Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

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Von Kreml-Kompromissen zu Trump als Vernunftstimme, ein Jahr Clasen bei der NOZ

Ein Kommentar allein ist eine Meinung. Sieben Belege über anderthalb Jahre sind ein Muster.

Wer die Texte von Michael Clasen in der NOZ chronologisch nebeneinanderlegt, erkennt eine Linie, die sich seit Februar 2025 kaum verändert hat.

Februar 2025. In einem frühen Kommentar wirft Clasen der Ukraine sinngemäß vor, für den fehlenden Frieden mitverantwortlich zu sein, während er Trumps Aussagen unkommentiert übernimmt. Der Vorwurf der Spiegelung Kreml-naher Narrative steht hier zum ersten Mal im Raum.

Juni 2025. Unter der Überschrift „Europa kann Putin nicht besiegen“ behauptet Clasen, der Krieg sei militärisch nicht zugunsten der Ukraine zu entscheiden. Der Ukraine wirft er vor, mit ihrer Forderung nach territorialer Integrität „Not und Elend zu verlängern“. Das ist eine klassische Täter-Opfer-Umkehr, formuliert in eigener Kommentarstimme, nicht als wiedergegebenes Fremdzitat.

August 2025. Im Kommentar „Was wollen Merz und Selenskyj?“ wird die Linie noch deutlicher. Clasen schreibt, Russland werde „über kurz oder lang“ gewinnen, und fordert von der Ukraine, russische „Sicherheitsbelange“ zu berücksichtigen und auf Krim sowie besetzte Gebiete zu verzichten. Das kommt einer Kapitulationsforderung an das angegriffene Land nahe.

September 2025. Beim Attentat auf Charlie Kirk bezeichnet Clasen Trump und Kirk als „ultra-konservative Aktivisten“ statt sie als Figuren der radikalen Rechten einzuordnen. Beide werden vor allem als Opfer von Cancel Culture dargestellt, ihre eigene Rolle bei der gesellschaftlichen Spaltung bleibt unbenannt.

Mai 2026. Im Interviewformat „Clasen Talk“ lädt Clasen den früheren Nato-General Harald Kujat ein, der seit 2022 als Verbreiter russlandnaher Narrative bekannt ist. Kujats These, die Ukraine habe die Nato aktiv provoziert, bleibt unwidersprochen im Raum stehen, ebenso eine seit Jahren unbestätigte Anekdote über einen angeblichen Vorfall bei einem Raketeneinschlag auf polnischem Boden 2022.

August 2026. Im selben Format kommt der BSW-Politiker Michael von der Schulenburg zu Wort. Seine Behauptung, die Ukraine sei auf 22 Millionen Einwohner geschrumpft, tatsächlich gehen aktuelle UN-Schätzungen von 36 bis 43 Millionen aus, bleibt ebenso unkorrigiert wie die Aussage, der Krieg sei bereits verloren.

September 2026. Im aktuellen Kommentar zum Drohnenanschlag von Leipzig behauptet Clasen, Deutschland habe „nichts in der Hinterhand“. Zwei Seiten weiter listet die eigene Redaktion fünf konkrete Gegenmaßnahmen auf. Die vertraute Bewegung wiederholt sich, Schuld benennen, dann zur Kompromissbereitschaft mit dem Täter aufrufen. Trump erscheint erneut als die Stimme der Vernunft.

Was sich daraus ergibt

Über sieben belegbare Fälle hinweg zeigt sich ein doppeltes Muster. Zum einen die wiederkehrende Verschiebung von Verantwortung, weg vom Aggressor, hin zum angegriffenen Land oder zu diffusen äußeren Umständen. Zum anderen eine durchgehend wohlwollende Rahmung von Trump, der als besonnen oder tatkräftig erscheint, während Europa als zaudernd gilt.

Ein Kommentator, der wiederholt in eigener Stimme Kompromisse mit einem Angriffskrieg führenden Staat fordert und dabei ausgewählte Interviewgäste mit widerlegbaren Thesen unwidersprochen lässt, betreibt keine Meinungsvielfalt. Er betreibt eine redaktionelle Linie mit Wiederholungscharakter.

