Die NOZ veröffentlicht heute eine Kolumne von Meltem Seker mit einem Reifungsnarrativ. Links wird zur jugendlichen Phase erklärt, rechts zur erwachsenen Vernunft. Linke Positionen werden seziert, rechte bleiben wohlklingend und vage.

Hallo NOZ, hallo Frau Seker,

Ihre Kolumne „Vom linken Herz zu konservativem Realismus“ beschreibt einen persönlichen Wandel, vermischt diesen aber mit einer Wertung, die der Text nicht offen ausspricht. Das Eingangszitat setzt den Rahmen für die ganze Argumentation. Links wird mit Jugend und Gefühl gleichgesetzt, rechts mit Reife und Verstand. Das ist keine politische Begründung, sondern eine Entwicklungserzählung, die der eigenen späteren Position automatisch mehr Gewicht verleiht.

Auffällig ist die ungleiche Behandlung beider Seiten. Linke Politik wird auf gute Absichten reduziert, auf Gesetze für Gleichheit, auf Bewusstseinsarbeit gegen Diskriminierung, auf den Ruf nach mehr Solidarität. Konservative Positionen bleiben dagegen vage. Ordnung, Sicherheit und Zusammenhalt klingen wohlwollend, benennen aber keine konkrete Politik, an der sich etwas prüfen ließe. Wer eine Seite seziert und die andere unangetastet lässt, betreibt keine Einordnung, sondern Rhetorik.

Auch die Behauptung, Konservatismus sei heute die eigentliche Form des Nonkonformismus, bleibt unbelegt. Dass Universitäten, soziale Medien und Kulturbranche angeblich geschlossen progressiv seien, blendet aus, dass konservative Positionen in Parteien, Wirtschaft und vielen Institutionen weiterhin stark vertreten sind.

Der eine Satz zu demokratiefeindlichen Gefahren im konservativen Spektrum wirkt wie eine Pflichtübung. Er bleibt folgenlos, während der restliche Text genau jene Schieflage fortsetzt, die er angeblich vermeiden will.

Eine Kolumne darf zuspitzen. Sie sollte aber kennzeichnen, wo eine persönliche Reifegeschichte endet und wo eine politische Wertung beginnt.

Mit freundlichen Grüßen