Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

Kategorie: Burkhard Ewert (Seite 5 von 11)

Burkhard Ewert ist seit Jahren Chefredakteur der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ). Diese Kategorie dokumentiert und analysiert seine Kommentare und Meinungsbeiträge: von der Berichterstattung über Linksextremismus bis zur Pressefreiheitsdebatte, von Grönemeyer bis Yad Vashem. Die Serie „Ewerts Maßstäbe“ macht wiederkehrende Argumentationsmuster sichtbar.

Weniger Widerspruch, mehr Kontrolle. Warum die NOZ ihre Kommentarspalten schließt.

Kommentarspalten weg, kuratierte Debatte her. Die NOZ zieht sich aus offener Auseinandersetzung zurück und ersetzt Öffentlichkeit durch Kontrolle.

Die Entscheidung der Neue Osnabrücker Zeitung, ihre Kommentarspalten zu schließen, ist ein Rückzug aus öffentlicher Auseinandersetzung. Und der Versuch, Debatte zu kontrollieren, statt sie auszuhalten.

Kommentarspalten waren unbequem, genau deshalb waren sie relevant. Sie machten sichtbar, wo Leser widersprechen, wo Argumente nicht tragen, wo Meinungsstücke auf Widerstand stoßen. Diese Öffentlichkeit war kein Störfaktor, sondern ein Korrektiv. Mit ihrem Wegfall verschwindet nicht der Tonfall, sondern der Widerspruch selbst aus dem sichtbaren Raum.

Das angekündigte Debattenformat ersetzt offene Diskussion nicht, es kanalisiert sie. Thema, Zeitpunkt, Teilnehmer und Zusammenfassung liegen vollständig in redaktioneller Hand. Kritik wird eingeladen, nicht zugelassen. Sie darf stattfinden, aber nur dort, wo sie passt, und so, wie sie moderiert wird.

Der Verweis auf Qualität wirkt dabei vorgeschoben. Qualität entsteht nicht durch Auswahl, sondern durch Reibung. Wer Meinungsjournalismus betreibt, muss Gegenmeinungen aushalten, öffentlich, unmittelbar und ohne kuratorische Filter.

Was die NOZ hier aufgibt, ist nicht ein technisches Feature, sondern ein Stück demokratischer Öffentlichkeit. Übrig bleibt ein Dialog nach Bedingungen der Redaktion. Das ist bequemer. Aber es ist kein Fortschritt.

Leserbrief zu „Der grantige Chor der Wirtschaft – Einige Unternehmer äußern sich zunehmend kritisch zur Lage des Landes – man sollte ihnen zuhören“ von Burkhard Ewert, NOZ vom 05.02.2026, Seite 2

Viel Meinung, wenig Fakten. Warum der „grantige Chor der Wirtschaft“ eher Lobbyklang als Lageanalyse ist.

Hallo NOZ, hallo Herr Ewert,

Burkhard Ewert beschreibt in seinem Text „Der grantige Chor der Wirtschaft“ ein angeblich neues journalistisches Genre; klagende Unternehmer als mutige Wahrheitsverkünder. Tatsächlich handelt es sich um ein altbekanntes Muster, wirtschaftsliberale Stimmungsmache, aufgeladen mit Untergangsrhetorik, aber weitgehend ohne Faktencheck.

Wenn Carsten Maschmeyer behauptet, Deutschland liege „in nahezu allen Rankings auf dem letzten Platz“, ist das schlicht falsch. Deutschland gehört laut OECD weiterhin zu den führenden Industrienationen bei Exportvolumen, industrieller Wertschöpfung und Beschäftigung. Auch bei Produktivität pro Arbeitsstunde liegt Deutschland im oberen Drittel der EU, nicht am Ende.

Ebenso irreführend ist das Mantra von den „kürzesten Arbeitszeiten bei höchsten Löhnen“. Tatsächlich arbeiten Deutsche im europäischen Vergleich nicht außergewöhnlich wenig, sondern haben vor allem eine hohe Teilzeitquote, bei gleichzeitig sehr hoher Produktivität. Die Lohnstückkosten liegen im EU-Mittelfeld, nicht an der Spitze. Hohe Löhne sind zudem kein Standortnachteil, sondern Ergebnis und Voraussetzung von Wertschöpfung.

