ der Angreifer, im Präteritum, als handele es sich um historisch Abgeschlossenes. Einen Tag, bevor sein Kommentar erscheint, meldet die Ukraine die bislang größte russische Drohnenangriffsserie des gesamten Krieges. Fast 1000 Drohnen in 24 Stunden, gezielte Angriffe auf zivile Infrastruktur. Russland ist nicht „gewesen“. Es greift heute an. Wer das grammatisch in die Vergangenheit verschiebt, betreibt keine historische Einordnung, sondern Relativierung durch Syntax.

Meinungsjournalismus darf anklagen. Er sollte dann aber alle Akteure beim Namen nennen, nicht nur die, deren Schuld ins gewünschte Narrativ passt.

Ich schliesse meinen Leserbrief mit freundlichen Grüßen

Replik zum Leserbrief „Aktueller Plan stellt Ukraine schlechter“ von Thomas Polewsky, NOZ vom 29.12.2025, Seite 2

Faktencheck zum Leserbrief über den Ukraine-Krieg 2022: Gab es einen Friedensplan ohne Gebietsverluste, und wie beeinflussten westliche Staaten die Verhandlungen?

Hallo NOZ,

der Leserbrief von Herrn Polewsky suggeriert, Ende März 2022 sei ein Friedensplan für die Ukraine ohne Gebietsverluste bereits „auf dem Tisch“ gelegen, der vom Westen aktiv verhindert worden sei. Diese Darstellung ist jedoch historisch nicht belegbar.

Zwar fanden Ende März 2022 in Istanbul erste direkte Gespräche zwischen russischen und ukrainischen Delegationen statt, in denen Sicherheitsgarantien, Neutralität und Autonomiefragen diskutiert wurden. Ein abgeschlossener Friedensvertrag mit den im Leserbrief beschriebenen Bedingungen existierte jedoch nicht.

Vielmehr blieben zentrale Punkte, insbesondere die Krim, die Kontrolle über den Donbass und Sicherheitsgarantien, ungelöst. Zahlreiche Analysen weisen darauf hin, dass das Scheitern der Verhandlungen vor allem auf nicht erfüllbare Forderungen Russlands zurückzuführen war.

Die These, dass der Westen oder Boris Johnson einen Frieden absichtlich verhindert hätten, ist nicht durch seriöse Quellen gedeckt. Auch die ukrainische Regierung widersprach mehrfach solchen Darstellungen. Historische Quellen und Berichte von unabhängigen Medien zeigen, dass politische Entscheidungen in Kiew komplexen militärischen und diplomatischen Realitäten geschuldet waren und nicht der Einfluss einzelner westlicher Politiker.

Frieden und diplomatische Lösungen bleiben wünschenswert, doch sollten sie auf überprüfbaren Fakten basieren. Spekulationen über „verhinderte Friedenspläne“ verkennen die Realität der Verhandlungen und tragen nicht zu einer sachlichen Debatte bei.

Mit freundlichen Grüßen

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