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Schlagwort: krieg

„Es geht ums Öl“ – Clasens Golfkommentar entlarvt sich selbst

Clasen fordert in der NOZ deutsche Militärbeteiligung am Golf – und gesteht am Ende ein: „Es geht ums Öl.“ Der letzte Satz entlarvt den gesamten Text. Warum Interessenpolitik als Friedenspolitik verpackt wird.

Hallo NOZ, hallo Herr Clasen,

der Kommentar „Warum auch Deutschland am Golf Flagge zeigen muss“ argumentiert für eine deutsche Militärbeteiligung am Golf, und begeht dabei denselben analytischen Fehler wie schon Clasens Kommentar vom 1. März. Er verschweigt, was er eigentlich sagen will, bis zum letzten Satz. „Es geht ums Öl“, dieses Eingeständnis am Ende des Textes entlarvt rückwirkend den gesamten Argumentationsaufbau als euphemistisch.

Denn worum geht es laut Clasen? Um „Prosperität und Wohlstand“, um „friedenssichernde Missionen“, um Verhandlungstische. Was tatsächlich beschrieben wird, ist die Sicherung fossiler Handelsrouten durch militärische Präsenz, im Namen von Interessen, die Clasen selbst als ökonomische identifiziert. Das ist legitim zu diskutieren. Nur sollte man es so nennen.

Auffällig ist zudem, wie der Text Trumps und Netanjahus Angriff auf den Iran zunächst als von Deutschland abzulehnendes Vorhaben einführt („nicht unser Krieg“), um dann schrittweise zur Forderung nach deutscher Beteiligung überzuleiten; nicht am Krieg selbst, aber an seiner Konsequenz, nämlich der Kontrolle der Meerenge. Diese Unterscheidung ist fein genug, um Kritik abzuwehren, aber zu fein, um analytisch zu tragen. Wer die militärische Sicherung der Handelsrouten fordert, die durch einen Krieg verstopft wurden, den er selbst ablehnt, beschreibt eine Interessenpolitik, keine Friedenspolitik.

Dass Clasen die Verständigung mit China und Russland für sinnvoll hält, fügt sich nahtlos in eine redaktionelle Linie ein, die gegenüber Moskau regelmäßig zur Mäßigung neigt, auch dort, wo Zurückhaltung gegenüber einem Angreifer politisch fragwürdig ist. Das UN-Mandat als Rahmung ändert daran wenig. Es dient hier weniger als Prinzip als als Legitimationsvehikel für eine Position, die ohnehin schon feststand. Aber die grundsätzliche Frage bleibt. Warum verdient ein möglicher Militäreinsatz im Golf einen Kommentar, der für mehr Beteiligung wirbt, während für diplomatische Alternativen nicht annähernd dieselbe Energie aufgewendet wird?Meinungsjournalismus darf Positionen vertreten. Er sollte nur nicht verschleiern, welche Interessen hinter ihnen stehen, besonders dann nicht, wenn es „ums Öl“ geht.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Eine Hierarchie der Tränen „Rest der Republik“ Der Westen sieht sich gerne als moralischer Akteur – doch dessen Kriege verursachten Millionen Opfer“ von Burkhard Ewert, NOZ vom 26.03.2026

Ewert beklagt eine „Hierarchie der Tränen“, und schreibt Russlands Krieg in die Vergangenheitsform, während 1000 Drohnen auf die Ukraine fallen. Selektive Moral ist keine Aufklärung.

Hallo NOZ, hallo Herr Ewert,

der Kommentar „Hierarchie der Tränen“ benennt etwas Richtiges. Der Westen praktiziert ungleiches Mitgefühl, und die Brown-University-Studie zu den Todesopfern westlicher Nachkriegseinsätze verdient Aufmerksamkeit. Soweit trägt der Text.

Doch er endet genau dort, wo Analyse beginnen müsste. Ewert erklärt westliche Kriege pauschal für Wahnsinn, der „keine Unterstützung verdient gehabt hätte“, ohne zu fragen, was ohne sie gewesen wäre, und ohne die Gegenseite auch nur zu benennen. Das iranische Regime, seine Unterdrückung der eigenen Bevölkerung, seine Terrorfinanzierung, seine jahrzehntelange Bedrohung der Nachbarstaaten, all das kommt im Text nicht vor. Die Opfer des Regimes sind ebenso unsichtbar wie die, um die Ewert zu Recht trauert.

Das ist keine antiimperialistische Analyse, sondern selektive Moral. Wer westliche Doppelmoral kritisiert, während er die Verbrechen des Gegenübers ausblendet, betreibt keine Aufklärung, sondern eine andere Form der Hierarchisierung, nur mit umgekehrten Vorzeichen.

Besonders auffällig ist der Umgang mit der Ukraine. Der Krieg wird am Anfang kurz erwähnt, dann nie wieder aufgegriffen. Der Satz, westliche Kriege hätten keine Unterstützung verdient gehabt, steht unverbunden daneben. Die Frage, ob dieser Schluss auch dort gilt, bleibt bewusst offen. Das ist keine Differenzierung, sondern Suggestion durch Auslassung.

Besonders der Einstieg verdient Aufmerksamkeit. Ewert schreibt, Russland „war“ der Angreifer, im Präteritum, als handele es sich um historisch Abgeschlossenes. Einen Tag, bevor sein Kommentar erscheint, meldet die Ukraine die bislang größte russische Drohnenangriffsserie des gesamten Krieges. Fast 1000 Drohnen in 24 Stunden, gezielte Angriffe auf zivile Infrastruktur. Russland ist nicht „gewesen“. Es greift heute an. Wer das grammatisch in die Vergangenheit verschiebt, betreibt keine historische Einordnung, sondern Relativierung durch Syntax.

Meinungsjournalismus darf anklagen. Er sollte dann aber alle Akteure beim Namen nennen, nicht nur die, deren Schuld ins gewünschte Narrativ passt.

Mit freundlichen Grüßen