Seite 1 beklagt, dass der schwarze Block die Anliegen von „GenZ regelt“ verdrängt, Seite 3 setzt denselben Schwerpunkt. Eine Einordnung zu Carlotta Vorbrüggens Kommentar und Reportage.
Am Montag, 2. November, steht „GenZ regelt“ gleich zweimal prominent in der NOZ. Carlotta Vorbrüggen schreibt auf Seite 1 den Kommentar „Danke für nichts, schwarzer Block!“ und bekommt auf Seite 3 die komplette Seite für ihre Reportage aus Köln. Das ist ein großer Auftritt für ein Thema, das die Zeitung vorher kaum begleitet hat.
Was stimmt, gehört zuerst gesagt. Die Gewalt in Köln war real. Steine, Flaschen, Pyrotechnik und der dokumentierte Ruf „Gib dem Bullen, was er braucht“ lassen sich nicht schönreden. Auch dass die Veranstalter sich distanziert haben und trotzdem übergangen wurden, schildern beide Texte glaubwürdig. Wer hier wegen der Randale empört ist, hat recht.
Der Kommentar adressiert die falsche Gruppe. Er spricht „die linke Szene“ an und wirft ihr mangelnde Solidarität vor. Die Reportage zeigt aber eine Schülerin mit „Barbie against Fascism“-Schild, einen Erzieher, eine Frau aus der Generation X mit einer Entschuldigung auf dem Schild. Der schwarze Block wird dort lediglich mit „heißt es von Teilnehmern“ der Antifa zugeordnet. Eine dünne Grundlage für eine Pauschale an eine ganze Szene.

Die interessanteste Information steht nur in der Reportage. Ein junger Mann sagt, es sei von Anfang an das Ziel gewesen, dass die Veranstalter ihre Demo abmelden, damit „die richtige Demo losgehen kann“. Der Kommentar macht daraus „irgendwann beschloss der schwarze Block“. Wer eine geplante Übernahme mit einem spontanen Entschluss beschreibt, erzählt eine andere Geschichte.
Bei den Belegen wird es dünn. Der Kommentar nennt geplünderte Geschäfte in Frankfurt und brennende Barrikaden in Hamburg. In der Reportage taucht beides nicht auf. Den „Neun Millimeter“-Ruf schreibt der Kommentar „Demonstranten“ zu, die Reportage berichtet, er sei „aus der Menge“ gekommen. Das sind Details, aber an Details entscheidet sich, wie viel Menschen am Ende über eine Demo zu wissen glauben.
Der Kessel fehlt im Kommentar. Die Reportage beschreibt Ellenbogen im Gesicht, Menschen am Boden, eingeschlossene Demonstranten und eine Identitätsfeststellung, die Stunden dauert. Im Kommentar kommt das Vorgehen der Polizei nicht vor. Dort gibt es nur Täter, deren Wirkung beklagt wird.
Die eigentliche Frage ist die Gewichtung. Der Kommentar wirft dem Block vor, die Anliegen von Emmi, Luisa und Nemo zur Randnotiz gemacht zu haben. Die Reportage macht mit dem Zitat eines Plünderungswilligen auf, und ab 15.30 Uhr nimmt die Eskalation deutlich mehr Raum ein als die Forderungen. Marie Hacker, 17, beklagt in genau diesem Text, dass vorab nur über Gewalt spekuliert wurde. Die Überschrift gibt ihr recht, anders als gedacht. Nemo, elf, kommt in der Reportage übrigens gar nicht vor.
Am Ende bestimmt also auch die NOZ, worüber gesprochen wird. Mit Platzierung, Zitatwahl und Überschrift, auf Seite 1 und Seite 3, mit derselben Autorin. Formal sind Meinung und Bericht getrennt. Inhaltlich stützen sie sich gegenseitig. Das muss kein Vorsatz sein. Aber wer anderen vorhält, Anliegen zu verdrängen, sollte die eigene Gewichtung prüfen.