Die NOZ interviewt die Vorsitzende der Jugend für das Leben, ohne den organisatorischen Hintergrund zu nennen, ohne Gegenstimme, ohne die fragwürdige Quellenlage zu hinterfragen. Aus einem Interview wird eine unwidersprochene Bühne.
Hallo NOZ, hallo Frau Handl,
ihr Interview mit Roxane Köhler, der Vorsitzenden der „Jugend für das Leben“, verzichtet komplett auf die Einordnung, die ein Thema von dieser Tragweite braucht. Was als persönliches Porträt einer jungen Aktivistin daherkommt, wirkt am Ende wie ein unwidersprochener Werbeauftritt für die Positionen der Lebensschutzbewegung.
Schon die Quellenlage bleibt unkommentiert. Köhler behauptet, Hauptgründe für Abtreibungen seien oft finanzielle oder partnerschaftliche Probleme. Das Statistische Bundesamt erfasst solche persönlichen Entscheidungsgründe bei Schwangerschaftsabbrüchen jedoch gar nicht. Die Zahlen, auf die sich solche Aussagen meist stützen, stammen von kleinen, nicht repräsentativen Studien oder von Beratungsstellen wie Profemina, die selbst der Lebensschutzbewegung zugehören und ein erklärtes Interesse daran haben, Frauen von einer Abtreibung abzubringen. Eine Quelle aus der eigenen Bewegung wird hier als objektive Faktenlage präsentiert, ohne dass jemand nachfragt, woher die Zahl eigentlich kommt.
Auch der Verweis auf die ZDF-Umfrage zu Paragraf 218 bleibt unscharf. Die Zahl selbst, 54 Prozent für den Erhalt der Strafbarkeit, stammt aus dem Jahr 2023 und wird als aktueller gesellschaftlicher Konsens dargestellt. Dabei zeigt sich bei Umfragen zu diesem Thema immer wieder, wie stark allein die Frageformulierung das Ergebnis verschiebt, je nachdem ob die Straffreiheit in den ersten zwölf Wochen erwähnt wird oder nicht. Eine seriöse Einordnung hätte das zumindest erwähnen müssen.
Besonders schief liegt die Aussage „Biologen sind da auf unserer Seite“, mit der Köhler den Beginn des Menschseins auf den Moment der Befruchtung legt. Dass eine befruchtete Eizelle ein Lebewesen der Spezies Mensch mit eigener DNA ist, bestreitet niemand, das ist triviale Biologie. Daraus folgt aber nicht automatisch, ab wann moralischer oder rechtlicher Personenstatus beginnt. Diese Frage verhandeln Ethik und Rechtswissenschaft seit Jahrzehnten kontrovers, mit gestuften Lebensschutzkonzepten und unterschiedlichen Personenbegriffen. Wer das als längst von der Wissenschaft entschieden darstellt, vermischt eine biologische Tatsache mit einer ethischen Position. Genau diese Vermischung hätte journalistisch markiert werden müssen.
Am schwersten wiegt aber, was über die Organisation selbst fehlt. Die „Jugend für das Leben“ ist der Jugendverband der „Aktion Lebensrecht für Alle“ (ALfA). Über ALfA berichten andere Medien deutlich kritischer. Die taz attestiert dem Verein antifeministische und christlich-fundamentalistische Inhalte, die Tagesschau wirft ihm undeklarierte Lobbyarbeit vor. Wissenschaftliche Untersuchungen zur Lebensschutzbewegung beschreiben zudem enge Verbindungen zu evangelikalen und konservativ-katholischen Milieus, teils auch Überschneidungen mit der AfD. Nichts davon kommt im Interview vor. Köhler erscheint als unabhängige junge Frau mit einer persönlichen Meinung, nicht als Funktionärin einer seit Jahrzehnten organisierten, politisch aktiven Bewegung.
Dazu kommt, dass keine Gegenstimme zu Wort kommt, kein Mediziner, keine Juristin, keine unabhängige Beratungsstelle. Auch sprachlich übernimmt der Text unkommentiert die Begriffswelt der Bewegung, „Baby“ statt Embryo oder Fötus, „ungeborener Mensch“ als feste Formel.
Ein Interview darf eine Position vorstellen, auch eine kontroverse. Aber wenn weder die Quellen der zentralen Behauptungen geprüft noch der organisatorische Hintergrund der Gesprächspartnerin erwähnt werden, wird aus journalistischer Arbeit eine Bühne ohne Einordnung.
Mit freundlichen Grüßen
Hallo Timm,
ich verstehe Ihre Kritik und teile sie inhaltlich auch. Allerdings ist ein Interview meines Wissens kein Stilmittel, in dem eingeordnet wird oder Gegenstimmen zu Wort kommen. Bei einem Interview stehen immer die wörtlichen Aussagen des / der Interviewten „für sich“ – der / die Interviewer/in kann das Gespräch nur durch die Art seiner / ihrer Fragestellung beeinflussen.
Insofern ist ein Interview immer(!) eine unkommentierte Meinungsäußerung des / der Interviewten, bzw. immer eine Bühne für denselben.
Kritisieren kann man – und da gebe ich Ihnen völlig recht – allerdings trotzdem: Warum bietet man lediglich einer Seite eines gesellschaftlich so kontrovers und differenziert(!) diskutierten Themas eine Bühne? Wenn schon hätte man zwei „Pro und Contra“ Interviews abdrucken können – durchaus eine gängige Praxis. Und warum zum jetzigen Zeitpunkt? Das Thema steht gerade nicht an erster öffentlicher Stelle – wollte man das ändern?
Für mich fällt das in dieselbe Kategorie wie die Interviews mit Fritz Vahrenholt – warum kommt hier jemand zu Wort, der seine Äußerungen zum Klimawandel nicht(!) wissenschaftlich stützen kann?
Letztlich ist auch dieses Interview ein weiteres deutliches Zeichen dafür, wie sich die NOZ politisch ausrichtet.
Hallo Frau Driehaus,
guter Einwand zur Form Interview, das stimmt, danke für den Hinweis.
Mein Punkt bleibt trotzdem, nur anders begründet. Nicht das Interview als Form ist das Problem, sondern die redaktionelle Entscheidung, hier nur eine Position zu bringen statt zwei gegenüberzustellen oder mit kritischeren Fragen zu arbeiten. Der Vergleich mit Vahrenholt passt gut dazu, ähnliches Muster.