Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen seit 2025

Autor: Timm Reichl (Seite 5 von 53)

Leserbrief zu „Streik im öffentlichen Dienst -Schlechter Zeitpunkt, happige Forderungen“ von Rena Lehmann, NOZ vom 05.02.2026, Seite 7

Streikrecht unter Beschuss. Dieser Leserbrief zeigt, wie Meinungsjournalismus öffentliche Beschäftigte moralisch delegitimiert.

Hallo NOZ, hallo Frau Lehmann!

Der Kommentar von Rena Lehmann zum Streik im öffentlichen Dienst verfehlt das Thema, und verschiebt die Verantwortung auf die Falschen. Wenn Streiks bitte nur dann stattfinden sollen, wenn sie niemanden stören, sind sie überflüssig. Das Streikrecht ist kein Schönwetterrecht, sondern wirkt gerade dann, wenn es unbequem ist.

Die Beschäftigten im öffentlichen Dienst „lassen die Menschen im Stich“? Nein. Sie machen sichtbar, was politisch jahrelang ignoriert wurde, nämlich Personalmangel, Arbeitsverdichtung und reale Einkommensverluste durch Inflation. Wer Busse, Kitas und Verwaltungen dauerhaft funktionsfähig halten will, muss Arbeitsbedingungen schaffen, die Menschen dort halten, nicht moralisch auf jene einprügeln, die den Laden am Laufen halten.

Der Verweis auf den „historisch hohen“ Tarifabschluss 2023 ist irreführend. Ein Großteil bestand aus Einmalzahlungen, die weder Renten noch künftige Einkommen stärken. Gleichzeitig wurden reale Kaufkraftverluste nur teilweise ausgeglichen. Das als Beleg für angeblich maßlose Forderungen heranzuziehen, ist bestenfalls unvollständig, schlimmstenfalls manipulativ.Besonders schief wird es beim Argument der „ächzenden Haushalte“. Dass Kommunen finanziell unter Druck stehen, liegt nicht an streikenden Beschäftigten, sondern an politischer Unterfinanzierung, Aufgabenverlagerung ohne Gegenfinanzierung und jahrelangem Sparen am Personal. Wer daraus ableitet, dass Beschäftigte nun „Fingerspitzengefühl“ zeigen müssten, meint in Wahrheit stillhalten.

Der Kommentar erkennt zwar richtig, dass ein funktionierender Staat attraktive Arbeitsbedingungen braucht, zieht daraus aber exakt die falsche Konsequenz. Streiks sind kein Problem der Daseinsvorsorge. Sie sind ein Warnsignal dafür, dass diese bereits beschädigt ist.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Der Norden am Tropf des Südens – Söder hat Recht – zumindest teilweise“ von Jonas Koch, NOZ vom 02.02.2026, Seite 1

Warum der Vorwurf von Söder, der Norden hänge „am Tropf des Südens“, auf verkürzten Vergleichen und politischem Framing beruht.

Hallo NOZ, hallo Herr Koch,

der Kommentar von Jonas E. Koch zum Länderfinanzausgleich wirkt ausgewogen, stützt aber bei näherem Hinsehen vor allem Markus Söders Kritik mit verkürzten Argumenten.

Der Vergleich von Transferzahlungen mit den Gesamtetats der Länder ist irreführend. Haushalte sind weitgehend vorgebunden, der Wegfall von Milliarden würde nicht folgenlos verpuffen, sondern vor allem Kommunen und Investitionen treffen. Ob „eine Schule schließen müsste“, ist daher ein rhetorischer Strohmann, kein ernsthaftes Argument.

Problematisch ist auch der unbelegte Verdacht, Nordländer verwendeten Ausgleichsmittel für „politische Sonderwünsche“. Der Länderfinanzausgleich ist nicht zweckgebunden, konkrete Ausgaben lassen sich ihm nicht seriös zuordnen. Zudem werden mit Klimaschutz, Gleichstellung und Kultur auffällig selektiv genau jene Bereiche kritisiert, die politisch umstritten sind, nicht aber andere freiwillige Leistungen.

Wer den Länderfinanzausgleich reformieren will, sollte ehrlich über Effizienz und Anreize diskutieren. Ihn jedoch moralisch zu delegitimieren, indem Solidarität als Unterhalt geframt wird, hilft weder der Debatte noch dem föderalen Zusammenhalt.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Corona: Extremsituation für Journalisten“ von Burkhard Ewert, NOZ vom 31.01.2026, Seite 4

Wenn Selbstkritik zur Selbstentlastung wird; ein Leserbrief zu Ewerts Corona-Rückblick und den unbequemen Fragen, die erst der taz-Artikel stellt.

Hallo NOZ, hallo Herr Ewert,

der Beitrag von Burkhard Ewert zur Corona-Berichterstattung der NOZ gibt sich selbstkritisch und reflektiert. Gerade deshalb bleibt bei der Lektüre ein erhebliches Unbehagen zurück.

Die benannten Kritikpunkte, wie Tonalität, Wortwahl, Tempo der Berichterstattung, betreffen vor allem Stilfragen. Die tieferliegenden Fragen journalistischer Verantwortung während der Pandemie werden hingegen nur gestreift oder vollständig ausgeblendet. Dabei ging es in der öffentlichen Kritik nie primär um einzelne Begriffe wie „Covidiot“, sondern um strukturelle Einseitigkeiten, Verhältnis zu staatlichen Verlautbarungen und die Auswahl sowie Einordnung von Experten und Positionen.

