Die NOZ zeigt uns ein Lehrbeispiel für mediale Doppelmoral. Während Chefredakteurin Louisa Riepe in ihrer Kolumne ‚Distanz zur Macht‘ und ‚keine Bevormundung‘ fordert, betreibt ihre Redaktion genau das Gegenteil. Und das alles in ein und derselben Ausgabe.
Hallo NOZ, hallo Frau Riepe,
was für eine aufschlussreiche Lektüre war die NOZ vom 24.03.2026!
Auf Seite 2 warnen Sie in Ihrer Kolumne „´Was geht?!´ Drei Dinge, die Joachim Gauck bei seiner Kritik an der Presse nicht bedacht hat“ vor den Gefahren von Medien, die „die Öffentlichkeit lenken“ oder „bevormunden“. Sie schreiben:
„Journalismus sollte […] vollständiger, widersprüchlicher, ehrlicher sein.“
Und:
„Wer Medien in die Pflicht nimmt, Demokratie aktiv zu stabilisieren, verschiebt ihre Rolle. […] Das kann Vertrauen kosten.“
Doch dann blättert man nur zwei Seiten weiter, und findet auf der Seite 4 den Artikel „7250 Euro im Monat vom Sozialamt“ von Sören Becker, der genau das tut, was Sie bei Gauck kritisieren.
- Keine Vollständigkeit, sondern Zuspitzung (die realen 430 € pro Person? Erst am Ende im Kleingedruckten).
- Keine Distanz zur Macht, sondern moralische Bevormundung (Empört euch über diesen Flüchtling!“).
- Keine Ehrlichkeit, sondern Framing (wer liest schon bis zum Ende, wenn die Schlagzeile bereits das Urteil spricht?).
Das Beste kommt aber noch. Auf meinen Leserbrief zum Artikel „7250 Euro im Monat vom Sozialamt“ hin erhielt ich die Antwort, dass die ursprünglich geplante Überschrift („7250 Euro vom Sozialamt: Warum das gar nicht so viel ist“) nachträglich geändert wurde. Weil man sich davon mehr Aufmerksamkeit bzw. Klicks erhoffte!
Frau Riepe, das ist kein Journalismus, das ist ein Lehrstück in Heuchelei.
- Sie fordern „keine Bevormundung“, und Ihre Redaktion betreibt sie.
- Sie predigen „Vollständigkeit“, und Ihre Redaktion verschweigt Fakten.
- Sie warnen vor „Vertrauensverlust“, und Ihre Redaktion riskiert ihn bewusst.
Die Frage, die sich mir stellt, ist nicht, ob Sie das erklären können, sondern ob Sie es überhaupt wollen. Denn eines ist klar, die NOZ hat sich mit dieser Ausgabe selbst entlarvt. Und das ist (um es mit Ihren Worten zu sagen) ein „großer Moment“, wenn auch nicht im Sinne, den Sie sich wohl wünschen.
Mit freundlichen Grüßen
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