Die Klage über „zu viele Regeln“ und „ausufernde Bürokratie“ bleibt ebenfalls vage. Konkrete Belege fehlen. Gleichzeitig zeigen Studien des ifo-Instituts, dass Investitionszurückhaltung derzeit stärker mit globaler Unsicherheit, schwacher Nachfrage und hohen Energiepreisen zusammenhängt als mit Gleichstellungsbeauftragten oder Feiertagsregelungen.

Besonders problematisch wird der Text dort, wo unbelegte Behauptungen zur Migration oder zur angeblichen „Softie-Gesellschaft“ unwidersprochen stehen bleiben. Hier wird politisches Framing reproduziert, nicht analysiert. Dass milliardenschwere Unternehmer aus ihrer privilegierten Position heraus Sozialstaat, Arbeitsrechte oder staatliche Kontrolle ablehnen, ist weder überraschend noch automatisch besonders erkenntnisreich.

Ewert suggeriert, diese Stimmen seien deshalb so wertvoll, weil sie „nichts mehr zu verlieren“ hätten. Tatsächlich haben sie sehr viel zu gewinnen, nämlich niedrigere Steuern, weniger Regulierung, schwächere Arbeitnehmerrechte. Genau deshalb wäre kritische Distanz nötig gewesen und nicht wohlwollendes Weiterreichen von Klagen.

Journalismus beginnt dort, wo man Behauptungen überprüft, Interessen offenlegt und Meinung nicht mit Diagnose verwechselt. Genau das bleibt dieser Text schuldig.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Corona: Extremsituation für Journalisten“ von Burkhard Ewert, NOZ vom 31.01.2026, Seite 4

Wenn Selbstkritik zur Selbstentlastung wird; ein Leserbrief zu Ewerts Corona-Rückblick und den unbequemen Fragen, die erst der taz-Artikel stellt.

Hallo NOZ, hallo Herr Ewert,

der Beitrag von Burkhard Ewert zur Corona-Berichterstattung der NOZ gibt sich selbstkritisch und reflektiert. Gerade deshalb bleibt bei der Lektüre ein erhebliches Unbehagen zurück.

Die benannten Kritikpunkte, wie Tonalität, Wortwahl, Tempo der Berichterstattung, betreffen vor allem Stilfragen. Die tieferliegenden Fragen journalistischer Verantwortung während der Pandemie werden hingegen nur gestreift oder vollständig ausgeblendet. Dabei ging es in der öffentlichen Kritik nie primär um einzelne Begriffe wie „Covidiot“, sondern um strukturelle Einseitigkeiten, Verhältnis zu staatlichen Verlautbarungen und die Auswahl sowie Einordnung von Experten und Positionen.

Besonders auffällig ist, dass zentrale Kontroversen der eigenen jüngeren Geschichte unerwähnt bleiben. Bswp. beschreibt der taz-Artikel „Chefredakteur auf Abwegen“ detailliert die Zusammenarbeit der NOZ mit dem Magazin Multipolar im Zusammenhang mit einer Forsa-Umfrage zu Impfnebenwirkungen, inklusive der späteren öffentlichen Distanzierung von Forsa selbst. Diese Episode war keine Frage von Ton oder Überlastung, sondern eine bewusste publizistische Entscheidung mit erheblichen Folgen für die Glaubwürdigkeit der Zeitung.

Gerade vor diesem Hintergrund wirkt die im NOZ-Beitrag formulierte Selbstkritik unvollständig. Wer Aufarbeitung ernst meint, muss auch die Frage beantworten, wo Meinungsvielfalt endet und wo problematische Narrative durch journalistische Aufwertung erst entstehen. Ebenso wäre eine ehrliche Auseinandersetzung damit nötig gewesen, ob interne Kritik tatsächlich gehört wurde oder ob sie, wie aus anderen Berichten hervorgeht, folgenlos blieb.

Die Pandemie war zweifellos eine Ausnahmesituation. Doch Ausnahmesituationen sind der Moment, in dem journalistische Grundsätze nicht relativiert, sondern besonders konsequent angewendet werden müssen. Selbstkritik, die sich vor allem auf Umstände beruft, läuft Gefahr, eher zu entlasten als aufzuklären.

