Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

Schlagwort: Clasen

Der NOZ-Clasen Talk und Harald Kujat: Kreml-Narrative in Expertenkleidung

Der NOZ-Clasen-Talk lädt Harald Kujat ein, bekannt für russlandnahe Narrative seit 2022, und präsentiert ihn unkommentiert als Experten. Selenskyj als NATO-Provokateur, Ukraine als Stellvertreter der USA, das ist keine Analyse, das ist Propaganda mit Schulterklappen.

Hallo NOZ, hallo Herr Clasen,

der Clasen Talk hat sich einen Gast eingeladen, den man mit wenigen Worten präzise beschreiben kann. Harald Kujat ist keine neutrale sicherheitspolitische Stimme, sondern eine der bekanntesten Figuren im deutschsprachigen Raum, die seit 2022 russische Kriegsnarrative in westliche Medien trägt. Dass die NOZ ihn ohne jede redaktionelle Einordnung als „Ex-Nato-General“ präsentiert, ist journalistisches Versagen.

Kujats Kernthesen im Clasen Talk sind keine sicherheitspolitische Analyse, sondern Kreml-Narrative in Expertenkleidung. Die Behauptung, die Ukraine habe die NATO aktiv in den Krieg hineinziehen wollen, kehrt die Logik des Angriffskriegs um. Nicht Russland überfiel die Ukraine, sondern das Opfer wird zum Provokateur erklärt. Das ist eine rhetorische Figur, die seit 2022 systematisch aus Moskauer Propagandakanälen in westliche Debatten eingespeist wird.

Besonders problematisch ist die Anekdote über den Raketeneinschlag auf polnischem Boden 2022. Kujat behauptet, Selenskyj habe darauf gedrängt, diesen als russischen Angriff zu deklarieren, gestützt auf eine Aussage des polnischen Präsidenten Duda. Tatsächlich war diese Behauptung bereits 2022 umstritten und wurde von keiner unabhängigen Quelle bestätigt. Der Clasen Talk präsentiert sie als Tatsache, ohne jeden Hinweis auf ihre fragliche Belastbarkeit.

Das Narrativ vom „Stellvertreterkrieg zwischen USA und Russland“ ist das wirkmächtigste Instrument zur Delegitimierung der ukrainischen Souveränität. Es degradiert die Ukraine zum Objekt fremder Mächte und blendet aus, dass ein souveräner Staat sein Recht auf Selbstverteidigung wahrnimmt. Dass der Clasen Talk diese These unwidersprochen stehen lässt, ist keine Ausgewogenheit. Es ist Mitverantwortung am Framing.

Meinungsjournalismus darf Kontroversen suchen. Er sollte dabei jedoch nicht zum Resonanzboden für Positionen werden, die in sicherheitspolitischen Fachkreisen längst als russlandnah klassifiziert sind, und das ohne jeden kontextualisierenden Hinweis an die Lesenden.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Merz‘ Renten-Ansage wirft Fragen auf – Ist der Fleißige am Ende der Dumme?“ von Michael Clasen, NOZ vom 22.04.2026

Clasen warnt vor Rentenkürzung, aber sein eigentliches Ziel ist die alte Rechnung: Arbeitnehmer gegen Sozialleistungsempfänger. Falsche Zahlen, fehlende Fragen, bekannte Agenda.

Hallo NOZ, hallo Herr Clasen,

der Kommentar zu Merz‘ Rentenansage verspricht eine nüchterne Analyse, liefert aber vor allem Ressentiments mit ökonomischem Anstrich.

Das zentrale rhetorische Manöver ist die Gegenüberstellung von Fleißigen und Sozialleistungsempfängern. Der Arbeitnehmer, der sich abrackert, soll am Ende nicht mehr haben als jemand, der „wenig oder gar nicht gearbeitet“ hat. Dieses Bild ist nicht neu, es ist Klassiker des Sozialstaatspopulismus. Was er verschweigt, ist dass das Grundsicherungsniveau in Deutschland bewusst niedrig gehalten ist. Wer ein Leben lang gearbeitet hat, bekommt durch Freibeträge, Rentenansprüche und Wohneigentum strukturell mehr als jemand, der auf Bürgergeld angewiesen ist. Die Gleichsetzung ist empirisch falsch und dient einzig dazu, Arbeitnehmer gegen Transferleistungsempfänger auszuspielen, statt die eigentlichen Fragen zu stellen.

Die eigentlichen Fragen sind hier andere. Warum sind Löhne in Deutschland jahrzehntelang hinter der Produktivitätsentwicklung zurückgeblieben? Warum wird Kapital steuerlich so viel günstiger behandelt als Arbeit? Warum werden Rentenbeiträge ausschließlich aus Erwerbseinkommen finanziert, Kapitalerträge aber nicht herangezogen? Diese Fragen stellt Clasen nicht, er deutet stattdessen auf Entwicklungshilfe und Beamte.

