Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

Schlagwort: Europa

Vorgeschmack aufs Weglassen – Wie die NOZ ihre eigene Ceuta-Recherche zwei Seiten weiter ignoriert

Ein Kommentar braucht keine 2000 Wörter, um Komplexität zu leisten. Aber er sollte nicht widersprechen, was zwei Seiten weiter in derselben Ausgabe steht.

Am 3. August veröffentlicht die NOZ auf der Titelseite ein Meinungsstück von Thomas Ludwig zum Massenandrang auf die spanische Exklave Ceuta mit dem Titel „Vorgeschmack auf das, was noch droht?“. Die Kernthese lautet, Marokko habe die Grenze bewusst geöffnet oder zumindest geduldet, um Druck auf Spanien auszuüben, und Europa müsse daraus lernen, seine Außengrenzen entschlossener zu sichern. Ludwig positioniert sich dabei ausdrücklich gegen die europäischen Regierungen, die Spanien „an den Pranger stellen“, das sei politisch fatal und helfe nur „den Erpressern Europas“. So weit, so absolut verständlich und korrekt. Das Problem ist aber keineswegs diese nachvollziehbare Haltung. Das Problem ist, was fehlt.

Die eigene Redaktion wusste mehr

Auf Seite 4 derselben Ausgabe bringt die NOZ einen Hintergrundartikel („Die Ereignisse in Ceuta werfen Fragen auf“), der ein deutlich komplexeres Bild zeichnet. Streit um die Westsahara, ein Urteil des spanischen Verfassungsgerichts zu Zurückweisungen auf dem Seeweg, Spaniens Annäherung an Algerien, sogar Spekulationen über mögliche US- oder Israel-Interessen an einer Destabilisierung der spanischen Regierung, verbunden mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass es dafür keine belastbaren Belege gibt. Genau diese Sorgfalt fehlt im Meinungsstück komplett. Ludwig verengt die Ursachenfrage auf ein einziges Subjekt, nämlich Marokko. Die eigene Redaktion hätte ihm zwei Seiten weiter das Material für eine differenziertere Einordnung geliefert.

Was am 3. August längst öffentlich war

Zum Zeitpunkt von Ludwigs Veröffentlichung war zudem längst bekannt, was der Text nicht erwähnt. Bereits am 1. August hatten 22 EU-Staats- und Regierungschefs (initiiert von Giorgia Meloni und Mette Frederiksen, mitunterzeichnet von Friedrich Merz) einen offenen Brief verfasst, der Spanien indirekt eine Mitverantwortung an der Krise zuschreibt, über das spanische Legalisierungsprogramm für Alt-Asylanträge und ein Gerichtsurteil zu Zurückweisungen. Bemerkenswert ist, das Spanien selbst, Irland, Frankreich, Luxemburg und Portugal nicht unterzeichneten. Das ist keine Randnotiz, sondern der eigentliche europapolitische Aufreger jener Tage, und er fehlt bei Ludwig vollständig.

Parallel dazu wirft der US-Kongressabgeordnete Thomas Massie seinen republikanischen Kollegen öffentlich Doppelmoral vor. Zwei Wochen vor der performativen Ceuta-Empörung von Trump und Vance hatten praktisch alle Republikaner (außer Massie) einem Ausschussbericht zugestimmt, dessen Formulierung Marokkos Gebietsanspruch auf Ceuta und Melilla nahesteht. Noch deutlicher, der Ex-Pentagon-Mitarbeiter Michael Rubin (American Enterprise Institute) hatte bereits im März öffentlich dazu aufgerufen, Marokko solle in Ceuta und Melilla „einmarschieren, um die Flagge zu hissen“. Das ist kein Rand-Kommentator, sondern ein einflussreicher US-Thinktank-Vertreter mit Nähe zur aktuellen Regierungslinie.Und selbst der ukrainische Außenminister Andrii Sybiha meldete sich zu Wort mit dem (bislang unbelegten, aber öffentlich diskutierten) Vorwurf einer koordinierten russischen Desinformationskampagne rund um die Ceuta-Bilder.

Nichts davon musste Ludwig in 400 Wörtern erschöpfend behandeln. Aber ein Text, der explizit die europäische Reaktion bewertet („politisch fatal, Spanien an den Pranger zu stellen“), kommt an der Frage nicht vorbei, wer genau Spanien an den Pranger stellt und warum, zumal die Antwort öffentlich vorlag.

