Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

Kategorie: NOZ allgemein (Seite 8 von 12)

Strukturelle Medienkritik an der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ) und ihrem Verlagshaus NOZ/mh:n: Kommentarspalten-Schließung, Leserbrief-Politik, unkritische NZZ-Übernahmen, das neue Debattenformat „360°“ und die Frage, welche Öffentlichkeit eine Regionalzeitung mit überregionalem Mantelteil herstellt. Diese Kategorie richtet den Blick auf die NOZ als Institution.

Strompreise und Merit-Order-Prinzip, was die NOZ zur Energiewende verschweigt

Die NOZ erklärt, warum Strom trotz Erneuerbarer teuer bleibt, und ignoriert dabei das Merit-Order-Prinzip. Gas setzt den Preis, nicht der Netzausbau. Was der Artikel weglässt, ist kein Versehen.

Hallo NOZ, hallo Herr Hinrichs,

Ihr Artikel zur Netzbelastung durch die Energiewende verschweigt das Entscheidende.

Der Satz, die Sonne schicke keine Rechnung, der Netzbetreiber schon, klingt eingängig. Er ist aber nicht mal die halbe Wahrheit. Der Hauptgrund für hohe Strompreise ist nicht der Netzausbau, sondern das Merit-Order-Prinzip. An der Strombörse setzt der teuerste noch benötigte Erzeuger den Preis. Das sind in Spitzenzeiten Gaskraftwerke. Egal wie viel Sonne und Wind Strom produzieren, Gas bestimmt den Marktpreis. Wer das weglässt, erklärt Strompreise falsch.Auch bei den Netzkosten fehlt der entscheidende Kontext. Die gestiegenen Netzentgelte sind kein Naturgesetz, sondern politische Entscheidung. Als die Bundesregierung 2024 die EEG-Umlage aus dem Bundeshaushalt strich, wurden die Kosten auf die Netzentgelte verlagert. Dazu kommen Jahrzehnte verschlafenen Netzausbaus, fehlende Speicherförderung und ein Marktdesign, das private Erzeuger systemisch benachteiligt.

Der Artikel lässt Stadtwerke-Chef Waschow diese Zusammenhänge als quasi unvermeidliche Konsequenz der Energiewende beschreiben, ohne eine kritische Nachfrage. Wer gesetzt hat, welche Rahmenbedingungen gelten, bleibt unsichtbar. So entsteht der Eindruck, die Energiewende selbst sei das Problem, nicht ihre politische Missverwaltung über Jahrzehnte. Faktenbasierter Journalismus müsste beides zeigen.

Mit freundlichen Grüßen

Faktencheck mit selektiven Fakten: Warum Schellers Bas-Kritik in der NOZ selbst einer Prüfung nicht standhält

Die NOZ korrigiert Bärbel Bas per „Faktencheck“, setzt dabei Statistiken kontextlos ein und präsentiert politisches Framing als Empirie.

Hallo NOZ, hallo Frau Scheller,

Ihr Meinungsbeitrag wirft Bärbel Bas vor, die Migrationsdebatte „wegzumoderieren“. Das ist eine griffige Formulierung, die allerdings verdeckt, was der Text selbst tut: Statistiken ohne Kontext einsetzen, um eine politisch aufgeladene These abzusichern.

Die genannten Zahlen sind korrekt. Ihre Interpretation ist es nicht. Dass knapp die Hälfte der Bürgergeldempfänger keinen deutschen Pass hat, sagt nichts darüber aus, warum diese Menschen in Deutschland sind, ob sie zuvor Jahrzehnte Steuern gezahlt haben, ob sie als EU-Bürger aus dem Arbeitsmarkt gefallen sind oder ob sie tatsächlich als Asylsuchende gekommen sind. Diese Gruppen in einer Zahl zusammenzufassen und daraus auf „Einwanderung in Sozialsysteme“ zu schließen, ist kein Faktencheck, sondern Framing.

Dass Sozialleistungen bei der Wahl des Ziellandes „eine Rolle spielen können“, ist zutreffend, aber weit weniger eindeutig belegt als der Text suggeriert. Die Migrationsforschung zeigt überwiegend, dass Flucht- und Migrationsentscheidungen von Krieg, Verfolgung, sozialen Netzwerken und geografischer Erreichbarkeit dominiert werden. Die Rede von „Standortattraktivität“ durch Sozialleistungen klingt nach Wissenschaft, ist aber eine politische Rahmung.

Den Koalitionsvertrag als faktische Autorität gegen Bas zu zitieren ist methodisch schief. Koalitionsverträge sind politische Dokumente, keine empirischen Befunde.

Was Bas gesagt hat, war möglicherweise ungenau. Was Ihr Artikel daraus macht, ist es ebenfalls.

