Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen seit 2025

Schlagwort: Ewert (Seite 2 von 3)

Grönemeyer, Ewert und die NOZ. Wenn Technik Debatten beendet, und wer wirklich spaltet.

Ein Erfahrungsbericht über das neue Debattenformat „360°“ über Grönemeyer der Neuen Osnabrücker Zeitung, und warum meine Antwort an Burkhard Ewert „aus technischen Gründen“ verschwand.

Die Ausgangslage: Kunst, Moral und ein Forum der NOZ

Am 19.02.2026 veröffentlichte die Neue Osnabrücker Zeitung (NOZ) einen Artikel von Burkhard Ewert über Herbert Grönemeyers politische Haltung – und eröffnete dazu am 17.03.2026 ihr neues Debattenformat „360° – Das Forum“. Die Idee dahinter ist, dass Leser:innen unterschiedliche Perspektiven einbringen sollten. Ich beteiligte mich mit einem Kommentar, der Ewerts Vorwurf der „Moralkeule“ infrage stellte, und argumentierte, dass Grönemeyers klare Haltung gegen Rechtsextremismus keine Spaltung, sondern eine notwendige Abgrenzung ist.

Mein Kommentar…

NOZblog

…endete mit der Frage:
„Kann Kunst Extremismus benennen, ohne als ‚spaltend‘ zu gelten – oder ist das Problem vielmehr, dass manche Haltung nur dann akzeptieren, wenn sie nicht wehtut?“

Ewerts Antwort: „Rechte Ratten“ als Beleg für Spaltung?

Burkhard Ewert reagierte prompt, und zitierte Grönemeyers harte Worte gegen Rechtsextreme („rechte Ratten“, „Klappe halten“) als Beleg dafür, dass dieser doch spalte. Seine Argumentation:
„Finde ich jetzt nicht so verbindend.“

NOZblog

Doch hier liegt der Denkfehler. Grönemeyers Aussagen richten sich nicht gegen „Andersdenkende““ sondern gegen offen rassistische, demokratiefeindliche Positionen. Wer „rechte Ratten“ sagt, meint keine politischen Gegner, sondern jene, die Menschlichkeit und Verfassungswerte aktiv ablehnen. Das ist keine „Spaltung“, sondern eine notwendige Haltung gegen Hass. Und die ist in der Kunst nicht nur legitim, sondern überfällig.

Das Problem: Die NOZ beendet die Debatte, technisch

Ich wollte auf Ewerts Kommentar erwidern. Doch stattdessen erhielt ich diese Meldung:

NOZblog

Die Ironie der Geschichte, das Forum sollte „360°“-Perspektiven ermöglichen, pünktlich nach zwei Stunden wurde es geschlossen. Andere Kommentator:innen konnten mehrfach antworten, ich nicht. Ewerts letzte Replik blieb damit unwidersprochen, nicht wegen inhaltlicher Schwäche, sondern wegen eines technischen Fehlers (?).

Meine Mail an die NOZ, und die offene Frage

Da eine Antwort im Forum unmöglich war, schrieb ich anden angebotenen (autoreplyer) feedback@noz.de, und setzte Burkhard Ewert in Kopie. Meine zentrale These lautet:
Vielleicht ist das Problem nicht Grönemeyers „Moralkeule“, sondern dass Sie Haltung nur dann akzeptieren, wenn sie nicht wehtut.

NOZblog

Bisher gab es keine Antwort. Doch die eigentliche Frage bleibt, wer entscheidet, was in einer Debatte gesagt werden darf, und wer wird unsichtbar gemacht?

Fazit: Spaltet Grönemeyer – oder spaltet die NOZ?

Grönemeyers Haltung ist keine „Spaltung“, sondern eine klare Positionierung gegen Extremismus. Ewerts Kritik verkennt, dass Kunst nicht „neutral“ sein muss, sondern gerade durch Haltung wirkt. Die NOZ hat mit ihrem technischen Fehler aktiv eine Debatte beendet, und damit genau das getan, was Ewert Grönemeyer vorwirft: bestimmte Stimmen ausschließen.

Am Ende zeigt dieser Vorfall, das Debattenkultur nicht an „moralisierenden Künstlern“, scheitert sondern an Strukturen, die Teilnahme verhindern. Zensur beginnt oft nicht mit Absicht, sondern mit technischen Hürden, die nur bestimmte Stimmen treffen.

PS:
Falls die NOZ doch noch reagiert, werde ich diesen Beitrag aktualisieren. Bis dahin gilt wohl, dass wer die Debatten kontrolliert, die Wahrheit kontrolliert. Und manchmal reicht schon ein „technischer Fehler“.