Auch bei der Zählung ungenau

Ein kleinerer, aber bezeichnender Punkt: Ludwigs Text übernimmt unkommentiert die Zahl von 72 Toten. Laut taz-Recherche vom 2. August bezieht sich diese Zahl nur auf die von Spanien geborgenen Leichen, Marokko hatte zu dem Zeitpunkt weitere 17 geborgen, mit vermutlich über 100 Toten insgesamt, wenn man Vermisste einrechnet. Auch das ist keine böswillige Verzerrung, aber ein Beleg dafür, dass hier schnell und ohne Abgleich mit der eigenen Redaktion oder anderen Quellen geschrieben wurde.

Fazit

Es geht nicht darum, Ludwig zu unterstellen, er habe bewusst etwas verschwiegen. Es geht darum, dass ein Meinungsstück, das an prominentester Stelle der Zeitung steht, den europäischen und internationalen Kontext ausblendet, den die eigene Redaktion zwei Seiten weiter selbst recherchiert hatte. Wer schreibt, es sei „politisch fatal“, Spanien an den Pranger zu stellen, sollte benennen können, wer das tut, und warum das selbst wieder Teil eines größeren geopolitischen Spiels sein könnte, an dem sich nicht nur Marokko, sondern auch europäische Regierungschefs, US-Thinktanks und mutmaßlich auch russische Propaganda-Netzwerke beteiligen. Diese Einordnung liefert die NOZ an diesem Tag, nur eben nicht auf der Titelseite.

Leserbrief zu „Proteste gegen das Regime im IranTrump sagt Hilfe zu, Europa zaudert“ von Michael Clasen, NOZ vom 13.01.2026, Seite 1

Warum Michael Clasen Trumps leere Drohungen als Stärke verkauft und Europas Diplomatie systematisch abwertet – Kritik an einem vorhersehbaren Meinungsjournalismus.

Hallo NOZ, hallo Herr Clasen,

der Kommentar von Michael Clasen zu den Protesten im Iran ist ein weiteres Beispiel für ein inzwischen auffälliges Muster in seinen Meinungsbeiträgen. Donald Trump wird konsequent als entschlossener, handlungsfähiger Akteur inszeniert, während Europa reflexhaft als zaudernd und passiv dargestellt wird.

Dabei bleibt unklar, worin die von Clasen gelobte „Hilfe“ Trumps konkret bestehen soll. Vage Drohungen und rhetorische Solidaritätsbekundungen sind noch keine Außenpolitik. Sie als „starkes Signal“ zu feiern, während konkrete europäische Maßnahmen wie diplomatischer Druck, Sanktionen oder internationale Initiativen als „Funkstille“ abgewertet werden, zeugt von sehr unterschiedlichen Maßstäben.

Besonders problematisch ist die implizite Gleichsetzung von Lautstärke mit Wirksamkeit. Außenpolitische Verantwortung erschöpft sich nicht in martialischer Rhetorik, sondern besteht gerade darin, Eskalationsrisiken realistisch abzuwägen. Dass ein militärisches Eingreifen der USA im Iran unabsehbare regionale Folgen hätte, bleibt in Clasens Kommentar vollständig ausgeblendet.

Der Mut der iranischen Protestierenden verdient Solidarität und Unterstützung. Doch wer diesen Mut instrumentalisiert, um ein altbekanntes Narrativ von „Trump handelt, Europa zaudert“ zu bedienen, vereinfacht nicht nur die Realität, sondern betreibt politische Personalisierung statt Analyse.

Meinungsjournalismus darf pointiert sein. Er sollte aber nicht vorhersehbar werden und schon gar nicht einzelne politische Akteure dauerhaft verklären, während andere pauschal diskreditiert werden.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Frankreichs Präsident Macron sucht das Gespräch mit Moskau – Merz sollte nicht mit Putin reden“ von Rena Lehmann, NOZ vom 22.12.2025, Seite 4

Kein Gespräch mit Putin reicht nicht: Warum Rena Lehmann Friedrich Merz europäisch überhöht und was dabei ausgeblendet wird.

