Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen seit 2025

Autor: Timm Reichl (Seite 36 von 59)

NOZ vom Samstag, 12.09.2025, Seite 2, Charlie Kirk

Leserbrief zur NOZ: Der Tod von Charlie Kirk wird emotionalisiert, während rechte Gewalt in Deutschland oft kaum Beachtung findet. Warum wird ein US-Propagandist als Märtyrer inszeniert, während rechte Gewalt vor der eigenen Haustür ignoriert wird?

Sehr geehrte Redaktion,

Ihre ausführliche Berichterstattung über den Tod von Charlie Kirk und die Festnahme des Tatverdächtigen liest sich wie ein Heldenepos: Rosen, Kerzen, Trauerbilder, Zitate von Trump, Forderungen nach der Todesstrafe. Fast geht dabei unter, dass Kirk kein „unabhängiger Demokratiedebatten-Verfechter“ war, sondern ein zentraler Propagandist rechter Desinformation und Hetze (Turning Point USA).

Natürlich ist ein Anschlag zu verurteilen, aber warum diese Märtyrer-Inszenierung, während rechte Gewalt in Deutschland, die zahlenmäßig das weit größere Problem darstellt, oft kaum Schlagzeilen wert ist? Wer Trump ungefiltert zitieren darf, wenn er pauschal „die radikale Linke“ verantwortlich macht, wird unweigerlich Teil seiner Propaganda.

Meine Frage an die NOZ: Warum wird ein rechter Agitator in den USA seitenfüllend emotionalisiert, während rechtsextreme Netzwerke und Gewalt vor unserer eigenen Haustür oft nur Randnotizen bleiben?

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu Michael Clasens Kommentar „Attentat auf Charlie Kirk: Gefahr für Demokratie und Freiheit“ (NOZ, 11.09.2025)

Trump und Kirk sind keine „ultra-konservativen Aktivisten“, sondern zentrale Figuren der radikalen Rechten. Ihre Hetze und antidemokratischen Narrative gefährden die Demokratie – die wahre Bedrohung wird durch das Verschweigen verharmlost.

Sehr geehrte Redaktion, sehr geehrter Herr Clasen,

Ihr Kommentar verkennt die politische Realität. Donald Trump und Charlie Kirk sind keine „ultra-konservativen Aktivisten“, sondern zentrale Figuren der radikalen Rechten. Trump hat mit Lügen über die Wahl, systematischer Diffamierung der Presse und autoritären Drohungen die Grundlagen der Demokratie angegriffen. Kirk wiederum hat als Gründer von Turning Point USA gezielt Desinformation, Hetze gegen Minderheiten und antidemokratische Narrative verbreitet.

Wer beide vor allem als Opfer darstellt und „Cancel Culture“ von links zum Kernproblem erklärt, verharmlost die eigentliche Bedrohung: den Rechtsextremismus, der weltweit Demokratien untergräbt. Gewalt ist niemals zu rechtfertigen, aber ebenso wenig das Verschweigen der Rolle jener, die das Klima der Spaltung selbst massiv befeuert haben.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zur NOZ vom Donnerstag, 11.09.2025, Rest der Republik Boomer Mimimi, Seite 2

Burkhard Ewerts Verteidigung der Boomer übersieht die wachsende Ungleichheit. Der wahre Wohlstandskonflikt liegt in der ungleichen Vermögensverteilung, nicht in Generationenkonflikten. Der Ukrainekrieg ist ein geopolitisches Problem, kein moralisches Märchen

Sehr geehrte Redaktion, sehr geehrter Herr Ewert,

hier mein Leserbrief zur NOZ vom Donnerstag, 11.09.2025, Rest der Republik Boomer Mimimi, Seite 2.

Burkhard Ewerts Verteidigung der Boomer blendet zentrale Aspekte der Wohlstandsdebatte aus. Er verweist auf Konsumgüter der 1970er und 80er Jahre, um zu zeigen, wie genügsam man damals lebte. Das lenkt aber von der entscheidenden Frage ab: der Verteilung. In der alten Bundesrepublik war Wohlstand vergleichsweise gleichmäßiger verteilt, die Mittelschicht wuchs, Aufstieg durch Arbeit war möglich. Heute hingegen besitzt das reichste Prozent über 30 % des Vermögens, während fast die Hälfte der Bevölkerung kaum Rücklagen hat. Genau hier liegt das Problem: Nicht am „falschen Bewusstsein“ der Jungen, sondern an einer real verschärften Ungleichheit.

Ewert verniedlicht zudem den Ukrainekrieg, indem er ihn als „Ballast der Seele“ relativiert und mit Kindheitstraumata der Kriegsgeneration vergleicht. Damit verschiebt er die Perspektive von einem geopolitischen Angriffskrieg auf eine moralische Erzählung. Aber es geht nicht um „Chai Latte gegen Steckrüben“, sondern um die Sicherheit Europas und die Verteidigung des Völkerrechts.