Gegen Russland nichts in der Hinterhand? Clasen NOZ-Kommentar widerlegt sich selbst

Zwei Seiten weiter listet die eigene Redaktion fünf Vergeltungsmaßnahmen auf. Und der Aufruf zu Kompromissen mit dem benannten Täter ist bei Clasen kein neuer Ton, sondern eine Linie, die sich bis Februar 2025 zurückverfolgen lässt.

Hallo NOZ, hallo Herr Clasen,

Ihr Kommentar „Deutschland hat nichts in der Hinterhand“ widerspricht sich selbst, und zwar innerhalb derselben Ausgabe. Zwei Seiten weiter listet Ihre eigene Redaktion fünf konkrete Vergeltungsmaßnahmen der Bundesregierung auf, die Schließung des russischen Generalkonsulats in Bonn, die Kündigung des Vertrags über das Russische Haus, neue EU-Sanktionslistungen, verschärfte Einreisekontrollen sowie erhöhten Druck auf die russische Schattenflotte, dazu nachrichtendienstliche Maßnahmen. Wer behauptet, man habe „nichts in der Hinterhand“, ignoriert die eigene Berichterstattung.

Noch auffälliger ist die argumentative Bewegung direkt danach. Sie ordnen den Drohnenanschlag klar Russland zu, das folgt der Linie der Bundesregierung. Im nächsten Atemzug fordern Sie dann Kompromiss- und Gesprächsbereitschaft gegenüber genau diesem Akteur. Erst die Schuld benennen, dann relativieren.

Das ist kein neuer Ton bei Ihnen. Bereits im Februar 2025 warfen Leser Ihnen vor, Trumps Aussagen zu spiegeln und die Schuld am fehlenden Frieden dem überfallenen Land zuzuschieben. Im Juni 2025 schrieben Sie, Europa könne Putin nicht besiegen, und warfen der Ukraine vor, mit der Forderung nach ihrer territorialen Integrität „Not und Elend zu verlängern“. Im August 2025 forderten Sie explizit, die Ukraine solle russische „Sicherheitsbelange“ berücksichtigen und auf Krim und besetzte Gebiete verzichten. Das ist über anderthalb Jahre dieselbe Linie, nur die Anlässe wechseln.

Auch die Prognose, die Ukraine werde diesen Krieg „mit großer Wahrscheinlichkeit“ nicht gewinnen, wird ohne Beleg oder Gegenstimme als Tatsache präsentiert, obwohl es sich um eine politische Einschätzung handelt.

Dass Donald Trump als jemand dargestellt wird, der „erinnern muss, wie sinnlos dieser Krieg im Donbass ist“, passt ebenfalls ins Bild. Schon beim Attentat auf Charlie Kirk bezeichneten Sie Trump und Kirk als „ultra-konservative Aktivisten“ statt sie einzuordnen, und rahmten beide vor allem als Opfer.

Auch im Format „Clasen Talk“ wiederholt sich das Muster. Sowohl der frühere Nato-General Harald Kujat als auch der BSW-Politiker Michael von der Schulenburg durften dort mit teils widerlegbaren, russlandnahen Thesen unwidersprochen zu Wort kommen, von der Täter-Opfer-Umkehr bei der Kriegsursache bis zu falschen Bevölkerungszahlen der Ukraine.

Ein einzelner Kommentar mag eine Meinung sein. Sieben Belege über anderthalb Jahre, in eigener Stimme und in ausgewählten Interviewgästen, sind ein Muster.

Mit freundlichen Grüßen

Wie der Clasen Talk der NOZ unwidersprochene Kremlnarrative verbreitet

Im „Clasen Talk“ darf ein BSW-Politiker unwidersprochen erzählen, die Ukraine habe 22 statt der tatsächlich rund 36-43 Mio Einwohner und den Krieg schon verloren. Weder Fakten noch Gegenstimme. Klassisches unkritisches Interviewformat.