Hallo NOZ, hallo Frau Lehmann,

Rena Lehmann lobt Friedrich Merz für seinen „Einsatz in Europa“ und stilisiert ihn gar zum „stärksten noch verbliebenen Gegenspieler“ Putins. Das überzeugt nur bedingt.

Dass Merz bislang nicht mit Putin gesprochen hat und vor Verhandlungen aus einer Position der Schwäche warnt, ist nachvollziehbar. Daraus jedoch europäische Führungsstärke abzuleiten, greift deutlich zu kurz. Weder bei eingefrorenen russischen Vermögen noch bei der militärischen Unterstützung der Ukraine hat Merz entscheidende Durchbrüche erzielt. Auch die Ablehnung von Taurus-Lieferungen bedeutet vor allem Kontinuität, keine neue strategische Linie.

Besonders irritierend ist die Überhöhung Merz’ zur europäischen Schlüsselfigur mit Verweis auf ein Trump-Zitat („strong leader“). Das ersetzt nüchterne Analyse durch Imagepflege. Dass andere europäische Regierungschefs innenpolitisch geschwächt sind, macht Merz nicht automatisch zum außenpolitischen Schwergewicht.

Meinungsjournalismus darf Position beziehen, sollte aber Maß halten. Wo reale Macht, begrenzter Handlungsspielraum und politische Symbolik nicht sauber getrennt werden, wird aus Einordnung schnell Lobhudelei.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Trump schmäht Europa als ‚schwach‘ – Drei Gründe, es sportlich zu nehmen“ von Lucas Wiegelmann, NOZ vom Donnerstag, 11.12.2025, Seite 1

Kritischer Leserbrief zum Wiegelmann-Kommentar über Trumps Europa-Aussagen: Warum seine Rhetorik nicht verharmlost werden darf.

Hallo NOZ, hallo Herr Wiegelmann,

der Kommentar von Herrn Wiegelmann versucht, überzogene Empörung zu dämpfen, verharmlost dabei aber die politische Realität. Denn Donald Trumps jüngste Aussagen über Europa und die Ukraine sind nicht bloße Sticheleien, die man unter Freunden sportlich nehmen könnte, sondern Teil einer langen Linie von Drohungen, Desinformation und offenen Angriffen auf die transatlantische Sicherheitsarchitektur.

Zwar benennt der Kommentar einige Falschbehauptungen Trumps, zieht daraus aber einen erstaunlichen Schluss: Weil Trump oft Unrecht hat, solle man seine Worte nicht zu ernst nehmen. In Wahrheit ist das Gegenteil richtig. Wenn ein möglicher nächster US-Präsident systematisch mit Unwahrheiten arbeitet, Bündnispartner herabsetzt und die NATO-Beistandspflicht wiederholt infrage stellt, dann müssen Europa und Deutschland genau hinhören, nicht abwinken.

Auch der Hinweis, Europa habe tatsächlich Probleme wie irreguläre Migration, rechtfertigt nicht Trumps pauschale Herabsetzung ganzer Staaten als „schwach“ oder „im Niedergang“. Sachliche Kritik ist das eine, populistische Entwertung und Destabilisierung etwas ganz anderes. Diese Unterscheidung verwischt der Kommentar.

Ebenso hinkt der Vergleich mit früheren Misstönen in transatlantischen Beziehungen. Weder Rumsfelds „altes Europa“ noch Kissingers Bonmot stellten die grundlegende Bündnistreue infrage. Trumps Äußerungen tun das, und zwar konsequent.

Was Europa derzeit braucht, ist keine gelassene Relativierung, sondern eine nüchterne, realistische Einschätzung der sicherheitspolitischen Lage. Dazu gehört auch, Trumps Worte nicht als folglose Laune abzutun, sondern als das zu betrachten, was sie sind: politische Signale mit potenziell gravierenden Folgen.

Vor diesem Hintergrund wirken auch die jüngsten Aussagen von Friedrich Merz bemerkenswert, der Trump nahelegt, notfalls Deutschland als bevorzugten Partner zu wählen, falls er mit Europa „nichts anfangen“ könne. Diese Haltung schwächt nicht nur den europäischen Zusammenhalt, sondern sendet genau das falsche Signal in einer Phase, in der Europa Geschlossenheit demonstrieren müsste.

Mit freundlichen Grüßen