Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

Schlagwort: Ewert (Seite 4 von 6)

Zwischen Clickbait und Kontrollverlust – die NOZ und die Krise des Regionaljournalismus

Was ein aufmerksamer Leser beobachtet, was eine Ausgabe vom 24. März verrät, und was beides über den Zustand einer Regionalzeitung sagt.

Ein Leser dieses Blogs hat mir kürzlich eine längere Zuschrift geschickt. Er ist kein Medienwissenschaftler, aber ein präziser Beobachter und langjähriger Zeitungsleser, in mehreren Regionen Deutschlands beheimatet, mit Abonnements bei verschiedenen Verlagen und einem Gespür dafür, was sich verändert. Er möchte anonym bleiben. Seine Beobachtungen darf ich verwenden.

Was er beschreibt, ist keine Polemik. Es ist eine nüchterne Bestandsaufnahme, und sie trifft ins Zentrum dessen, was mit der Neuen Osnabrücker Zeitung nicht stimmt.


Was ein externer Beobachter sieht

Der Leser hat die NOZ eine Zeit lang abonniert, sie dann gekündigt. Nicht aus Empörung, sondern aus Enttäuschung. Seine Begründung, die Lokalberichterstattung, für die eine Regionalzeitung eigentlich steht, war zu dünn. Themen fehlten. Die überregionalen Kommentarseiten dominierten. Und was überregional erschien, folgte erkennbar einer Handschrift, die polarisiert statt einordnet.

Er zieht Vergleiche, und die sind aufschlussreich. Bei der Suche nach einem niedersächsischen Regionalthema auf den Seiten einer anderen Verlagszeitung aus dem NOZ-Netzwerk; null Treffer. Dieselbe Suche bei der Hannoverschen Allgemeinen, 71 Treffer, viele davon von Journalisten, die früher für die NOZ geschrieben haben und jetzt für Madsack arbeiten.

Das ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis einer strategischen Weichenstellung.

Madsack verfolgt mit seiner „RND One“-Strategie einen anderen Ansatz. Lokale Themen prominent, überregionaler Mantel über das Redaktionsnetzwerk, Wirtschaftsberichterstattung aus der Region als Alleinstellungsmerkmal. Als Nina Kallmeier, früher NOZ, am 2. Dezember bei Madsack anfing, war ihr erster Artikel Aufmacher auf der Titelseite von HAZ und Schaumburger Nachrichten. Monate später, als die NOZ ihr Titelblatt mit einem Großfoto von Elon Musk füllte, brachte die HAZ Kallmeiers Recherche über mögliche Rüstungskomponenten im VW-Werk Osnabrück, ein lokales Wirtschaftsthema mit nationaler Relevanz.

Der Leser fasst das wie folgt zusammen. Die NOZ könne sich in der Nachbarschaft kaum noch ausbreiten, die NWZ in Oldenburg ging an Madsack, das Kartellamt hätte bei einem NOZ-Kauf wohl Bedenken gehabt. Also richte sich der Blick nach außen; überregionale Reichweite über Clickbait und emotionale Themen, Leser aus dem Rest der Republik, die man über digitale Kanäle anzieht. Der Chefredakteur war fasziniert vom überregionalen Zuspruch seines Newsletters in der Coronazeit, und hat daraus eine Strategie gemacht.

Das Modell hat einen Preis. Wer auf Reichweite durch Reizthemen setzt, produziert andere Inhalte als jemand, der die kommunalpolitische Debatte in Bramsche oder die Nahversorgungssituation in Georgsmarienhütte aufarbeitet. Beides gleichzeitig – ernsthaft lokal und gleichzeitig überregional virulent – geht kaum.


Der 24. März 2026, ein Symptom wird sichtbar

All das bleibt oft abstrakt. Manchmal aber verdichtet sich ein strukturelles Problem in einem einzigen konkreten Moment.