Update 19.03.2026,die NOZ hat eine Antwort zu meinem direkten Leserbrief gesendet

Hallo Herr Reichl,
Ihre Antwort an Herrn Ewert ist angekommen. Die hatten Sie am Dienstag ja auch noch per Mail an uns verschickt.

Zum technischen Fehler:
Wir können nicht nachvollziehen, wo genau das technische Problem lag. Wir können nur so viel sagen: Ihr zweiter Kommentar (also Ihre Antwort auf den Kommentar von Herrn Ewert) ist nie bei uns im System angekommen.
Ihrem Vorwurf, dass „technische Hürden gezielt kritische Stimmen ausschließen“ möchten wir daher entschieden widersprechen. Dem ist nicht so!
Im Nachgang des Debattenformats haben wir keinerlei weitere Rückmeldungen zu etwaigen „technischen Problemen“ erhalten.

Wir würden uns freuen, wenn Sie bei der nächsten Debatte wieder dabei sind.

VG vom Community-Team

Und meine Antwort darauf:

Hallo Community-Team,

vielen Dank für Ihre Antwort. Dass mein Kommentar nie im System angekommen ist, bestätigt leider genau das Problem. Wenn kritische Stimmen „verschwinden“, ohne dass es bei Ihnen eine Fehlermeldung oder eine Benachrichtigung gibt, wirkt das nicht wie ein technischer Fehler, sondern wie ein Feature.

Dass „keinerlei weitere Rückmeldungen“ zu technischen Problemen eingingen, nun ja. Wer blockiert wird, weiß vielleicht gar nicht, dass er blockiert wurde, oder gibt irgendwann auf.

Dass Sie meinen Vorwurf der „gezielten Ausschließung“ zurückweisen, ist verständlich. Doch wenn ein System kritische Antworten (wie meine) nicht ankommen lässt, während unkritische Beiträge problemlos durchgehen, stellt sich die Frage, wer eigentlich prüft, ob das System fair funktioniert?

Ihr Angebot, bei der nächsten Debatte wieder dabei zu sein, nehme ich zur Kenntnis. Vielleicht dann mit  transparenten Regeln…
Wie kann sichergestellt werden, dass Kommentare nicht einfach verschwinden?
Warum gibt es keine Benachrichtigung, wenn ein Beitrag nicht ankommt?
Wer überprüft, ob das System alle Stimmen gleich behandelt?

Eine „gesittete Debatte“ lebt davon, dass alle gehört werden, nicht nur die, deren Kommentare ankommen. Ich bleibe gespannt, ob die nächste Runde diese Standards erfüllt.

Mit freundlichen Grüßen

Mein Special zu 1 Jahr NOZblog 😉 „Sie schreiben gut“ – und dann? Wie die NOZ Kritik lobt, aber Dialoge vermeidet

Als Burkhard Ewert, Chefredakteur der NOZ, meinen kritischen Leserbrief mit „Sie schreiben gut“ lobte und mich einlud, klang das wie ein Dialogangebot…bis meine Nachfrage nach dem Rahmen des Gesprächs im Schweigen endete.

Das Lob, das kein Gespräch wurde

Mein Leserbrief war eine klare Abrechnung mit Ewerts Kommentar zu Christian Lindner, der dessen politischen Abgang als „Freiheitstat“ verklärte. Statt auf die inhaltliche Kritik einzugehen, lobte Ewert meinen Stil und lud mich zum Gespräch ein. Doch als ich nach dem Rahmen fragte (welche Themen? Welches Ziel?), deutete er meine Nachfrage als mangelndes Interesse. Meine Antwort: drei konkrete Themenvorschläge – journalistische Verantwortung, Umgang mit Kritik, Perspektivenvielfalt. Die Reaktion? Nichts.

Das war kein Zufall. Es passt ins Muster, die NOZ lädt Leser:innen ein, solange sie nicht zu unbequem werden.

Die neue NOZ-Debattenkultur: Einladung zum Schweigen

Seit Februar 2026 schließt die NOZ ihre Kommentarspalten und kontrolliert die Verbreitung von Leserbriefen stärker. Offizielle Begründung: „Qualitätssicherung“. Doch was wirklich passiert, ist klar. Widerspruch wird erschwert, Kontrolle erhöht.