Wenn die NOZ aus der Corona-Zeit lernen will, dann reicht es nicht, höflicher zu schreiben oder langsamer zu publizieren. Notwendig ist eine offene Debatte über publizistische Leitplanken, Verantwortung bei Kooperationen und den Umgang mit Macht, Unsicherheit und Minderheitenpositionen. Diese Debatte steht (trotz des vorliegenden Beitrags) weiterhin aus.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Zum Glück kam es ganz anders – oder nicht?“ von Burkhard Ewert, NOZ vom 29.01.2026, Seite 2

Viel Historie, wenig Klarheit: Warum Burkhard Ewerts Tocqueville-Text mehr Fragen aufwirft, als er beantwortet.

Hallo NOZ, hallo Herr Ewert,

Burkhard Ewerts Tocqueville-Essay liest sich eindrucksvoll, bleibt aber seltsam unverbindlich. In einer Zeit, in der Demokratie ganz konkret von rechtsextremen Akteuren angegriffen wird, weicht der Text auf zeitlose Seelenlagen und abstrakte Freiheitsparadoxien aus.

So entsteht weniger Analyse als Atmosphäre; viel historische Autorität, wenig Benennung heutiger Akteure. Die Demokratie erscheint bedroht, aber irgendwie von niemandem. Das wirkt nicht tiefgründig, sondern vernebelnd.

Tocqueville mag erklären, warum Freiheit anstrengend ist. Er ersetzt jedoch nicht die klare Analyse realer politischer Gefahren.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Danke, Reichelt!… Burkhard Ewert erörtert, wie es um die Presse- und Meinungsfreiheit in Deutschland steht.“ von Burkhard Ewert, NOZ vom 22.01.2026, Seite 2

Opferinszenierung statt Differenzierung. Wie Burkhard Ewert Pressefreiheit missdeutet und Julian Reichelts Methoden rhetorisch verharmlost.

Hallo NOZ, hallo Herr Ewert,

Chefredakteur Burkhard Ewert beschreibt in seinem Beitrag eindrucksvoll, wie es sich anfühlt, Zielscheibe eines digitalen Mobs zu werden. Dieses Erlebnis verdient Empathie. Es taugt jedoch nicht als Beleg für eine angeblich bedrohte Presse- und Meinungsfreiheit in Deutschland.

Denn genau hier liegt der argumentative Kurzschluss des Textes. Die gezielte Personalisierung und Einschüchterung einzelner Journalisten durch reichweitenstarke Akteure wie Julian Reichelt ist kein Ausdruck von Pressefreiheit, sondern deren Missbrauch. Wer Macht, Reichweite und Namen gezielt einsetzt, um Individuen unter Druck zu setzen, handelt nicht publizistisch, sondern aktivistisch.

Problematisch ist zudem die fortwährende Vermengung staatlicher Eingriffe mit gesellschaftlicher Kritik. Meinungsfreiheit schützt vor Zensur durch den Staat, nicht vor Widerspruch, Einordnung oder öffentlicher Kritik. Wer beides gleichsetzt, verschiebt bewusst die Maßstäbe.

Auch der wiederholte Vergleich zwischen taz und NIUS ist sachlich unhaltbar. Hier geht es nicht um „linke“ oder „rechte“ Meinung, sondern um journalistische Standards: Trennung von Nachricht und Kommentar, Transparenz, Korrekturfähigkeit. Diese Unterschiede sind strukturell, nicht ideologisch.

Ja, es gibt berechtigte Debatten über §188 StGB, über Durchsuchungen, über Quellenschutz. Doch diese ernsthaften Fragen werden entwertet, wenn sie zur Kulisse einer pauschalen Freiheitsklage gegen „die Politik“ oder „das System“ gemacht werden, ein Narrativ, das interessanterweise genau jene Akteure stärkt, die Journalismus systematisch delegitimieren.

Pressefreiheit bedeutet nicht, alles sagen zu dürfen, ohne Verantwortung zu tragen. Sie bedeutet, mächtig sein zu dürfen, und sich messen lassen zu müssen.Gerade von einem Chefredakteur hätte man sich diese Differenzierung gewünscht.

Mit freundlichen Grüßen

« Ältere Beiträge Neuere Beiträge »