Am 24. März 2026 erscheint auf Seite 2 der NOZ eine Kolumne von Chefredakteurin Louisa Riepe. Sie reagiert darin auf eine Rede von Altbundespräsident Joachim Gauck, der mehr „konstruktive“ Berichterstattung gefordert hatte. Riepes Kritik daran ist im Kern berechtigt. Journalismus, der beginnt, „gezielt zu stabilisieren“, gibt seine Beobachterrolle auf. Sie schreibt, Medien sollten stattdessen „vollständiger, widersprüchlicher, ehrlicher“ sein, und ihren Leserinnen und Lesern mehr zutrauen.

Drei Seiten weiter steht der Artikel „7250 Euro im Monat vom Sozialamt“ von Sören Becker.

Der Text handelt von Marko M., einem geduldeten bosnischen Flüchtling mit acht Kindern, der Sozialleistungen in dieser Gesamthöhe bezieht. Die Zahl steht im Titel. Im ersten Absatz werden Vorstrafen erwähnt, sachlich irrelevant für die eigentliche Frage, wie Sozialleistungen berechnet werden, aber emotional wirksam. Was der Artikel erst am Ende preisgibt; fast die Hälfte der Summe fließt direkt als Unterkunftskosten zurück an die Stadtkasse. Pro Person verbleiben rund 430 Euro im Monat, unterhalb der Armutsgefährdungsschwelle. In Köln gibt es laut Sozialamt genau sieben vergleichbare Fälle.

Warum erscheint ein Kölner Einzelfall über sieben Familien in einer Osnabrücker Regionalzeitung? Die Antwort ist nicht lokal. Sie ist emotional. Der Artikel funktioniert nicht als Einordnung, sondern als Reizstoff.

Das Aufschlussreichste an dieser Geschichte aber ist folgendes. Die ursprünglich geplante Überschrift lautete „7250 Euro vom Sozialamt: Warum das gar nicht so viel ist“. Sie wurde nachweislich nachträglich geändert. Für mehr Klicks.

Das ist kein handwerklicher Fehler. Es ist eine bewusste redaktionelle Entscheidung. Für Aufmerksamkeitsökonomie und gegen die Einordnung, die Riepe auf denselben Seiten einfordert.


Das Pressefreiheits-Argument und seine Grenzen

Es gibt noch eine dritte Ebene, die den Befund abrundet.

Riepe verlinkt in ihrer Kolumne auf einen Kommentar von Burkhard Ewert und Martin Schulte aus dem Januar 2026. Damals hatte Ministerpräsident Daniel Günther bei Markus Lanz scharfe Kritik an Medien wie Nius geäußert und war (problematisch genug) ins Feld der Verbotsrhetorik gerutscht. Ewert und Schulte rahmten das sofort als Angriff auf die Pressefreiheit, inklusive China-Vergleich.

Die Kritik an Günthers Aussagen war teilweise berechtigt. Aber der Kommentar tat mehr, als Pressefreiheit zu verteidigen: Er nutzte den Schutzwall des Grundgesetzes, um jede Form politischer Medienkritik zu delegitimieren. Gleichzeitig beklagte Ewert, dass Ministerien und Behörden zunehmend direkt mit Bürgerinnen und Bürgern kommunizieren. Das sei bedenklich, für die Demokratie. Tatsächlich beschreibt diese Klage etwas Schlichteres, den Verlust an Deutungshoheit. Der Gatekeeper verliert seine Funktion, und das tut weh.

Dass Riepe auf genau diesen Kommentar als positives Beispiel verweist, zeigt das dies nicht nur persönliche Haltung Ewerts ist, sondern redaktionelle Linie. Pressefreiheit wird dann laut verteidigt, wenn Kritik an der eigenen Institution laut wird. Journalistische Grundsätze werden dann zitiert, wenn sie als Schutzschild taugen.