Mein Austausch mit Ewert zeigt, wie das funktioniert. Lob ja, Dialog nein. Kritik wird gelesen, aber nicht beantwortet. Leser:innen sind willkommen, aber nur als statistische Masse, nicht als gleichberechtigte Gesprächspartner.

Warum das problematisch ist

Journalismus lebt vom Diskurs. Doch wenn eine Zeitung Leserbriefe lobt, aber Debatten schließt, wird aus dem „öffentlichen Forum“ ein kontrollierter Monolog. Mein Fall ist kein Einzelfall. Er zeigt, wie Medien mit Kritik umgehen, wenn sie unbequem wird. Man hört zu, aber nur, solange es keine Konsequenzen hat.

Ein Qualitäts-Siegel mit Haken

Burkhard Ewerts „Sie schreiben gut“ war kein Anfang, sondern ein Ende. Ein Kompliment, das keine Antwort verlangt. Ein Dialogangebot, das keine Diskussion zulässt.

Und so bleibt am Ende nur eines: „Approved by NOZ…aber bitte nicht zu laut.“

PS: Ich habe länger überlegt, diesen Beitrag wirklich zu veröffentlichen. Vor dem aktuellen Hintergrund, der Streichung von öffentlicher Beteiligung an der NOZ, denke ich aber, nun ist genau der richtige Zeitpunkt dafür gekommen. Zum Hintergrund siehe diese beiden Artikel:

Weniger Widerspruch, mehr Kontrolle. Warum die NOZ ihre Kommentarspalten schließt.

Leserbrief zum Thema Leserbriefe, Artikel „In eigener Sache“ von der Chefredaktion, NOZ vom 13.02.2026, Seite 2

NOZBLOG sie schreiben gut Satire

Leserbrief zu „Moralisierend und dogmatisch Rest der Republik Was ist nur aus Herbert Grönemeyer geworden?“ von Burkhard Ewert, NOZ vom 19.02.2026, Seite 2

Burkhard Ewert und der Künstler, den er sich wünscht. Warum seine Grönemeyer-Kritik mehr über ihn selbst verrät.

Hallo NOZ, hallo Herr Ewert,

Burkhard Ewerts Attacke auf Herbert Grönemeyer („Aus dem Humanisten ist ein Misanthrop geworden“) offenbart weniger über den Sänger als über den Kritiker selbst. Ewert wirft Grönemeyer vor, mit „dogmatischen Phrasen“ zu predigen, doch sein eigener Text ist ein Meisterwerk der selektiven Empörung. Während er Grönemeyers politische Äußerungen als „Anweisungen“ geißelt, ignoriert er geflissentlich, was dessen aktuelle Tour tatsächlich ausmacht, nämlich Kunst, die Brücken baut.

Die Augsburger Allgemeine bspw. beschrieb am 15.02.2026, wie Grönemeyer in München mit „Streichern und Chor“ überzeugt, nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern mit der Kraft seiner Musik. Die Zuschauer erleben seine politischen Bezüge als Teil eines Ganzen, nicht als Belehrung. Doch Burkhard Ewert scheint nur zu hören, was er hören will; den „Moralapostel“, der ihm den Spiegel vorhält. Denn was stört ihn wirklich? Dass Grönemeyer erfolgreich ist mit einer Haltung, die andere vielleicht selbst nicht so elegant vermitteln könnten?

Sein Artikel ist kein Plädoyer für künstlerische Freiheit, sondern wirkt wie ein Rachefeldzug der Enttäuschten. Ewert trauert dem „alten“ Grönemeyer nach, dem sensiblen Dichter, der keine Forderungen stellte.

Doch Kunst lebt vom Wandel, und Grönemeyers Stärke war immer, poetisch UND politisch zu sein. Dass dies für Burkhard Ewert scheinbar schwer zu ertragen ist, sagt mehr über seinen eigenen Unwillen aus, Widersprüche zuzulassen, als über Grönemeyers Werk.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Danke, Reichelt!… Burkhard Ewert erörtert, wie es um die Presse- und Meinungsfreiheit in Deutschland steht.“ von Burkhard Ewert, NOZ vom 22.01.2026, Seite 2

Opferinszenierung statt Differenzierung. Wie Burkhard Ewert Pressefreiheit missdeutet und Julian Reichelts Methoden rhetorisch verharmlost.

Hallo NOZ, hallo Herr Ewert,

Chefredakteur Burkhard Ewert beschreibt in seinem Beitrag eindrucksvoll, wie es sich anfühlt, Zielscheibe eines digitalen Mobs zu werden. Dieses Erlebnis verdient Empathie. Es taugt jedoch nicht als Beleg für eine angeblich bedrohte Presse- und Meinungsfreiheit in Deutschland.

