Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

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Weniger Widerspruch, mehr Kontrolle. Warum die NOZ ihre Kommentarspalten schließt.

Kommentarspalten weg, kuratierte Debatte her. Die NOZ zieht sich aus offener Auseinandersetzung zurück und ersetzt Öffentlichkeit durch Kontrolle.

Die Entscheidung der Neue Osnabrücker Zeitung, ihre Kommentarspalten zu schließen, ist ein Rückzug aus öffentlicher Auseinandersetzung. Und der Versuch, Debatte zu kontrollieren, statt sie auszuhalten.

Kommentarspalten waren unbequem, genau deshalb waren sie relevant. Sie machten sichtbar, wo Leser widersprechen, wo Argumente nicht tragen, wo Meinungsstücke auf Widerstand stoßen. Diese Öffentlichkeit war kein Störfaktor, sondern ein Korrektiv. Mit ihrem Wegfall verschwindet nicht der Tonfall, sondern der Widerspruch selbst aus dem sichtbaren Raum.

Das angekündigte Debattenformat ersetzt offene Diskussion nicht, es kanalisiert sie. Thema, Zeitpunkt, Teilnehmer und Zusammenfassung liegen vollständig in redaktioneller Hand. Kritik wird eingeladen, nicht zugelassen. Sie darf stattfinden, aber nur dort, wo sie passt, und so, wie sie moderiert wird.

Der Verweis auf Qualität wirkt dabei vorgeschoben. Qualität entsteht nicht durch Auswahl, sondern durch Reibung. Wer Meinungsjournalismus betreibt, muss Gegenmeinungen aushalten, öffentlich, unmittelbar und ohne kuratorische Filter.

Was die NOZ hier aufgibt, ist nicht ein technisches Feature, sondern ein Stück demokratischer Öffentlichkeit. Übrig bleibt ein Dialog nach Bedingungen der Redaktion. Das ist bequemer. Aber es ist kein Fortschritt.

Zur Wahl von NOZ-Chefredakteur Burkhard Ewert ins Kuratorium des „Freundeskreises Yad Vashem“

Zwischen Erinnerung, Autorität und publizistischer Macht

Anlass und Fragestellung

Die Neue Osnabrücker Zeitung (NOZ) meldet die Wahl ihres Chefredakteurs Burkhard Ewert in das Kuratorium des „Freundeskreises Yad Vashem“. Die Nachricht ist auf den ersten Blick eine klassische Personal- und Ehrenmeldung. Ein Historiker, Journalist und langjähriger Beobachter Israels übernimmt eine Funktion in einer zentralen Institution der Holocaust-Erinnerung.

Diese Analyse fragt jedoch bewusst nicht nur ob diese Wahl nachvollziehbar ist, sondern wie sie im Kontext der bisherigen publizistischen Praxis Ewerts und der redaktionellen Linie der NOZ zu bewerten ist. Denn journalistische Macht, erinnerungspolitische Autorität und Deutungshoheit über gegenwärtige Konflikte sind hier eng miteinander verschränkt.

Biografische Plausibilität – kein Zweifel an der formalen Eignung

Zunächst ist festzuhalten, dass die Wahl Ewerts biografisch plausibel ist. Seine akademische Beschäftigung mit jüdischer Geschichte und der Staatsgründung Israels, seine wiederholten Aufenthalte in Israel und den palästinensischen Gebieten (einschließlich des Gazastreifens), die Begleitung offizieller Gedenkdelegationen wie des Auschwitz-Gedenkens mit dem Bundespräsidenten sowie das von ihm initiierte und ausgezeichnete Dokumentationsprojekt zur Reichspogromnacht ergeben in ihrer Gesamtheit ein stimmiges Bild.

Auf dieser Ebene gibt es keinen sachlichen Grund, Ewerts Eignung für ein solches Kuratorium in Zweifel zu ziehen. Gerade deshalb beginnt die eigentliche Bewertung erst jenseits der biografischen Oberfläche.