Mit freundlichen Grüßen

Meinungsfreiheit predigen, Widerspruch kuratieren – wie die NOZ am 02.05.2026 sich selbst widerspricht

Die NOZ widmet heute zwei große Stücke der Meinungsfreiheit. Gleichzeitig hat sie ihre Kommentarspalten geschlossen und Leserbriefe aus dem Artikelkontext herausgelöst. Wer Debattenkultur predigt und Widerspruch kontrolliert, hat ein Glaubwürdigkeitsproblem.

Hallo NOZ, hallo Herr Wiegelmann, hallo Herr Faus,

die heutige Ausgabe ist bemerkenswert. Auf Seite 4 dokumentiert Lucas Wiegelmann, wie viele Deutsche sich in ihrer Meinungsfreiheit eingeschränkt fühlen, und dass dieses Gefühl empirisch nicht unbegründet ist. Auf einer weiteren Seite mahnt Rainer Faus, dass öffentliche Debattenräume nur dann funktionieren, wenn Menschen nicht zum Schweigen gebracht werden. Beide Texte zusammen ergeben eine klare Botschaft: Wer verstummt, überlässt das Feld den Falschen.

Soweit, so richtig. Nur wer hat im Februar 2026 die Kommentarspalten auf noz.de geschlossen? Wer hat angekündigt, Leserbriefe künftig „in loser Folge“ und losgelöst vom jeweiligen Artikel zu veröffentlichen? Wer hat damit sichergestellt, dass Widerspruch gegen NOZ-Kommentare nicht mehr unmittelbar sichtbar ist, nicht mehr im Kontext des kritisierten Textes steht, nicht mehr für andere Leserinnen und Leser anschlussfähig bleibt?

Es ist dieselbe Redaktion, die heute zwei Seiten der Meinungsfreiheit widmet.

NOZblog

Faus schreibt, die Kosten der freien Rede müssten sinken. Traunmüller, den Wiegelmann zitiert, fordert „weniger vorschnelle moralische Etikettierung, mehr Bereitschaft, abweichende Meinungen als Teil demokratischer Auseinandersetzung auszuhalten“. Beides sind Sätze, die die NOZ offenbar für andere geschrieben hält. Denn ihre eigene Reaktion auf unbequeme Leserstimmen war nicht mehr Raum, sondern weniger. Nicht mehr Unmittelbarkeit, sondern mehr Kontrolle. Nicht Dialog auf Augenhöhe, sondern kuratierter Rückblick nach redaktionellen Spielregeln.

Das ist kein Kavaliersdelikt. Es ist ein struktureller Widerspruch, der die Glaubwürdigkeit dieser Debattenbeiträge untergräbt. Wer Meinungsfreiheit als gesellschaftliches Problem ernst nimmt, muss sich fragen lassen, wie er selbst damit umgeht, in der eigenen Redaktion, gegenüber der eigenen Leserschaft, in den eigenen Formaten.

Debattenkultur beginnt nicht mit dem, was man anderen empfiehlt. Sie beginnt damit, was man selbst aushält.

Mit freundlichen Grüßen

Die NOZ, ausgezeichnet für Debatten, die sie abschaffen

Die NOZ gewinnt den European Publishing Award für „Räume für fairen Austausch“, während sie gleichzeitig Kommentarspalten schließt, Leserbriefe entkoppelt und kritische Kommentare verschwinden lässt. Ein Widerspruch, der dokumentiert ist.

Die Meldung ist kurz, aber sie sitzt: Die Unternehmensgruppe NOZ/mh:n hat den European Publishing Award 2026 gewonnen, für ihre 360°-Formate, für „Räume für fairen Austausch“, für das Ziel, „den Wert von Meinungsvielfalt greifbar zu erzählen“. Eine hochkarätig besetzte Jury, darunter ntv-Geschäftsführer Tilman Aretz und Funke-Chefredakteur Carsten Erdmann, findet das preiswürdig. Vielleicht sollte man die Jury mit ein paar Fakten versorgen.

Was die NOZ in den letzten Monaten getan hat

Im Februar 2026 wurden die Kommentarspalten auf noz.de geschlossen. Begründung: Qualitätssicherung, Debattenkultur, Verantwortung. Leserbriefe werden seitdem nicht mehr zeitnah zum jeweiligen Artikel veröffentlicht, sondern in „loser Folge“ gebündelt, entkoppelt vom Anlass, der sie ausgelöst hat, und damit entkoppelt von jeder öffentlichen Wirkung.

Das neue Vorzeige-Debattenformat, 360° | Das Forum, feierte im März seine Premiere mit Burkhard Ewerts Grönemeyer-Kommentar. Ich nahm teil, schrieb einen sachlichen Kommentar, erhielt eine Replik von Ewert, und konnte dann nicht mehr antworten. Meldung: „Kommentar kann aus technischen Gründen nicht abgeschickt werden.“ Ewerts letztes Wort blieb unwidersprochen im Raum stehen. Das Community-Team erklärte später, mein Kommentar sei „nie im System angekommen“. Warum, konnte man nicht sagen.

