Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

Schlagwort: Erbschaftssteuer

Eine Seite, eine Linie: Wie die NOZ vom 29. Mai den Sozialstaatsabbau als Sachzwang verkauft und die Gegenfrage zwei Seiten weiter selbst beantwortet

NOZ, 29.05., S.4: Rente „strukturell bankrott“ (JU-Politikberaterin), Eigenheime für Pflege heranziehen (Scheller), Migration belastet Sozialstaat (Scheller). Drei Texte, eine Linie, null Gegenstimme. S.6: Birkenstock-Erbe kauft 88 Mio.€ Immobilien bar. Die NOZ stellt die Frage nicht, die sie selbst aufwirft.

Hallo NOZ, hallo Frau Scheller, hallo Chefredaktion,

die Seite 4 der NOZ vom 29. Mai ist ein redaktionelles Triptychon mit einer klaren Botschaft. Der Sozialstaat ist am Ende, und wer daran schuld ist, wird auf derselben Seite gleich mitgeliefert.

Sonja Scheller erklärt im 360°-Forum, Asylmigration führe dazu, dass Menschen am Sozialsystem teilhaben „ohne zuvor Beiträge gezahlt zu haben“, und bestätigt damit den Eindruck einer strukturellen Überlastung durch Zuwanderung. Auf demselben Feld schreibt Scheller im Meinungskommentar über CDU-Fraktionsvize Stegemann, das Eigenheim von Pflegebedürftigen dürfe kein „Erbenschutzprogramm auf Kosten der Allgemeinheit“ sein. Und Sören Becker interviewt JU-Schatzmeisterin und CDU-Politikberaterin Clara von Nathusius, die das Rentensystem als „strukturell bankrott“ bezeichnet, Merz verteidigt und radikale Reformen nach dem Vorbild der Agenda 2010 fordert.

Drei Texte, drei Formate, eine redaktionelle Linie. Eine Gegenstimme findet sich auf dieser Seite nicht.Dabei wären Gegenfragen naheliegend. Die Behauptung, Asylsuchende belasteten den Sozialstaat durch ungerechtfertigte Teilhabe, ist sachlich falsch. Asylbewerber erhalten in Deutschland keine regulären Sozialleistungen, sondern fallen unter das Asylbewerberleistungsgesetz mit deutlich abgesenkten Sätzen. Die strukturelle Überlastung vieler Kommunen ist das Ergebnis jahrzehntelanger politischer Unterfinanzierung, nicht das Ergebnis von Migrationszahlen.

Das Rentensystem ist nicht „bankrott“, sondern demografisch unter Druck, was ein grundlegend anderes Problem ist. Und die Pflegekrise ist kein Zufall, sondern die Folge bewusst niedrig gehaltener Beitragssätze und vertagter Reformen. Wer das als Sachzwang rahmt, der nun zwingend zu Einschnitten führe, betreibt Politik, kein Sachurteil.

Was auf dieser Seite vollständig fehlt, ist die Frage, ob es nicht andere Finanzierungsquellen gäbe. Die Antwort liegt zwei Seiten weiter.

NOZblog

Die NOZ berichtet auf Seite 6, dass Alex Birkenstock, Erbe der deutschen Kultschuhmarke, binnen weniger Monate australische Immobilien im Wert von rund 88 Millionen Euro bar kauft, ohne Hypothek, ohne erkennbare steuerliche Belastung. Deutschland gehört laut OECD zu den Ländern mit den niedrigsten Erbschaft- und Vermögensteuerquoten unter vergleichbaren Industrienationen. Große Vermögen und Erbschaften bleiben strukturell weitgehend unberührt, während auf Seite 4 das Eigenheim der Pflegebedürftigen und das Rentenniveau der Arbeitenden zur Disposition stehen.

Das ist keine redaktionelle Ausgewogenheit. Es ist die Entscheidung, an einem Tag drei Texte mit demselben Tenor zu drucken, ohne eine einzige strukturelle Gegenfrage zu stellen. Und es ist die Entscheidung, Sonja Scheller sowohl als Meinungsautorin als auch als scheinbar neutrale Gesprächspartnerin im selben Debattenformat auftreten zu lassen, ohne das transparent zu machen.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Vorschläge der SPD zu einer Reform der Erbschaftsteuer Eine Gefahr für die Familienunternehmer“ von Michael Clasen, NOZ vom 14.01.2026, Seite 1

Alarmismus statt Analyse: Der Leserbrief zeigt mit Zahlen, warum die Erbschaftsteuer-Panik unbegründet ist und große Vermögen privilegiert bleiben.