Was daraus folgt

Der Leser, der mir geschrieben hat, formuliert die zentrale Frage präzise. Wenn man nur auf den überregionalen Kommentaren herumreitet, läuft das ins Leere. Die entscheidende Frage ist, was der Lokalteil wirklich leistet, für jene, die wissen wollen, was in ihrer Stadt passiert, und für die es kaum brauchbare Alternativen gibt.

Das ist der eigentliche Kern. Nicht Ewerts Weltsicht, nicht Riepes Gauck-Kritik, nicht der Becker-Artikel über Marko M., obwohl all das Symptome des Problems sind. Der Kern ist, dass eine Monopolzeitung, die ihre lokale Funktion nicht mehr ernst nimmt und stattdessen über Klicklogik und Reizthemen nationale Reichweite sucht, etwas beschädigt, das schwer ersetzbar ist. Stadtratssitzungen online zu verfolgen kann nicht jeder. Zweistündige Bürgerradio-Aufzeichnungen nachzuhören auch nicht. Der NDR liefert regional zu wenig. Die Hasepost ist, wie der Leser trocken anmerkt, in mancher Hinsicht noch problematischer als die NOZ.

Das Monopol erzeugt eine Abhängigkeit, und die NOZ nutzt sie nicht, um lokale Qualität zu liefern, sondern um eine überregionale Klickstrategie zu finanzieren. Wer das kritisiert, bekommt Pressefreiheits-Rhetorik zurück.

Die Frage, die bleibt lautet, wie lange noch?

Die anonymisierte Zuschrift, auf der Teile dieses Artikels basieren, wurde mit Einverständnis des Verfassers verwendet. Weitere Dokumentationen der in diesem Artikel erwähnten NOZ-Artikel und Leserbriefe finden sich auf hier auf dem NOZblog.

NOZblog

Leserbrief zu „Eine Hierarchie der Tränen „Rest der Republik“ Der Westen sieht sich gerne als moralischer Akteur – doch dessen Kriege verursachten Millionen Opfer“ von Burkhard Ewert, NOZ vom 26.03.2026

Ewert beklagt eine „Hierarchie der Tränen“, und schreibt Russlands Krieg in die Vergangenheitsform, während 1000 Drohnen auf die Ukraine fallen. Selektive Moral ist keine Aufklärung.

Hallo NOZ, hallo Herr Ewert,

der Kommentar „Hierarchie der Tränen“ benennt etwas Richtiges. Der Westen praktiziert ungleiches Mitgefühl, und die Brown-University-Studie zu den Todesopfern westlicher Nachkriegseinsätze verdient Aufmerksamkeit. Soweit trägt der Text.

Doch er endet genau dort, wo Analyse beginnen müsste. Ewert erklärt westliche Kriege pauschal für Wahnsinn, der „keine Unterstützung verdient gehabt hätte“, ohne zu fragen, was ohne sie gewesen wäre, und ohne die Gegenseite auch nur zu benennen. Das iranische Regime, seine Unterdrückung der eigenen Bevölkerung, seine Terrorfinanzierung, seine jahrzehntelange Bedrohung der Nachbarstaaten, all das kommt im Text nicht vor. Die Opfer des Regimes sind ebenso unsichtbar wie die, um die Ewert zu Recht trauert.

Das ist keine antiimperialistische Analyse, sondern selektive Moral. Wer westliche Doppelmoral kritisiert, während er die Verbrechen des Gegenübers ausblendet, betreibt keine Aufklärung, sondern eine andere Form der Hierarchisierung, nur mit umgekehrten Vorzeichen.

Besonders auffällig ist der Umgang mit der Ukraine. Der Krieg wird am Anfang kurz erwähnt, dann nie wieder aufgegriffen. Der Satz, westliche Kriege hätten keine Unterstützung verdient gehabt, steht unverbunden daneben. Die Frage, ob dieser Schluss auch dort gilt, bleibt bewusst offen. Das ist keine Differenzierung, sondern Suggestion durch Auslassung.