Hallo NOZ, hallo Frau Kanke, hallo Herr Clasen,

der Talk von Michael Clasen mit dem BSW-Politiker Michael von der Schulenburg ist ein Lehrstück dafür, wie unkritisches Interviewformat einer politischen Agenda zur Bühne wird. Wer als Gast eingeladen wird und welche Thesen dabei unwidersprochen stehen bleiben, ist eine redaktionelle Entscheidung, für die auch der Moderator Verantwortung trägt.

Von der Schulenburgs zentrale Behauptung, die Ukraine sei von 52 auf 22 Millionen Einwohner geschrumpft, hält einer Prüfung nicht stand. Aktuelle Schätzungen der Vereinten Nationen und anderer Statistikquellen gehen für 2026 von rund 36 bis 43 Millionen Menschen aus. Das ist ein dramatischer Rückgang gegenüber der Vorkriegszeit, aber eben nicht die apokalyptische Zahl, die hier unwidersprochen im Raum stehen bleibt.

Ähnlich verhält es sich mit den angeblichen 200.000 bis 400.000 Deserteuren. Diese Zahl kursiert in erster Linie in russischen und russlandnahen Quellen, eine unabhängige Bestätigung fehlt. Sie wird im Artikel als Faktum präsentiert, ohne dass die Herkunft eingeordnet wird.

Auch die These, Russland führe den Krieg nicht aus territorialen Ansprüchen, sondern aus Furcht vor einem feindlichen Militärbündnis, blendet die einseitige Annexion von vier ukrainischen Gebieten im Jahr 2022 komplett aus. Wer diese Deutung unkommentiert stehen lässt, übernimmt de facto die russische Version des Kriegsgrunds.

Am schwersten wiegt der Satz, die Ukraine habe den Krieg bereits verloren. Das ist eine politische Prognose, keine Tatsache, und sie wird hier als Feststellung präsentiert, ohne dass eine einzige Gegenstimme, etwa aus Militärexpertise oder von ukrainischer Seite, zu Wort kommt.

Ein Talkformat lebt von Zuspitzung, das ist legitim. Doch wenn steile, teils widerlegbare Thesen ohne Einordnung stehen bleiben, wird aus Journalismus eine Plattform für einseitige Kriegspropaganda. Das gilt unabhängig davon, wer den Text am Ende geschrieben hat, denn die Auswahl des Gesprächspartners liegt in der Verantwortung der Redaktion.

Mit freundlichen Grüßen

Der NOZ-Clasen Talk und Harald Kujat: Kreml-Narrative in Expertenkleidung

Der NOZ-Clasen-Talk lädt Harald Kujat ein, bekannt für russlandnahe Narrative seit 2022, und präsentiert ihn unkommentiert als Experten. Selenskyj als NATO-Provokateur, Ukraine als Stellvertreter der USA, das ist keine Analyse, das ist Propaganda mit Schulterklappen.

Hallo NOZ, hallo Herr Clasen,

der Clasen Talk hat sich einen Gast eingeladen, den man mit wenigen Worten präzise beschreiben kann. Harald Kujat ist keine neutrale sicherheitspolitische Stimme, sondern eine der bekanntesten Figuren im deutschsprachigen Raum, die seit 2022 russische Kriegsnarrative in westliche Medien trägt. Dass die NOZ ihn ohne jede redaktionelle Einordnung als „Ex-Nato-General“ präsentiert, ist journalistisches Versagen.

Kujats Kernthesen im Clasen Talk sind keine sicherheitspolitische Analyse, sondern Kreml-Narrative in Expertenkleidung. Die Behauptung, die Ukraine habe die NATO aktiv in den Krieg hineinziehen wollen, kehrt die Logik des Angriffskriegs um. Nicht Russland überfiel die Ukraine, sondern das Opfer wird zum Provokateur erklärt. Das ist eine rhetorische Figur, die seit 2022 systematisch aus Moskauer Propagandakanälen in westliche Debatten eingespeist wird.

