Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

Schlagwort: Danger Dan

Zwei Fälle (Danger Dan und Steimle), ein Urteil, aber kein gleiches Gewicht

Lüddemann packt Steimles Mordfantasie gegen den Kanzler (beklatscht von AfD-Granden) und Danger Dans Song gegen Rechtsextremismus unter denselben Tucholsky-Bogen. Falsche Symmetrie, die verwischt, wer hier wogegen kämpft.

Hallo NOZ, hallo Herr Lüddemann,

Ihr Text stellt Uwe Steimles Auftritt in Dessau und Danger Dans Song „Keine Angst“ unter denselben Tucholsky-Bogen und kommt bei beiden zum gleichen Urteil, nämlich Satire, die zur Gewalt kippt. Diese Gleichsetzung geht an einem entscheidenden Punkt vorbei.

Steimle fantasierte öffentlich über ein Attentat auf den amtierenden Bundeskanzler, und die anwesenden AfD-Politiker Tino Chrupalla und Ulrich Siegmund lachten dazu und warfen sich, wie Sie selbst schreiben, „verräterische Seitenblicke“ zu. Das ist eine reale Gewaltfantasie gegen ein demokratisches Staatsoberhaupt, beklatscht von genau jener politischen Richtung, die vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft wird.

Danger Dans Song ruft dagegen zu zivilgesellschaftlicher Organisation gegen eine solche Partei auf. Man kann einzelne Zeilen kritisch sehen, das habe ich an anderer Stelle selbst getan. Aber diesen Song moralisch auf eine Stufe mit einer Mordfantasie gegen den Kanzler zu stellen, verschiebt den Maßstab erheblich. Wer sich gegen eine rechtsextreme Partei wehrt, wird hier in die Nähe dessen gerückt, was diese Partei selbst beklatscht.

Ihr Tucholsky-Zitat betont, der Satiriker sei „dem Guten verbunden“ und kämpfe „mit dem Wort, nicht mit der Faust“. Genau diese Unterscheidung sollte auch bei der Bewertung von Steimle und Danger Dan gelten, denn es macht einen Unterschied, wogegen sich eine Zuspitzung richtet und wer dabei applaudiert.

Mit freundlichen Grüßen

Wenn die Reportage über Danger Dans Auftritt die Meinung von neulich fortsetzt

Ebert berichtet von Danger Dans Live-Premiere, mit feinen Spitzen gegen das Publikum und einer Stimme pro Künstler gegen zwei kritische Einordnungen, darunter der steile Vorwurf möglicher Volksverhetzung. Nach seinem eigenen Verriss fünf Tage zuvor wenig überraschend.

Fünf Tage nach seinem Verriss von „Keine Angst“ berichtet Philipp Ebert von der ersten Live-Aufführung des Liedes in Berlin. Als Reportage getarnt, trägt der Text jedoch deutliche Spuren der bereits bezogenen Position.

Kleine Seitenhiebe wie der Hinweis auf das benutzte Deo im Publikum oder die Bemerkung zur geringen Zahl an „Person of Colour“ im Saal tragen nichts zum Verständnis des Abends bei. Sie funktionieren als leise Häme, ohne dass eine offene Bewertung nötig wäre.

Bei den eingeholten Einordnungen am Textende fällt zudem die Gewichtung auf. Eine Stimme stützt die Position von Danger Dan, zwei Stimmen stützen die ZDF-Entscheidung oder gehen sogar weiter. Besonders bemerkenswert ist der Hinweis auf eine mögliche Volksverhetzung durch Hass gegen Menschen mit rechtsextremer Ideologie, eine steile Einordnung, die im Text unkommentiert bleibt.

Wer fünf Tage zuvor bereits eine klare Meinung veröffentlicht hat, sollte bei der folgenden Berichterstattung besonders auf Ausgewogenheit achten. Genau das gelingt hier nicht.

Der Song von Danger Dan „Keine Angst“, viele Lesarten, nur eine bei der NOZ

Ebert nennt Danger Dans „Keine Angst“ ein Manifest der Selbstgerechtigkeit und den ZDF-Rückzieher „Ehrenrettung“. Dass die eigenen „Anstalt“-Macher das „mutlos“ nannten und der Song auch als Mut-Mach-Lied gelesen wird, fehlt komplett.

Hallo NOZ, hallo Herr Ebert,

Ihr Kommentar zu Danger Dans Song „Keine Angst“ wirkt auf den ersten Blick wie eine klare moralische Einordnung. Bei genauerem Lesen zeigt sich aber vor allem eines, nämlich wie selektiv diese Einordnung ausfällt.

Sie zitieren die schärfste Textpassage des Songs isoliert und leiten daraus einen pauschalen Gewaltaufruf ab. Was fehlt, ist der Rest des Liedes. Weite Teile beschreiben niedrigschwelliges Engagement wie gemeinsames Reden, kleine Solidaritätspartys, das Ansprechen rassistischer Sprüche auf Familienfeiern. Andere Medien haben genau diese Ebene des Songs herausgearbeitet und den Song vor allem als Ermutigung gegen die eigene Ohnmacht gelesen. Diese Lesart erwähnen Sie mit keinem Wort.

Auffällig ist auch Ihre Formulierung, der Rückzieher des ZDF sei „ein Stück Ehrenrettung“. Die Redaktion von „Die Anstalt“ selbst nannte die Entscheidung des Senders „mutlos“ und distanzierte sich öffentlich davon. Dass ausgerechnet diese interne Kritik am eigenen Sender in Ihrem Text nicht vorkommt, wirkt bei einem Kommentar zur Pressefreiheit und journalistischen Verantwortung nicht ganz vollständig.

Ein Kommentar darf pointiert sein. Er sollte aber kenntlich machen, dass es zu diesem Song mehrere ernstzunehmende Lesarten gibt, und nicht nur die eigene als selbstverständlich voraussetzen.

Mit freundlichen Grüßen