Von der „Hälfte der Bevölkerung“ ist die AfD weit entfernt, 27 Prozent in aktuellen Umfragen. Warum ungeprüft wiedergegebene Behauptungen im Clasen Talk hängen bleiben.
Hallo NOZ, hallo Frau Schmidt, hallo Herr Rieck,
Ihre Zusammenfassung des Clasen Talks mit Christian Rieck gibt dessen Aussagen weitgehend ungeprüft wieder. Gerade bei einem Gast, der der Regierung ein „vernichtendes“ Zeugnis ausstellt und dabei mit vielen Behauptungen arbeitet, hätte ich mir mehr Einordnung gewünscht.
Rieck sagt, durch die Brandmauer werde „knapp die Hälfte der Bevölkerung“ ausgeschlossen. Die AfD liegt in aktuellen Umfragen bei 27 bis 28 Prozent, bei der Bundestagswahl 2025 kam sie auf 20,8 Prozent. Von der Hälfte ist das weit entfernt. Außerdem regelt die Brandmauer, mit wem Parteien koalieren, und schließt keine Wählerinnen und Wähler aus. Beides bleibt im Text unwidersprochen.
Auch die Aussage, Forderungen nach einem Verbotsverfahren beruhten vor allem auf persönlicher und politischer Ablehnung, wird ohne Hinweis stehen gelassen. Dass der Verfassungsschutz die AfD als gesichert rechtsextremistisch eingestuft hat, wäre hier der naheliegende Kontext gewesen. Ob ein Verbot Erfolg hätte, ist eine offene Frage. Die Begründung dafür ist aber ein behördlicher Befund und keine Abneigung.
Dass die SPD Merz „gezielt ins Messer laufen“ lasse, ist reine Spekulation, ebenso die Prognose, die CDU werde nie mehr Volkspartei sein. Das darf ein Gast so sagen. Eine Zeitung sollte aber kenntlich machen, was Meinung und was belegbar ist.
Bei einem Format, das sich als Debattenbeitrag versteht, erwarte ich, dass wenigstens die überprüfbaren Zahlen stimmen. Sonst bleibt bei den Leserinnen und Lesern hängen, die Hälfte des Landes sei von der Politik ausgesperrt. Das ist falsch.
Mit freundlichen Grüßen
Der „Clasen-Talk“ ist kein „Talk“, sondern zunehmend eine Bühne für Pseudo-Experten mit sehr rechtem Weltbild und einer entsprechenden Agenda. Vahrenholt ist ein Leugner des menschengemachten Klimawandels und Christian Rieck schreibt meines Wissens für „Tichys Einblick“. Beide haben sicherlich eine Meinung – die sie ja auch kundtun dürfen – aber keine „Expertise“ zu dem Thema, zu dem sie eine Stunde lang unwidersprochen herumsülzen dürfen. Michael Clasen braucht man dabei gar nicht (Journalisten haben die Aufgabe, Aussagen zu hinterfragen, einzuordnen und falsche zu korrigieren – beides passiert hier nicht) – warum also ein „Talk“-Format? Auf Youtube wären die beiden genannten Gäste besser aufgehoben).
Zusätzlich zu Herrn Reichls Analyse fällt mir noch folgendes auf:
Christian Rieck äußert an einer Stelle: „Wenn zwei Parteien einander bräuchten, begegneten sie sich auf Augenhöhe – unabhängig von der Wählerstärke.“ Er bezieht sich dabei offensichtlich auf die AfD, übersieht aber dabei, dass das für die derzeitige Koalition auch gilt. Die Union hätte nach der letzten Bundestagswahl ohne die SPD nicht regieren können – das vergisst sie immer, wenn sie hier nicht „CDU pur“ durchsetzen kann und der SPD ein „Bremsen“ vorwirft, obwohl sie ja „kaum Wählerstimmen erzielt habe“ (wobei das Ergebnis der Union so dolle jetzt auch nicht war).
Während der Ampel-Regierung hat es die Union offenbar überhaupt nicht gestört, dass die FDP als kleinster Koalitionspartner sämtliches Handeln der Koalition lahmgelegt hatte – klar, da war es ja das Ziel, die Regierung zu crashen, um selbst an die Macht zu kommen.
In einem Punkt stimme ich Christian Rieck zu: Die CDU ist keine Volkspartei mehr. Aber nicht des Koalitionspartners wegen, sondern weil sie eine unsoziale Politik macht und Lobbyisten bedient. Die Bevölkerung findet die Reformen(!) daneben, n i c h t ein „Bremsen“ der SPD.
Ob man in der Union zu doof ist, das zu verstehen oder es einfach ignoriert, kann ich nicht beurteilen. Aber wenn die Union in der politischen Versenkung verschwindet, hat sie es meiner Meinung nach ihren politischen Inhalten, ihrer Arroganz und ihrer unzureichenden Abgrenzung nach Rechtsaußen zu verdanken – denn für Rechtsaußen-Politik braucht es die Union nicht.