Erinnerung als moralischer Rahmen ist ein bekanntes Muster

Zentral ist ein Satz aus der Meldung:

Die gegenwärtige politische Situation in Israel ist mir bewusst. Sie ändert nichts an der deutschen Verantwortung für die Geschichte.

Dieser Satz ist mehr als eine persönliche Haltung. Er beschreibt ein Argumentationsmuster, das sich seit Jahren auch in der publizistischen Linie der NOZ (und in Texten unter Ewerts Verantwortung) wiederfindet:

  • Die deutsche Verantwortung aus dem Holocaust wird als übergeordnete moralische Kategorie gesetzt.
  • Aktuelle politische Fragen werden diesem Rahmen untergeordnet.
  • Kritik an israelischer Regierungspolitik wird dadurch nicht unmöglich, aber normativ begrenzt.

Diese Struktur ist nicht illegitim. Sie wird jedoch problematisch, wenn sie systematisch zur Einhegung bestimmter Debatten führt.

Die NOZ und die Asymmetrie der Kritik

In der Berichterstattung und Kommentierung der NOZ zu Israel, Gaza und Antisemitismus lässt sich über längere Zeit eine deutliche Asymmetrie erkennen. Die Sensibilität gegenüber antisemitischen Tendenzen ist hoch und grundsätzlich berechtigt. Gleichzeitig fällt jedoch eine auffällige Zurückhaltung bei der kritischen Auseinandersetzung mit völkerrechtlichen Fragen israelischer Militärpolitik, mit der strukturellen Gewalt im Gazastreifen sowie mit internationaler Kritik an der jeweiligen israelischen Regierung auf.

Kritische Positionen werden in diesem Kontext häufig nicht primär inhaltlich verhandelt, sondern moralisch gerahmt. Sie erscheinen dann als emotionalisiert, verkürzt oder ethisch problematisch. Auf diese Weise verschiebt sich der Fokus der Debatte. Nicht mehr die Substanz der Kritik steht im Zentrum, sondern die Frage, ob diese Kritik überhaupt zulässig ist.

„Unpolitisch“ als Entlastungsformel

Der Artikel betont mehrfach, Yad Vashem verstehe sich als „unpolitische Organisation“. Historisch ist das korrekt, rhetorisch jedoch hoch wirksam.

Gerade in einer Zeit, in der:

  • der Krieg in Gaza international als humanitäre Katastrophe diskutiert wird
  • Vorwürfe von Kriegsverbrechen im Raum stehen
  • die deutsche Öffentlichkeit tief gespalten ist

wirkt der Verweis auf das unpolitische wie eine Schutzformel:

  • Erinnerung ohne aktuelle Verantwortung
  • moralische Autorität ohne politische Rechenschaft
  • Mahnung ohne Machtkritik

Dass Ewert diese Trennung explizit betont, ist kein Zufall, sondern fügt sich nahtlos in seine bekannte Argumentationslinie.

Medienethische Dimension: Nähe, Rolle, Macht

Der entscheidende Punkt liegt daher weniger in Ewerts persönlichem Engagement als in der strukturellen Doppelrolle, die hier sichtbar wird. Als Chefredakteur einer regional dominanten Tageszeitung prägt er die publizistische Linie zu Themen wie Israel, Antisemitismus und Erinnerungspolitik maßgeblich. Zugleich übernimmt er eine Funktion in einer zentralen erinnerungspolitischen Institution mit erheblicher moralischer Autorität.

Diese Konstellation erzeugt zumindest ein Risiko von Interessenkonflikten, das journalistisch reflektiert werden müsste. Genau das geschieht jedoch nicht. Die NOZ-Meldung bleibt affirmativ und ehrerbietig; Distanz, Selbstreflexion oder ein Hinweis auf mögliche Spannungen zwischen journalistischer Rolle und erinnerungspolitischer Funktion fehlen vollständig. Das ist weniger ein persönlicher Vorwurf als ein strukturelles Defizit redaktioneller Selbstbeobachtung.