Besonders der Einstieg verdient Aufmerksamkeit. Ewert schreibt, Russland „war“ der Angreifer, im Präteritum, als handele es sich um historisch Abgeschlossenes. Einen Tag, bevor sein Kommentar erscheint, meldet die Ukraine die bislang größte russische Drohnenangriffsserie des gesamten Krieges. Fast 1000 Drohnen in 24 Stunden, gezielte Angriffe auf zivile Infrastruktur. Russland ist nicht „gewesen“. Es greift heute an. Wer das grammatisch in die Vergangenheit verschiebt, betreibt keine historische Einordnung, sondern Relativierung durch Syntax.

Meinungsjournalismus darf anklagen. Er sollte dann aber alle Akteure beim Namen nennen, nicht nur die, deren Schuld ins gewünschte Narrativ passt.

Ich schliesse meinen Leserbrief mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Debatte über Grönemeyer Premiere von „360° | Das Forum“ Chefredakteur Burkhard Ewert stellte sich Fragen, Kritik und Zustimmung der Leser“ von Eva Kowalski, NOZ vom 19.03.2026

NOZ-Forum ‚360°‘: Wenn gesittete Debatten unliebsame Kommentare einfach blockieren, und warum meine Antwort an Burkhard Ewert zu Grönemeyers „rechten Ratten“ technisch unterdrückt wurde.

Hallo NOZ, hallo Frau Kowalski, hallo Herr Ewert,

Ihre Schilderung der Premiere von „360° | Das Forum“ liest sich wie ein Erfolgsbericht; „lebhaft und gesittet“, „echter Dialog“, „Qualität vor Quantität“. Doch meine Erfahrung mit diesem Format war eine andere, und sie wirft Fragen auf, die über Herbert Grönemeyer und Burkhard Ewert hinausgehen.

Als ich mich mit einem Kommentar an der Debatte beteiligte (eine inhaltliche, sachliche Erwiderung auf Ewerts Kritik an Grönemeyers politischer Haltung), erhielt ich nach seiner Replik plötzlich die Meldung: „Kommentar kann aus technischen Gründen nicht abgeschickt werden.“ Während andere Teilnehmer:innen mehrfach posten konnten, blieb meine Stimme unsichtbar. Keine Begründung, keine Korrekturmöglichkeit, einfach ein „Fehler“, der meine Antwort verschluckte.

Das Problem daran, Ihr Format wirbt mit „reflektiertem Diskurs“ und „besten Argumenten“. Doch wenn technische Hürden gezielt kritische Stimmen ausschließen, entsteht der Eindruck, dass hier nicht die Leser:innen debattieren, sondern die Redaktion entscheidet, welche Perspektiven gehört werden. Das ist kein „sportlicher Meinungsaustausch“, sondern eine strukturelle Verzerrung, und die ist weit weniger „gesittet“ als eine klare Haltung wie Grönemeyers „rechte Ratten“.

Ihre Community-Richtlinien betonen, dass „ausschließlich auf Sinnhaftigkeit und Etikette“ geprüft wird. Doch wenn ein Kommentar, der weder unhöflich noch sinnfrei war, einfach nicht ankommt, stellt sich die Frage: Wer wird hier eigentlich zensiert, und warum?

Ich würde mich über eine Erklärung freuen, wie es zu diesem technischen Fehler kam, und ob meine Antwort an Burkhard Ewert vielleicht doch noch nachgereicht werden kann. Schließlich geht es in einer echten Debatte nicht um Wer hat recht?“, sondern um „Wer darf überhaupt antworten?“

Mit freundlichen Grüßen

Update 19.03.2026, die NOZ schickt eine Antwort:

Hallo Herr Reichl,

Ihre Antwort an Herrn Ewert ist angekommen. Die hatten Sie am Dienstag ja auch noch per Mail an uns verschickt.

