Philipp Ebert verteidigt in der NOZ Reichelts BVG-Posse als Beitrag zur Meinungsfreiheit. Dabei fehlt das Wesentliche, Reichelt verbreitete ein Motiv ohne BVG-Freigabe unter deren Markennamen. Aus Regelbruch wird Märtyrergeschichte.

Hallo NOZ, hallo Herr Ebert,

Ihr Beitrag zur BVG-Nius-Affäre liest sich wie ein Entlastungszeugnis für Julian Reichelt, verpackt in scheinbar ausgewogene Medienkritik.

Das Grundproblem liegt nicht darin, ob Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk berechtigt ist. Sie kann es sein, und manchmal ist sie es. Das Problem liegt in der Auswahl dessen, was Sie als Beleg anführen. Der NDR-Fall um Julia Ruhs war intern umstritten und keineswegs so eindeutig, wie er hier erscheint. Das ZDF-Bild war ein Fehler, der öffentlich korrigiert wurde, also genau das, was journalistische Rechenschaftspflicht bedeutet. Und der Bericht über christliche Kirchen wurde gelöscht, was auf internes Qualitätsbewusstsein hindeutet, nicht auf strukturelle Feindseligkeit.

Dass ausgerechnet diese Beispiele herhalten müssen, um Reichelts Werbespruch zu rehabilitieren, ist eine argumentative Entscheidung, keine Analyse.

Denn was Reichelt mit dem Slogan „was einem verschwiegen wird“ betreibt, ist nicht Medienkritik, sondern Verschwörungsrhetorik als Geschäftsmodell. Wer systematisch das Bild zeichnet, etablierte Medien hielten Informationen zurück, befeuert Misstrauen, das er dann selbst kommerziell nutzt. Das ist nicht dasselbe wie die Frage, ob die Tagesschau gelegentlich Fehler macht.

Bemerkenswert ist auch, was im Text fehlt. Dass das beanstandete Motiv mit dem Zwei-Geschlechter-Spruch von Reichelt selbst hochgeladen wurde und explizit als „neues Werbemotiv“ angepriesen wurde, ohne BVG-Freigabe, wird in Ihrem Meinungsstück zur Fußnote. Die BVG hat nicht eine politische Meinung verboten, sondern auf ein Motiv reagiert, das unter ihrem Markennamen verbreitet wurde, ohne ihr Wissen und ohne Freigabe. Das ist ein relevanter Unterschied.

Dass Reichelt diese Situation in eine Geschichte über „totalitäre Staatskonzerne“ ummünzt und Sie das als gelungene Verwandlung eines Elfmeters beschreiben, sagt mehr über den Reflex aus, Reichelt als Freiheitskämpfer zu rahmen, als über den Zustand der Debattenkultur.

Die leidet tatsächlich. Aber weniger an der BVG als an Akteuren, die Empörung als Produkt verkaufen.

Mit freundlichen Grüßen