Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen seit 2025

Schlagwort: Ukraine

Leserbrief zu „Eine Hierarchie der Tränen „Rest der Republik“ Der Westen sieht sich gerne als moralischer Akteur – doch dessen Kriege verursachten Millionen Opfer“ von Burkhard Ewert, NOZ vom 26.03.2026

Ewert beklagt eine „Hierarchie der Tränen“, und schreibt Russlands Krieg in die Vergangenheitsform, während 1000 Drohnen auf die Ukraine fallen. Selektive Moral ist keine Aufklärung.

Hallo NOZ, hallo Herr Ewert,

der Kommentar „Hierarchie der Tränen“ benennt etwas Richtiges. Der Westen praktiziert ungleiches Mitgefühl, und die Brown-University-Studie zu den Todesopfern westlicher Nachkriegseinsätze verdient Aufmerksamkeit. Soweit trägt der Text.

Doch er endet genau dort, wo Analyse beginnen müsste. Ewert erklärt westliche Kriege pauschal für Wahnsinn, der „keine Unterstützung verdient gehabt hätte“, ohne zu fragen, was ohne sie gewesen wäre, und ohne die Gegenseite auch nur zu benennen. Das iranische Regime, seine Unterdrückung der eigenen Bevölkerung, seine Terrorfinanzierung, seine jahrzehntelange Bedrohung der Nachbarstaaten, all das kommt im Text nicht vor. Die Opfer des Regimes sind ebenso unsichtbar wie die, um die Ewert zu Recht trauert.

Das ist keine antiimperialistische Analyse, sondern selektive Moral. Wer westliche Doppelmoral kritisiert, während er die Verbrechen des Gegenübers ausblendet, betreibt keine Aufklärung, sondern eine andere Form der Hierarchisierung, nur mit umgekehrten Vorzeichen.

Besonders auffällig ist der Umgang mit der Ukraine. Der Krieg wird am Anfang kurz erwähnt, dann nie wieder aufgegriffen. Der Satz, westliche Kriege hätten keine Unterstützung verdient gehabt, steht unverbunden daneben. Die Frage, ob dieser Schluss auch dort gilt, bleibt bewusst offen. Das ist keine Differenzierung, sondern Suggestion durch Auslassung.

Besonders der Einstieg verdient Aufmerksamkeit. Ewert schreibt, Russland „war“ der Angreifer, im Präteritum, als handele es sich um historisch Abgeschlossenes. Einen Tag, bevor sein Kommentar erscheint, meldet die Ukraine die bislang größte russische Drohnenangriffsserie des gesamten Krieges. Fast 1000 Drohnen in 24 Stunden, gezielte Angriffe auf zivile Infrastruktur. Russland ist nicht „gewesen“. Es greift heute an. Wer das grammatisch in die Vergangenheit verschiebt, betreibt keine historische Einordnung, sondern Relativierung durch Syntax.

Meinungsjournalismus darf anklagen. Er sollte dann aber alle Akteure beim Namen nennen, nicht nur die, deren Schuld ins gewünschte Narrativ passt.

Mit freundlichen Grüßen

Replik zum Leserbrief „Aktueller Plan stellt Ukraine schlechter“ von Thomas Polewsky, NOZ vom 29.12.2025, Seite 2

Faktencheck zum Leserbrief über den Ukraine-Krieg 2022: Gab es einen Friedensplan ohne Gebietsverluste, und wie beeinflussten westliche Staaten die Verhandlungen?

Hallo NOZ,

der Leserbrief von Herrn Polewsky suggeriert, Ende März 2022 sei ein Friedensplan für die Ukraine ohne Gebietsverluste bereits „auf dem Tisch“ gelegen, der vom Westen aktiv verhindert worden sei. Diese Darstellung ist jedoch historisch nicht belegbar.

Zwar fanden Ende März 2022 in Istanbul erste direkte Gespräche zwischen russischen und ukrainischen Delegationen statt, in denen Sicherheitsgarantien, Neutralität und Autonomiefragen diskutiert wurden. Ein abgeschlossener Friedensvertrag mit den im Leserbrief beschriebenen Bedingungen existierte jedoch nicht.

Vielmehr blieben zentrale Punkte, insbesondere die Krim, die Kontrolle über den Donbass und Sicherheitsgarantien, ungelöst. Zahlreiche Analysen weisen darauf hin, dass das Scheitern der Verhandlungen vor allem auf nicht erfüllbare Forderungen Russlands zurückzuführen war.

Die These, dass der Westen oder Boris Johnson einen Frieden absichtlich verhindert hätten, ist nicht durch seriöse Quellen gedeckt. Auch die ukrainische Regierung widersprach mehrfach solchen Darstellungen. Historische Quellen und Berichte von unabhängigen Medien zeigen, dass politische Entscheidungen in Kiew komplexen militärischen und diplomatischen Realitäten geschuldet waren und nicht der Einfluss einzelner westlicher Politiker.

Frieden und diplomatische Lösungen bleiben wünschenswert, doch sollten sie auf überprüfbaren Fakten basieren. Spekulationen über „verhinderte Friedenspläne“ verkennen die Realität der Verhandlungen und tragen nicht zu einer sachlichen Debatte bei.

Mit freundlichen Grüßen

Gegenmeinung zum Leserbrief von Gerhard Küppers „Putin ist nicht allein verantwortlich“, NOZ vom 24.11.2025, Seite 2

Warum der Leserbrief von G. Küppers zentrale Propagandamythen wiederholt und wie eine faktenbasierte Analyse die Schuldumkehr im Ukraine-Krieg entlarvt.