Die Diagnose zur Deindustrialisierung ist nicht falsch, aber selektiv. Dass die deutsche Industrie unter hohen Energiepreisen leidet, stimmt. Dass diese Energiepreise aber vor allem auf jahrzehntelange Abhängigkeit von fossilem Gas zurückgehen, und nicht auf die Energiewende, die Clasen als Kostenfaktor anklagt, bleibt unerwähnt. Ebenso, dass Länder mit konsequenterer Energiewende wie Dänemark oder Schweden heute niedrigere Strompreise für Industrie und Haushalte haben.

Merz‘ Ankündigung, die gesetzliche Rente zur Basisabsicherung zu degradieren, ist ein weitreichender sozialpolitischer Einschnitt. Er verdient keine apologetische Begleitung durch Hinweise auf Demografiekurven und Staatsschulden, sondern eine ehrliche Debatte darüber, wer diese Last tragen soll, und wer bisher weitgehend verschont geblieben ist.

Mit freundlichen Grüßen

„Es geht ums Öl“ – Clasens Golfkommentar entlarvt sich selbst

Clasen fordert in der NOZ deutsche Militärbeteiligung am Golf – und gesteht am Ende ein: „Es geht ums Öl.“ Der letzte Satz entlarvt den gesamten Text. Warum Interessenpolitik als Friedenspolitik verpackt wird.

Hallo NOZ, hallo Herr Clasen,

der Kommentar „Warum auch Deutschland am Golf Flagge zeigen muss“ argumentiert für eine deutsche Militärbeteiligung am Golf, und begeht dabei denselben analytischen Fehler wie schon Clasens Kommentar vom 1. März. Er verschweigt, was er eigentlich sagen will, bis zum letzten Satz. „Es geht ums Öl“, dieses Eingeständnis am Ende des Textes entlarvt rückwirkend den gesamten Argumentationsaufbau als euphemistisch.

Denn worum geht es laut Clasen? Um „Prosperität und Wohlstand“, um „friedenssichernde Missionen“, um Verhandlungstische. Was tatsächlich beschrieben wird, ist die Sicherung fossiler Handelsrouten durch militärische Präsenz, im Namen von Interessen, die Clasen selbst als ökonomische identifiziert. Das ist legitim zu diskutieren. Nur sollte man es so nennen.

Auffällig ist zudem, wie der Text Trumps und Netanjahus Angriff auf den Iran zunächst als von Deutschland abzulehnendes Vorhaben einführt („nicht unser Krieg“), um dann schrittweise zur Forderung nach deutscher Beteiligung überzuleiten; nicht am Krieg selbst, aber an seiner Konsequenz, nämlich der Kontrolle der Meerenge. Diese Unterscheidung ist fein genug, um Kritik abzuwehren, aber zu fein, um analytisch zu tragen. Wer die militärische Sicherung der Handelsrouten fordert, die durch einen Krieg verstopft wurden, den er selbst ablehnt, beschreibt eine Interessenpolitik, keine Friedenspolitik.

Dass Clasen die Verständigung mit China und Russland für sinnvoll hält, fügt sich nahtlos in eine redaktionelle Linie ein, die gegenüber Moskau regelmäßig zur Mäßigung neigt, auch dort, wo Zurückhaltung gegenüber einem Angreifer politisch fragwürdig ist. Das UN-Mandat als Rahmung ändert daran wenig. Es dient hier weniger als Prinzip als als Legitimationsvehikel für eine Position, die ohnehin schon feststand. Aber die grundsätzliche Frage bleibt. Warum verdient ein möglicher Militäreinsatz im Golf einen Kommentar, der für mehr Beteiligung wirbt, während für diplomatische Alternativen nicht annähernd dieselbe Energie aufgewendet wird?Meinungsjournalismus darf Positionen vertreten. Er sollte nur nicht verschleiern, welche Interessen hinter ihnen stehen, besonders dann nicht, wenn es „ums Öl“ geht.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „21 Prozent Mehrwertsteuer wäre fatales Signal – Wie Ideologie unseren Wohlstand frisst“ von Michael Clasen, NOZ vom 18.02.2026, Seite 1

21% Mehrwertsteuer? Die NOZ diskutiert Symptome, nicht Ursachen. Warum Clasens Analyse an der Realität vorbeigeht.

Hallo NOZ, hallo Herr Clasen,

der Meinungsartikel von Michael Clasen reduziert die deutsche Wirtschaftskrise auf plakative Schuldzuweisungen; der Staat als „schlechter Unternehmer“, die Energiewende als „Kostenfalle“, die Demografie als unabwendbares Schicksal. Doch diese vereinfachte Darstellung verstellt den Blick auf die eigentlichen Probleme, und vor allem auf ihre Lösungen.