Zum technischen Fehler:

Wir können nicht nachvollziehen, wo genau das technische Problem lag. Wir können nur so viel sagen: Ihr zweiter Kommentar (also Ihre Antwort auf den Kommentar von Herrn Ewert) ist nie bei uns im System angekommen.

Ihrem Vorwurf, dass „technische Hürden gezielt kritische Stimmen ausschließen“ möchten wir daher entschieden widersprechen. Dem ist nicht so!

Im Nachgang des Debattenformats haben wir keinerlei weitere Rückmeldungen zu etwaigen „technischen Problemen“ erhalten.

Wir würden uns freuen, wenn Sie bei der nächsten Debatte wieder dabei sind.

VG vom Community-Team

Und meine Antwort darauf:

Hallo Community-Team,

vielen Dank für Ihre Antwort. Dass mein Kommentar nie im System angekommen ist, bestätigt leider genau das Problem. Wenn kritische Stimmen „verschwinden“, ohne dass es bei Ihnen eine Fehlermeldung oder eine Benachrichtigung gibt, wirkt das nicht wie ein technischer Fehler, sondern wie ein Feature.

Dass „keinerlei weitere Rückmeldungen“ zu technischen Problemen eingingen, nun ja. Wer blockiert wird, weiß vielleicht gar nicht, dass er blockiert wurde, oder gibt irgendwann auf.

Dass Sie meinen Vorwurf der „gezielten Ausschließung“ zurückweisen, ist verständlich. Doch wenn ein System kritische Antworten (wie meine) nicht ankommen lässt, während unkritische Beiträge problemlos durchgehen, stellt sich die Frage, wer eigentlich prüft, ob das System fair funktioniert?

Ihr Angebot, bei der nächsten Debatte wieder dabei zu sein, nehme ich zur Kenntnis. Vielleicht dann mit transparenten Regeln…

Wie kann sichergestellt werden, dass Kommentare nicht einfach verschwinden?Warum gibt es keine Benachrichtigung, wenn ein Beitrag nicht ankommt? Wer überprüft, ob das System alle Stimmen gleich behandelt?

Eine „gesittete Debatte“ lebt davon, dass alle gehört werden, nicht nur die, deren Kommentare ankommen. Ich bleibe gespannt, ob die nächste Runde diese Standards erfüllt.

Mit freundlichen Grüßen

Grönemeyer, Ewert und die NOZ. Wenn Technik Debatten beendet, und wer wirklich spaltet.

Ein Erfahrungsbericht über das neue Debattenformat „360°“ über Grönemeyer der Neuen Osnabrücker Zeitung, und warum meine Antwort an Burkhard Ewert „aus technischen Gründen“ verschwand.

Die Ausgangslage: Kunst, Moral und ein Forum der NOZ

Am 19.02.2026 veröffentlichte die Neue Osnabrücker Zeitung (NOZ) einen Artikel von Burkhard Ewert über Herbert Grönemeyers politische Haltung – und eröffnete dazu am 17.03.2026 ihr neues Debattenformat „360° – Das Forum“. Die Idee dahinter ist, dass Leser:innen unterschiedliche Perspektiven einbringen sollten. Ich beteiligte mich mit einem Kommentar, der Ewerts Vorwurf der „Moralkeule“ infrage stellte, und argumentierte, dass Grönemeyers klare Haltung gegen Rechtsextremismus keine Spaltung, sondern eine notwendige Abgrenzung ist.

Mein Kommentar…

NOZblog

…endete mit der Frage:
„Kann Kunst Extremismus benennen, ohne als ‚spaltend‘ zu gelten – oder ist das Problem vielmehr, dass manche Haltung nur dann akzeptieren, wenn sie nicht wehtut?“

Ewerts Antwort: „Rechte Ratten“ als Beleg für Spaltung?