Wer ernsthaft über Generationengerechtigkeit sprechen will, muss die Ungleichheit der Gegenwart thematisieren, und darf aktuelle Krisen nicht durch historische Vergleiche verharmlosen.

Mit freundlichen Grüßen 

NOZ vom Donnerstag, 11.09.2025, Meinung Rena Lehmann, Seite 1 („Weniger Flüchtlinge erreichen Deutschland, verliert die AfD ihr wichtigstes Thema?“)

Die Übernahme rechter Narrative stärkt indirekt die AfD, so die politikwissenschaftliche Forschung. Migration sollte nicht als „Kontrollverlust“ dargestellt werden – eine glaubwürdige Alternative erfordert klare Abgrenzung und faktenbasierte Aufklärung.

Sehr geehrte Redaktion, sehr geehrte Frau Lehmann,

der Kommentar von Rena Lehmann („Weniger Flüchtlinge erreichen Deutschland, verliert die AfD ihr wichtigstes Thema?“) überzeugt an einer zentralen Stelle nicht. Lehmann behauptet, die verbreitete Annahme, dass die AfD gestärkt werde, wenn etablierte Parteien deren Themen übernehmen, sei eine „Fehleinschätzung“. Diese Aussage widerspricht jedoch dem Stand der politikwissenschaftlichen Forschung.

Zahlreiche Studien zeigen: Wer die Narrative und Problemdefinitionen der extremen Rechten übernimmt, verschiebt das politische Koordinatensystem nach rechts und stärkt die AfD indirekt. Denn die Partei gilt in Fragen der Migration als das „Original“, während Union, SPD oder FDP bei Wählerinnen und Wählern an Glaubwürdigkeit verlieren. Beispiele dafür gibt es genug: In Bayern verlor die CSU trotz scharfer Rhetorik zur „Obergrenze“ Stimmen an die AfD. Auch auf Bundesebene stieg die AfD weiter, obwohl die Migrationspolitik seit 2015 deutlich verschärft wurde. Politikwissenschaftler wie Arzheimer, Mudde oder Decker weisen seit Jahren auf diesen Effekt hin.

Problematisch ist zudem, dass Lehmann zwar feststellt, die Zahl der Asylsuchenden sinke und die Kommunen entlastet würden, zugleich aber erneut ein Bild des „Kontrollverlusts“ zeichnet. Genau dieses Framing macht rechte Narrative stark, unabhängig davon, wie die Realität aussieht. Wer Migration ständig in den Vordergrund rückt, hält das Thema groß und spielt damit der AfD in die Hände.

Eine glaubwürdige Alternative zur AfD entsteht nicht durch die Übernahme ihrer Themen, sondern durch klare Abgrenzung, faktenbasierte Aufklärung und das Setzen eigener politischer Schwerpunkte: soziale Sicherheit, bezahlbares Wohnen, funktionierende Infrastruktur, Energiewende. Hier entscheidet sich das Vertrauen in demokratische Parteien, nicht in der Nachahmung der AfD.

Mit freundlichen Grüßen 

Leserbrief zur NOZ vom Dienstag, 09.09.2025, Meinung Seite 7, Wo bleibt die Hilfe der Politik? – Verkehrswende

Die Diskussion um die „erzwungene Verkehrswende“ ignoriert die realen Fakten: Ab 2035 sind nur noch neue Pkw ohne fossile Emissionen erlaubt. Die Autoindustrie braucht keine weiteren Subventionen, sondern verlässliche Rahmenbedingungen für eine nachhaltige Zukunft

Sehr geehrte Redaktion, sehr geehrter Herr Schmidt,

hier mein Leserbrief zur NOZ vom Dienstag, 09.09.2025, Meinung auf Seite 7, Wo bleibt die Hilfe der Politik?.

Im Kommentar Wo bleibt die Hilfe der Politik? wird von einer „erzwungenen Verkehrswende“ gesprochen. Das ist irreführend. Ab 2035 dürfen lediglich keine neuen Pkw mit fossilen Emissionen mehr zugelassen werden, bestehende Fahrzeuge bleiben unbegrenzt nutzbar. Die Hersteller selbst haben längst Milliarden in Elektromobilität investiert, weil Märkte und Klimaziele dies verlangen, nicht weil Politik sie zwingt.

Auch Teslas Probleme taugen nicht als Argument gegen die E-Mobilität. Sie sind vor allem Folge von Managementfehlern und dem erratischen Auftreten Elon Musks, während Konkurrenz inzwischen attraktivere Modelle bietet.

Die deutsche Autoindustrie erzielt weiterhin Milliardengewinne. Ja, sie braucht verlässliche Rahmenbedingungen, etwa bei Strompreisen und Ladeinfrastruktur. Aber immer neue Subventionen wären falsch: Die Branche wurde über Jahrzehnte bereits stark gefördert.

Eine Rückkehr zum Verbrenner wäre kein Zukunftsmodell, sondern ein Bärendienst für Industrie, Klima und Verbraucher.

Mit freundlichen Grüßen 

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