Das ist dokumentiert. Hier, auf diesem Blog.

Was die NOZ gleichzeitig behauptet

„In einer zunehmend fragmentierten Gesellschaft sieht das Medienhaus seine Aufgabe darin, Räume für fairen Austausch zu schaffen.“ So steht es in der Pressemitteilung zur Preisverleihung. Chefredakteur Burkhard Ewert wird zitiert: „Eine Gesellschaft ohne Diskurs ist eine Gesellschaft ohne Entwicklung.“

Das stimmt. Es stimmt sogar sehr. Nur: Wer Kommentarspalten schließt, Leserbriefe zeitlich entkernt und kritische Antworten im Forum verschwinden lässt, schafft keinen Diskurs. Er schafft eine Bühne, auf der die Redaktion spricht, und das Publikum applaudiert oder schweigt. Das nennt sich nicht Meinungsvielfalt. Das nennt sich Kontrolle.

Zur Einordnung

Ich bin nicht der einzige, dessen Erfahrungen mit der NOZ-Debattenkultur sich so zusammenfassen lassen. Auf diesem Blog finden sich Berichte von Lesern, deren Kommentare unter NOZ-Artikeln nie erschienen, die auf Instagram ausgeblendet wurden, die auf Leserbriefe keine Reaktion erhielten, oder eine so allgemeine, dass sie jede inhaltliche Auseinandersetzung elegant umschiffte.

Ein Preis für „fairen Austausch“ ändert daran nichts. Er macht es nur kontrastreicher.

Burkhard Ewert sagt, er sei stolz. Das glaube ich ihm. Ich wäre auch stolz, wenn ich für etwas ausgezeichnet würde, das ich nach außen so überzeugend erzähle, und nach innen so konsequent einschränke.

Herzlichen Glückwunsch, NOZ. Der Preis passt gut ins Regal. Gleich neben den geschlossenen Kommentarspalten.

Wenn der Kommentar das widerlegt, was der Nachrichtenartikel daneben belegt: Streckwaldt gegen Streckwaldt in der NOZ

In der NOZ vom 20.04. zitiert Finn Lasse Streckwaldt im Nachrichtenartikel den DVR-Präsidenten: Tempolimit auf Landstraßen sei „ein besonders wirksamer Ansatz“. Im Kommentar direkt darunter schreibt er: Ein Tempolimit rette „vermutlich kaum“ Leben. Derselbe Autor, dieselbe Ausgabe, dieselbe Seite.

Hallo NOZ, hallo Herr Streckwaldt,

in Ihrer Ausgabe vom 20. April 2026 findet sich eine bemerkenswerte Konstellation. Direkt unter Ihrem Nachrichtenartikel zur Verkehrssicherheitskonferenz veröffentlichen Sie einen Meinungsbeitrag, in dem Sie schreiben, ein Tempolimit auf Landstraßen rette „vermutlich kaum“ Leben. Dabei zitieren Sie im Nachrichtenartikel selbst DVR-Präsident Manfred Wirsch mit der Aussage, ein angepasstes Tempolimit sei „ein besonders wirksamer Ansatz“.

Das ist kein Widerspruch zwischen verschiedenen Autoren oder verschiedenen Tagen. Es ist ein Widerspruch innerhalb derselben Ausgabe, von derselben Person, auf derselben Seite.

Besonders auffällig ist, wie der Kommentar die Debatte verzerrt. Die Forschung und die im Nachrichtenartikel zitierten Experten streiten nicht für ein pauschales Tempolimit auf jeder Straße unter allen Bedingungen. Der DVR-Präsident plädiert ausdrücklich für eine „differenzierte, an der Infrastruktur orientierte Geschwindigkeitsregelung“. Gegen diese Position zu argumentieren wäre diskutabel. Doch der Kommentar bekämpft stattdessen eine vereinfachte Variante dieser Forderung und ignoriert dabei den Kompromissvorschlag, den der eigene Nachrichtenartikel ausführlich beschreibt.

Auch der Autobahn-Vergleich hält einer näheren Betrachtung nicht stand. Die absoluten Totenzahlen sagen wenig aus, solange man nicht die gefahrenen Kilometer berücksichtigt. Auf Autobahnen wird ein Vielfaches der Strecke zurückgelegt, die auf Landstraßen gefahren wird. Entscheidend ist zudem die physikalische Grundlage des Arguments, die der Kommentar übergeht. Bei einer Kollision steigt die Aufprallenergie quadratisch mit der Geschwindigkeit. Tempo 80 statt 100 bedeutet nicht etwas weniger Wucht, sondern deutlich weniger.

Meinungsjournalismus darf pointiert sein. Er sollte aber nicht gegen Fakten argumentieren, die der eigene Nachrichtenartikel im selben Blatt belegt.

Mit freundlichen Grüßen

« Ältere Beiträge Neuere Beiträge »