Burkhard Ewert reagierte prompt, und zitierte Grönemeyers harte Worte gegen Rechtsextreme („rechte Ratten“, „Klappe halten“) als Beleg dafür, dass dieser doch spalte. Seine Argumentation:
„Finde ich jetzt nicht so verbindend.“

NOZblog

Doch hier liegt der Denkfehler. Grönemeyers Aussagen richten sich nicht gegen „Andersdenkende““ sondern gegen offen rassistische, demokratiefeindliche Positionen. Wer „rechte Ratten“ sagt, meint keine politischen Gegner, sondern jene, die Menschlichkeit und Verfassungswerte aktiv ablehnen. Das ist keine „Spaltung“, sondern eine notwendige Haltung gegen Hass. Und die ist in der Kunst nicht nur legitim, sondern überfällig.

Das Problem: Die NOZ beendet die Debatte, technisch

Ich wollte auf Ewerts Kommentar erwidern. Doch stattdessen erhielt ich diese Meldung:

NOZblog

Die Ironie der Geschichte, das Forum sollte „360°“-Perspektiven ermöglichen, pünktlich nach zwei Stunden wurde es geschlossen. Andere Kommentator:innen konnten mehrfach antworten, ich nicht. Ewerts letzte Replik blieb damit unwidersprochen, nicht wegen inhaltlicher Schwäche, sondern wegen eines technischen Fehlers (?).

Meine Mail an die NOZ, und die offene Frage

Da eine Antwort im Forum unmöglich war, schrieb ich anden angebotenen (autoreplyer) feedback@noz.de, und setzte Burkhard Ewert in Kopie. Meine zentrale These lautet:
Vielleicht ist das Problem nicht Grönemeyers „Moralkeule“, sondern dass Sie Haltung nur dann akzeptieren, wenn sie nicht wehtut.

NOZblog

Bisher gab es keine Antwort. Doch die eigentliche Frage bleibt, wer entscheidet, was in einer Debatte gesagt werden darf, und wer wird unsichtbar gemacht?

Fazit: Spaltet Grönemeyer – oder spaltet die NOZ?

Grönemeyers Haltung ist keine „Spaltung“, sondern eine klare Positionierung gegen Extremismus. Ewerts Kritik verkennt, dass Kunst nicht „neutral“ sein muss, sondern gerade durch Haltung wirkt. Die NOZ hat mit ihrem technischen Fehler aktiv eine Debatte beendet, und damit genau das getan, was Ewert Grönemeyer vorwirft: bestimmte Stimmen ausschließen.

Am Ende zeigt dieser Vorfall, das Debattenkultur nicht an „moralisierenden Künstlern“, scheitert sondern an Strukturen, die Teilnahme verhindern. Zensur beginnt oft nicht mit Absicht, sondern mit technischen Hürden, die nur bestimmte Stimmen treffen.

PS:
Falls die NOZ doch noch reagiert, werde ich diesen Beitrag aktualisieren. Bis dahin gilt wohl, dass wer die Debatten kontrolliert, die Wahrheit kontrolliert. Und manchmal reicht schon ein „technischer Fehler“.

Update 19.03.2026,die NOZ hat eine Antwort zu meinem direkten Leserbrief gesendet

Hallo Herr Reichl,
Ihre Antwort an Herrn Ewert ist angekommen. Die hatten Sie am Dienstag ja auch noch per Mail an uns verschickt.

Zum technischen Fehler:
Wir können nicht nachvollziehen, wo genau das technische Problem lag. Wir können nur so viel sagen: Ihr zweiter Kommentar (also Ihre Antwort auf den Kommentar von Herrn Ewert) ist nie bei uns im System angekommen.
Ihrem Vorwurf, dass „technische Hürden gezielt kritische Stimmen ausschließen“ möchten wir daher entschieden widersprechen. Dem ist nicht so!
Im Nachgang des Debattenformats haben wir keinerlei weitere Rückmeldungen zu etwaigen „technischen Problemen“ erhalten.

Wir würden uns freuen, wenn Sie bei der nächsten Debatte wieder dabei sind.