Fazit: Konsistent, ehrenvoll, aber nicht folgenlos

Die Wahl Burkhard Ewerts ins Kuratorium des Freundeskreises Yad Vashem ist biografisch nachvollziehbar, symbolisch bedeutsam und moralisch ehrenvoll. Im Kontext seiner publizistischen Praxis ist sie jedoch nicht folgenlos. Sie festigt erinnerungspolitische Deutungshoheit, verschiebt die Grenzen dessen, was als legitime Kritik an israelischer Politik gilt, und verdeutlicht die enge Verbindung von Journalismus, moralischer Autorität und Macht.

Gerade deshalb wäre eine offene und transparente Debatte notwendig gewesen. Dass sie ausbleibt, sagt weniger über Burkhard Ewert aus als über den Zustand medienethischer Selbstreflexion in der NOZ.

Dieser Text versteht sich nicht als Angriff, sondern als Beitrag zu einer notwendigen Diskussion über Verantwortung, Erinnerung und journalistische Macht.

Leserbrief zum Artikel von Chefredakteur Ewert – Anspruch und Wirklichkeit klaffen auseinander, NOZ vom Montag, 16.11.2025, Seite 5

Der Leserbrief kritisiert, dass Ewerts Artikel ein sehr positives Bild der NOZ zeichnet, das mit der realen Ausrichtung der Redaktion nicht immer übereinstimmt. Er bemängelt, dass kritische Hinweise auf Schieflagen oder einseitige Themensetzungen von der Chefredaktion eher abgewehrt als ernsthaft geprüft werden. Der Text fordert mehr echte Vielfalt und Selbstreflexion im journalistischen Alltag.

Hallo NOZ, hallo Herr Ewert,

mit Interesse habe ich die Ausführungen des Chefredakteurs zur Rolle der NOZ gelesen.

Der Artikel formuliert hohe Ansprüche: Breite der Perspektiven, historische Bescheidenheit, kritische Distanz zur Macht. Doch gerade hier entsteht ein deutlicher Widerspruch zwischen Selbstbeschreibung und tatsächlicher publizistischer Praxis.

Wenn Herr Ewert behauptet, Kritik an einem Rechtsruck komme von Menschen, „die keine Vielfalt wollen“, dann dient das weniger der Debatte als der Immunisierung gegen berechtigte Einwände. Wer eine einseitige Schwerpunktsetzung anspricht (etwa in der migrationspolitischen Berichterstattung oder in den jüngsten Interviews und Meinungsbeiträgen), wird auf diese Weise pauschal diskreditiert. Vielfalt ist nicht gegeben, wenn bestimmte Perspektiven quantitativ überwiegen und andere nur am Rand vorkommen.

Auch die Warnung vor historischen Parallelen, etwa zu Weimar, klingt weniger nach intellektueller Bescheidenheit als nach politischer Entschärfung. Gerade in Zeiten wachsender Radikalisierung braucht es einen Journalismus, der Entwicklungen klar benennt, statt sie aus Angst vor „falschen Vergleichen“ zu relativieren.

Zudem fällt auf, dass Herr Ewert keine einzige selbstkritische Reflexion erwähnt, weder zu journalistischen Fehlgewichten noch zu problematischen Framings, die Leser zu Recht irritieren. Vorwürfe verschwinden so nicht; sie werden nur rhetorisch abgefedert.

Ich und viele weitere Lesende wünschen sich eine NOZ, die ihren eigenen Anspruch ernst nimmt: tatsächliche Breite, kritische Haltung gegenüber allen politischen Akteuren, klare Trennung von Meinung und Berichterstattung und eine ehrliche, auch selbstkritische, Auseinandersetzung mit redaktionellen Schieflagen.

Ein Leitartikel, der vor allem die eigene Strategie lobt, ersetzt diese Arbeit nicht.

Mit freundlichen Grüßen

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