Denn genau hier liegt der argumentative Kurzschluss des Textes. Die gezielte Personalisierung und Einschüchterung einzelner Journalisten durch reichweitenstarke Akteure wie Julian Reichelt ist kein Ausdruck von Pressefreiheit, sondern deren Missbrauch. Wer Macht, Reichweite und Namen gezielt einsetzt, um Individuen unter Druck zu setzen, handelt nicht publizistisch, sondern aktivistisch.

Problematisch ist zudem die fortwährende Vermengung staatlicher Eingriffe mit gesellschaftlicher Kritik. Meinungsfreiheit schützt vor Zensur durch den Staat, nicht vor Widerspruch, Einordnung oder öffentlicher Kritik. Wer beides gleichsetzt, verschiebt bewusst die Maßstäbe.

Auch der wiederholte Vergleich zwischen taz und NIUS ist sachlich unhaltbar. Hier geht es nicht um „linke“ oder „rechte“ Meinung, sondern um journalistische Standards: Trennung von Nachricht und Kommentar, Transparenz, Korrekturfähigkeit. Diese Unterschiede sind strukturell, nicht ideologisch.

Ja, es gibt berechtigte Debatten über §188 StGB, über Durchsuchungen, über Quellenschutz. Doch diese ernsthaften Fragen werden entwertet, wenn sie zur Kulisse einer pauschalen Freiheitsklage gegen „die Politik“ oder „das System“ gemacht werden, ein Narrativ, das interessanterweise genau jene Akteure stärkt, die Journalismus systematisch delegitimieren.

Pressefreiheit bedeutet nicht, alles sagen zu dürfen, ohne Verantwortung zu tragen. Sie bedeutet, mächtig sein zu dürfen, und sich messen lassen zu müssen.Gerade von einem Chefredakteur hätte man sich diese Differenzierung gewünscht.

Mit freundlichen Grüßen

Zur Wahl von NOZ-Chefredakteur Burkhard Ewert ins Kuratorium des „Freundeskreises Yad Vashem“

Zwischen Erinnerung, Autorität und publizistischer Macht

Anlass und Fragestellung

Die Neue Osnabrücker Zeitung (NOZ) meldet die Wahl ihres Chefredakteurs Burkhard Ewert in das Kuratorium des „Freundeskreises Yad Vashem“. Die Nachricht ist auf den ersten Blick eine klassische Personal- und Ehrenmeldung. Ein Historiker, Journalist und langjähriger Beobachter Israels übernimmt eine Funktion in einer zentralen Institution der Holocaust-Erinnerung.

Diese Analyse fragt jedoch bewusst nicht nur ob diese Wahl nachvollziehbar ist, sondern wie sie im Kontext der bisherigen publizistischen Praxis Ewerts und der redaktionellen Linie der NOZ zu bewerten ist. Denn journalistische Macht, erinnerungspolitische Autorität und Deutungshoheit über gegenwärtige Konflikte sind hier eng miteinander verschränkt.

Biografische Plausibilität – kein Zweifel an der formalen Eignung

Zunächst ist festzuhalten, dass die Wahl Ewerts biografisch plausibel ist. Seine akademische Beschäftigung mit jüdischer Geschichte und der Staatsgründung Israels, seine wiederholten Aufenthalte in Israel und den palästinensischen Gebieten (einschließlich des Gazastreifens), die Begleitung offizieller Gedenkdelegationen wie des Auschwitz-Gedenkens mit dem Bundespräsidenten sowie das von ihm initiierte und ausgezeichnete Dokumentationsprojekt zur Reichspogromnacht ergeben in ihrer Gesamtheit ein stimmiges Bild.

Auf dieser Ebene gibt es keinen sachlichen Grund, Ewerts Eignung für ein solches Kuratorium in Zweifel zu ziehen. Gerade deshalb beginnt die eigentliche Bewertung erst jenseits der biografischen Oberfläche.

Erinnerung als moralischer Rahmen ist ein bekanntes Muster

Zentral ist ein Satz aus der Meldung:

Die gegenwärtige politische Situation in Israel ist mir bewusst. Sie ändert nichts an der deutschen Verantwortung für die Geschichte.