VG vom Community-Team

Und meine Antwort darauf:

Hallo Community-Team,

vielen Dank für Ihre Antwort. Dass mein Kommentar nie im System angekommen ist, bestätigt leider genau das Problem. Wenn kritische Stimmen „verschwinden“, ohne dass es bei Ihnen eine Fehlermeldung oder eine Benachrichtigung gibt, wirkt das nicht wie ein technischer Fehler, sondern wie ein Feature.

Dass „keinerlei weitere Rückmeldungen“ zu technischen Problemen eingingen, nun ja. Wer blockiert wird, weiß vielleicht gar nicht, dass er blockiert wurde, oder gibt irgendwann auf.

Dass Sie meinen Vorwurf der „gezielten Ausschließung“ zurückweisen, ist verständlich. Doch wenn ein System kritische Antworten (wie meine) nicht ankommen lässt, während unkritische Beiträge problemlos durchgehen, stellt sich die Frage, wer eigentlich prüft, ob das System fair funktioniert?

Ihr Angebot, bei der nächsten Debatte wieder dabei zu sein, nehme ich zur Kenntnis. Vielleicht dann mit  transparenten Regeln…
Wie kann sichergestellt werden, dass Kommentare nicht einfach verschwinden?
Warum gibt es keine Benachrichtigung, wenn ein Beitrag nicht ankommt?
Wer überprüft, ob das System alle Stimmen gleich behandelt?

Eine „gesittete Debatte“ lebt davon, dass alle gehört werden, nicht nur die, deren Kommentare ankommen. Ich bleibe gespannt, ob die nächste Runde diese Standards erfüllt.

Mit freundlichen Grüßen

Mein Special zu 1 Jahr NOZblog 😉 „Sie schreiben gut“ – und dann? Wie die NOZ Kritik lobt, aber Dialoge vermeidet

Als Burkhard Ewert, Chefredakteur der NOZ, meinen kritischen Leserbrief mit „Sie schreiben gut“ lobte und mich einlud, klang das wie ein Dialogangebot…bis meine Nachfrage nach dem Rahmen des Gesprächs im Schweigen endete.

Das Lob, das kein Gespräch wurde

Mein Leserbrief war eine klare Abrechnung mit Ewerts Kommentar zu Christian Lindner, der dessen politischen Abgang als „Freiheitstat“ verklärte. Statt auf die inhaltliche Kritik einzugehen, lobte Ewert meinen Stil und lud mich zum Gespräch ein (Korrespondenz siehe unten). Doch als ich nach dem Rahmen fragte (welche Themen? Welches Ziel?), deutete er meine Nachfrage als mangelndes Interesse. Meine Antwort: drei konkrete Themenvorschläge – journalistische Verantwortung, Umgang mit Kritik, Perspektivenvielfalt. Die Reaktion? Nichts.

Das war kein Zufall. Es passt ins Muster, die NOZ lädt Leser:innen ein, solange sie nicht zu unbequem werden.

Die neue NOZ-Debattenkultur: Einladung zum Schweigen

Seit Februar 2026 schließt die NOZ ihre Kommentarspalten und kontrolliert die Verbreitung von Leserbriefen stärker. Offizielle Begründung: „Qualitätssicherung“. Doch was wirklich passiert, ist klar. Widerspruch wird erschwert, Kontrolle erhöht.

Mein Austausch mit Ewert zeigt, wie das funktioniert. Lob ja, Dialog nein. Kritik wird gelesen, aber nicht beantwortet. Leser:innen sind willkommen, aber nur als statistische Masse, nicht als gleichberechtigte Gesprächspartner.

Warum das problematisch ist

Journalismus lebt vom Diskurs. Doch wenn eine Zeitung Leserbriefe lobt, aber Debatten schließt, wird aus dem „öffentlichen Forum“ ein kontrollierter Monolog. Mein Fall ist kein Einzelfall. Er zeigt, wie Medien mit Kritik umgehen, wenn sie unbequem wird. Man hört zu, aber nur, solange es keine Konsequenzen hat.