Hallo NOZ, hallo Herr Clasen,

der Kommentar von Herrn Clasen zur Erbschaftsteuer ist weniger Analyse als politische Panikmache. Wer die SPD-Vorschläge als „Gefahr für Familienunternehmer“ bezeichnet, verschweigt zentrale Fakten und verzerrt die Debatte bewusst.

Jährlich werden in Deutschland bis zu 400 Milliarden Euro vererbt oder verschenkt, versteuert werden davon jedoch nur rund neun Milliarden Euro. Das ist kein Zeichen eines „ausreichenden Einnahmesystems“, sondern Ausdruck einer Erbschaftsteuer, die vor allem große Vermögen schont, insbesondere Betriebsvermögen. Dass „wer viel erbt, oft kaum zahlt“, ist kein populistischer Mythos, sondern vielfach belegt und sogar vom Bundesverfassungsgericht kritisiert worden.

Der Alarmismus gegenüber Familienunternehmen überzeugt ebenfalls nicht. Die SPD schlägt einen Unternehmensfreibetrag von fünf Millionen Euro sowie eine Streckung der Steuerzahlung über 20 Jahre vor. Das bedeutet, die allermeisten kleinen und mittleren Betriebe wären gar nicht betroffen. Wer dennoch vom „Niedergang“ spricht, verwechselt bewusst Großvermögen mit dem Mittelstand.

Besonders schief ist das Argument, man könne nur „verteilen, was zuvor erwirtschaftet wurde“. Erbschaften sind keine eigene Leistung, sondern leistungslose Vermögensüberträge. Gerade sie gelten in der Finanzwissenschaft als besonders legitim zu besteuern, zumal Arbeitseinkommen in Deutschland bereits überdurchschnittlich hoch belastet sind.

Der Kommentar blendet diese Zusammenhänge aus und ersetzt sie durch Schlagworte wie „Sozialismus“ und „Standortgefährdung“. Das mag politisch mobilisieren, trägt aber nicht zu einer sachlichen Debatte bei. Wer echte Leistungsgesellschaft will, sollte leistungsloses Vermögen nicht länger privilegieren.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zur NOZ vom Freitag, 05.09.2025, Artikel So ungerecht ist die Erbschaftsteuer, Seite 2

Die Erbschaftsteuer ist nicht ungerecht, sondern ihre ungleiche Verteilung. Milliardenerben profitieren von Ausnahmen, während der Mittelstand stark belastet wird. Es braucht eine Schließung von Steuer-Schlupflöchern, um Ungleichheit zu bekämpfen.

Sehr geehrte Redaktion, sehr geehrte Frau Lehmann,

Ihre Schlagzeile „So ungerecht ist die Erbschaftsteuer“ greift zu kurz. Ungerecht ist nicht, dass der Staat Erbschaften besteuert. Ungerecht ist, wer wie viel zahlt. Heute trifft die Steuer vor allem den gehobenen Mittelstand, etwa Familien, die ein Haus in München erben. Überreiche Milliardenerben hingegen können über großzügige Ausnahmen und Gestaltungen oft fast steuerfrei Hunderte Wohnungen oder ganze Unternehmen übernehmen.

Dass Ihr Artikel sich fast ausschließlich auf Anton Steiner stützt, Präsident eines Erbrechts-Anwaltsvereins, verschiebt die Perspektive. Seine Forderung nach einem Einheitssatz von 3–5 Prozent würde nicht „Gerechtigkeit schaffen“, sondern vor allem die Reichsten in Deutschland massiv entlasten.

Finanzwissenschaftler wie das DIW betonen dagegen: Rund 400 Milliarden Euro werden jährlich vererbt, eine zentrale Quelle wachsender Ungleichheit. Wer ernsthaft über Gerechtigkeit sprechen will, muss endlich die Schlupflöcher für Überreiche schließen, statt Erbschaften pauschal zu verbilligen.

Mit freundlichen Grüßen