Die Energiewende ist nicht teuer, weil sie falsch ist, sondern weil sie jahrelang ohne klare Strategie, mit ständigen Kurswechseln und überbordender Bürokratie umgesetzt wurde. Während Länder wie Dänemark und Schweden seit den 1990ern konsequent auf Windkraft, CO2-Steuern und soziale Ausgleichsmechanismen setzten, lavierte Deutschland zwischen Atomausstieg, Kohlekompromissen und Planungsstaus. Die Folge sind hohe Strompreise, weil der Netzausbau verschlafen und die Bürger:innen nicht mitgenommen wurden. Doch statt diese Versäumnisse zu benennen, wird die Energiewende selbst zum Sündenbock erklärt.

Auch die Demografie ist kein Schicksal, sondern eine hausgemachte Herausforderung. Während Skandinavien in Bildung, Infrastruktur und Familienförderung investierte, sparte Deutschland und wundert sich nun über Fachkräftemangel. Dass Technologien wie KI helfen können, ist richtig. Aber sie ersetzen keine jahzehntelange Vernachlässigung der Zukunftsinvestitionen.

Die Debatte um die Mehrwertsteuer zeigt das eigentliche Dilemma. Statt über gerechte Besteuerung von Vermögen und Unternehmen zu sprechen, wird über eine Erhöhung der Konsumsteuer gestritten, die vor allem einkommensschwache Haushalte trifft. Dabei gäbe es Alternativen, wie bspw. eine CO₂-Steuer mit sozialer Rückvergütung (wie in Schweden), radikaler Bürokratieabbau für erneuerbare Energien, und Investitionen in Bildung und Infrastruktur.

Deutschland steckt nicht in der Krise, weil der Staat zu viel eingreift, sondern weil er zu lange gezögert, zu wenig investiert und zu sehr auf die „unsichtbare Hand des Marktes“ vertraut hat. Wer wirklich über die Zukunft reden will, muss endlich konkrete Lösungen benennen, statt sich in ideologischen Grabenkämpfen zu verlieren.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Vorschläge der SPD zu einer Reform der Erbschaftsteuer Eine Gefahr für die Familienunternehmer“ von Michael Clasen, NOZ vom 14.01.2026, Seite 1

Alarmismus statt Analyse: Der Leserbrief zeigt mit Zahlen, warum die Erbschaftsteuer-Panik unbegründet ist und große Vermögen privilegiert bleiben.

Hallo NOZ, hallo Herr Clasen,

der Kommentar von Herrn Clasen zur Erbschaftsteuer ist weniger Analyse als politische Panikmache. Wer die SPD-Vorschläge als „Gefahr für Familienunternehmer“ bezeichnet, verschweigt zentrale Fakten und verzerrt die Debatte bewusst.

Jährlich werden in Deutschland bis zu 400 Milliarden Euro vererbt oder verschenkt, versteuert werden davon jedoch nur rund neun Milliarden Euro. Das ist kein Zeichen eines „ausreichenden Einnahmesystems“, sondern Ausdruck einer Erbschaftsteuer, die vor allem große Vermögen schont, insbesondere Betriebsvermögen. Dass „wer viel erbt, oft kaum zahlt“, ist kein populistischer Mythos, sondern vielfach belegt und sogar vom Bundesverfassungsgericht kritisiert worden.

Der Alarmismus gegenüber Familienunternehmen überzeugt ebenfalls nicht. Die SPD schlägt einen Unternehmensfreibetrag von fünf Millionen Euro sowie eine Streckung der Steuerzahlung über 20 Jahre vor. Das bedeutet, die allermeisten kleinen und mittleren Betriebe wären gar nicht betroffen. Wer dennoch vom „Niedergang“ spricht, verwechselt bewusst Großvermögen mit dem Mittelstand.

Besonders schief ist das Argument, man könne nur „verteilen, was zuvor erwirtschaftet wurde“. Erbschaften sind keine eigene Leistung, sondern leistungslose Vermögensüberträge. Gerade sie gelten in der Finanzwissenschaft als besonders legitim zu besteuern, zumal Arbeitseinkommen in Deutschland bereits überdurchschnittlich hoch belastet sind.

Der Kommentar blendet diese Zusammenhänge aus und ersetzt sie durch Schlagworte wie „Sozialismus“ und „Standortgefährdung“. Das mag politisch mobilisieren, trägt aber nicht zu einer sachlichen Debatte bei. Wer echte Leistungsgesellschaft will, sollte leistungsloses Vermögen nicht länger privilegieren.

Mit freundlichen Grüßen