Dieser Satz ist mehr als eine persönliche Haltung. Er beschreibt ein Argumentationsmuster, das sich seit Jahren auch in der publizistischen Linie der NOZ (und in Texten unter Ewerts Verantwortung) wiederfindet:

  • Die deutsche Verantwortung aus dem Holocaust wird als übergeordnete moralische Kategorie gesetzt.
  • Aktuelle politische Fragen werden diesem Rahmen untergeordnet.
  • Kritik an israelischer Regierungspolitik wird dadurch nicht unmöglich, aber normativ begrenzt.

Diese Struktur ist nicht illegitim. Sie wird jedoch problematisch, wenn sie systematisch zur Einhegung bestimmter Debatten führt.

Die NOZ und die Asymmetrie der Kritik

In der Berichterstattung und Kommentierung der NOZ zu Israel, Gaza und Antisemitismus lässt sich über längere Zeit eine deutliche Asymmetrie erkennen. Die Sensibilität gegenüber antisemitischen Tendenzen ist hoch und grundsätzlich berechtigt. Gleichzeitig fällt jedoch eine auffällige Zurückhaltung bei der kritischen Auseinandersetzung mit völkerrechtlichen Fragen israelischer Militärpolitik, mit der strukturellen Gewalt im Gazastreifen sowie mit internationaler Kritik an der jeweiligen israelischen Regierung auf.

Kritische Positionen werden in diesem Kontext häufig nicht primär inhaltlich verhandelt, sondern moralisch gerahmt. Sie erscheinen dann als emotionalisiert, verkürzt oder ethisch problematisch. Auf diese Weise verschiebt sich der Fokus der Debatte. Nicht mehr die Substanz der Kritik steht im Zentrum, sondern die Frage, ob diese Kritik überhaupt zulässig ist.

„Unpolitisch“ als Entlastungsformel

Der Artikel betont mehrfach, Yad Vashem verstehe sich als „unpolitische Organisation“. Historisch ist das korrekt, rhetorisch jedoch hoch wirksam.

Gerade in einer Zeit, in der:

  • der Krieg in Gaza international als humanitäre Katastrophe diskutiert wird
  • Vorwürfe von Kriegsverbrechen im Raum stehen
  • die deutsche Öffentlichkeit tief gespalten ist

wirkt der Verweis auf das unpolitische wie eine Schutzformel:

  • Erinnerung ohne aktuelle Verantwortung
  • moralische Autorität ohne politische Rechenschaft
  • Mahnung ohne Machtkritik

Dass Ewert diese Trennung explizit betont, ist kein Zufall, sondern fügt sich nahtlos in seine bekannte Argumentationslinie.

Medienethische Dimension: Nähe, Rolle, Macht

Der entscheidende Punkt liegt daher weniger in Ewerts persönlichem Engagement als in der strukturellen Doppelrolle, die hier sichtbar wird. Als Chefredakteur einer regional dominanten Tageszeitung prägt er die publizistische Linie zu Themen wie Israel, Antisemitismus und Erinnerungspolitik maßgeblich. Zugleich übernimmt er eine Funktion in einer zentralen erinnerungspolitischen Institution mit erheblicher moralischer Autorität.

Diese Konstellation erzeugt zumindest ein Risiko von Interessenkonflikten, das journalistisch reflektiert werden müsste. Genau das geschieht jedoch nicht. Die NOZ-Meldung bleibt affirmativ und ehrerbietig; Distanz, Selbstreflexion oder ein Hinweis auf mögliche Spannungen zwischen journalistischer Rolle und erinnerungspolitischer Funktion fehlen vollständig. Das ist weniger ein persönlicher Vorwurf als ein strukturelles Defizit redaktioneller Selbstbeobachtung.

Fazit: Konsistent, ehrenvoll, aber nicht folgenlos

Die Wahl Burkhard Ewerts ins Kuratorium des Freundeskreises Yad Vashem ist biografisch nachvollziehbar, symbolisch bedeutsam und moralisch ehrenvoll. Im Kontext seiner publizistischen Praxis ist sie jedoch nicht folgenlos. Sie festigt erinnerungspolitische Deutungshoheit, verschiebt die Grenzen dessen, was als legitime Kritik an israelischer Politik gilt, und verdeutlicht die enge Verbindung von Journalismus, moralischer Autorität und Macht.

Gerade deshalb wäre eine offene und transparente Debatte notwendig gewesen. Dass sie ausbleibt, sagt weniger über Burkhard Ewert aus als über den Zustand medienethischer Selbstreflexion in der NOZ.

Dieser Text versteht sich nicht als Angriff, sondern als Beitrag zu einer notwendigen Diskussion über Verantwortung, Erinnerung und journalistische Macht.

« Ältere Beiträge Neuere Beiträge »