Ein Qualitäts-Siegel mit Haken

Burkhard Ewerts „Sie schreiben gut“ war kein Anfang, sondern ein Ende. Ein Kompliment, das keine Antwort verlangt. Ein Dialogangebot, das keine Diskussion zulässt.

Und so bleibt am Ende nur eines: „Approved by NOZ…aber bitte nicht zu laut.“

PS: Ich habe länger überlegt, diesen Beitrag wirklich zu veröffentlichen. Vor dem aktuellen Hintergrund, der Streichung von öffentlicher Beteiligung an der NOZ, denke ich aber, nun ist genau der richtige Zeitpunkt dafür gekommen. Zum Hintergrund siehe diese beiden Artikel:

Weniger Widerspruch, mehr Kontrolle. Warum die NOZ ihre Kommentarspalten schließt.

Leserbrief zum Thema Leserbriefe, Artikel „In eigener Sache“ von der Chefredaktion, NOZ vom 13.02.2026, Seite 2

Hier die Korrespondenz mit Burkhard Ewert

Ewert, Burkhard <b.ewert@noz.de> schrieb am Do., 27. Nov. 2025, 08:38:

Hallo Herr Reichl,Sie schreiben gut. ich würde Sie gerne einmal kennenlernen. Haben Sie Lust?

Mit freundlichen Grüßen Burkhard Ewert

Hallo Herr Ewert,

vielen Dank für Ihre Rückmeldung. Ich freue mich über Ihr Interesse.Bevor ich über ein persönliches Treffen entscheide, würde ich gern wissen, in welchem Rahmen und mit welchem konkreten Anlass Sie ein Kennenlernen vorschlagen.

Mit freundlichen Grüßen

Hallo, ich lade Sie gerne bei uns in die Redaktion zum persönlichen Gespräch mit mir ein und würde mich über eine Zusage freuen. Viele Grüße, Burkhard Ewert

Hallo Herr Ewert,

danke für Ihre Einladung in die Redaktion.Bevor ich einen Termin zusage, würde ich gern kurz wissen, in welchem konkreten Rahmen das Gespräch stattfinden soll und welche Themen Sie ansprechen möchten. Da meine (und sicherlich auch Ihre) Zeit begrenzt ist, ist mir eine kurze Orientierung wichtig, um einschätzen zu können, ob ein Treffen für beide Seiten sinnvoll ist.

Mit freundlichen Grüßen

Guten Morgen, es zählt zu meinem Beruf und Antrieb, vielseitige Menschen zu treffen und Perspektiven kennenzulernen. Aber wenn Ihr Interesse so begrenzt und die Zeit knapp ist, wünsche ich mit Bedauern eine schöne Adventzeit und gesegnete Weihnachten. Beste Grüße, Burkhard Ewert

Hallo Herr Ewert,

vielen Dank für Ihre Nachricht. Meine Nachfrage nach dem Rahmen des Gesprächs war nicht Ausdruck mangelnden Interesses, sondern ein ganz normaler Schritt, um den Zweck und die inhaltliche Ausrichtung eines Treffens einordnen zu können.Sollte das persönliche Gespräch weiterhin in Ihrem Sinne sein, wäre für mich folgender allgemeiner Rahmen relevant:

– Ein Austausch über journalistische Verantwortung und redaktionelle Entscheidungsprozesse

– Die Rolle unterschiedlicher Perspektiven im öffentlichen Diskurs

– Der Umgang der Redaktion mit kritischen LesermeinungenWenn dies Ihrem Anliegen entspricht, können wir gern über einen Termin sprechen.Ansonsten auch Ihnen entspannte Festtage.

Mit freundlichen Grüßen

Hierauf erhielt ich leider keine Antwort mehr von Burkhard Ewert…

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