Besonders problematisch ist die Anekdote über den Raketeneinschlag auf polnischem Boden 2022. Kujat behauptet, Selenskyj habe darauf gedrängt, diesen als russischen Angriff zu deklarieren, gestützt auf eine Aussage des polnischen Präsidenten Duda. Tatsächlich war diese Behauptung bereits 2022 umstritten und wurde von keiner unabhängigen Quelle bestätigt. Der Clasen Talk präsentiert sie als Tatsache, ohne jeden Hinweis auf ihre fragliche Belastbarkeit.

Das Narrativ vom „Stellvertreterkrieg zwischen USA und Russland“ ist das wirkmächtigste Instrument zur Delegitimierung der ukrainischen Souveränität. Es degradiert die Ukraine zum Objekt fremder Mächte und blendet aus, dass ein souveräner Staat sein Recht auf Selbstverteidigung wahrnimmt. Dass der Clasen Talk diese These unwidersprochen stehen lässt, ist keine Ausgewogenheit. Es ist Mitverantwortung am Framing.

Meinungsjournalismus darf Kontroversen suchen. Er sollte dabei jedoch nicht zum Resonanzboden für Positionen werden, die in sicherheitspolitischen Fachkreisen längst als russlandnah klassifiziert sind, und das ohne jeden kontextualisierenden Hinweis an die Lesenden.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Merz‘ Renten-Ansage wirft Fragen auf – Ist der Fleißige am Ende der Dumme?“ von Michael Clasen, NOZ vom 22.04.2026

Clasen warnt vor Rentenkürzung, aber sein eigentliches Ziel ist die alte Rechnung: Arbeitnehmer gegen Sozialleistungsempfänger. Falsche Zahlen, fehlende Fragen, bekannte Agenda.

Hallo NOZ, hallo Herr Clasen,

der Kommentar zu Merz‘ Rentenansage verspricht eine nüchterne Analyse, liefert aber vor allem Ressentiments mit ökonomischem Anstrich.

Das zentrale rhetorische Manöver ist die Gegenüberstellung von Fleißigen und Sozialleistungsempfängern. Der Arbeitnehmer, der sich abrackert, soll am Ende nicht mehr haben als jemand, der „wenig oder gar nicht gearbeitet“ hat. Dieses Bild ist nicht neu, es ist Klassiker des Sozialstaatspopulismus. Was er verschweigt, ist dass das Grundsicherungsniveau in Deutschland bewusst niedrig gehalten ist. Wer ein Leben lang gearbeitet hat, bekommt durch Freibeträge, Rentenansprüche und Wohneigentum strukturell mehr als jemand, der auf Bürgergeld angewiesen ist. Die Gleichsetzung ist empirisch falsch und dient einzig dazu, Arbeitnehmer gegen Transferleistungsempfänger auszuspielen, statt die eigentlichen Fragen zu stellen.

Die eigentlichen Fragen sind hier andere. Warum sind Löhne in Deutschland jahrzehntelang hinter der Produktivitätsentwicklung zurückgeblieben? Warum wird Kapital steuerlich so viel günstiger behandelt als Arbeit? Warum werden Rentenbeiträge ausschließlich aus Erwerbseinkommen finanziert, Kapitalerträge aber nicht herangezogen? Diese Fragen stellt Clasen nicht, er deutet stattdessen auf Entwicklungshilfe und Beamte.

Die Diagnose zur Deindustrialisierung ist nicht falsch, aber selektiv. Dass die deutsche Industrie unter hohen Energiepreisen leidet, stimmt. Dass diese Energiepreise aber vor allem auf jahrzehntelange Abhängigkeit von fossilem Gas zurückgehen, und nicht auf die Energiewende, die Clasen als Kostenfaktor anklagt, bleibt unerwähnt. Ebenso, dass Länder mit konsequenterer Energiewende wie Dänemark oder Schweden heute niedrigere Strompreise für Industrie und Haushalte haben.

Merz‘ Ankündigung, die gesetzliche Rente zur Basisabsicherung zu degradieren, ist ein weitreichender sozialpolitischer Einschnitt. Er verdient keine apologetische Begleitung durch Hinweise auf Demografiekurven und Staatsschulden, sondern eine ehrliche Debatte darüber, wer diese Last tragen soll, und wer bisher weitgehend verschont geblieben ist.

Mit freundlichen Grüßen

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