Hallo NOZ,

zum Leserbrief von Gerhard Küppers („Putin ist nicht allein verantwortlich“) möchte ich einige notwendige Klarstellungen beitragen.

Herr Küppers präsentiert eine Darstellung, die zentrale Fakten ausblendet und bekannte Narrative der russischen Staatspropaganda nahezu unverändert übernimmt. Die Verantwortung für Putins Angriffskrieg auf die Ukraine dem Westen zuzuschieben, ist geschichtlich wie politisch nicht haltbar.

Die Behauptung, Putin habe sich lange „um Einbindung in ein europäisches Sicherheitssystem bemüht“, widerspricht seiner eigenen Politik. Schon Jahre vor den Ereignissen von 2014 erklärte Putin in Reden in München, Moskau und Sotschi offen, dass er westliche Sicherheitsstrukturen grundsätzlich ablehnt. Russland war Mitglied im NATO-Russland-Rat, Partner der EU und Teil der G8, es war nicht Ausgeschlossenwerden, sondern Putin selbst, der auf Konfrontation setzte.

Die Annexion der Krim und der Überfall auf die Ukraine sind keine „Folge enttäuschter Hoffnungen“, sondern bewusste Machtpolitik. Die Ukraine war 2014 neutral und die NATO hatte seit 1997 massiv abrüstet. Trotzdem hat Russland internationales Recht gebrochen und ein Nachbarland überfallen. Das als „nachvollziehbare Reaktion“ darzustellen, bedeutet eine gefährliche Täter-Opfer-Umkehr.

Die NATO-Erweiterung fand nicht gegen Russland statt, sondern auf ausdrücklichen Wunsch osteuropäischer Staaten, die aus ihrer historischen Erfahrung heraus Schutz vor imperialen Ambitionen Moskaus suchten. Das Selbstbestimmungsrecht dieser Länder zu ignorieren, heißt, ihnen genau diese Souveränität abzusprechen, die Russland der Ukraine heute mit Gewalt nimmt.

Der sogenannte „Friedensplan“ von Präsident Trump fordert von der Ukraine die dauerhafte Abtretung ihrer eigenen Gebiete, die Entwaffnung und politische Neutralisierung. Das wäre kein Frieden, sondern ein Diktat zulasten eines überfallenen Landes. Dass europäische Verbündete dies nicht unterstützen, ist kein Zeichen von „Uneinsichtigkeit“, sondern von Verantwortung.

Die Unterstützung der Ukraine ist keine „Zermürbung“ Russlands, wie Herr Küppers schreibt, sondern die notwendige Hilfe an ein Land, das sein Existenzrecht verteidigt. Der einzige Grund, warum die Ukraine Waffen benötigt, ist, dass Russland sie angreift.

Europa steht nicht vor der Frage, ob es Russland „in die Knie zwingen“ will, sondern ob es die Prinzipien verteidigt, auf denen unser Frieden beruht: territoriale Integrität und das Recht souveräner Staaten, ihre Zukunft selbst zu bestimmen.

Wer diese Grundsätze relativiert, stärkt nicht den Frieden, sondern die Logik des Stärkeren.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zur Meinung von Lucas Wiegelmann „Ukraine-Gespräche in Genf – Der Friedensplan ist eine gute Nachricht“, NOZ vom 24.11.2025, Seite 1

Warum der angebliche Friedensplan zur Ukraine kein Hoffnungssignal, sondern ein von Russland dominierter Diktatfrieden ist, und weshalb der dazugehörige Kommentar die Lage politisch gefährlich verharmlost.

Hallo NOZ, hallo Herr Wiegelmann,

hier mein Leserbrief zur Meinung von Lucas Wiegelmann „Ukraine-Gespräche in Genf – Der Friedensplan ist eine gute Nachricht“, NOZ vom 24.11.2025, Seite 1.

Der Kommentar „Der Friedensplan ist eine gute Nachricht“ verkennt die Realität in einer Weise, die gefährlich naiv ist. Nicht die Existenz eines „Plans“ ist die gute Nachricht, entscheidend ist, wer ihn schreibt und wem er nützt. Mittlerweile ist klar: Der 28-Punkte-Plan trägt weitgehend die Handschrift des Kreml. Wenn ein Angreifer seine Maximalforderungen in ein Dokument diktiert, wird daraus kein Friedensplan, sondern ein Diktatfrieden.

Erschwerend kommt hinzu, dass selbst die USA widersprüchliche Signale senden: Erst wurde der Entwurf als offizieller amerikanischer Vorstoß präsentiert, dann wieder dementiert. Ein diplomatisches Chaos, das alles ist, nur kein Ausdruck amerikanischer Stärke. Ein solches Durcheinander schafft keinen Rahmen für ernsthafte Verhandlungen und schon gar keine verlässlichen Sicherheitsgarantien für die Ukraine.

Der Kommentar reduziert all das auf die scheinbar tröstliche Botschaft, dass „überhaupt etwas auf dem Tisch liegt“. Doch ein schlechter Plan ist nicht besser als keiner, er verschiebt die Gewichte zugunsten des Aggressors und gefährdet die Souveränität eines Landes, das bereits um sein Überleben kämpft. Wer hier von einer „guten Nachricht“ spricht, verkennt die Dimension des Konflikts und verharmlost die politische Realität.

Mit freundlichen Grüßen