Besonders auffällig ist, dass zentrale Kontroversen der eigenen jüngeren Geschichte unerwähnt bleiben. Bswp. beschreibt der taz-Artikel „Chefredakteur auf Abwegen“ detailliert die Zusammenarbeit der NOZ mit dem Magazin Multipolar im Zusammenhang mit einer Forsa-Umfrage zu Impfnebenwirkungen, inklusive der späteren öffentlichen Distanzierung von Forsa selbst. Diese Episode war keine Frage von Ton oder Überlastung, sondern eine bewusste publizistische Entscheidung mit erheblichen Folgen für die Glaubwürdigkeit der Zeitung.

Gerade vor diesem Hintergrund wirkt die im NOZ-Beitrag formulierte Selbstkritik unvollständig. Wer Aufarbeitung ernst meint, muss auch die Frage beantworten, wo Meinungsvielfalt endet und wo problematische Narrative durch journalistische Aufwertung erst entstehen. Ebenso wäre eine ehrliche Auseinandersetzung damit nötig gewesen, ob interne Kritik tatsächlich gehört wurde oder ob sie, wie aus anderen Berichten hervorgeht, folgenlos blieb.

Die Pandemie war zweifellos eine Ausnahmesituation. Doch Ausnahmesituationen sind der Moment, in dem journalistische Grundsätze nicht relativiert, sondern besonders konsequent angewendet werden müssen. Selbstkritik, die sich vor allem auf Umstände beruft, läuft Gefahr, eher zu entlasten als aufzuklären.

Wenn die NOZ aus der Corona-Zeit lernen will, dann reicht es nicht, höflicher zu schreiben oder langsamer zu publizieren. Notwendig ist eine offene Debatte über publizistische Leitplanken, Verantwortung bei Kooperationen und den Umgang mit Macht, Unsicherheit und Minderheitenpositionen. Diese Debatte steht (trotz des vorliegenden Beitrags) weiterhin aus.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Zum Glück kam es ganz anders – oder nicht?“ von Burkhard Ewert, NOZ vom 29.01.2026, Seite 2

Viel Historie, wenig Klarheit: Warum Burkhard Ewerts Tocqueville-Text mehr Fragen aufwirft, als er beantwortet.

Hallo NOZ, hallo Herr Ewert,

Burkhard Ewerts Tocqueville-Essay liest sich eindrucksvoll, bleibt aber seltsam unverbindlich. In einer Zeit, in der Demokratie ganz konkret von rechtsextremen Akteuren angegriffen wird, weicht der Text auf zeitlose Seelenlagen und abstrakte Freiheitsparadoxien aus.

So entsteht weniger Analyse als Atmosphäre; viel historische Autorität, wenig Benennung heutiger Akteure. Die Demokratie erscheint bedroht, aber irgendwie von niemandem. Das wirkt nicht tiefgründig, sondern vernebelnd.

Tocqueville mag erklären, warum Freiheit anstrengend ist. Er ersetzt jedoch nicht die klare Analyse realer politischer Gefahren.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Ein Symbol für Freiheit und Fortschritt – Warum wir das Auto lieben sollten“ von Philipp Ebert, NOZ vom 29.01.2026, Seite 7

Die Auto-Illusion: Warum stundenlanges Pendeln und Stau alles andere als Freiheit sind.

Hallo NOZ, hallo Herr Ebert,

Philipp Ebert feiert in seinem Meinungsbeitrag das Auto als Symbol von Freiheit, Individualismus und sozialem Aufstieg. Diese Erzählung klingt eingängig, hält einer näheren Betrachtung jedoch nicht stand. Denn sie verwechselt konsequent Ursache und Wirkung.

Die zentrale These lautet sinngemäß, dass ohne Auto kein sozialer Aufstieg, keine Bildung, keine Emanzipation stattfindet oder -fand. Das ist historisch falsch. Der soziale Aufstieg der Nachkriegszeit war vor allem das Ergebnis von Bildungsexpansion, staatlichen Investitionen in Schulen und Universitäten, BAföG, Wohnheimen sowie eines dichten Netzes aus Bahn- und Busverbindungen. Das Auto war Begleiterscheinung, nicht Triebkraft.

Dass heute viele Menschen ohne Auto kaum zur Arbeit, zur Schule oder zum Arzt kommen, ist kein Beweis für Freiheit, sondern für eine Verkehrspolitik, die Alternativen über Jahrzehnte vernachlässigt oder zurückgebaut hat. Freiheit setzt Wahlmöglichkeiten voraus. Wo faktisch keine Wahl besteht, wird Abhängigkeit lediglich umetikettiert.

Besonders fragwürdig ist die Verklärung des Pendelns. Stau, Zeitverlust, steigende Kraftstoffpreise und Reparaturkosten werden als Ausdruck eines selbstbestimmten Lebens dargestellt. In Wirklichkeit sind sie Symptome einer Zersiedelung, die nur mit dem Auto funktioniert, und genau dadurch Menschen an dieses Verkehrsmittel bindet.

Auch das gern bemühte Rettungswagen-Argument überzeugt nicht. Ja, Einsatzfahrzeuge sind Autos. Daraus eine Liebeserklärung an den privaten Pkw abzuleiten, ist so logisch, als würde man private Feuerwehrautos vor jedem Haus fordern, weil es eine Feuerwehr gibt.

Das Auto ist ein Werkzeug, kein Freiheitsideal. Es kann nützlich sein, erzeugt aber erhebliche soziale, ökologische und gesundheitliche Kosten. Eine Mobilitätsform, die andere ausschließt und den öffentlichen Raum dominiert, ist kein Ausdruck von Freiheit, sondern Ergebnis politischer Bevorzugung.

Wirkliche Freiheit entsteht dort, wo Menschen nicht auf ein bestimmtes Verkehrsmittel angewiesen sind, sondern echte Alternativen haben. Genau davon lenkt die romantisierende Autonarration ab.

Mit freundlichen Grüßen

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